Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

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e3 in ſämtlichen ſtädtiſchen Betrieben keine Arbeiter mit mehr als 91, 
ſtündigey Arbeit8zeit mehr gibt. Die durch dieſe Neuordnung ent- 
ſtehenden Koſten betragen jährlich 75 000 Mark und rund 16500 Mk. 
einmalig. . . 
Vor der Abſtimmung über die Vorlage der Verwaltung gab Herr 
Oberbürgermeiſter Wallraf weitergehenden Wünſchen gegenüber nach 
dem Berichte des Stadt-Anzeiger3 (Nr. 287 vom 26. Juni) folgende 
Erklärung ab: | | 
„Die Abwägung deſſen, was der Einzelne an Arbeit leiſtet, und 
wie groß ſeine Mühewaltung iſt, iſt in dieſer großen Verſammlung nicht 
recht angängig. -Ic< muß es mir verſagen, auf Einzelheiten einzugehen. 
Ich möchte aber feſtſtellen, daß heute wiederum zugunſten einer Reihe 
von Arbeitern Beſchlüſſe gefaßt werden, die den Etat dauernd mit 
75 000 Mk. belaſten. Jh darf weiter feſtſtellen, daß in den letzten 
drei Jahren Arbeiter, Beamtenſchaft und Lehrer immer wieder 
aufgebeſſert worden ſind, was uns annähernd jährlich mit drei 
Millionen. belaſtet. Die Aufbeſſerungen haben bei allem Wohlwollen 
gewiſſe Grenzen, und ich möchte wünſchen, daß, nachdem dieſer Beſchluß 
einſtimmig gefaßt fein wird, endlich Ruhe eintreten wird und nicht 
wieder weitere Anträge aus der Diskuſſion erwachſen.“ “ 
Dieſer Erklärung des Herrn Oberbürgermeiſter8 gegenüber müſſen 
wir feſtſtellen, daß die Heranziehung der Lehrer, wenigſtens ſoweit 
die Volk8ſchullehrer einbezogen werden ſollen, zu unre <t er- 
folgt iſt. Die lezte Gehaltsaufbeſſerung der Volksſchullehrer 
iſt: die Konſequenz des Lehrer-Beſoldungs8geſeze3 vom 26. Mai 1909 
und: erfolgte für Cöln durch die „Beſtimmungen über die Beſoldung 
der Lehrkräfte der ſtädtiſchen Volksſchulen zu Cöln" vom 31. Juli 
1999. In den ſeither verfloſſenen 4 Jahren iſt für die Lehrer der 
Volksſchulen kein Vfennig mehr bewilligt worden. Wohl 
aber hat ihre Lage, foweit die Wohnungsfrage in Betracht kommt, 
ſeither eine nicht unweſentliche Verſchlechterung erfahren. 
Nach 8 17 des Lehrerbefoldung3geſeze8 vom 26. Mai 1909 durfte 
die Miets3entſchädigung in den Orten der Servisklaſſe A für Lehrer 
nicht weniger als 720 Mark, für Lehrerinnen nicht weniger als 500 Mk. 
betragen. 
Durch das erwähnte Beſoldungsſtatut der Stadt Cö lu wurde die 
Mietgentſchädigung der Lehrer auf 800 Mk., die der Lehrerinnen 
auf 540 Mk. feſtgeſetzt. Nach dem Geſetz vom 26. Mai 1909 über die 
Gewährung von Wohnungs8geld- Zuſchüſſen au die unmittelbaren 
Staat3beamten betrug dex WohnungS3geld-Zuſchuß für die 
mittleren Beamten - in den Orten der Servi8klaſſe A 720. Mark, 
ſodaß die „volle“ Miet3entſchädigung der Kölner Volksſchullehrer 
den Wohnungs8geld-Zuſchufi jener Beamten wenigſtens noc<h um den 
Betrag von 30 Mark überſtieg. 
