Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

Jer. 26 
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Herrn Geiſer vertreten wird, der ſich um die gute Sache der 
ſpeziellen Volksſ<ullehrerbewegung große Verdienſte erworben hat. 
Crefeld. Wiederum ein Pfadfinder auf verkehrtem 
- Pfade. Der 15-jährige Sohn einer angeſehenen Familie aus 
Heidelberg, der als Mitglied des Pfadfinderkorps ſchon mancher 
nächtlichen Vebung beigewohnt hat, und dem die „Kriegsſpiele“ wohl 
in den Kopf geſtiegen ſind, entfernte ſich zu Beginn dieſer Woche, 
mit Revoiver und Dolc< ausgerüſtet, von der elterlichen - Wohnung, 
um auf eigene Hand Streifzüge zu unternehmen. Jun der Nähe von 
Handſchuh sheim wurden von dem Burſchen zwei Töchter eines 
Bildhauers in Wilhelmsfeld angehalten. Nach Ausſage der Mädchen 
ſoll der junge Mann eines der Mädc<en angepackt und mit dem 
Dolche bedroht haben. Infolge des lauten Schreiens der Mädchen, 
habe er von ihnen abgelaſſen. Von einem Waldhüter wurde dann 
der Burſche vorgeſtern mittag aufgegriffen und der Polizei zuge- 
führt. Man fand bei ihm den Dolc< und einen Yievolver mit etwa 
fünfzehn Patronen. Inu Ziegelhaujen hatte ſich der Pfadfinder 
obendrein noc< Geld -erſchwindelt. Wenn wir in Nr. 22 auf den 
Fall in Kuxhaven hinwieſen und am Schluſſe bemerkten: GEinZ iſt 
ſicher: es iſt die letzte Dummheit nicht, die jene Bewegung zeitigen 
wird! ſo haben wir bereits heute die Beſtätigung. Komme man 
uns nicht mit der faden Ginwendung: „Das ſind Ausnahmen, und 
Ausnahmen kommen überall vor“; wir bleiben dabei, - daß „grüne 
Jungen“ von 15 Jahren nachts ins Bett gehören, und es iſt nadh- 
gerade ſündhaft, daß die Möglichkeit nicht ausgeſchloſſen iſt, daß 
ſolc<e modernen Buſchklepper ſich in den Beſitz von Waffen Jezen 
können. Bis vor kurzen trug die Schuld an ſolhen Auswüchſen 
das Leſen ſc<lehter Bücher, und heute? GS iſt nicht abzuleugnen, 
daß man heute mit Beelzebub verſucht, den Teufel auszutreiben. 
Was wird nicht alles auf dieſem Gebiete geleiſtet in unſeren Tagen! 
Bor einigen Wochen berichteten die Tagesblätter über einen Aus- 
marſc< von Jugendlichen in die Iähe von Aachen, wv eine PBionier- 
übung vorgenommen und eine Brücke gebaut wurde. Bei der photo- 
graphiſchen Aufnahme ſtürzte der Bau wegen Ueberlaſtung ein, und 
ohne blutige Körperſtellen wird der Nummel nicht hergegangen 
haben. Wenn Jugendvereine, deren Ntitglieder ſich rekrutieren aus 
den untere Bolksſchichten, demnudſt größere Wanderungen in die 
Eifel unternehmen und ſonſtwo hin, dann darf es uns nicht wundern, 
wenn wir in unſeren Tagen von deutſchen Schülerreiſen naß Nom 
leſen. „Vielleicht läßt es fich gelegentlich feſtſtellen, welcher Gymna:- 
ſialdirektor zuerſt Oſterreiſen mit Primanern und Sekundanern nach 
Nom unternommen oder ſeinen Lehrern ſolche Scqülerreiſen erlaubt 
hat. Die Anregung dazu kann, ſo meint „der Türmer“, nur in 
Salon -eines modernen Emporkömmlings gegeben worden jein, Der 
darauf Hedacht iſt, älles zu genießen, was das Leben bietet, URD 
jeine Jugend ſo früh als möglich dazu erziehen will. Aul) das 
Törichſte findet Zuftimmung und Nachahmung, und es ſteht zu be- 
fürchten, daß Oſterreiſen deutſcher Primaner und Sekundäner nach 
Yom unter Leitung gefälliger Profeſſoren häufiger veranſtaltet 
werden -=-. bald vielleicht mit einem kleinen Abſtecher zur Riviera 
bis näch. Monte Carlo.“ Schon gibt es nicht wenige vieſlgereiſte 
Deutſche, die mehr von der Schweiz, von FrankreiMg und Ztalien 
als ppn Deutſchland geſehen haben. 
Leute: treten jene -Primaner und Sekundaner, die von Yiom ober: 
flächliche Eindrücke mitbrachten. Gine ſonderbare“ Erziehung! BWer- 
ſtändige. Gltern mögen ſich gegen ſolche Auswüchſe nachdrit>flich auf- 
lehnen. -Sollen die Jungen wirklich ſchon Ofidrreifen: maden, jo 
führe man ſie zunähſt zu den Stätten deutſcher Größe, Geſchichte 
und -Neberlieferung. Erſt das Vaterland! Dafür hat die Jugend 
Verſtändnis. . ES ſpricht: zum Herzen. Im übrigen gilt für die 
Jugend des „Cvmenius“ goldene Negel: Nicht3 zu viel! Kein 
leberfluß! Keine Ueberſättigung ! 
