Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

593 
Der Bolksöſchnllehrer. 
Nr. 37 
 
 
hierhin, der andere dorthin! Fanatizmu3s und Parteihader 
ſind das Höchſte für Männer, denen der Dichter zuruft: 
„Die Zu kunft habet ihr, ihr habt das Vaterland, 
3hr habt. der Jugend Herz, Erzieher, in der Hand! 
Was ihr dem lo>ern Grund einpflanzt, wird Wurzel ſc<lagen ; 
Wa3 ihr dem Zweig einimpft, wird Früchte tragen !“ 
Bei ſol<er Lage der Dinge möchte der Deutſc<<e 
BVBolksſ<ullehrerverein vermittelnd: und verſöhnend 
wirken. Er möchte, alle unter ſeiner Fahne ſammelnd, es 
dahin bringen, daß man bei ſtrenger Achtung vor dem 
Standpunkte und den Ueberzeugungen des andern einander 
wieder verſtehen, begreifen und würdigen lerne, woraus 
dann von ſelbſt ein Verhältnis wahrer Kollegialität und 
aufrichtiger Freundſ<aft und das ſiegzhafte Gefühl der 
Zuſammengehörigkeit und Standeseinheit als köſtliche Frucht 
ſich ergibt. 
Der Deutſche Volksſ<ullehrerverein hat ſich damit eine 
Aufgabe geſtellt, die angeſicht3 der gegenſeitigen Verhetzung 
wohl ſchwer ſein mag, aber do< nicht unlösbar erſcheint. 
Mögen alle, „die guten Willens ſind ", ihm zu ſeinem Werke 
die Hand reichen; es iſt des Sc<hweißes der Edeln wert! 
 
Ueber naturgemäße Organiſation de3 grofs- 
ſtädtiſchen Wolks8ſchulweſen8 im allgemeinen 
und über das Mannheimer Volksſchulſyſtem 
im beſonderen, 
Gin Beitrag zur Löſung des Problems 
der „Allgemeinen Volksſchule“ 
von Stadtſchulrat Dr. Sickinger in Mannheim 
nach einem am 12. April 1913 im Leyrerverein zu Frankfurt a. M. 
gehaltenen Vortrag. 
(Schluß.) 
Nur vorübergehend weilen im Förderklaſſenſyſtem ſolche 
Schüler, die nicht infolge mangelnder Begabung, ſondern aus 
äußeren Gründen (längere Krankheit, Zuzug von außen) der - 
Sonderbehandlung überwieſen worden waren; ſobald ſich dieſe, 
namentlich danf des ſukzeſſiven Abteilungöunterrichts, ſo gekräftigt 
Daben, daß ſie den erſchwerten Arbeitsbedingungen der Haupt- 
laſſen gewachſen ſcheinen, kehren ſie in die geeignete Hauptklaſſe 
zurü&, Diejenigen dagegen, denen zum Vorwäöärtskommen die 
Unterrichtsbedingungen der Förderklaſſen immer noch nicht günſtig 
genug ſind, werden nach einer durch Schulleiter und Schularzt 
vorgenommenen Prüfung einer Hilfsklaſſe zugewieſev oder bei 
gänzlichem Verſagen zur Unterbringung in einer Jdiotenanſtalt 
vorgeſehen, | 
Wenn aber in der obligatoriſchen Volksſchule für die Schwachen 
und die Schwächſten ein individuell wirkſamer Kollektivunterricht 
vorgeſehen wird, ſo iſt es zweifellos ein Gebot der Gerechtigkeit, 
daß auch für die über das Durchſchnitt8ömaß hinauSragenden 
Schüler in beſonderer Weiſe geſorgt wird. Für dieſe Kategorie 
von Schülern ſind an der Mannheimer unentgeltlichen Volks- 
ſchule zwei Arten von Nebenklaſſen des Hauptſyſtems vorgeſehen ; 
Vorbereitungsklaſſen für die höheren Lehranſtalten und fremd- 
ſprachliche Klaſſen. 
Wa3 bezwecken die Vorbereitungsklaſſen ? In Baden beginnt 
das Schuljahr für die höheren Schulen im September, für die 
Volksſchule an Oſtern, Der Uebertritt der Schüler erfolgt des- 
halb entweder nach 3%- oder 4%jährigem Beſuch der Volksſchule. 
Damit nun die nac< 3%jährigem Schulbeſuch in der unentgelt- 
lichen Volkſchule vorgebildeten Schüler den aus anderer Voxr- 
bereitung fommenden nicht nachſtehen, werden diejenigen Volks- 
ſchüler, die ſpäter in eine der höheren Schulen übertreten ſollen, 
ſofern ſie nach Leiſtungen und Fleiß für den Bildungs8gang der 
höheren Schule geeignet ſcheinen, im dritten und vierten Schul- 
jahr im Rahmen der Geſamtſchule zu beſonderen Parallelklaſſen 
zuſammengefaßt und erhalten hier eine ihrer höheren Leiſtung3- 
eraft entſprechende, den Aufnghmebedingungen der höheren Schulen 
 
