Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

5Yj | | Der SoltS5fogu1l1ehrer,. 
bilder der Schulverhältniſſe-ſind. und ſein müſſen, ſo breitet ſich überall 
eine ähnliche Differenzierung, wie ſie im Schulſtaat vorliegt, auch in 
den Vereinen aus. Zur Zeit haben wir nicht nur in WieSsbaden, ſondern 
auch in vielen anderen Orten des Deutſchen Reiches Zuſtände des Ueber- 
gang3 und der Umbildung. ES beſtehen nebeneinander: Undiſfferenzierte 
Seminarikervereine, halbdifferenzierte mit Sektionen verſchiedener Art, 
reine Beruf8- und Stande3verbände, konfeſſionelle Vereinigungen uſw. 
Die fortſchreitende Entwieklung wird zu einer Auflöſung der Semina- 
rikervereine führen. Eine ſpätere Zeit mag dann das Endziel: Gin- 
heitsſc<hule --, Ginheit3lehrſt and! erfüllen und alle getrennten 
Verbände -=- ſtreng auf berufsſtändiſcher Grundlage -- zu einem ge- 
gliederten Geſamtverbande vereinigen. Wir hätten dann einen EGinheit3- 
lehrſtand auf dem Boden der Einheitsſchule =- die ja die Vorausſezung 
dazu iſt = und hätten einen gemeinſamen Lehrerverein, der alle Lehrenden 
vom Volksſchullehrer bis zum Univerſität3profeſſor in ſich ſchlöſſe, aber 
berufsſtändiſch gegliedert wäre in Volksſchullehrer-, Rektoren-, Mittelſchul- 
lehrer-, Oberlehrer-, Hochſchullehrervereine uſw. 
Unſere gegenwärtige Aufgabe aber iſt der Ausbau der unmittelbaren 
Intereſſenverbände, iſt die Bildung von reinen Berufsorganiſationen. 
Wir Volksſchullehrer müſſen zu dem Punkt zurückkehren, von dem der 
Deutſche Lehrerverein im Jahre 1871 feiner damaligen Zuſammenſetzung 
nach „ausgegangen iſt, d. h. wir müſſen reine Volksſchullehrervereine 
gründen. 
Der Name „Volksſchullehrerverein“ war bei der Grundlegung des 
„D. L.“ durchaus nicht ſelten. Wir erinnern an die „Wanderverſammlung 
badiſcher, heſſiſcher und rheinbayriſcher Volks8ſchullehrer“, ferner an den 
„&Landesverein preußiſcher Volksſc<hullehrer“ (Gründungsjahr 1872), an 
den „Badiſchen Volksſchullehrerverein“ (1873), an deu „Verein Hamburger 
Volksſchullehrer“ (1873), an den „Bayeriſchen Volksſchullehrerverein“, 
au: den „Heſſiſchen Volksſchullehrerverein“ 26. Die meiſten der genannten 
Verbände haben den urſprünglichen Namen aufgegeben, ein Zeichen der 
Umbildung im Vereinskörper. Man hat den VereinSnamen der Vereins- 
mitgliedſchaft angepaßt, ein indirektes Zugeſtändnis, daß nicht die 
Vereinsfatzung, ſondern die Mitgliederzuſammenſezung entſcheidend für 
die Marſchroute einer Organiſation iſt. Reale Intereſſen ſind überall 
die Schöpfer, Beherrſcher und Ausdeuter aller Theorien. Nicht Papiere 
ſind maßgebend, ſondern Menſchen, nicht Verein3ſaßungen beſtimmen 
die Programmführung, ſondern die lebendigen VereinSsträger. 
Weil alſo die Mitgliederzuſammenſezung ihn daran hindert, darum 
kann der „D. L.“ ſeiner Saßungspflicht („Hebung der Bolksſchule“) an 
vielen Orten nicht mehr in wünſchen35wertem Maße nachkommen. Darum 
müſſen Volksſchullehrervereine gegründet werden; denn in erſter Linie 
ſteht für uns das Intereſſe der Volks8ſchule und des Volks8ſchullehrerſtandes. 
