Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

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ſau. Uebrigen3 können Sie aur) aus dem, was der Herr Gymna- 
ſialdirektor geſc<hrieben hat, ſehen, wie einer ſein Leben lang Lateiniſch 
un d Griechiſch pauken und do< nicht imſtande jein kann, [ogiſch zu 
. denken. . Er ſagt geradezu, er ſei ein Gegner der Beſeitigung der 
Vorſchule, weil die Eltern in unſeren höheren Ständen ihre Kinder 
mit den: Kindern des Proletariat3 nicht zuſammen bringen wollen. 
(Hört, hört ! bei den Sozialdemokraten.) Das ſagt er klar heraus, 
und dieſe. Offenheit iſt immerhin anzuerkennen. Er jagt: 
. „Denn ein gut gezogene8 und gut geartetes Kind hineingeſtoßen 
würde . . . 
es allerlei Unſchönes oder gar Schlechtes in Gedanken, Worten 
und Werken in ſich aufnehmen . . . I< bin durchaus nicht jo 
töricht," . 
-- e8 kommt nun eine Hintertür, die er ſim; aufmacht -- „zu 
glauben und zu behaupten, in der Volksſchule jeien nur Ich<lechte 
Kinder zu finden, und in der höheren nur gute. Hier gibt es 
ebenſogut vorkommene Subjekte und rohe Patrone, wie Dort gut= 
geartete und gut erzogene Kinder. IN der Volk8ſ<ule 
Überwiegen aber die Kinder aus Kreiſen mit ganz anderen ] 
ſittlichen Anſchauungen und Grundſägen und ganz anderen 
Lebensformen, als ſie den Kindern aus dem gebildeten Mittel- 
ſtande anerzogen ſind. Alle Stände aber in eine Grundſchule 
zuſammengeworfen, [o würde Die Mehrheit die Minder- 
heit erdrüc>en, vergewaltigen und oft genug zum 
Böſenzwingen.“ 
Und nun kommt die Logik. 
ſprochen hat! Er fühlt ſich wohl ſelbſt gedrängt, dieſe Behauptung 
wenigſtens in etwas zu beweiſen. Wie beweiſt er ſie? Er ſagt: 
„Mir iſt z. B. ein Fäll bekannt, ex liegt allerdings ſchon eine 
Reihe von Jahren zurück, daß ein Bater aus Grundjaß feinen 
Sohn in die Volksſchule ſc<<icte. Und wa38 erlebte der Kleine 
dort? Seine robuſten Mitſchüler nahmen ihm regelmäßig fein 
TFrühſtüc>sbrot fort und zwangen ihn unter Androhung von. 
Schlägen, den Raub zu verſchweigen, bis nach geraumer Zeit 
'durc< einen Zufall die Geſchichte herauskam. Das Kind wurde 
alſo körperlich geſchädigt und außerdem no< zur Unwahrheit 
gegen ſeine Eltern gezwungen.“ . 
I< will den Fall natürlich nicht unterſuchen ; aber nun, Herr 
v. Pappenheim, kommt folgender Saß: 
in „Dieſer eine Fall iſt typiſch.“ 
=. 
Alſo der Herr Gymnaſialdirektor Prahl weiß 
4 
Fall iſt typiſch“, ſo wird es überall ſein. Das if 
er beibringt! Und dann gleich noh ein ſolcher Beweis. 
t der Beiweis, den 
richt in den unteren Klaſſen ausgefallen ſei, und daß daraufhin 
die Schüler der unteren Klaſſen einen Ausflug gemacht haben, 
„aber ohne die farbigen Klaſſenmüßen und in möglichſt ſchlechten 
Anzügen, damit ſie bei der Heimkehr nicht ſchon von weitem als 
Gymnaſiaſten erkannt und von Volksſchülern überfallen würden. 
So wird e8 wohl immer und überall derFallgeweſen 
ſein“. Punktum! Das nennt dieſer humaniſtiſch gebildete Herr, 
der ſo viel Latein und Griechiſ< in ſeinem Leben getrieben hat, 
einen Beweis; aber e3 iſt nicht einmal eine Tatjahe. (E38 haben 
die höheren Schüler Angſt gehabt, ſie könnten überfallen werden; 
weiter liegt gar nicht8 vor. Das genügt ihm, um ſolche Schlüſſe 
zu ziehen! (Abgeordneter Leinert: Und warum denn die Angſt") 
Ja, warum denn? Wenn ein ſolcher Mann an der Spiße der Schule 
ſteht, der dieſe Anſchauungen, dieſen Haß, dieſe Verachtung 
des Proletariats und dieſen Ho<hmut in einer Zeitſchrift 
ſo oſtentativ zur Schau trägt, und wenn er in dem Geiſt ſeine 
Schule leitet, dann kann es wohl ſein, daß ſeine Gy mnaſi- 
aſten ſich ebenſo benehmen gegenüber Bolksſ<hülern unv 
dadur< Haß und gegenſeitige Verachtung gezüchtet wird.“ 
Berlin. Die Jerienfrage wurde bei der Gtatsberatung 
(162. Siß. am 10. April) von dem nationalliberalen Abgeordneten 
Heine angeſchnitten und mit treffenden Bemerkungen beleudhtet. 
