Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

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.Der Volksſchullehrer. 
 
Räume wegen des Gerüchts, der Täter habe HelfersShyelfer. Das Ge- 
rächt wurde nicht beſtätigt, die vielen Schüſſe, etwa 35, hat er ganz 
allein abgegeben ; er hatte eine Reihe von geladenen Browningpiſtolen 
in den Taſchen mitgebracht. Der Mörder befindet ſich jezt im St. Jürgen- 
Aſyl in Ellen, einem bremiſchen Dorf, wo leichte und ſchwere G eiſte3- 
franke untergebracht ſind. . 
Im ganzen ſind etwa 20 Kinder von den Kugeln getroffen worden" 
vder ſonſt auf der- wilden Flucht zu Schaden gekommen. Won den 
ſchwer verletzten Mädchen iſt noch eins geſtorben, [ſo daß die blutige 
Tat bis jezt vier Opfer gefordert hat. Der tapfere Lehrer M 511 - 
mann dürfte kaum mit dem Leben davonkommen. 
Der Maſſenmörder iſt der Kandidat des höheren Lehramts, Heinz 
Jakob Friedrich Ernſt Schmidt. Er iſt der Sohn eines evangeliſchen 
Geiſtlichen und am 24. September 1883 zu Sülze in Mecklenburg 
geboren. | . 
Er hat das Gymnaſium in WiSsmar beſucht und 1902 in Schwerin 
da8 Abiturientenexamen beſtanden. Nach mehrjährigem Studium in 
Roſto>X und Straßburg und nachdem er Lehrer an der Privatknaben- 
ſchule in Hagenow geweſen war, machte er 1906 das Staats8eramen 
in Roſtock, wo er auch, nachdem er zwei Jahre in Marein angeſtellt 
war, als Hifslehrer tätig war, bis er im Upril 1910 eine Oberlehrer- 
ſtelle in Stolp in Pommern antrat, die er aber wegen YNervener- 
ſchöpfung ſchon nach einem Jahr aufgab. Gyr ſoll nach einem Aufent- 
halt in einem Sanatorinm dann in Montjoie eine Stellung gehabt 
haben. Seit dem letzten Dezember hat er hier unbeachtet gewohnt. Gr 
wollte ſi hier „ausruhen“, hat Ueberſeßungen angefertigt und ſehr 
zurückgezogen" gelebt. Gyr hatte die fixe Jdee, daß die Jeſuiten am 
Tode ſeines Vaters ſc<nld ſeien, und ſein Gedanke bei der Tat muß 
geweſen ſein, den Nachwuchs zu beſeitigen. 
Bon dem praktiſchen Arzte Dr. Leipziger wurde der Polizei ein 
Brief des Attentäters übergeben, der am 20. Juni um 1 Uhr bei ihm 
eingetroffen war und in dem S<midt Mitteilung von der beabſich- 
tigten Tat macht. Gr erklärt, daß die Katholiken und Jeſuiten 
an allem Unheil in der Welt ſchuld ſeien, we8halb man ſich gegen die 
katholiſchen Familien wenden müſſe. Es wurden bei ihm Schriften 
gegen die Jeſuiten gefunden. Der Bater SchmidtS8 iſt am Tage vor 
der Tat ſeines Sohnes unter Zurücklaſſung von 12 unverſorgten Kindern 
nach qualvollen Leiden geſtorben. Gin von der Polizei beſchlagnahmter 
Brief der Schweſter des Mörders ſchließt mit den Worten: „DaS haben 
die Jeſuiten getan.“ Die Nachricht vom Tode des Vaters und der 
Gedanke an die troſtloſe Lage der Familie ſcheinen den Jrrſinu 
Schmidts völlig zum Ausbruch. gebracht und den verhängnisvollen 
Entſchluß beſchleunigt zu haben. Al38 Motiv der Tat gibt der Polizei- 
bericht an, daß Schmidt „einen ausgeſprochenen Haß gegen“ die. 
Jeſuiten habe“. 