Letzteres -- unbeengt und ungehemmt durch allerlei Rückſichten -- zu vertreten : 
das iſt vie Aufgabe der Volksſchullehrervereine. = 
Damit nun die Volksſchullehrerſchaft zum Bewußtſein ihrer Standes- 
pflicht erwache, damit ſie ihr Standesrecht beſſer durchſetßze, hat ſich hier . 
ein Volksſchullehrerverein als Standesſchule gebildet. Zwei Mitglieder 
des WieSbadener Lehrervereins, die ſich der Sache beſonder8 angenommen 
haben, ſind vom genannten Berein dieſerhalb auf 6 Monate von allen 
Verhandlungen ausgeſc<hloſſen worden. Der Ausſchlußantrag iſt von 
einem Mittelſchullehr er aus8gegangen, ein zweiter Mittelſchul!“ 
lehrer begründete ihn, und die Abſtimmung35mehrheit (45 gegen 33) 
hat ſicherlich zur Hauptſache aus Nichtvolksſ<ullehrern beſtanden. 
So terroriſiert man die Volksſchullehrex, wenn ſie erwachen, weun ſie ſich 
auf ihre Pflicht beſinnen und ihr Recht ſuchen. Man ſieht, wie das 
Handeln der Menſchen von Intereſſen beſtimmt wird ; darum, Volks8- 
ſchullehrer, tue deSgleichen, bilde in einem Intereſſenverband deine Jn- 
tereſſenziele und Intereſſentheorien aus und 
dafür nur aus den eigenen Reihen! 
WieSsbaden. Fremde Brillen. E3 wäre nichts gegen konfeſ- 
ſionelle Lehrervereine einzuwenden, wenn das Beiwort konfeſſionell Bei- 
wort bliebe und nicht allmählich zum Hauptwort und Hauptbegriff würde. 
Geſchieht letzteres, dann haben die Glieder de38 Verbande38 nicht mehr 
die pädagogiſche, ſondern die theologiſche Brille aufſigen, dann ſchaut 
mait -- ohne es zu wiſſen, -- alle Dinge durch fremde Gläſer und nicht 
durch die Brille de3 Lehrerſtandes an. 
Auch gegen die Landlehrervereine wäre nichts zu ſagen, wenn ſich 
nicht politiſche Motive einmiſchten. Sicherlich ſind die Landlehrer 
vielfach zu kurz gekommen, und manches Unrecht iſt ihneu geſchehen. 
EN eine politiſche Brille ſoll mau ſic de8halb doch noch nicht aufſetzen 
aſſen. | 
Die Mitglieder des „Deutſchen Lehrervereins'“ endlich tragen beim 
fonglomeratartigen Charakter des Verbandes ſehr oft eine Konglomerat- 
brille und ſchauen die Welt durch vielfältig zuſammengeſetzte Gläſer an. 
. Da iſt beſpiel3weiſe ein Volksſchullehrver, der ſich auf das Mittel- 
ſchullehrexexamen vorbereitet. Gr hat Kinder der niederſten Volksſchicht 
zu unterrichten. Der Umgang mit den Kleinen, die ja häufig unter der 
ſozialen Not zu leiden haben und den Stempel davon nur zu deutlich 
im Geſichte tragen, weckt ſein ſoziales Gewiſſen. Ex möchte den tieferen 
Zuſammenhängen inn Volkskörper nachgehen, um für Beſſerung der Ver- 
hältniſſe wirken zu können. Aber nein, er muß ja ſtudieren ganz nach 
Weiſung der Prüfungsordnung ; ex muß Namen, Zahlen, Vokabeln, 
Formeln einprägen, und da bringen ihm die ſozialen Impulſe, die auf- 
tauchenden Gedanken- und Gefühlskreiſe nux Störung und Ablenkung. 
Darum fort mit ihnen! 
