Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

Nr. 4 
entwickeln kannſt! = Und weiter: unſer Wirkungsort ſei groß oder 
klein, fei reich oder arm an Kulturſchäßen: wir knüpfen an das 
Gegebene an und dringen dann in die Weite und Tiefe des Kulturlebens. 
Wir wollen nicht vom Schornſtein, ſondern vom Boden aus8 bauen ; 
wir ſuchen bei uns ſelbſt, bei den Kindern, bei den Bildungsſtoffen 
zu den Wurzeln des Lebens zu dringen, um von .dort aus die 
weitere Gntwiklung anzubahnen. Darum hat es ſeine tiefe Berech- 
tigung, wenn Lagarde den ganzen Volksſchulunterricht als „Heimat- 
funde“ bezeichnet. : (Das Wort natürlich im weiteſten Sinne genom- 
men.) Verſuchen wir aber, dieſen Gedanken praktiſch auszuführen, 
dann eifkennen wir, was uns nod fehlt. Anſc<hauung5unterricht, 
Naturkunde, Geographie und Geſchichte, ſogar Religion und Rechnen, 
'alles muß heimatli<, wurzelhaft, quellenmäßig fundiert werden. 
Dazu gehören Quellenſtudien, Quellenſtudien zur Entwicklung des 
Kindes und Quellenſtudien zur Gntwicklung der Kultur, wie ſie 
gerade am gegebenen Orte ſich aus8geprägt hat, damit wir unſerem 
Unterrichte wahrhaft bodenſtändigen Charakter zu geben vermögen. 
“" Dazu gehört ſelbſtverſtändlich auch eine bodenſtändige Verein35- 
prganiſation, eine Organiſation, die ſich in allen Betätigungen un- 
mittelbar an Beruf und Stand anſchließt und die Summe ſeiner 
Intereſſen zu den eigenen mac<t. Bodenſtändige Schulpädagogik 
findet ihre natürlichſte Unterſtüßung in bodenſtändiger Vereins- 
pädagogik. Eine Individualiſierung des Bildungsgeſchäftes wird 
gefördert dur< Individualiſierung in der Vereinsbildung. Der 
Gedanke der Heimat3pädagogik fordert einen heimatlichen Verband, 
in dem acle Volksſchullehrer ſich heimiſch fühlen, weil ſie da keine 
beruf8= und ſtandesfremden Geſichter ſehen müſſen und keine Fremd- 
regierung zu dulden brauchen, weil ſie dort vom heimatlichen Boden 
der lofalen Berufs- und Stande3verhältniſſe aus ihre Verhandlungen 
führen können. Zn NEE | | . 
- Wenn wir heute ſoviel von Selbſttätigkeit des Kindes reden, 
dann ſollten wir doh vorerſt einmal an die Selbſttätigkeit des 
Lehrers denken, und wer von Selbſtregierung in der Schule ſpricht, 
der vergeſſe nicht, daß als Vorausſezung dazu die Selbſtregierung 
der Volksſc<ullehrer gehört. Solange wir uns aber von Mittelſchul- 
lehrern, Rektoren 2c. unſere Geſchäfte verwalten und unſere Jnter- 
eſſen vertreten laſſen, ſtellen wir uns höc<hſt eigenhändig das 
Mißtrauenspotum der Unmündigkeit, des Unvermögens und des 
mangelhaften Selbſtvertrauens aus. Der Weg zu unſerer Berufs- 
und Standesentwiklung kann demnach nur lauten: durch Selbſt- | 
organiſation zum Selbſtbewußtſein, zur Selbſttätigkeit, Selbſtbe- 
ſtimmung und Selbſtregierung ; und ferner : dur< Gemeinſchafts- 
arbeit auf konkreteſter Berufsgrundlage zur tieferen und breiteren 
Ausführung der Berufsaufgabe. SEEN - vn 
Ein Gansberg, ein Scharrelmann und andere Neformer der Gegen- 
wartzeigen uns, daß in der Volksſchule die tiefſten Geiſte8gaben zur Aus- 
nitßung gelangen fönnen, wenn das ganze Arbeitsintereſſe darauf 
eingeſtellt wird und wenn die äußere Organiſation keine Hemmſc<huhe 
anlegt. Scarrelmann iſt freilich bei dem Beſtreben, alle ſeine 
Geiſtesfähigkeiten flüſſig zu machen, an dex Sprödigkeit unſeres S<ul- 
ſyſtems geſcheitert. Und von Gansberg hören wir die bewegte Klage 
wider uns Volksſchullehrer, daß viele von uns ihre beſten Gaben 
und Geiſtesſ<äßze ganz privat pflegen ohne Beziehung zur Sc<hul- 
arbeit und daß eigentlich nur ein Bruchteil der Geiſtesfraft dort 
zur Betätigung. und vollen Verwertung kommt. Wir müſſen alſo 
bei uns ſelber und beim Schulſyſtem naß Umwandlung ſtreben. 
