Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

Nr. 37 
Exkurſion ins Saar-Kohlenrevier. Zunächſt ſicherte er ſich 
im ſtillen einen kleinen intimen Kreis Getreuer, um dann 
dur< dieſe zu einer öffentlichen Agitationsverſammlung alle 
Lehrer der Saarfreiſe einladen zu laſſen. Da ſcheint uns 
denn eine Unterſuchung der „Neutralitäten“ des Vereins zur 
Klärung der Stellungnahme gegenüber dieſer „reinwirt=- 
ſchaftlichen“ Lehrerorganiſation geboten. 
Neutral will der Verein in religiöſer Beziehung 
ſein ; er will Weltanſc<auungsfragen nicht berühren. Und 
doch hat er ſich als eines ſeiner Hauptziele die Löſung der 
Schulaufſichtsfrage geſe3t, jene Frage, die auf dem ſc<ul- 
politiſchen Gebicte neben der Frage über den konfeſſior ellen 
Charakter der Schule in der Gegenwart am meiſten die 
Gemüter erregt, und welche die Lager ſcheidet. Dieſe Frage 
ander3, als auf der Baſis der Weltanſchauung behandeln 
zu wollen, iſt natürlich ein Unding, und es bringen das 
auch die Wortführer des Volksſchullehrervereins nicht fertig, 
wie der Verlauf der Saarbrücker Verſammlung vÖBewies. 
Ohne jede Einſchränfung ſtellte man die Forderung der Be- 
ſeitigung der ceiſtlichen Lokalſchulinſpektion auf. „Mean ſagt, 
unter dem Krummſtab ſei gut leben ; mancher Lehrer weiß 
auch vcn den Püffen zu erzählen die er von dieſem erhalten 
hat. Das Wohlwollen der Geiſtlichen gegen die Lehrer iſt 
nicht groß. Weg mit der Lokal'<ulaufficht, vit nur mit 
der geiſtlichen, ſondern mit einer jeden überhaupt." Das 
proflamierte Lehrer Schäfer, der ſchon früher in ſeinen 
Schriften über die Schulaufſihtsfrage die Kirche als eine 
böſe Stiefmutter der Schule darſtellte und deren Rechte 
nicht averfennen wollte. Ein anderer Nedner, der liberale 
Lehrer Müller aus Saarbrücken, glaubte den Volksſ<ullehrer- 
verein empfehlen zu können mit dem Hinweis, eine Gefahr, 
daß der Verein jemals. „verkatholiſiere“, beſtehe niHt. Dem 
Kath. Lehrerverband machte man ſeine „Breslauer Beſchlüſſe* 
in Sachen der Schulaufſichtsfrage zum Vorwurfe, und doch 
beſagen dieſe nicht mehr, als daß an der alten Einrichtung 
der geiſtlichen Ortsſ<ulinſpektion nicht eher gerüttelt werden“ 
dürfe, bis die Rechte der Kirche geſetzlich feſtgelegt und in 
anderer Weiſe geſichert ſind. Dieſe Haltung iſt dem Bolks8- 
ſhullehrerverein zu „ſc<laff“", alſo nicht radikal genug. 
Wie auf der Saarbrücker Verſammlung ausgeführt wurde, 
ſcheidet. der Volksſchullehrerverein die Fragen einer Reform 
des Religionösunterrichtes und die, ob Konfeſſions8- oder 
Simultanſchule, von ſeinen Erörterungen aus. Was ihm 
aber betreffs des Charakters der BVolksſchule vorſchwebt, 
das ſagt die Verein3deviſe, welche lautet : „Ein Volk, eine 
nationale Kultur, eine nationale ECinheits5ſ<ule, 
ein Lehrerſtand“", Eine derartige Gleichmacherei auf dem 
Gebiete der Erziehung und des Unterrichts können wir 
Katholiken nicht mitmachen. 
nationale Einheitsſc<ule“ zur größten Vorſicht. 
Ueber die „politiſc<e Neutralität“ des Volksſchullehrer- 
vereins ließ man auc< keinen Zweiſel. Das Recht, die 
politiſchen PBarteien in ihrer Tätigkeit für die Schule zu 
fritiſiexen, wollen wir dem Verein nicht abſprechen, aber 
daß er nur Tadel hatte für die Konſervativen und das 
Zentrum, die übrigen bürgerlichen Parteien aber ſc<onte, 
iſt ein ſtilſ<weigendes Einverſtändnis mit dem Bexr- 
halten der liberalen Barteien. Was dieſe auf dem 
Schulgebiete erſtreben, wiſſen wir. Beſonders das Zentrum 
hat es den führenden Geijtern des Volksſchullehrervereins8 
angetan ; immer wieder hielt man ihm als ſeine größte 
Schuld vor, daß es in der Schulaufſichtsfrage ſich die An- 
- ficht des Kath. Lehrerverbandes zueigen mache und mit 
dieſem Hand in Hand arbeite, 
Verletzt wurde in der Agitation3verſammlung ſc<ließlich 
auch die Neutralität gegen den Kath. Lehrerverband. Das- 
für nur ein Beiſpiel, das zugleich die religiöſe und politiſche - 
Neutralität des Volksſ<ullehrerverein3 illuſtriert. Ein junger 
Sprecher, der es nicht verſtehen konnte, wie man als Mit=- 
glied des Volksſchullehrervereins auch dem Kath. Lehrerver- 
band, der nie offen kämpfe und in allen Fragen verſage, 
Der Volksſc<nllehrer. 
„fönnen. 
Jedenfal8 mahnt die „eine 
 
