Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

Nr. 38 
Der Bolksſchunllehrer. 
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ſernhalten wollen, dieſen dasſelbe Recht zugeſtehen und 
durchaus mit ihren Beſtrebungen, den Seminarunterricht 
ganz in ihre Hände zu bekommen, übereinſtimmen. Vom 
Standpunkt der Oberlehrer aus betrachtet, iſt die akademiſche 
Prorektorſtele keine glückliche Einrichtung. Auch der 
Seminardirektor ſollte ganz in dem Bereich des Volks8- 
ſ<ullehrerberufes liegen. Sogar die Folgerungen aus all 
dieſen- Vorausſezungen iſt der größte Teil der Oberlehrer 
zu ziehen bereit: auch die Stellung der Regierungs- und 
Schulräte iſt den gehobenen Stellen des Volksſchullehrer- 
ſtandes zuzurechnen, und wenn dann gar der für das 
EClementar- und MittelſHhulweſen zuſtändige Provinzial- 
ſ<ulrat aus jenen Regierungsräten genommen würde, ſo 
würden auc< darin die Oberlehrer kein Eindringen in thre 
Sphäre ſehen wollen. Sie wollen reine Bahn für jeden Beruf, ſie 
- wollen den zuſtändigen Fachmann inſeinemnatürlichen Bereich. 
- Fn dieſem Sinne ſtimmen die Oberlehrer dem Antrag 
. Campe durchaus zu, deſſen Hauptforderung eben die iſt, 
daß die Bolfksſ<ullehrer „für die Beſezung der Stellen der 
Kreisſ<ulinſpektoren, der Lehrer (Oberlehrer und Direktoren) 
an Seminaren Verwendung finden“. Auch mit der Forde- 
rung einer „akademiſchen UAusbildung“ würden ſich die 
Oberlehrer befxeunden können, wenn damit nicht die Zu- 
laſſung zum freien Stüdium auf der Univerſität gemeint 
ſein ſol. Das iſt aber auc< nicht der Fall, da ja der 
nationalliberale Antrag eine Ablehnung des freiſinnigen 
darſtellte, der die bayriſchen und ſächſiſchen Seminarakademiker 
auc< in Preußen einführen wollte. Denn trotz der Lehr- 
pläne von 1910 halten die Oberlehrer die Lehrerſeminare 
für Fachſchulen. Auch das Mittelſ<hullehrerexamen iſt infolge 
ſeines Fächerſyſtems keine nähere Vorbereitung auf die 
Univerſität als das Seminarabgang38zeugnis -- das wird 
in jenen Kreiſen ſelbſt vielfaeh zugeſtanden. Nur eine 
erhöhte „allgemeine“ Bilbung könpte einen fördernden 
Beſuch der Univerſität ermöglichen, ohne daß die Univecſität 
ihren Standpunkt verſchieben müßte; denn es darf im 
Intereſſe der Sacher nicht verſchwiegen werden, daß gerade 
die neuen Mittelſchullehrerkurſe ſchon gezeigt haben, daß 
die ſeminariſtiſc<e Vorbildung nicht allgemein, nicht durch 
ſich dazu befähigt, einem in rein akademiſcher Weiſe erteilten 
Unterricht mit wirklichem Nutzen zu folgen, wenn auch 
zuzugeben iſt, daß die ſelbſttätige Arbeitsleiſtung durch das 
unmittelbare Examensziel ſtarf beeinträchtigt werden muß. 
Einem Ausbau dieſer Kurſe, ſo daß ſie am Gnde wirkliche 
afademiſc<he Unterrichtöweiſe ermöglichen, der dann zum 
Teil, und wenn es nötig oder möglih wäre, auch von 
Univerjitätsprofeſſoren erteilt werden könnte, würde auch 
der Oberlehrerſtand freundlich gegenüberſtehen. Iſt der 
Antrag Campe ſo gemeint, dann wird er der vollen Un- 
erkennung der Oberlehrer ſicher ſein. 
Gegen die ganz freie Zulaſſung zur Univerſität haben 
die Oberlehrer dasſelbe Bedenken, das der Verfaſſer dex 
obenerwähnten „Widerſprüche“ dagegen ausſprach, indem 
er e3 als eine „große Gefahr“ bezeichnet, „daß die beſten 
Köpfe im Lehrerſtand, daß die intellektuelle Oberſchicht der 
BZolksſ<ullehrer der Volksſc<hule und allen Veranſtaltungen 
die damit zuſammenhängen, den Rücken kehrt". Man 
wird dann aber auch anerkennen müſſen, daß in faſt noch 
höherm Maße dieſes Bedenken, das von den Oberlehrern 
von Anfang an mit in den Vordergrund geſchoben wurde, 
gegen eine vermehrte Anſtellung von Mittelſ<hullehrern an 
"den höhern Schulen ſpriht. So wird man nicht mehr 
behaupten können, daß es „Feindſchaft“ gegen den Volk8- 
ſhullehrerſtand iſt, dex die Oberlehrer zu dieſem Widex- 
ſtand veranlaßte. I< glaube gezeigt zu haben, daß rein 
ſaHliche Gründe ihn hervorgerufen haben, Gründe, deren 
Berechtigung der Volksſ<ullehrerſtand längſt am eigenen 
Leibe ſpürt. Wird dies zugegeben, ſo dürfte, da die obigen 
MuSsführungen der Zuſtimmung der Mehrzahl der preußiſchen 
Oberlehrer ſicher ſind, zu einer Gegnerſ<aft der beiden 
Stände kaum no< Beranlaſſung vorliegen. Suum cuique. 
Tiederlich nennen will. 
 