Niemals aber ſollte ein Volksſ<ullehrer dem Volksſchuldienſte Valet 
ſagen, weil er meint, dieſer ſei eines gebildeten Mannes doch nicht 
ganz würdig (wie es heute leider nur zu oft geſchieht). Bleiben wir 
da, wo wir ſtehen (d. h. im Volksſchullehrerſtande), und ſegen wir 
unjere ganzen Kräfte zur Beſſerung der Verhältniſje ein. 
Wiesbaden. Nah der „Preußiſchen Lehrer-Zeitung“ Nr. 2 vom 
3. Jan. 1913 beſchloß die Dezemberverſammlung des Wiesbadener 
Lehrervereins vom v. Jahre den zeitweiligen Ausſ<luß zweier Volk3- 
ſc<ullehrer, welcher Beſchluß unter anderm auc<h folgenden Paſſus 
enthält: „Au< ſoll der Vorſtand nicht verpflicdch- 
tet ſein, von anderer Seite geſtellte UAn- 
träge, wel<e den Fall betreffen, auf die 
Tagesordnung zu ſeßzßen.“" | | | 
Damit machen ſi< der Vorſtand, Herr C. A Müller, 
der dirette Antragſteller, ſowie die dem Antrag zuſtim- 
menden Mitglieder erneuteines Sazungs8bruc<hes 
ſchuldig; denn na<h 8 18 der „Saßung“ und Punkt 2 der „Geſchäfts- 
Ordnung“ des Wiesbadener Lehrervereins muß derVorſtand 
einen Antrag auf die 
und zur Verhandlung 
Antrag von mindeſtens fünf weiteren NMit- 
gliedern unterſ<rieben iſt. Bei dieſer Gelegenheit 
fann dem Vorſtande des Wies8badener Lehrervereins angelegentlichſt 
empfohlen werden, die „Saßung“ und die „Geſchäft3ordnung“ zu 
ſtudieren. Wie man hört, ſoll jedo<h die alte Sazung in Bälde dur< 
bringen, wenvy Der 
eine neue erſet werden, in welcher. der 1. Paragraph lauten ſoll :- 
„Der Vorſtand hat jederzeit das Recht, im Wies8badener Lehrerverein 
na<ß Gutdünken und Willkür zu ſchalten und zu walten.“ 
Wiesbaden. Der Zwe heiligt die Mittel 'oder im 
Kampf gegen den Volksſ<ullehrerverein und ſeine Mitglieder iſt 
gewiſſen Leuten jedes Mittel gut genug und müßte man au<g zu 
Der Volksſc<unllehrer. 
Tagesordnung ſeßen 
treten. 
 
58“ 
plumpen Verleumdungen ſeine Zuflucht nehmen. Was eine hieſiger, 
einer bekannten Clique angehörender Schreiber in der „Preußiſchen 
Lehrerzeitung“ über die Gründe des zeitweiligen Ausſc<luſſes zweier 
Mitglieder des Wiesbhadener Lehrervereins mitgeteilt hat, iſt von 
vorn bis hinten unwahr. Das kath. Schulblatt für Naſſau, 
welches ſonſt mit dem Allgem. Lehrerverein auf beſtändigem Kriegsfuß 
ſteht, hat dieſen Lügenartikel mit Wohlbehagen abgedruckt und mit 
Randgloſſen verſehen, welche deutlich die Beweggründe ſeiner „Tat“ 
erkennen laſſen. Herr Maaß, einer der beiden „Geächteten“, hat 
ſeiner Zeit einmal das ſtarke Mißfallen dieſes Organs erregt, und 
nun benußt das Blatt die Gelegenheit, ſüße Rache zu nehmen, indem 
es eine Angelegenheit aufgreift, mit der es abſolut nicht3 zu tun 
hat. Das Blätichen konſtatiert dann weiter, daß Herr Maaß der 
Hauptbegründer und Herr Broglie der Vorſizende de3 Wie8badener 
Volksſ<ullehrervereins ſei... Hier liegt der Hund begraben. Man 
will dem Volksſ<ullehrerverein einen Hieb verſetzen 
und fühlt ſic< in dieſem Kampfe eins mit vem feindlichen Bruder, 
dem Allg. Lehvrerverein ; haben doch beide Vereine in erſter Linie die 
Intereſſen ihrer Hauptführer, der Rektoren. und Mittelſ<ul- 
Lehrer, zu vertreten. Schon einmal hat das kath. Schulblatt dem 
- Allg. Lehrerverein Kriegsgefolgſc<haft geleiſtet, damal8, als der 
„Zolksſchullehrer“ gegen den von geiſtig und körperlich ſchwachen 
Lehrkräften redenden Rü>bli> des Stadtſ<hulrates Müller einige 
Abwehrartikel brachte. Die damals3- gegen den „Volksſchullehrer“ 
verfaßte, berühmt gewordene Reſolution hat das kath. Schulblatt 
veröffentlicht, während die Hauptorgane des Deutſchen Lehrerver- 
eins ſie im Papierkorb verſchwinden ließen. Eine neue JUluſtration 
dazu, wie Pilatus und Herodes Freunde wurden! 
