Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

 
Dex. Volks ſ<uklehrer. 
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hätten, zu lügen; aber ſie können nun einmal gar nicht die 
volle Wahrheit ſagen; ſie ſtellen faſt jede Begebenheit ander38 
dar, als ſie ſich in Wirklichkeit zugetragen hat. 
uns einmal recht deutlich in die Lage eines kleinen Kindes 
bhineinverſeßen, 
in genügender Weiſe entwicdelt iſt, auch ihm noch jede un- 
bedingt nötige Schulung fehlt, ſo arbeitet eben des Kindes 
lebhafte Bhantaſie in um ſo üppigerer Weiſe und 
gaufelt ihm allerlei Dinge in ſo handgreiflicher Nähe vor, 
daß es meint, ſie tatſächlich vor ſich zu ſehen. In vielen 
Fällen kann alſo das. Kind wirkflih nicht das mindeſte 
dafür, wenn es lügt, weil es eben nur in unbewußter 
Weiſe die Unwahrheit ſagt. Somit wäre es alſo von 
jedem Erzieher recht töricht gehandelt, 
ſeine Zöglinge ſtrafen. Die erzielte Wirkung wäre höchſtens, 
daß man die Kinder einſchüchtert und ſie zu verſtockten 
und eigenſinnigen Menſchen mac<t. Alſo nicht ſtrafen, 
ſondern ſorgſam und bedächtig erziehen iſt in erſter 
Linie unſere Aufgabe. Und wodurch geſchieht dies ? Nun, 
am beſten durc< maßvolles und vorſichtiges Zurükdämmen 
der erregten findlichen Phantaſie und Hervorfehrung reſp. 
Heranbildung der Verſtandeskräfte. Man maß den Kindern 
zum Bewußtſein bringen, daß es nur nebelhafte Trug- 
bilder ſind und keine Wirklichkeiten, die ſich in ihren kleinen 
Köpfen feſtgeſezt haben. So wird es denn mit dem lang- 
ſam erwachenden Berſtande den Kindern ganz allmählich 
ſelber zum Bewußtſein kommen, daß ſie nicht immer die 
reine, ungeſ<minfkte Wahrheit ſagen und ſich infolgedeſſen 
in Zukunft etwas mehr in A<t zu nehmen haben. Wenn 
ein Kind erſt ſoweit herangereift iſt, dann kann man ſ<on 
etwas ſtrenger gegen ſeine Unwahrheiten zu Felde ziehen, 
Aber es werden immerhin noh genügend vorfommen, in 
denen das Kind ſich im Zweifel befindet, ob es ver- 
ſehentlich gelogen, oder aber die reine Wahrheit geſagt yat., 
Man hat alfo in jedem Falle der Unwahrhaftigkeit eiites' 
Kindes genau zu unterſuchen, ob eine bewußte oder undbe- 
wußte Täuſ<ung vorliegt. Strafen kann und darf man 
ein Kind nur dann, wenn man einwandfrei feſtgeſtellt hat, 
daß es mit böſer Abſicht und in voller Ueberzeugung un- 
wahrhaftig geweſen iſt. Man ſtelle dann dem Kinde in 
deutlicher, ni<t mißzuverſtehenden Weiſe die ganze Größe 
ſeiner ſchändlichen, entehrender Tat vor Augen und ex- 
mahne es ernſt, liebevoll und eindringlich, ſi von jetzt ab 
in dieſem Punkte gehörig zu beſſern. Dies hat, wenn das 
Kind nur noc< einen kleinen Funken von Ehrgefühl in 
ſeiner Seele beſitzt, zumeiſt einen durc<ſchlagenden Erfolg. 
Glücklicherweiſe kommen derartige grobe Fälle nicht gerade 
häufig vor, denn meiſtens lügt ein Kind nur aus Furcht 
vor einer zu erwartenden Strafe, Es hat aus Ungeſchi>- 
lichkeit irgend einen kleinen Schaden angerichtet, den 288 
nun ſc<leunigſt zu verheimlichen ſucht, weil es nur zu ge- 
nau weiß, daß es Strafe zu gewärtigen hat, ſobald die 
Sache bekannt und der Uebeltäter ermittelt wird. Was iſt 
da erflärlicher, als daß ein wehr- und hülfloſes Kind zur 
erſten beſten Lüge greift, um nur ja die Schuld von ſich 
abzuwälzen ? Wie ſollen ſiß nun Eltern und Erzieher 
gegen ein ſolches an ſic< ſehr verſtändliches Treiben ihrer 
Schutzbefohlenen verhalten ? Zunächſt belege man nicht 
jedes fleine Verſehen und jede aus purer Unvorſichtigkeit. 
Man | 
hervorgegangene ungeſchi>dte Handlung mit Strafe, 
bedenfe immer, daß wir alle nur ſ<wache, unvollkommene 
Menſc<enkinder ſind, denen ganz unverſehens einmal etwas 
Unſc<itiches paſſieren kann. Dann aber halte man ſein 
Kind unbedingt dazu an, ſelbſt in ſcheinbar ſchweren Fällen 
immer ſtreng bei Der Wahrheit zu bleiben, Die Wahrheit 
über alles! Dies ſoll die Loſung eines jeden vorwärts 
ſtrebenden jungen Menſchen ſein, weil fie im praktiſchen 
Leben unendlich große Vorteile bietet. Jedermann hat 
ſeine helle Freude an einem jungen Menſc<enkinde, welches 
immer und überall die Fahne der Wahrheit hoc<hält. Es 
Wenn wir 
ſo wird uns dieſecx Umſtand ganz ohne - 
weiteres verſtändlich. Da der kindliche Verſtand nod) nicht 
wollte er hierfür : 
hohzuhalten. 
: Werden. 
„gegen alle anderen ſittli<en Verfehlungen iſt, [9 ſollte man 
nicht zaudern, mit allen ſeinen Kräften daſür zu ſorgen, 
 