Nach etwas mehr al3 Jahres3friſt kam das Geſetz betr. Ubänderung 
der Vorſchriften über die Wohnung3geldzuſchüſſe und Mietentſchädigungen 
vom 25. Juni 1910. In ihm wurde der Wohnungsgeld - Zuſchuß 
für die mittleren Beamten in den Orten der Ortsklaſſe A auf 860 , 
Mk. erhöht. Betreffs der Mietz3entſchädigung der Lehrer und Lehre- 
rinnen beſtimmte dieſe8 Geſeßz: „Die Mietentſchädigung darf für 
Lehrer in Ortſchaften der Ortsklaſſe A nicht weniger als 300 Mark, 
für die Lehrerinnen nicht weniger al8 560 MI. betragen.“ 
Durch dieſes Geſetz wurde alſo die Stadt Cöln gezwungen, die im 
Jahre 1909 bewilligte Mietzentſchädigung für die Lehrerinnen von 
540 Mk. auf 560 Mk. zu erhöhen. Die Lehrer aber ließ 
man auf ihrem Saß von 800 Mk. ſitzen, ſodaß ihre 
„volle“ Miet3entſchädigung auf den Wohnungsgeld- 
Zuſchuß der mittleren Beamten zurü>ſank Das iſt die 
„Aufbeſſerung“, deren ſich die Volksſ <ullehrer der Stadt Cöln 
in den lezten drei Jahren zu erfreuen hatten. Sie dürfte doch wohl 
ein Grund mehr ſein, durch eine Neuordnung der Ortszulagen im 
Sinke der Gingaben der Lehrerſchaft die Bolksſ<hullehrer in etwa 
'wieder auf den Platz zu heben, auf dem ſie in dem einen und einzigen 
Jahre 1909 geſtanden haben. 
Vom Rhein. Der „Weſtdeutſchen“ wird aus dem Regierungs- 
bezirk Düſſeldorf mitgeteilt: „Von einer Ablehnung des Adlers der 
- Inhaber des Königlichen Hausordens von Hohenzollern durch Lehrer 
„lieſt man jetzt ſehr wenig. Das kommt wohl daher, weil die Regierung, 
dur<h trübe Erfahrungen belehrt, zuerſt bei den in Betracht kommenden 
Herren anfragt, ob ſie den Orden annehmen wollen.“ Der Königlichen 
Regierung zu Wiesbaden bleibt dieſe Mühe erſpart; denn ſchon ſeit 
Jahren haben“ die Lehrer im Regierungs8bezixk Wiesbaden nach der 
Mitteilung eines politiſſen Blattes dieſe Auszeichnung grundſäßlich 
abgelehnt. „In einer kleineren Stadt des Regierung5sbezirks Düſſel- 
dorf, ſo berichtet in Nr. 24 die „Weſtdeutſche“, wo ein Hauptlehrer 
lange Jahre zum Wohle der Gemeinde ſegensreich gewirkt hatte, wurde 
hei jenem Herrn vertraulich angefragt, ob er ev. den genannten Orden 
annehme. Dieſer aber antwortete ebenſo vertraulich mit „nein“. Dem 
Herrn Bürgermeiſter, der ſich bei der Regierung um einen höhern Orden 
für den betreffenden Herrn bemühte, wurde der Beſcheid, daß nach 
einer miniſteriellen Verfügung nur Leitern von ſec<h3- und mehr-. 
flaſſigen Syſtemen ein höherer Orden zuerkannt werden ſolle.“ 
Nun, wa8 allein dem Herrn zuſteht, das ſoll der Knecht nicht bean- 
ſpruchen. Mögen die „Lehrer“ fich das merken! -- 
Düſſeldorf. Sobald die Ferien nahen, zirkuliert bei den Damen 
und Herren ein Heft, worin der Rektor ſchreibt: „Pult- und Scrank- 
ſchlüſſel ſind auf den. Tiſch des Konferenzzimmers zu legen. Die Hefte 
Jagern im Schulſchrank." --- Aus den Ferien zurückgekehrt, hat der 
Der Bolksſc<hullehrexr. Nr. 28 
 
- 1909. 
