Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

Nr. 259 
Der BolksSſc<hnllehrer. 
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Plus an fozial- bindenden Kräften einzubringen ſuchen, ſo müßte ] das „Orcheſter“ uud den „Guß“ zu veranſc<aulichen geſucht. 
in erſter Linie auf eine Geſundung der Familienverhältniſſe hin- 
- gearbeitet werden. Und das geſchieht auch, ſogar mit dem Auf- 
' gebot eines nicht anbeträchtlichen geſezlihen Apparat38. Allein 
wieviel Hinderniſſe ſtellen ſich hier dem ehrlichen Wollen in den 
Weg ? 
im allgemeinen vorwärts ? Ja, vielfach wird man überhaupt 
daran zweifeln müſſen, dem brutal ins Familienleben eingreifen- 
den Kulturprozeß ſchüzende Schranken entgegen zu ſtellen. De8- 
halb iſt und bleibt der Kern der ſozialen Frage 
eine Bildung38-, eine Schulfrage. Wa3 da3 
natürliche Geſellſchaftsleben uns verſagt, 
die Möglichkeit zur Entbindung ſozialer In- 
ſtinkte, Gefühle und Wollungen, das muß in 
Zukunft die Schule leiſten. 
Cine Schulgattung ganz eigener Art wird damit gefordert : 
Ihr Ziel iſt der ideale Menſcdcd, in ſeinen konkreten Aus8- 
prägungsformen : Familienmitglied, Gemeindebürger, Staatsbürger 
und Nächſter (im <riſtlichen Sinne). Damit ſich jedoch das 
Kind zu den angegebenen konkreten Formen allgemeiner Menſch- 
lichfeit entfalte, bedarf es als Mittel zum Zwe des Lebens 
in den von ſittlichen Maximen beherrſchten natürlichen Geſell- 
ſchaftöfreiſen : Familie, Gemeinde, Staat und Welt. Und weil 
endlich das natürliche ſoziaſe Leben heute vielfach als ſozial- 
pädagogiſches Inſtitut verſagt, ſo hat neben das Leben als 
'„Notanſtalt“ die Schule zu treten, die aber --- gemäß ihrem 
Zwece -- ſelbſt nach den Regeln des natürlichen Gemeinſc<afts8- 
lebens organiſiert werden muß. Gleiche Zwecke benötigen gleicher 
Mittel. Mit anderen Worten: Unſere 
ſo dringlich wte kaum ſonſt noc< etwa3 eine 
allgemeine, Familie, Gemeinde und Staat 
im kleinen darſtellende, und alfo alle 
Schüler einer AltervSsſtufe gleichermaßen ver- 
einigende, allgemeine Volksſchule. 
- (Sdqcluß folgt.) 
Kurze Erwiderung aüf das Referat 
„Schulrat Erdmann und das Rektorat“, 
Zn meinem NRuheſtande beſchäftige iM mich gern und 
viel mit dem, was meine Lebensaufgabe geweſen iſt. Dabei 
geraten hin und wieder einige Gedanken aufs Bapier, und 
ein paar Blätthen haben den Weg in die Monatsblätter 
für die Schulaufficht gefunden. I< denke aber darüber 
mit Byron : . 
„Und was ich ſchrieb, ich warf es in die Flut: 
Mags ſc<wimmen oder ſinken --- nir hat's erfriſcht den Mut.“ 
Wenn ich denno auf das Referat in Nr. 23 über die 
Skizze „Das Rektorat" (im Märzhefte der Monats3blätter) 
furz erwidere, ſo joll das eine Ausnahme ſein -=-- einmal 
und nicht wieder! -- 
I< beſchränke mich darauf, zwei Züge meiner Bilder 
vom Rektorat, die Forderungen der Einheit und der Frei- 
vet wieder ins Licht zu rücen. 
1. Die «Einheit, I< habe betont: „Ein Schulſyſtem iſt 
nieht, ein Konglomerat mehr oder weniger loſe » Wammen- 
hangender Klaſſen, ſondern ein Organismus, Leiter und 
Lehrer ſollen, wie es das deutſche 
einen „Lehrkörper“ bilden ; jedes Glied muß ſich an ſeiner 
Stelle für das Wohl des Ganzen verantwortlich fühlen und 
ſein volles: Intereſſe und ſeine ganze Kraft in den Dienſt 
des Ganzen ſtellen.“ (I< darf mir wohl die Aufzählung 
alt der hierhergehörigen Einzelheiten, die das Geſamtleben 
eines großen Syſtems umfaßt, erlaſſen.) 
Die Vereinheitlichung aller Kräfte, die Hinordnung aller 
auf dasſelbe Ziel, das freudige Zuſammenwirken aller ſetzt - 
nac< meiner Anſicht notwendig ein 
Organ, einen Leiter, voraus, 
Die Forderung der Einheit habe ich durch Hinweis. auf 
fonzentrierendes 
Wie ſc<werfällig, ſ<nedenmäßig friecht der Fortſchritt | und können den Erfolg kaum abwarten. 
Zeit benötigt 
Wort treffend ausdrückt, 
 