Jm Auftrage des Biſchof8 von O3nabrück, zu deſſen Dibzeſe 
Bremen gehört, hat der Generalvikar Harling folgende38 BeileidSs- 
ſchreiben an den erſten Paſtor der hieſigen katholiſchen Gemeinde ge- 
richtet : DsSnabrüc, 21. Juni 1913. Die öffentlichen Blätter geben 
Na <hricht von dem ſ<re>lichen Attentat, welches ein Unmenſch geſtern 
vormittag auf die unſchuldigen Kinder und die ſie behütenden Lehrer 
und Lehrerinnen der dortigen Marienſchule gemacht hat. In Abweſen- 
heit unſeres hochw. Herrn Biſchofs beeile ich mich, als Vertreter der 
biſchöflichen Behörde der katholiſchen Gemeinde in Bremen und nament- 
lich der Marienſchule das herzlichſte Beileid auszuſprechen wegen des 
unerhörten Verbrechens, das gegen ſie und ihre Mitglieder verlübt 
worden iſt. In erſter Linie gilt unſere Teilnahme den unſchuldigen 
Kindern, die in ſo grauenhafter Weiſe ein Opfer des Wahnſinns, wohl 
gar des FanatiSmus haben werden müſſen. Gw. Hochwürden wollen 
den Eltern dieſer Kinder, ſoweit ſie noch leben auc den armen Kleinen 
ſelbſt unſere innigſte Anteilnahme ausſprechen und ſie dabei unſerer 
Fürbitte um Hülfe und Troſt bei dem allmächtigen und gütigen Gott 
verſichern. Zugleich laſſen wir den Lehrern und Lehrerinnen, die die 
erſten Zeugen der Schreckfen5tat waren, unſere rückhaltloſe Sympathie 
zugleich mit dem herzlichen Danke dafür kundtun, daß ſie in den Augen- 
blicken des Schreckens durch Beſonnenheit und Geiſte8gegenwart noch 
größeres Unheil verhütet haben. Dem Lehrer Möllmann aber, welcher 
unerſchrocken den Mordbuben in Waffen ergriff, mit Aufbietung aller 
Kräfte ihn bezwingend, dem Todesſchre>en ein Ziel ſetzte, nunmehr 
ſelbſt, von zwei Kugeln dur<b9ohrt, tod krank darniederliegt, bitten wir, 
ob ſeiner Heldentat unſere vollſte Anerkennung auszuſprechen und ihm 
unſer tief empfundenes Beileid auszuſprechen. Möge Gott das Leben 
dieſes Mannes, der zahlreiche Kinder vox dem drohenden Tode vewahrt 
hat, in ſeine beſondere Hut nehmen. Der Generalvikar, gez. Harling. 
Am 24. Juni, morgen38, wurden unter großer Beteiligung der Be- 
völkerung die vier Opfer des Blutbades in der Marienſchule zur letzten 
Ruhe beſtattet. Die Trauerfeier wurde in der St. Marieakirche abge- 
halten, auf deren Hof die Schule liegt. Lange vor der feſtgeſetzten Feier 
war die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Senat wax durch 
den Leiter des Schulweſens, Senator Delrich3, vertreten; auch die 
oberſten Beamten der Schulbehörde waren erſchienen. Ferner waren 
anweſend der Kirchenvorſiand, jämtliche katholiſche Geiſtliche unſerer 
Stadt, der. Verwalliungsrat des St. Joſephſtifts, die Lehrerſchaft der 
Marienſchule, ſowie die Vorſtände der neun katholiſchen Vereine, die mit 
ihren Fahnen link8 und rechts vor dem Altar Aufſtellung genommen 
hatten, in deſſen Nähe die mit Kränzen reich bede>ten Särge ſtanden. 
Die Kinder der Marienſchule befanden ſich in den Seitenſchiffen, die 
Erwachſenen im Mittelſchiff. Jn den erſten FReihen ſaßen die Auge- 
hörigen. Zu der kirchlichen Feier wax als Vertreter des Biſchofs von 
„guwanr 
 
UVeberſeßgung 
O3nabrück Generalvikar Harling erſchienen. Nach einem Geſang 
des Kirchenchor3 hielt Generalvikar Harling das Seelenamt. Paſtor 
Hardinghau3 von der Marienkirc<e hielt die Trauerrede. Während 
der Trauerfeierlichfeit in der Kirche hatten ſich viele Tauſende vor der 
Kirche angeſammelt. Die Särge wurden von den Lehrern in den Wagen 
gehoben. Drei Chorknaben mit dem Kreuz eröffneten den Zug. Hinter 
den Särgen ſchritt die Geiſtlichkeit im Ornat. Den Schülern der 
Marienſchule folgten diejenigen der anderen katholiſchen Schulen. Auf 
dem Friedhof ſelbſt ſprac) Paſtor Hardinghaus noch einige troſtreiche 
Worte, dann wurden drei Särge in ein gemeinſames Grab gelegt, 
während ein Sarg in der Familiengruft beigeſezt wurde. | 
- Die katholiſche Geiſtlichkeit erkennt au, daß ganz Bremen mit der 
katholiſchen Gemeinde trauere. Der Senat verlieh dem ſchwerverlegten 
Lehrer Möllmann die ſilberne Rettung5medaille. 