 
Rektor. dann die in den Heften nicht angeſtrichenen Fehler entde>t und 
mit Bleiſtift Nr. 1 die Nachkorrektur vollzogen. Ein 
Stadtſchulinſpektor einer benachbarten Stadt ſagte vor nicht langer 
Zeit zu einem Kollegen: „I< nehme es keiner Lehrperſon übel, wenn 
auch ſchon einmal ein Fehler ſtehen bleibt.“ Dieſer letztgenannte Herr 
"iſt übrigen3- als ein geſtrenger Mann bekannt. Wie dieſer Stadtſchul- 
inſpektor, ſo denken nicht alle Rektoren. Hebung der Autorität des 
Lehrer3! Welch eitle Phraſe für ein Schulſyſtem, wo ein Leiter auf 
ſolche kindliche Weiſe direkt dem Anſehen des Lehrerſtandes Schaden 
zufügt. Mir iſt außerdem ein Rektor bekannt, der nicht Faber Nr. 1, 
ſondern direkt dicken Blauſtift gebraucht. Was mögen ſich die 
ifern ſagen, wenn die ein ſolches Heft mit 4-Farbendru> in die Hand 
efommen ? 
M. : Gladbach. Klaſſenbeſuche der Rektoren. Der 
hieſige Kceisfhulinſpektor Herr Schmit hat den Schulleitern ſeines 
Bezirk8 ein Screiben folgenden Inhalts zugehen laſſen : „Die 
Herren Leiter der Schulen des Aufſichtsbezirks werden erſucht, über 
die Beſuche dex Klaſſen ihrer Schule und die dabei gemachten Beob- 
achtungen eine beſondere Nachweiſung zu führen und bei Gelegen- 
heit der jährlichen Reviſionen vorzulegen.“ 
Damit iſt in die Klaſſenbeſuch8-Frage hier ein neuer Zug ge- 
kämmen. Einige der Herren Rektoren nehmen nunmehr förmliche 
Reviſionen vor. In einer Stunde laſſen ſie ſich beiſpielsweiſe 
- Religion, DeutſGy und Geſchichte vorführen, bei einem anderen 
Klaſſenbeſuch eine Serie anderer Fächer. Sie arbeiten alſo der 
Reviſion durch den Kreisſchulinſpektor vor, indem ſie dieſe einfach 
kopieren. Dieſes Verfahren iſt weder durc< das zitierte Schreiben 
des Kreisſc<ulinſpektor38 geboten, nod ſteht es im Ginklang mit der 
Dienſtanweiſung der Königl. Regierung zu Düſſeldorf vom 1. Mai 
Sie ſagt in 8 7, Abſ. 2: „Der Rektor iſt verpflichtet, von 
Zeit zu Zeit die amtlichen Bücher und Schülerhefte einzuſehen und 
dem Unterricht in den verſchiedenen Klaſſen ſeiner Schule beizu- 
wohnen. Ein Eingreifen in den Unterricht iſt ihm hierbei nicht 
verwehrt; ſorgſam aber muß er es vermeiden, dur< ſeine Klaſſen- 
beſv<he die Tätigkeit der Lehrenden zu beunruhigen, oder ihre Stel- 
kung vor den Schülern zu ſ<mälern. Daher darf er ſeine Wünſche 
und Ausſtellungen nie vor der Klaſſe zur Sprache bringen. Wahr- 
nehmungen allgemeiner Art ſind in der Konferenz zu beſprechen.“ 
Wir können den Ausdruck der Dienſtanweiſung: „Dem Unter- 
richte beiwohnen“ nur dahin verſtehen, daß der Rektor berechtigt iſt, 
dem Unterricht in dem Fache, das planmäßig zur Behandlung ſteht 
oder zum Zwecke eines ſolchen Beſuchs auf eine beſtimmte Stunde 
verlegt worden iſt, zuzuhören, auch, wenn: es ihm angebracht oder 
notwendig erſcheinen ſollte, in taktvoller Weiſe in den Unterricht 
in dieſem beſtimmten Fac e einzugreifen. SS iſt äber unſerer 
Veberzeugung nach nicht der Sinn jener Borſchrift und nicht der 
Wille der Königl. Regierung, die ſie erlaſſen hat, daß nunmehr der 
Rektor einfach den Kreisſ<ulinſpektor imitieren und eigent- 
liche Klaſſenreviſionen vornehmen ſoll. 