Zu dieſem Zwecke dürften ſich die Vergleiche gar nicht übel 
eignen -- ſogar der zweite. Beim Guß werden die Ge- 
jellen nicht die ihnen zugeſchriebene gleichgültige Jolle 
ſpielen ; Meiſter und Geſellen ſind mit ganzer Seele dabei 
Sogar den Lehr- 
burſchen zieht es „an allen Fingern zum Hahn". Mit der 
Veranſchaulichung der Einheit haben die Bilder aber auch 
ihre Schuldigkeit getan. Muß denn noc auf die Binſen- 
wahrheit aufmerkſam gemacht werden, daß ein BWergleich 
ſeinem Weſen nad niemals allen Seiten ſeines Gegen- 
ſtandes entſprechen fann, daß jeder Vergleich ſelbſtverſtänd- 
lich hinkt ? 
Wenn der Herr Referent denno< verlangt, daß die 
Vergleiche, die nur zur Beranſchaulichung der Cinheit be- 
ſtimmt waren, auc< auf die Forderung der Freiheit paſſen 
ſollen, wen trifft er dann mit ſeinen ironiſchen Ausführungen? 
Doch nicht mi?! Uebrigens iſt ja ſeine mit Liebe durch- 
geführte Karikatur in ihrer Art ganz ergößlich, 
- 2. Die Forderung der Freiheit. Ic bin mit vem Herrn 
Referenten der Anſicht, daß Anregungen und . Weiſungen 
„aſſimiliert* werden müſſen. Fremde Erfahrung muß zur 
eigenen gemacht werden; „Erfahrung kann man nicht leihen, 
man muß ſie kaufen.“ Wer es zur Meiſterſchaft gebracht 
hat, wird zwar überall Anregung nehmen und ſuchen ; aber 
er wird das Aufgenommene umgießen und ihm ſein eigenes 
Gepräge aufdrücken ; er wird alles in ſeine Sprache, in 
ſeinen Stil Überſeßzen. | 
I< bin vor allem damit einverſtanden = und habe 
es mit aller Deutlichkeit au8geſprohen =-- daß der Leiter 
dem Lehr- und Erziehungskünſtler (ſchlicht geſagt: dem 
tüchtigen und berufsfreudigen Lehrer) alle S<haffensfreiheit 
laſſen und höchſtens -- um in dem muſikaliſchen Bilde zu 
bleiben -- ſein Wirken diskret „begleiten“ ſoll. 
Aber -- hier ſcheiden ſich die Wege -- ſind denn woirk- 
li<h alle Lehrer Künſtler ? Bei der größten Hochſchäßung 
des Standes wird man doc< nicht wegdisputieren wollen, 
daß er auch unerfahrene, ſchwache, ungeſchidte, nicht vom 
beſten Willen beſeelte Glieder hat -- wie jeder Stand. 
Auch die zweite Prüfung kann dagegen nicht unfehlbar und 
für alle Zeit ſchützen -- ebenſo wenig, wie die Mittelſchul- 
lehrer- und Jieftorenprüfung ohne Weiteres über die Eignung 
zum MYektor entſcheiden kann. -- 
Sollen denn au die Lehrer, denen es am Können oder 
Wollen gebricht, ſich in voller Freiheit, in unnahbarer Selbſt- 
beſtimmung „nach ihrer Individualität“ ausleben ? 
Daß ein unzulänglicher Lehrer gerade in einem großen 
Syſtem viel Unheil anrichten kann, iſt doch wohl kein Ge- 
heimnis, ſondern eine offenkundige, unbeſtreitbare Tatſache. 
Jicht nur in ſeiner eigenen Klaſſe: er kann für das ganze 
Syſtem verhängnisvoll werden. Sein Vorarbeiter muß zu- 
ſehen, wie ſeine mit GCifer und Liebe gepflegte Saat ver- 
fümmert und verwildert. Der unglücſelige Erbe, der die 
aus den Fugen gegangene Klaſſe wieder einrenken und 
dazu ſein eigenes Ziel erreichen ſoll, ſteht verzweifelnd vor 
der unlöSbaren Aufgabe. YMeanchmal ſind die“ Schäden 
während der ganzen weiteren Schulzeit ni<t mehr voll- 
ſtändig auszumerzen. 
Es iſt alſo dringend notwendig, daß das lebel im 
Keimen erfannt und ſein Wachſen verhütet oder do< auf 
ein Minimum beſchränkt wird. | 
Für die rechtzeitige und wirkſame Behandlung derartiger 
Zuſtände kann der Kreisſc<ulin'pettor nicht auffommen ; ſie 
ſchreien geradezu nach einem ſtändigen Pfleger am Schul- 
orte ſelbſt. -- Die gutwilligen unter den nicht vollauf und 
allſeitig leiſtungsfähigen Lehrern werden vernünftigerweiſe 
Erinnerung, Rat und Hülfe eines kundigen und wobhl- 
' wollenden Leiters nicht als Druck empfinden, ſondern ſich 
' freuen, zu einer genügenden, keine Störung verurſachenden, 
1 ihnen ſelbſt Befriedigung gewährenden Dienſtführung zu 
gelangen und ſo ihren Plas im Lehrkörper mit Ehren und
	        

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