Xanten. Wie Lehrer geehrt werd en. Der Lehrer HO. 
Hecheltjen an der einktl. ev. Bolfsſchule zu Xanten feierte vor kurzem 
ſein 25jähriges Drtsjubiläum. Die Stadt ehrt ſolche Jubilare durch 
ein Ehrengeſchent ini Werte von etwa 75 MLU., das bisher durch den 
Bürgermeiſter oder in deſſen Vertretung durch den erſten Beigeordneten 
überreicht wurde. Nur bei dem Lehrer H. wurde eine Aus8nahme ge- 
macht, indem man ihm die Ghrengabe durch einen Polizeibeamten mit 
einem Begleitſchreiben ius Haus ſchickte. Die Art und Weiſe der 
Veberreichung faßte der Jubilar nach Lage der Verhältniſſe mit Recht 
. als eine Zurückſezung 11d Kränkung auf, zumal bei der Bürgerſchaft 
bereits durchgeſickert war, daß bei Bewilligung des Geſchenkes durch 
die Stadtverordneten das Stadtoberhaupt in wenig wohlwollender Weiſe 
Um nicht in dex Folge an 
ſich über den Lehrer H. geäußert habe. 
dieſe unliebſamen Vorgänge erinnert zu werden, ſandte dieſer nach 2 
Tagen das Geſchenk mit einem. entſprechenden Schreiben zurück, welches 
Vorkommuis in der nächſten Stadtverordnetenſizung zum Gegenſtand 
einer Beſprechung gemacht wurde. 
energiſch. jede Kritik ſeiner Perſon und ſeiner Handlungsweiſe. Ein 
großes Schweigen - folgte bei den Stadtväitern, von denen ſich einige 
vorgenommen hatten, das Stadtoberhaupt auf das Ungewöhnliche und 
Ungehörige ſeines Verhaltens hinzuweiſen; nur der Zentrumsabge- 
ordnete v. W. M., deſſen wenig freundliche Haltung den Volksſchullehrern 
gegenüber bekannt iſt, ſekundierte feinem Freunde. E38 wurde x. H. be- 
antragt, zur Tagesordnung überzugehen, welcher Antrag denn auch lant. 
Aber damit gab man ſich 
Protokoll einſtimmig angenommen wirde. 
Lokalblatt das Pro- 
nicht zufrieden. Wenige Tage darauf erſchien im 
Der Volksſchuilehrer. 
In die Fußſtapfen dieſer 
 
„perſönlich überreichte und dabei ehrende Worte. an ihn richtete 
Dabei verbat ſich der Bürgermeiſter: 
 
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tofoll über die betreffende Stadtverordnetenſigung in einer Faſſung, die 
geeignet iſt den Jubilar auch in der Deffentlichkeit bloßzu- 
ſtellen. So finden wir darin 1. a. den Saß: „Maßgebend ſei auch 
has Verhältnis, in welchem ſich der Betreſſende zur Stadtverwaltung 
gefeßt hat.“ 2 Daraufhin ſah) ſich der ſo „Geſeierte“ genötigt, zur Steuer 
der Wahrheit im „Boten für Stadt und Land“ folgende Erklärung ab- 
zugeben : 
Gingefandt. 
„Sas Protokoll der Stadtverordneten-Verſamm- 
„Bote für Stadt und Land“ iſt in ſeinen Au8- 
führungen unter Yr.. 7 geeignet, die Bürgerſchaft irre zu führen und 
mein Berhalten bei der Ueberreichung des Ehrengeſchenkes der Stadt 
Xanten gelegentlich meines 25-jährigen Ortsjubiläums in der Deſfent- 
lichkeit herabzufezen, we8halb ich mich veranlaßt ſehe, zur Sache folgen- 
des zu bemerken : 
Am 30, April erſchien in meiner Wohnung ein. Polizeibeamter des 
hieſigen Bürgermeiſter- Amtes und überreichte mix im Auftrage des 
Stadtoberhauptes „die GChrengabe mit einem Schreiben des Herrn 
Bürgermeiſters. Jn dieſem wird mir für meine langjährige erfolgreiche 
Tätigkeit am hieſigen Orte der Glückwunſch der Stadtverordneten-Ver- 
ſammlung ausgeſprochein. 
Die Art der Ueberreichung dieſer Shrengabe muß um fo mehr als8 
eine außergewöhnliche bezeichnet werden, als ſie bei früheren Anläſſen 
ſtets dur<h dein Herrn Bürgermeiſter perſönlich oder durch den 1. Herrn 
Beigeordneten erfolgt iſt. Auch will e8 mir ſcheinen, daß eine Ehren- 
gabe, ſo flein ſie auch ſein mag, „ihren hohen perfönlichen Wert erſt 
dadurch erhält, daß ſie in einer Form überreicht wird, durd) die der 
Betreffende ſich wirklich geehrt fühlen kann. Damit foll feineSwegs die 
Perſon des Ueberbringers herabgeſeßt, ſondern nur die Art und Weiſe 
gefennzeichnet werden, wie wenig gerade durc) die gewählte Form der 
Ueberreichung der Charakter der Ehrengabe gewahrt worden iſt. 
