Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

Nr. 41 
„m. 
Verwirrung und heitere oder ſchlimme Verwechſlungen geben 
könnte, z. B. am Bahnhof. Aber fönnten die gedructen 
Anweiſungen in den Eiſenbahnwagen nicht fehlen? Und 
auf den Fahrſcheinen? Und in den großen Reſtaurationen? 
Und auf den Abonnements8karten ? Und auf den Theater- 
zetteln und auf den Konzertprogrammen ? Wie würden ſich 
aber die Gerichte behelfen müſſen? Müßte hier nicht bei 
der großen Zahl der Straffälle jeder Aufſchub der Verhand- 
lung Schaden bringen? Dürften die Krämer noch etwas 
auf Borg geben? Müßte die Sparkaſſe nicht ihren Betrieb 
einſtellen ? Und ebenſo die Boſt und das Telegraphenamt? 
Man denke nur einmal im einzelnen, mit welchen Nachrichten 
un3 tägli? die Zeitung verſorgt! Wieviele davon könnte 
man entbehren ? Wieviele Geſchäfte müßten ſich umändern, 
wenn e3 feine Zeitung gäbe ? Wie bald müßten alle unſere 
Ginrichtungen zurüsgehen, wenn ihre Grundlage, =- die 
Schrift -- eines Tages ſpurlos verſc<wände? -- -- -- -- 
„Wohl dem, der ſich in der Not zu helfen weiß.“ 
Ja, wohl ihm; wenn aus dem „Helfen“ dabei nur nicht 
ein „Bchelfen"“ wird, ſowie der Niß im Kleide wohl mit 
einer Sicherheitösnadel verdeXt wird und der ausgeriſſene 
Uniformknopf mit einem Streichholz befeſtigt wird. Es ſind 
glückliche Naturen, die ſich mit ſolchen Aushilfsmitteln ganz 
zufrieden geben. Wenn die Fenſterſcheibe cin Loh gekriegt 
hat, ſtellen ſie einen Pappde>el davor, und -- der Sc<merz 
iſt vergeſſen. Und wenn die Lampenkuppel was abgekriegt 
hat, nun, ſo hat man doh einen vernünftigen Grund, end- 
lich den hübſchen Lampenſchirm aufzulegen, den man ſchon 
ſo manches Jahr unter den Raritäten aufbewahrte. Und 
ebenſo kann auch die f<adhafte Stelle auf dem Sofa gar 
nicht beſſer als mit einem Rücenkiſſen oder Schoner ver- 
deft werden, und das Tapetenlod) mit einem Gemälde oder 
Kalender, dex Schmußflefen auf dem Kleidchen mit einer 
Schärpe, die Lüke in den Dachpfannen durc< ein darunter 
geſtopftes Brett uſw. Es jind glüKliche Naturen. Um 
Werkzeuge bei ihren Arbeiten ſind ſie nie verlegen. 
ſuchen nicht lange naß einem Hammer, wenn ſie einen Nagel 
einſc<lagen wollen; das geht ja au<h zur Not mit dem 
Lineal oder Griffelfaſten, mit der Schere oder mit dem 
Meſſergriff, am Ende auch mit dem Pantoffel. Und den 
Flaſc<enkork frieget man Ddo< auc<4 wohl mit dem 
Taſchenmeſſer heraus 9der mit -der Kneifzange oder gar mit 
dem Nußknader ; was ſol man da alſo no<“ lange nach 
dem Korkenzieher ſuchen. Und ſo kann man dann aud die 
Schere ſehr gut als Meſſer gebrauchen, und die Schreibfeder 
als Heftzwe>e, das Schreibheft als Unterlage für die heiße 
Kaffeekanne, den Aſchenbecher als Sammelbüchſe für Knöpfe 
und Ste>nadeln, das Briefmarkenpapier als Heftpflaſter, die 
Flaſc<e als Leuchter, das Taſchentuch als Wiſchlappen, die 
Meſſerklinge als Schraubenzieher uſw. Wie ſchön iſt es do<h, 
wenn man ſich zu helfen weiß! Regnet es dur<h die Dach- 
pfannen, ſo ſtellt man einen Gimer oder eine ausrangierte 
Blec<hbüc>ſe darunter ; iſt vom Blumentopf ein Stü> wege 
geſprungen, ſo dreht man ihn ein biß<en herum ; hat das 
Sofa ein Bein verloren, ſo ſchiebt man die Fußbank oder 
einen Bücherpa>en darunter; hat die Hoſentaſche ein Loch 
befommen, ſo fann man das LoH mit einem Faden ab- 
binden ; iſt das Linoleum irgendwo in der Stube aufge- 
riſſen, ſo weiß man doc<h, wo man die Fußmatte hinzulegen 
hat. Wohl dem, der ſich zu helfen weiß! Er weiß, wie 
man am leichteſten das Unglü> aus der Welt ſchafft -- 
man macht die Augen zu = und das Unglück iſt ver- 
ſchwunden ! =-- -- 
„Der Menſc< hat wohl täglich Gelegenheit, in Emmen- 
dingen und Gundelfingen ſo gut als in Amſterdam Be- 
tra<tungen über den Unbeſtand aller irdiſchen Dinge anzu- 
ſtellen, wenn er will, und unzufrieden werden mit ſeinem 
Schiſal, wenn auch nicht viel gebratene Tauben für ihn in 
der Luft herumfliegen,“ . 