Oder ein Rektoratskandidat „iſt Vorſitzender de3 Lehrervereins. Die 
Lehrerſchaft tritt in eine Gehaltsbewegung. Von oben wird gebremſt, 
ſchaffe dir die Vertretung 
 
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und es entſteht ein geſpannte3 Verhältnis zur Behörde. Der Kandidat 
fürchtet für ſeine Laufbahn und legt den Vorſitz nieder. Gin Volksſchul: 
cehrer tritt ein und führt die Angelegenheit erfolgreich dur<h. Man ſieht, 
wie die Kandidatenbrille wirkt, wie der Gedanke an Karriere die natür- 
liche Intereſſenvertretung hemmt, wie er dem Berufs-. und Stande3ge- 
wiſſen einen Zaum anlegt und die kollegiaie Geſinnung abſchwächt. 
In ähnlicher Weiſe haben wir Volksſchullehrer nicht ſelten -bei 
unſeren Verhandlungen im Vereinskonglomerat die Brille der Mittel- 
ſchullehrer und Rektoren auf, ſchauen durch die Gläſer der Schuldepu- 
tation, der Stadtverwaltung oder hoher Schulaufſichtöbeamten und merken 
es gar nicht. Man beobachte nur einmal genau das Gerede und Getne 
bei Grörterungen von Schulorganiſations- und Standesfragen. Da ev- 
ſcheinen unſere Vertreter im Stadtparlament, in der Schuldeputation 
2. auf dem Plane, vorwiegend avancierte ehemalige Volksſchulkollegen. 
Es treten die Mimen, die Inſpirierten und Informierten auf, es beginnt 
das geheimniSvolle Achſelzucken, Augenzwinken und das Reden in An- 
deutungen und halben Tönen. „Mir hat ein hoher Schulaufſicht8beamte 
geſagt. . . .““ = „J>< habe Rückſprache mit einem einflußreichen Magi- 
ſtratömitgliede genommen. . . .“ „Meine Herren, ich darf Ihnen ſagen, 
ſo weit ich die Stimmung der Schuldeputation kenne. =“ -- =-- -- und 
ſo geht die Leier weiter. Natürlich werden die meiſten Mitteilungen 
„üreng vertraulich“ gemacht, das erhöht Anſehen und Gewicht. Da werden 
ferner bei Gehaltsfragen Vorträge von „Eingeweihten“ gehalten über die 
Finanzverhältniſſe der Stadt. Oder handelt es ſich um eine ſchulorga- 
niſatoriſc<he Angelegenheit, ſo werden verwaltungstechniſche Erwägungen 
gepflogen. Und der bekannte Refrain, der ſonſt nur von den macht- 
habenden Behörden geſungen wird, der erſchallt ſchon jezt in der Ver- 
einstagung: „Aus finanziellen, aus verwaltungstechniſchen 2x. Gründen 
iſt die Vorlage abzulehnen.“ 
Wir Volksſchullehrer ſollten uns wirklich etwas mehr beſinnen, ehe 
wir Vorſchullehrer, Mittelſchullehrer, Rektoren 2c. zu unſeren Führern 
und Bertretern wählen. Wir ſollten kritiſch prüfen, wenn avancierte 
ehemalige Volksſchulkollegen reden. Wir müſſen es unbedingt ablehnen, 
unſere Berufs- und Standesfragen durch fremde Brillengläſer zu ſchauen. 
Der Intellekt iſt ganz allgemein ein Sklave des Willens. Nach 
ſeiner Intereſſenſphäre ſchafft ſich der Menſch die Gedanken. Ueberall 
bilden ſich die Theorien nach praktiſchen Bedürfniſſen und tatſächlichen 
Berhältniſſen, überall wird das natürliche Begehren, Wünſchen und 
Wollen in das Kleid ſchöner Worte eingefaßt. Das iſt bei keinem Re- 
gierungsrat, keinem Oberbhürgermeiſter. keinem Rektor 2c. anders. Nie- 
mand kann aus ſeiner Haut heraus. Jeder ſchaut die Welt vou ſeinem 
unmittelbaren Leben38- und Intereſſenkrei8 an. Darum muß der Volks8- 
ſchullehrer ein Gleiches tun. Er erkenne ſeine Bedürfniſſe, ſeine Rechte 
und Forderungen und ſtelle ſie den maßgebenden Behörden vor. Lehnen 
dieſe ab, ſo muß an die Oeffentlichkeit appelliert .werden. Die Volks8- 
ſchule iſt eine Volksangelegenheit. Wir müſſen darum das ganze Volk 
für ſie mobil machen. Je mehr jede Poſition erkämpft werden muß, 
deſtv mehr werden alle Streitfragen in jedes Glied des Stande3- und 
Volkskreiſes getragen, deſto tiefer ſchlagen unſere Berufs8gedanken Wurzel 
in der Volksgemeinſchaft. 