Wir laſſen ſeine Ausführungen im Worilaut folgen: 
„Meine Herren, in den Städten mit verſchiedenen Schulgattungen 
und auch über deren Grenze hinaus beſteht in den Kreijen der Volks- 
ſchullehrer und der Eltern ſchulpflichtiger Kinder ſchon ſeit mehreren 
Jahren eine erhebliche Unzufriedenheit über die jeßigen Ferien- 
ordnungen. Durch die jezigen Ferienordnungen ſind die Ferien 
an den verſchiedenen Schulen verſchieden lang; ſie beginnen zu ver- 
ſchiedenen Zeiten und enden auch nicht „gleichmäßig. Nach dem 
Miniſterialerlaß vom 19. März 1904 ſind die Ferien für die BolkZ2 - 
ſchulen auf 70 Tage im Jahre feſigeſezt worden. Früher waren fie 
wohl in den meiſten Ortſc<aften etwas kürzer, in einer Reihe von 
Ortſchaften waren ſie aber auch länger. In denjenigen Städten, in 
denen vor dem Erlaß die Ferien bei den verſchiedenen Schul- 
gattungen, alfo bei Volk8ſc<ulen, Mittelſc<Qulen und höheren Schulen, 
gleid) lang waren, blieb es bei der bisherigen Uebung faſt durd)- 
weg auch no<h bis zum 1. April 1908. Aber ſeit dieſer Zeit ſind 
auch in dieſen Städten verſchiedene Ferien eingeführt, es ſind für 
die Volköſchule auch 70 Tage feſtgeſezt worden. Die Ferien der 
Der Holksſc<ulichrer. 
unter eine rohe Maſſe von jungen Geſchöpfen, ſo muß - 
Es iſt ja eine große Behauptung, 
die Herr Gymnaſialdirektor Prahl hier ſo ganz gelaſſen ausge- 
aus Jeiner lang“ 
jährigen Praxis einen Fall -=- ich will annehmen der Fall ſtimmt : 
jo =--, wo Bolksſchüler ſich roh gegen ein Kind aus den ſogenannten ; 
beſſeren Ständen benommen haben, und dann ſagt er: „dieſer eine * 
Er erzählt, | Da zeigt 
Z zeit 
daß in Prenzlau an ſeinem Gymnaſium wegen Prüfung der Unter : 
 
360 
Volksſc<ulen ſind alſo in dieſen Städten jeßt kürzer, als ſie früher 
waren; ſie ſind vor allen Dingen kürzer, . als ſie bei den höheren 
Schulen ſind. . 
- Das Abgeordnetenhaus und das Herrenhaus haben jich mit 
dieſer Frage ſ<on oft beſchäftigt. und auch meine Freunde Dr. Fried- 
berg, Dr. Schroeder (Caſſel), der frühere Kollege Dr. Beradt und 
auc< andere haben hierzu das Wort ergriffen. Von der Lehrerſchaft 
wurde ja urſprünglich gewünſcht, daß die Ferien an den Volks8ſ<hulen 
allgemein die gleiche Dauer haben ſollten wie an den höheren 
Schulen. Dieſe Wünſche wurden mit mannigfachen Gründen päda- 
gogiſcher, hygieniſcher und ſozialer Art ausführlich belegt. Die 
Unterrichtsverwaltung hat aber die Berechtigung und auch die 
Zwecumäßigkeit dieſer Wünſche nic<t durc<weg anerkannt und dabei 
auch einen erheblichen Teil dieſes Hohen Hauſes auf ihrer Seite 
geſehen. Daneben und danach wurde dann der Wunſc< aus der 
Lehrerſchaft und auch aus den Kreiſen der Eltern laut, wenigſtens 
in den Städten mit verſc<iedenen Schulgattungen 
die Ferien für alle Schulen gleichmäßig zu legen. Yu dieſer 
Wunſc< wurde von der Unterrichtöverwaltung nicht für ausführbar 
gehalten ; ſie hat auc< hier eine ablehnende Haltung eingenommen. 