Schöne Schrift. 
Wenn wir die Handſ<rift unſerer Zeitgenoſſen mit der 
unſerer Großväter und Urgroßväter vergleichen, fällt uns 
auf, daß die. Buchſtabenformen jezt flüſſiger und gefälliger 
gebildet werden. Unſchwer läßt ſig auch erkennen, daß die 
Formen müheloſer und ſc<neller entſtanden ſind. Das iſt 
an und für ſich kein Fehler, do< hat dieſe Umwandlung: 
der Verkehrsſchrift auch manchen Nachteil im Gefolge gehabt. 
Die Schrift iſt nicht nur flüſſiger, handgerechter, ſondern 
leiver nur zu oft auch flüchtiger, wenn man ſie nicht gar 
Wie oft erhält man eine Karte, 
einen Brief, deſſen Worte kaum zu entziffern ſind! Wer 
mit Ausländern brieflich zu verkehren hat, wird ein Lied 
davon ſingen und beſtätigen können, welche Schwierigkeiten 
ein ſolcher Briefwechſel verurſa<t. Und dieſe rätſelhaften 
Inſchriften rühren nicht etwa von Leuten her, die den 
Analphabeten naheſtehen. Meiſtens kommen ſie gerade von 
PBerſonen, die man im übrigen zu den Gebildeten im Volke 
zählt. Iſt dies nicht ſonderbar? -- Vielfa<ß9 wird man die 
„unſerer Zeit eigene Eile als berechtigten Entſchuldigungss- 
grund gelten [aſſen können. In den meiſten Fällen jedoch 
handelt es ſich lediglich um einen Mangel an Energie. Biele 
können überhaupt niht mehr anſtändig ſc<reiben, weil ſie 
gar nicht den Verſuch machen, es zu wollen. Dieje Miß- 
achtung der Schrift, die neben der Sprache das am häufig- 
ſten angewendete und unſchäzbare Ausdrudsmittel iſt, läßt 
auf einen bedenklihen Mangel äſthetiſm<en Empfindens 
ſchließen. Es iſt eine wenig erfreuliche Tatſache, daß dieſe 
geringe Wertſchäzung einer gut leſerlichen Schrift bereits in 
den Schulen, beſonders in den höheren, in Erſcheinung 
tritt und geduldet wird. Schon da3s Yeußere der Hefte -- 
von dem Inhalte wollen wir gar nicht reden -- zeigt, 
welcher Wandel eingetreten iſt. Galt es vor 25 Jahren 
nod als. ſelbſtverſtändlich, daß Titel und Ueberſchrift in 
einer ſorgfältigen, zum mindeſten ſ<ön gewollten Schrift 
geſchrieben waren, findet man heute nur no< ab und zu 
vereinzelte erfreuliche Ausnahmen. Mean ſoll nicht zu weit 
gehen und fordern, daß jeder Menſch wie ein Schreiber von 
Beruf eine Kunſtſc<hrift malen kann, irgendeine dekorative 
Form der Schriſt ſollte aber jeder beherrſchen. Dazu gehört 
außer einiger Uebung nur ein gewiſſes Maß von Energie. 
Schule und Haus müſſen vereint darauf achten und mit 
unerbittlicher Strenge fordern, daß unſere Jugend in ge- 
wiſſen Fällen die nötige Sorgfalt aufwendet. Gelingt der 
Verſuch nicht ſoglei<, wird ein zweiter oder dritter beſſer 
ausfallen, und zeigt ſißh ein Mangel an gutem Willen, 
wird die mit eiſerner Feſtigkeit geforderte, im Bedarfsfalle 
mehrfache Abſchrift bald Wandel ſchaffen. Welc<e Sc<rift- 
form der einzelne wählt, um in beſtimmten Fällen eindru>3- 
voller, feierlicher oder dekorativer zu wirken, iſt ganz gleich- 
gültig. Die Hauptſac>e iſt, daß unſer Volk ſi9 wieder 
freuen lerne an einer ſchönen Schrift, wie es vor hundert 
Jahren war, als man die Stammbuchblätter unter Freunden 
und Bekannten austauſchte.. Wir leben in einer Zeit, in 
der der Wert einer künſtleriſchen Schrift wieder eptſprechend 
eingeſhäzt wird. In Tagesblättern und beſſeren Zeit- 
ſchriften, auf Titelblättern und Plakaten, auf Firmenſchildern 
und Warenpa>ungen findet der aufmerkſame Beobachter an 
Stelle der aus Lettern zuſammengeſetzten jett vielfach ge- 
ſchriebene Worte, Eine dieſer Typen wähle man ſich als 
Vorbild und verſuche es, die Buchſtaben der eigenen Hand- 
ſchrift ſo umzugeſtalten, daß ſie ebenſo erfreulich wirken wie 
bei dem gewählten Vorbild. Man beachte dabei, daß 
Schrift geſchrieben, nicht gemalt werden darf. Au< ſtarke 
Striche müſſen auf einen Zug entſtehen. Dazu ſind unſere 
gewöhnlichen ſpigen Stahlfedern freilich ni<t brauchbar; 
aber die Induſtrie hat Werkzeuge in den Handel gebracht, 
unter denen jeder eines finden kann, das für ſeine Hand 
paßt. K. Elßner, 
D. B, K,
	        

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