wird bedeutend ſchneller im Leben vorwärts kommen, und 
man iſt viel eher geneigt, ihm einen verantwortungsvollen 
Poſten anzubieten, als einem gewöhnlichen Durchſchnitis- 
menſchen, der es mit der Wahrheit nicht ſehr genau nimmt. 
Dieſe Tatſachen und Ausſichten halte man ſeinen Kindern, 
ſo oft e8 angebracht iſt, ſtet3 von neuem vor Augen. 
Wenn man ſein Kind zur Wahrhaftigkeit erziehen will, 
ſo iſt es weiter notwendig, daß man . ſelber bis zur 
äußerſten Konſequenz wahrheitsliebend iſt. Es iſt ſchon 
ſehr häufig in pädagogiſchen Abhandlungen darauf hinge- 
wieſen worden, daß Worte leerer Schal und Rauh ſind, 
wenn nicht die lebendige Tat als leuchtendes Beiſpiel hinter 
ihnen ſteht. An nachahmungswürdigen Vorbildern fehlt 
es leider unſerer heutigen Jugend an allen E>en und 
Enden. Sind die Eltern daheim gegen ihve Kinder immer 
treu und wahr? Sind ſie es auch allen ihren Berwandien 
gegenüber? Oder hören nicht die Kinder manche Dinge, 
die der Wahrheit zuwiderlaufen? Nun frage ich jeden ein- 
ſicht8vollen Menſchen, ob man es im Ernſte von einem 
jungen Menſc<enkinde verlangen fann, wahrhaftig zu ſein, 
wenn es überall von Lug und Trug umgeben iſt? I< 
brauche nur an das große Kapitel Geſellſchaftslügen zu 
erinnern, um Beweiſe für meine Behauptungen zu erxr- 
bringen. An das auch im höchſten Maße verbeſſerungs- 
bedürftige Geſchäftsleben ſol no< gar nicht einmal gedacht 
werden. Es iſt alſo eine unbedingte Notwendigkeit, zuU- 
vörderſt in unſerer eigenen Familie das Wahrheit5prinzip 
Kommt das Kind dann zur Schule, dann 
ſoll es auch von ſeinen Lehrern nur die reine Wahrheit zu 
hören bekommen. Weiterhin müßten ſi au< die Lehr- 
herren zur unbedingten Wahrhaftigkeit ihren Lehrlingen 
gegenüber verpflihten. Nur auf ſo vorbereitetem Boden 
können ſpäterhin reiche Früchte der Wahrheitsliebe geerntet 
Wenn man bedenkt, daß letztere der ſicherſte Schuß 
daß überall im Leben der Wahrheit zum Siege verholfen 
wird. 
Nun ſol man es 
machen, wenn dieſe zu jeder Zeit und an jedem Ort die 
Wahrheit reden ſollen. Verbiete und gebiete daher nichts, 
was ein Kind doch nicht erfüllen kann. Dadurc< würdeſt 
du es nur zur Lüge zwingen. Stelle auc< keine Fragen, 
auf welche ein Kind ſc<lechterdings mit einer Lüge anmnts= 
worten müßte. In der Schule begeht man häufig den 
ſchweren Fehler, zu hohe Anforderungen an den kindlichen Ber- 
ſtand zu ſtellen. Natürlich ſchämt ſich in vielen Fällen das Kind 
ſeinex mangelhaften Kenntniſſe und gibt, um nicht gänzlich 
zu ſ<weigen, eine fehlerhafte Antwort, ſagt alſo etwas, von 
deſſen Wahrheit es nicht überzeugt iſt. Die Lehrer jollten 
auf den hier angeführten Punkt beſſer achten, als es biSher 
vielleicht ſhon geſchah. Alſo, man frage kein Kind nach 
Sachen, die e8 noch nicht verſtanden hat, zwinge es auch 
nicht, Gedanken auszuſprechen, die gar.nicht vorhanden ſind. 
Das iſt eben alles nur ein Großzüchten von Unwahrhaftig- 
keit, welches ſich ſpäterhin im Leben rächt. 
Schließlich möchte i< no< erwähnen, daß es ſehr wichtig 
iſt, die Kinder fortgeſezt zu beauffihtigen und, wo es nur 
irgend ſich. machen läßt, zu beobachten. Natürlich dürfen 
die Kinder ſelbſt nicht allzuviel davon merken. Mean lernt 
auf dieſe Weiſe beſſer ihren Charakter kennen und fühlt 
gar bald heraus, ob ſie ſich hier oder dort verſtellen, oder 
ob ſie ſich überall ſo und nicht anders geben, wie ſie in 
Wirklichkeit ſind. Dana<h kann man dann viel beſſer und 
wirkungs8voller ſeine Erziehungsmaßregeln treffen. 
Möchten doch alle Lehrer und Erzieher aufs innigſte ſich 
verpflichtet fühlen, nux wahrheitsliebende Kinder in 
den harten Lebenskampf hinauszuſenden. 
 
ſeinen Kindern nicht allzuſchwer- 
%
	        

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