angepaßte Ausbildung, die anderwärts in beſonderen Vorſchulklaſſen 
zumeiſt gegen hohes Schulgeld vermittelt wird. 
Die fremdſprachlichen Klaſſen (Sprachklaſſen) dagegen verfolgen 
den Zwe>, der oberſten Schicht der beſſer befähigten Schüler 
innerhalb der unentgeltlichen Schule eine quontitativ und teilweiſe 
qualitativ geſteigerte Untervichtsarbeit nach dem Lehrplan der 
Bürgerſchule (preuß. Mittelſchule) zu ermöglichen. Die in Be- 
tracht fommenden Knaben und Mädchen werden auf der ſechſten, 
ſiebten- und achten Klaſſenſtufe in zentral gelegenen Schulhäuſern 
in beſonderen Parallelabteilungen vereinigt. Damit in dieſe ge- 
hobenen Klaſſen nur die hierfür tauglichen Schüler kommen, be- 
ſteht zunächſt auf der fünften Klaſſenſtufe ein Vorkurſus, in dem 
die mit Zuſtimmung der Eltern ausgewählten Kinder außerhalb 
der gewöhnlichen Schulzeit (nach 4 Uhr) in vier Wochenſtunden 
franzöſiſchen Unterricht "erhalten; die übrigen Unterrichts8fächer 
erhalten die Teilnehmer de8 Vorkfurfes in den gewöhnlichen 
Klaſſen. Zum Vorkurs können von den Eltern jeweils auf 
- Schluß des Schuljahres folche Schüler des vierten Schuljahres 
angemeldet werden, die durchweg gute Leiſtungen aufzuweiſen 
haben. Am Schluſſe des einjährigen Vorkurſe werden dann 
diejenigen, die ſich im fremdſprachlichen Unterricht bewährt haben 
und auch in den übrigen Fächern einwandsfrei geblieben ſind, 
zu Aufnahme in eine Sprachklaſſe vorgeſehen. Sofern die in 
eine Sprachklaſſe aufgenommenen Schüler im Fortgang des Unterrichts 
den gehegten Grwartungen nicht entſprechen, werden ſie in die 
gewöhnlichen Klaſſen zurückverwieſen. 
Während die Vorbereitungsklaſſen und die Sprachklaſſen den 
über den Durchſchnitt hinausgehenden allgemeinen Begabungen 
eine individualiſierende Pflege zu teil werden laſſen, ſucht eine 
dritte Einrichtung der Mannheimer unentgeltlichen Volksſchule 
Schülern mit einer Spezialbegabung und zwar im Zeichnen Ge- 
legenheit zu einer ihrer Weranlagung entſprechenden erhöhten Aus- 
bildung zu geben, 
Zu dieſem Zwecke iſt an jeder Knabenſchule ein unentgeltlicher 
wahlfreier Fortbildungskurs für die 20 beſtbefähigten Zeichner 
des ſechſten, ſiebten und achten Schuljahres mit zwei Wochen- 
ſtunden eingerichtet. 
Endlich beſtehen gemäß dem Prinzip des Meannheimex 
Syſtems, daß Schüler mit gleicher Unterrichtsbedürftigkeit zu 
Unterricht8gruppen zuſammengefaßt werden, damit ſo der Kollek- 
tivunterrvicht dex Wirkung von Einzelunterricht ſich nähert, Shwer- 
hörigenklaſſen für geiſtig normal begabte Kinder. Die Schwer- 
hörigenklaſſen, in denen das gehörkranke Kind befähigt wird, 
einerſeits das geſprochene Wort vom Munde des Sprechenden 
abzuſehen, andererſeits ſo zu ſprechen, daß es von jedermann 
verſtanden wird, beginnen mit dem zweiten Schuljahr und werden 
bis zum achten Schuljahr emporgeführt. 
Welhes ſind nun die äußeren Erforderniſſe für die Durch- 
führung des Mannheimer Syſtems? Das Charakteriſtiſche des 
Mannheimer Syſtems iſt die differenzierte Verwendung der Pas- 
rallelabteilungen der auſſteigenden Klaſſenſtufen zur Bildung 
homogener Unterricht8gemeinſchaften innerhalb der heterogenen 
Befähigung38grade der Kinder ein und derſelben Altersſtufe. Es 
iſt ohne weiteres klar, daß die Zahl dex Schäler einer Einzel- 
ſchule nicht groß genug iſt, um die drei Kategorien von Klaſſen 
(Hauptklaſſen, Förderklaſſen und Hilfsklaſſen), ſo zu bilden, daß 
die einzelnen Unterricht8abteilungen einerſeit3 nicht zu ſtark beſetzt 
ſind (pädagogiſche Rückſichtnahme), andererſeits nichtzu gering beſetzt 
ſind (bfonomiſche Rüſichtönahme). Was aber den beſchränkten . 
Betriebsmitteln der Einzelſchule nicht möglich iſt, gelingt den 
ſummierten Kräften dex Vereinigung. Durch Zuſammenfaſſen 
mehrerer Ginzelſchulen zu einer Art Arbeitsövereinigung (Schul- 
gruppe) wird die erſte Vorausſezung einer pädagogiſch und zugleich 
ökonomiſch gerechtfertigten Teilung der Unterrichtöarbeit zum 
Zwe> der JIndividualiſierung des Maſſenunterrichts gewonnen: 
ein genügend ſtarkes Kontingent von Schülern und die exforder- 
liche Vielheit von Klaſſenxrahmen in dex Breitenentwicklung des 
Schulkörpers. In Mannheim beſteht beiſpielsweiſe folgender 
GCinſchulung3modus : Jeder der Schulbezirke, in die das ganze 
Stadtgebiet eingeteilt iſt, beſitzt eine Bezirksſchule für die Haupt- 
laſſenſchüler. Je drei benachbarte Schulbezirke ſind zu einem 

	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.