Um dieſes in nicht mißzuverſtehender Weiſe zum Ausdruck 3 
dringen, ſandte ich 2 Tage ſpäter das Ehrengeſchenk mit. folgendem 
Begleitſchreiben zurück : 
Die Art der Ueberreichunag der GChrengabe der Stadt zu meinem 
25jährigen Ortsjubiläum durch einen Beamten der Polizeiverwaltung, 
anſtatt in der ſonſt hierorts üblichen Weiſe durc) den Herrn Bürger- 
meiſter oder in deſſen Abweſenheit durc< ein Mitglied des Stadtver- 
ordneten-Kollegimmns, empfinde ich als durchaus unangemeſſen und einer 
SChrengabe nicht entſprech end, ſv daß ic mich veranlaßt ſehe, das Ge- 
ſchenk hierdurch zurückzugeben. 
Für die Glückwünſche ſeitens der Stadtverordneten:Verſammlung 
ſpreche ich meinen verbindlichſten Dank aus. 
Xanten, 27. Mai. 
ſung in YM. "4 DLS 
Hochachtungsvoll 
H. | 
Aus diefem Schreiben geht hervor, daß ich den Polizeibeamten 
feineswegs als „Beauftragten der Stadt“ bezeichnet habe. Ich muß 
daher dieſe Unterſtellung als „falſch und unbegründet“ zurückweiſen. 
Ganz befremdend wirkt der Schlußſatz des Protokoll8: „Maßgebend 
fei auch das Verhältnis, in welches ſich der Betreffende zur Stadtver- 
waltung geſetzt habe.“ Wenn ich auch alle Maßnahmen des verehrten 
Stadtoberhauptes mir gegenüber nicht immer habe billigen können, ſo 
glaube ich doh, mit der Stadtverwaltung ſelbſt in einem Werhältnis 
gelebt zu haben, das zu einer derartigen abfälligen 5eritik keine3wegs 
bered tigt. 
Wie den nun auch ſei. Es iſt mix eine große Genugtuung, daß 
. eine Anzahl gebildeter Herren aus den erſten Kreiſen der Bürgerſchaft, 
die in Höflichkeitsfragen als kompetent bezeichnet werden dürfen, mein 
Verhalten ganz und voll billigen. 
Damit iſt die Angelegenheit für mich erledigt. 
| Hedeltjen. 
Stadtoberhauptes iſt um ſo unverſtändlicher, 
als es ſich um einen verdienſtvollen Lehrer handelt, der ſich nicht allein 
bei dent evangeliſchen, ſondern- auch bei dem Fatholiſchen Teil der 
Bürgerſchaft großer Beliebtheit erfreut und gegen deſſen dienſiliche und 
außerdienſtliche Tätigkeit auch nicht das Geringſte einzuwenden iſt. 
Allerdings hatte er den Mut, gegen unberechtigte Angriffe des Bürger- 
meiſters Stellung zu nehmen. Die dadurch bei dieſem vielleicht hervor- 
gerufene perſönliche Abneigung entbindet ihn aber keineSwegs von 
der I Verpflichtung, ais Vertreter der Stadt bei amtlicen Anläſſen 
diejenige Form zuu beobachten, auf. die ſowohl die Bürgerſchaft, in 
deren Namen er handelt, wie auch ihre Beamten ein wohlerworbenes 
Anrecht haben. Daß ihm dieſe Formen geläufig ſind, hat er m<ht nur 
in der Vergangenheit, ſondern auch noch vor wenigen Tagen bei der 
Feier des 25jährigen rtsjubiläums de3 Polizeiſergeanten Sc. gezeigt, 
bei welcher Gelegenheit der Bürgermeiſter dem Jubilar das Se 
YUv3 
Es läßt ſich nicht leugnen, daß .der Bürgermeiſter durch ſein eigen- 
artiges Verhalten der „Ginigkeit im Geiſte durc<h-das Band des „Sriedens8“ 
einen ſchlechten Dienſt erwieſen hat. 
Aus dem Kreiſe Mörs. Der „Volksſchullehrer“ brächte in Nr. 
20 unter: „Aus den Kultus8dedatten im preußiſchen Abgeordiietenhauſe, 
Die Veſoldungsfrage“. die Worte de3 Abgeordneten v. Camp.e über 
die Ortszulagen im "nördlichen. Teile des Kreiſes Mörs8. Ueber 
dieſer Kapitel weiß die Lehrerſchaft ein Lied. zu ſingen. Seit mehr als 
Da38 Verhalten des 
3 Jahren bemüht ſich dieſelbe um dieſen Gehaltsteil, der ihr von NRechts- 
wegen zukommt. Alle Anſtrengungen ſcheiterten au dem Widerſtande
	        

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