Wiesbaden. Lauter triftige Gründe. 
mann v. Fallersleben.) 
„Soltsſchullehrer, willſt du ſprechen 
Nicht auch ein freies Wort? -- 
„SO nein, ich kann nicht ſprechen, 
Es iſt hier nicht am Ort. 
I< will nod) werden allerlei, 
Und wenn ich ſprech ein biß<en frei, 
So werd ich weiter nicht.“ 
„Bollsſ<ullehrer, willſt du ſprechen 
Nicht auc< ſo frei wie wir?" -- 
„& nein, ich kann nicht ſprechen, 
Fürwahr, es ſchadet mir. 
"3G will no< haben mehr Gehalt, 
Und ſprech ich frei ſo werd ich alt, - 
Und friege weiter nichts.“ NE 
„Bolksſ<hullehrer, willſt du ſprechen 
Nicht auc< wie jeder Chriſt?" -- 
„O nein, ich kann nicht ſprechen, 
Weil's zu gefährlich iſt. 
In Scherereien mag ich nicht, 
Mißhelligkeiten lieb ich nicht, 
Drum ſprech' ich lieber nichts.“ 
Biebrich. Wiesbaden oder Schilda? In der leßten 
Monats8verſammlung ſtellte der Vorſtand des Wiesbadener Lehrerx- 
vereins bekanntlich einen Antrag auf Ausſc<hluß zweier Volk35ſ <ul- 
lehrer. Die Begründung dieſes Antrags war ſo intereſſant, daß 
wir nicht umhin können, ſie zur Einleitung der Faſchingszeit einer 
weiteren Oeffentlichkeit vorzulegen:- .. . .. 
1. Der eine der Herren hatte in der „Deutſchen Schule“ einen 
Artikel über „Univerſität, pädagogiſche Akademie und Lehrerbildung" 
und in der „Allgemeinen Deutſchen Lehrerzeitung“ einen Artikel über 
„Vereinsorganiſation“ veröffentlicht, in welchen Aufſäßen er gelegent- 
li< au< die Probleme: Mittelſ<ule und Mittelſ<hullehrer, Rektorat 
und Rektor berührte. (Beide Blätter ſind übrigens Organe des 
Deutſchen Lehrervereins, das erſtere ſogar ein Hauptorgan, und es 
joll denn auh, wie man hört, von gewiſſen Machern aus Wiesbaden. 
der ÜUntrag geſtellt werden, die Redakteure dieſer Blätter ihres Amtes 
zu entheben, . weil ſie dem erwähnten Herrn ihre Spalten öffneten.) 
2. Der andere Angeklagte wurde des8halb aus dem Vereine gewieſen, 
weil er in den genannten Blättern no< nicht5 veröffentlicht hatte. 
3. Beide Herren beteiligten ſic allzu eifrig an den ſachlichen Di8- 
kuſſionen im Wie3badener Lehververein und verfürzten de8halb dem 
Borſtande, den Mittelſchullehrern und Rektoren die Nachtruhe. Und 
endlich der wichtigſte Punkt: 4. Trotzdem ſie keine weiteren Prü- 
fungen abgelegt hatten, verfügten ſie empörenderweiſe au<h über 
pädagogiſche und didaktiſche Sachkenntniſſe. 
Limburg, Eine Sache, die uns Landlehrern zu 
Denken gibt. Wie man hört, wollte gegen Ende des alten Jahres 
die Wiesbadener Volksſchullehrerſchaft in eine Gehalt8bewegung ein- 
Auffallend reſervierte Haltung der Mittelſhullehrer, Vor- 
ſ<ullehrer, Lehrer an der Mittelſchule und der Rektoren!!! Nur 
wenige Volksſ<ullehrer hatten deshalb in der betr. Verſammlung 
den Mut, ſic< für eine Durchführung des Planes auszuſprechen. 
Do< ihre gute Abſicht ſcheiterte an dem Willen der dur< die 
(Nacw Hoff- 
Meinung der „gehobenen Kategorien“ beherrſchten Majorität.
	        

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