Wiesbaden. Die pädagogiſc<e Preſſe berichtete dieſer Tage 
über die Auslaſſungen eines ſächſiſchen Schuldirektors, welche mit 
einer geradezu naiven Offenheit und Deutlichkeit verraten, daß 
Sculleiter aum im Lehrerverein ſich als Ueberwachungsräte betätigen. 
Ein Wiesbadener Rektor -- dazu noc< Vorſizender des dortigen 
Lehrervereins --- verſuchte ſogar auf einem Schleichweg (zu „Orientie- 
rungszweden“) ſich Zugang zu den Sizungen des Volfsſ<ul- 
Lehrervereins5 zu verſchaffen. Er erlebte dabei aber einen Rein - 
fall, reſp. einen NRausfall. 
-'WiesSbaden, Reformpädagogik und unſere 
Bereinzszorganiſation. „Perſönlichkeitspädagogik", „ſ<af- 
fendes Lernen“, „Entbindung geſtaltender Kraft", „produktive Arbeit“, 
„Entwicklung der kindlichen Initiative", nicht „Autoritätsſchule“, 
ſondern „Schule der Freiheit“, „Selbſtregierung“, „demokratiſche 
Pädagogik“, =- ſo lauten die Hauptſc<lagworte. der Reformbeſtre- 
bungen auf pädagogiſchem Gebiete. Man will mehr Freiheit, mehr 
Treude, mehr Selbſttätigkeit, mehr Innerlichkeit, mehr Seele in die 
Schularbeit bringen und ſucht andererſeits nach Mitteln und Wegen, 
die reichen Kulturſchäße unſerer Nation in die breiteſten Maſſen zu 
tragen. „Perſönlichkeitspädagogikt“ und „Demokratiſierung der 
Bildung“, das ſind vielleicht die Hauptpfeiler der pädagogiſchen 
Bewegung unſerer Tage. | 
Jede Perſönlichkeitsentwiclung fordert aber nach Goethe äußere 
Begrenzung zur inneren Unbegrenztheit. Die äußere Begrenzung, 
die beſtimmte Form macht das Weſen der Individualität aus, die 
innere Entfaltung führt auf den Weg zur geiſtigen Univerſalität, 
beides -- Individualität und Univerſalität -- ſind die <harakteriſtiſchen 
Kennzeichen jeder e<ten Perſönlichkeit und ſind die beſtimmenden 
Pole aller Perſönlichkeitspädagogikt. Wir müſſen alſo bei der natür- 
lichen Begrenzung, bei der Individualität, dem Gegebenen beginnen, 
um von dort aus weiterzuſchreiten. Wir knüpfen bei der wirk- 
lic<hen Sprache des Kindes an -- und ſei dies auch der verdorbenſte 
Dialekt -- um es ſprachlich zu bilden ; wir ſtellen ſeine tatſächlichen 
LebenSsinhalte als Apperzeptions8vorausſezungen an die Spitze unſere3 
Unterrichtes ; wir reden bei allen erzieheriſchen Verſuchen in Gedanken 
den Schüler gleichſam an: Deine Seele, mein Kind, ſie ſei nun wie 
ſie ſei, ſie allein, aber aur ganz, ganz allein iſt dex einzig mögliche 
Ausgang3punkt, von dem aus du di< zu Beſſerem und Höherem 
Lv
	        

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