n Die Unterrichtsverwaltung ſagte damals, ſie könne auch in 
Städten mit höheren Schulen die Ferienordnung nicht ändern, weil 
jonſt wohl mit Fug und Nec<t die Bolksſchullehrer anderer Orte 
jich auf die längeren Ferien in dieſen Städten berufen könnten und 
ſie allgemein eingeführt ſehen möchten. Das müſſe aber vermieden 
werden, Denn die Volksſc<hule habe die ganze Zeit nötig, um das ihr 
geſtedte Ziel zu erreichen. Dann hat die Unterrichtsverwaltung 
auch darauf hingewieſen, daß außer dieſen ſiebzigtägigen Ferien 
dvd) auh noh an den anerfannten nationalen und kirc<lichen Feit- 
und Veiertagen der Unterricht ausfalle, daß dieſe Tage ſchulfrei 
Wären, ſv daß im ganzen etwa 120 Tage, alſo faſt ein Drittel des 
Jahres, keine Schule gehalten würde. Das iſt ſelbſtverſtändlich 
richtig, das trifft do) aber für die höheren Schülen ebenſo wie für 
die Voltsſ<ulen zu. 
Um kein Mißverſtändnis entſtehen zu laſſen, möchte ich gleich 
bemerken, daß auf dem Lande ſelbſtverſtändlich bei der Feſtlegung 
der Schulferien auf die ländlichen Verhältniſſe und auf die land- 
wirtſchaftlichen Bedürfniſſe Rückſicht genommen werden muß. 
Die Srfahrunglehrtaber immer wieder aufsneue, 
daß inden Städtenmitverſchiedenen Shulgattungen 
Die größten Berdrießlichkeitendur< die Berſ<ieden- 
heit der Ferien entſtehen. So begannen 3. B. in mehreren 
mir bekannten Städten die Weihnachtsferien für die höheren Schulen 
am 21. Dezember und endeten am 7. Januar, für die Volksſchulen 
begannen ſie dagegen erſt am 23. Dezember 'und endeten ſchon am 
3. Januar. Hehnlich iſt es ja auc< zu Oſtern und zu Pfingſten. 
ic) dann immer wieder, daß die Kinder an den Tagen, 
an welchen die anderen no< oder ſ<on Ferien haben, unauf- 
merkſam, verdrießlich und arbeitsunluſtig ſind. Für die 
Lehrer ſind ſolche Tage außerordentlich ſchwere und. unerfreuliche ; 
denn der Erfolg entſpricht nicht der aufgewendeten Arbeit und Müge. 
- Aber es iſt doch au< hierbei niht außer acht zu laſſen, daß 
in den Herzen der älteren Kinder ſich ſehr leicht eine 
Berſtimmung und Bitterkeit gegen diejenigen Kinder 
einniſtet, die die höhere Schule beſuchen künnen, und 
dann iſt do<, meine ich, auc< nicht zu verkennen, daß die Kinder 
der weniger wohlhabenden BolkSskreiſe, die doch meiſt in ungün- 
ſtigeren wirtſchaftlichen Verhältniſſen: aufwachſen und nebenbei auc< 
noh vft eine nimt unbeträchtliche körperlihe Arbeit verrichten 
müſſen, kein geringeres Grholungsbedürfnis haben können als die 
Kinder, die die höheren Schulen beſuchen. | . 
Außerdem iſt die Ungleichheit der Ferien für die 
Gltern, w elhe Kinde» inverſchiedenenSc<hulenhaben, 
und au< für die Bolksſ<ullehrer, deren Kinder 
höhere SG Ih ulen beſuchen, dog ungemein läſtig und 
ſtörend. Huufig gehen do< die Kinder während der Ferien zum 
Beſuch von Berwandten nach auswärts, ſie gehen auf das Land, oder 
die Eltern verreiſen und nehmen ihre Kinder mit ſich, und da ſtellen 
ſich dann durc< die verſchiedene Dauer der Ferien Störungen, 
S d<wierigkeiten, Aerger und Verdruß ein, und dieſes 
wiederholt ſich in jedem Jahre mehrere Male. 
Es beſteht deShalb in dieſen Städten der lebhafte Wunſch ſo- 
wohl unter den Bolksſchullehrern als aucF< in Clternkreiſen, daß 
eine Abſtellung dieſer Uebelſtände erfolgen möge. Sollte nun die 
Anordnung einer gleichen oder gleichlangen Jerienzeit für die ver- 
ſchiedenen Schulgattungen der Unterrichtsverwaltung nicht möglich 
ſein, dann würde ſich vielleicht ein Ausweg darin finden laſſen, 
daß ſie die Ferien der Volksſchulen im Herbſt um etwa 8 Tage 
früher wieder zu Ende gehen ließe, aber in der übrigen Zeit die 
Ferien an den verſchiedenen Schulen in den Städten gleichlegte. 
IH möchte de38halb den Herrn Miniſter bitten, doh erneut zu 
prüfen, ob ſich dieſe rec<t unangenehmen Zuſtände nicht beſeitigen
	        

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