Kritik. 
Leſchhorn, Os8kar: Für Freiheit und Vaterland. 
Stoffe zur Jahrhundertfeier dex Befrei- 
ung8friege in Schulen und Vereinen. 8 143 
Seiten. DOskar Eulitz Verlag, Liſſa in P. Preis 1 Mark. 
Das Jahr 1913 iſt für uns die Zeit dex Erinnerung an 
die große, gewaltige Völkerbewegung, die 1813 unſer Vaterland 
in allen Gauen durhſtrönte. In vorliegendem Buche gibt uns 
der Verfaſſer eine ſchöne Stoffzuſammenſtellung in einex Folge 
von Gebeten, Reden, Liedern, die trefflich geeignet iſt, die Feier 
jener Grinnerungstage erhebend zu geſtalten. Vor allen Dingen 
ſei hiex der Reden Erwähnung getan, die in reicher Zahl die 
großen Begebenheiten der Bergangenheit in kerniger Sprache, 
frei von Schwulſt, vorführen. Dem Lehrer bieten eine ange- 
nehme Erleichterung die angeführten Lieder, die ihn leicht 
der Leiſtungsfähigkeit ſeinex Kinder angepaßte Gedichte finden 
laſſen, ihn abex vor allen Dingen des Suchens nach geeigneten 
BVortragsſtü>en entbinden, 
Lehrern und Vereinen können wir vorliegendes Buch als 
feinem Zwede durchaus entſprechend warm empfehlen. 
Paijeken, Friedr. J.: Schiekfal8 Walten, drei Er- 
zühlungen aus dem Landleben. Mit Bildern 
- von Gottfried Bachem. 8%? 310 Seiten. Leipzig, Berlin, 
Wien. BVolks- und Jugendſ<hriften-Verlag des Neuen 
Preußiſchen Lehrervereins, G. m, b. H., 1912. Preis 
in elegantem Ganzleinenband 2 Meark. 
Es ſind drei Erzählungen, die Pajeken unter dem gemeins- 
ſamen Titel „Schickſals Walten“ zuſammenfaßt. Der Titel 
läßt ſchon exkennen, daß in den drei Geſchichten das Schi>ſal 
mit ſeinem oft eigenartigen, überraſchenden, dem Menſchen un=- 
verſtändlichen Eingreifen, das ſc<ließlih doh alles zum guten 
Ende führt, eine Hauptrolle ſpielt. | 
- Die erſte der Erzählungen führt uns hinauf an die Waſſer- 
kante. Markige Geſtalten, rechtlich im Denken und Handeln, 
Menſchen, die den Segen der Arbeit kennen, die auf Gott und 
ihre eigene Rraft vertrauen, werden un3 hier gezeichnet, und in 
Gegenſatz dazu andern Charaktern, die Untätigkeit und Unzu- 
friedenheit in Armut und Luſter führt. Das Schi>ſal jedoch 
zwingt letztere ſchließlich durc< ſeine unerbittliche Strenge auf 
den rechten Weg. -- Der Schauplatz der zweiten Grzählung : 
„Vom UnglüF ziehe ab die Schuld", iſt die Lüneburger Heide. 
Ein reicher Bauer, von großem Unglü> heimgeſucht, hadert mit 
Gott und den Menſchen, weil ihm ſein Geſchi> zu hart erſcheint, 
Er vergißt, daß eigene Schuld häufig die Urſache oder doh die 
Vermehrerin des Unglü>s iſt. Erſt nach und nach gelangt er 
zu der Erkenntnis, daß auc; das Schickſal Wohltäterin der 
Menſchen ſein kann. = Die dritte Erzählung, die im Thürin- 
giſchen ſpielt, entnimmt ihren Stoff gleichſals dem Bauernleben, 
Auch hier wird uns ein Menſc<h gezeichnet, dex im Unfrieden mit 
ſich und ſeinem Geſchic> lebt, der aber ſpäter aus der Geſtaltung 
der Dinge Gottes weiſe Fügung erkennt. 
Burnett, Frances Hodgſon: Der kleine Lord. 
aus dem Engliſchen von Klara 
Bernhardt. Mit Bildern von Hugo Sclittenhelm. 89 252 
Seiten. Leipzig, Berlin, Wien. Volks- und Jugend- 
ſchriften-Verlag des Neuen Preußiſchen Lehrervereins, G. 
m. b. H. Preis in eleg. Ganzleinenband 2 Mark. -
	        

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