Tritt der Rektor als Klaſſen - Reviſor auf, ſo iſt es gar nicht 
zu vermeiden, daß durc< jene Klaſſenbeſuche „die Tätigkeit der 
Lehrenden beunruhigt" und „ihre Stellung vor den Schülern ge- 
ſchmälert“ wird. | 
Wir möchten darum an die Kgl. Regierung die Bitte richten, 
Anordnung zu treffen, daß den Klaſſenbeſuchen der Rektoren 
wenigſtens die die Autorität der Lehrer und Lehrerinnen mehr 
ſchonende Foym gewahrt werde, die ſie nach der Dienſtanweiſung 
für die Rektoren haben ſollen. | 
„Rheydt. Wo bleibt die Erzieher-Autorität? So 
muß man fragen angeſichts eines Falles, der ſich gegen Gnde Juni an der 
von Herrn Rektor Pru > ar 6 geleiteten Volksſchule hierſelbſt ereignete 
und in den hieſigen Lehrerkreiſen viel beſprochen wurde. Der Verlauf der 
Sache war nach unſeren Informationen folgender : 
Der Rektor revidiert den Zeichenunterricht. Der Lehrer will eine 
Taſſe zeichnen laſſen. Da man bereits 6 Wochen an ähnlichen Gegen- 
ſtänden ſeine Kunſt geübt hat, ſo faßt der Lehrer ſich bei der Be- 
ſprechung des neuen Objektes kurz, um nac< den nötigen Hinweiſen 
mit dem Zeichnen zu beginnen. Der Rektor unterbricht ihn, und der 
Lehrer behouptet, das ſei mit der Bemerkung geſchehen : „Blödſinn, 
was Sieda machen!“ . 
Der Rektor hält etwa 20 Minuten lang eine Beſprechung der 
Taſſe mit den Kindern. Als er die Klaſſe verläßt, folgt der Lehrer 
ihm auf den Flur, um ſic wegen des erwähnten Ausdru>s zu dbe- 
fchweren. . Der Rektor beſtreitet, den Ausdruc> gebraucht zu haben, 
und befragt die Schüler, ob einer von ihnen das Wort „Bl 5 d= 
ſinn“ gehört habe. Es folgt eine erregte AuSeinanderſezung auf 
dem Flur, bei der der Rektor hauptſäch'ich das Wort führt und der 
Lehrer mit verſchränkten Armen, den Rücken der Wand „zugekehrt, 
vielleicht au< angelehnt, mehr den Zuhörer ſpielt. 
Der Rektor bemerkt die Haltung des Lehrer8 und ſpricht: „Wollen 
Sie wohl gerade ſtehen, wenn der Rektor mit Ihnen ſpricht!“ 
Der Lehrer verharrt in ſeiner Haltung und meint: „Wir ſind 
hier nicht bei Militär !“' | 
Darauf der Rektor : 
Sie hinausfliegen !“ 
Die Szene wird ſo laut, daß die Kinder der anliegenden Klajſen 
aufhor<en. -- 
Der Lehrer beſchwert ſich beim Kreisſchulinſpektor und bittet um 
„Wenn Sie hier nicht parieren, ſo werden
	        

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