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angehören könne, mahnte, do<m die lezten Konſequenzen zu 
ziehen, und er fand von autoritativer Stelle aus für ſeine 
Offenheit ausdrückliche Zuſtimmung. Der ſc<on genannte 
Lehrer Müller hatte Verſtändnis für ſolche Bedenken ; denn 
in der Tat handele es ſii) um Weltanſc<hauungsfragen, 
wenn er ſich auch wegen des Statuts nicht für kompetent 
erachte, Stellung gegen den Kath. Lehrerverband zu nehmen. 
Lehrer Schäfer erklärte dazu: „Der junge Lehrer, der zu 
mir fommt und ſagt, daß er Mitglied des Volksſchullehrer- 
vereins ſei, aber kein Bedürfnis fühle, dem Kath. Lehrer- 
verein anzugehören, findet meinen Beifall.“ Deutlicher kann 
man doch nicht gegen den Kath. Lehrerverband agitieren. 
Damit haben wir gezeigt, weß Geiſtes Kind der 
Volksſchullehrerverein. Der ſchulpolitiſche Karren iſt von 
ihm bereit3 auf das li berale Geleiſe geſchoben und wird 
von zielbewußten Radikalen vorwärts gedrückt. Hoffentlich 
findet ſich in allen Orten, die man mit Agitationsverſamm- 
lungen beglüdt, ein Sprecher, der wie Lehrer Reſch, Vor- 
ſigender des Kath. Lehrervereins Saarbrücken 1, den Schleier 
hebt und das wahre Geſicht des jungen Kindes zeigt, damit 
dieſes, wenn auch nicht ein totgeborenes, ſo doch ein ſ<wäch- 
liches bleibt, das höchſtens von denen Kraft und Nahrung 
erhält, welche die ungewollte Vaterſchaft nicht abſchütteln 
(Fs dünkt uns aber auc< an der Zeit, daß der 
Kath. Sehrerverband ſeine Stellung zu dem Volk53- 
ſc<hullehrerverein revidiert. 
 
Dieſer Schandartikel ſucht zunächſt die im Deutſc<en 
Volfsſ<ullehrerverein verkörperte Bewegung dadurc<h 
zu diskreditieren, daß er dem Publikum die Tatſache „enthüllt“, 
ichſei vor 20 Jahren ſchon wegen meiner „antikir<lichen 
Stellung inder Schulaufſicht3frage angegriffen“ 
worden. Dem fanatiſch verbohrten Autor genügt alſo ſchon, 
die Tatſache daß jemand „angegriffen“ worden iſt, 
um ihn al38 [|< uldig und verurteilt an den Pranger 
der öffentlichen Meinung zu ſtellen. Aber ſo wenig mich 
dieſer Vorwurf von Seiten eines Hezers vor 20 Jahren 
alteriert hat, ebenſowenig erſchüttert er mic< heute. Für 
einen objektiv denkenden Menſchen genügt es zur Bildung 
eines eigenen Urteils, wenn ich einfach anführe, daß ich in 
den angezogenen Schriften eingetreten bin 
1. für die Leitung und Beaufſichtigung des ReligionsS- 
unterrichts8 der Schule durc<h die von der kirc<lichen 
Behörde beauftragten Geiſtlichen, 
2. für die Wahrnehmung der allgemeinen kirchlihen 
Intereſſen an der Schule durc< die als Mitglieder Der 
Orts8ſ<ulvorſtände bezw. Schuldeputationen fungierenden 
Geiſtlichen der verſchiedenen Bekenntniſſe. 
Wer gibt dem Fanatikex von der Saar das Ret, dieſen 
Standpunkt als „antikir<lich“ zu bezeichnen ? Daß jene 
beiden Befugniſſe für die Wahrnehmung der kir<li<hen In-= 
tereſſen ausreichen, hat die Erfahrung an vielen Orten ſeit 
mehr als einem Menſc<henalter bewieſen. Und daraaf kommt 
es an! In jedem Falle iſt es do< no< erlaubt, über Die 
Formen, in denen die Wahrnehmung der kir<lichen Rechte 
erfolgen foll, zu diSkutieren, auch auf katholiſc<er 
Seite. Mit Recht ſagt darum Prof. Dr. Martin Spahn 
in ſeiner Schriſt : „Nationale Erziehung und konfeſſionelle 
Schule" (S. 27--28): „Wie die Kirche ſelbſt als geſellſchaft- 
liches Organ am beſten in Verbindung mit der Schule bleibt, 
ſällt ins Bereich der Regelung der Schulverwaltung. Die 
Form, in der die Kir<e an der Verwaltung beteiligt wird, 
iſt diSkutabel, Daß es in der Form der Schulaufſic<ht ge- 
ſc<hehe, dafür ſpricht in Deutſchland das Hertommen. Am 
ernſteſten hat biöher Dörpfeld nac< einer neuen, zulkunfts- 
reihen Form geſucht. Für die Kirc<he iſt die Hauptſache, 
daß die Oberleitung des Staates nicht zur ausſc<ließlichen 
Leitung der Schule wird und daß der Schulzwang dem 
Staate nicht auch die Bahn zum S<ulmonopol ebnet, 
Die Verfaſſung der heutigen Schule als Staats8ſ<ule wird 
überhaupt nicht dur< das Bedürfnis der Kirc<e berührt
	        

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