Den Unbeſtand aller irdiſ<en Dinge lernt auch die 
Jugend ſchon ein wenig kennen. Man braucht ja nur 
Der Volksſc<hnllehrer. 
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einen Bli> in den Aus8zug oder in die Kiſte zu werfen, 
worin das Spielzeug aufbewahrt wird, ſo iſt man gleich im 
Fahrwaſſer. Da liegen Soldaten ohne Köpfe, Puppen ohne 
Arme, Wagen ohne Räder, Tiſche ohne Beine. Alles, alles 
wird mit der Zeit kaput geſpielt; denn es geht nicht immer 
ganz artig und friedlich beim Spielen zu -- einmal fliegt 
die Buppe auf die Erde und ſtößt ſich die Naſenſpige ab, 
ein andermal wird mit den Bauhölzern auf die armen Soldaten 
loSgeſchlagen, ein drittesmal bleiben die kleinen Häuſer<en 
und Leutchen im Regenwetter auf dem Balkon ſtehen. Und 
wenn erſt die hübſche Farbe herunter iſt, dany wird ſchon 
immer aus8probiert, was die SpielſaMen wohl ſonſt noch 
alles vertragen können. Aber wir brauchen uns nur in 
unſeren Stuben und Küchen umzuſehen, um uns an die 
Vergänglichkeit der Dinge zu erinnern. Ein ſfede8s Möbel 
hat ja ſeine eigene Leidens8geſchichte zu erzählen. Wie mag 
das nur zugegangen ſein, daß die Fenſterſcheibe einen Sprung 
befommen hat, daß an dem Holzbreit des Pferdes ein Rad 
fehlt, daß an der neuen Stubentür ſchon wieder ein Stück- 
<en vom Lad abgeſprungen iſt? Wir brauchen nur zu 
horchen und vernehmen eine Geſchichte. So wird alles, was 
die Menſchen ſich ſchaffen, durch den falſchen wie auch durc< den 
richtigen Gebrauch doch wieder zu Grunde gerichtet. Der 
Rohrſitz der Stühle wird durchgetreten, der Spiegel iſt zer- 
brochen, die Stühle werden wadelig, die Tapeten werden 
fle>ig, ſ<euern ſich durc<, falen von den Wänden, der 
Türgriff hat ſich verdreht, der Bilderrahmen iſt an den E>en 
auseinandergeſprungen. Aber auch dann gehen die Sachen 
zu Grunde, wenn wir ſie gar nicht gebrauchen. Wie ſorg- 
ſam müſſen die Kleider im Schrank, die Waren im Sc<hau- 
fenſter, die Inſekten in den Glaskaſten, die Nahrungsmittel 
in den Läden behandelt werden. Unermüdlich iſt die Natur 
dabei, das wieder zu zerſtören, was die Menſchen geſchaffen 
haben. Wieviele Reparaturen erfordert nicht jedes Wohn- 
haus, wenn es gut im Stande bleiben ſol! Wieviele 
Ruinen verſammeln ſich mit der Zeit in den Abfallgeſchäfien 
und auf dem Scutta>er. Auf Schritt und Tritt ſtößt 
unſer Fuß hier auf Merkwürdiges: bald auf eine roſtige 
Sprurgfeder aus einer Matraße, bald auf einen verunglücdten 
Kohlenfaſten, dann auf einen ehemaligen Blumentopf, dann 
auf eine penſionierte Wagenlaterne uſw. uſw. Und jede 
Beule und jeder Fetzen an ihnen bedeutet eine kleine Ge- 
ſ<hichte! Das iſt wahrhaftig eine intereſſante Geſellſchaft. -- 
„Wenn auc nicht viel gebratene Tauben für ihn in der 
Lvft herumfliegen.“ 
Gebratene Tauben fliegen ja wohl für gewöhnlich nicht 
in der Luft herum; aber die Menſchen wiſſen do< vom 
„dummen Glüc>“ vielerlei zu erzählen. Hans hat wieder 
ſeine Schularbeiten nicht gemacht, ex hat fie vergeſſen wie 
immer. Erſt auf dem Sc<hulwege fällts ihm ein. O web, 
wie wirds ihm gehen! Aber ſieh da, die UArbeiten- werden 
gar nicht eingeſammelt, denn heute wollen die Klaſſen ja 
die neue Menagerie beſuchen, was Hans freilih auc< ganz 
vergeſſen hat. Jeder Schüler bezahlt 20 Pfennig; wer wie 
Hans kein Geld hat, kommt niht mit. Wie ſc<ade! Hans 
weiß aber guten Rat. Es8 iſt no< 5 Min, vor, da kann 
er wohl im Galopp nach Hauſe hinſauſen. Aber o webdb, 
die allzugroße Eile wird ihm zum Verhängnis. An der 
lezten GStraßene>e erfolgt ein Zuſammenſtoß mit einer 
Marktfrau, die einen Korb voll Butter und Eier auf dem 
Kopfe trägt. Da liegt die Berſcherung. Die Leute wollen 
den Jungen pacen, aber er ſpringt um die E>e und ver- 
jſte>t ſich Hinter -der erſten beſten Haustür. Sie gehen 
alle vorbei und ſc<elten und drohen. Da hat er wieder 
Glüd gehabt. Nod) ſteht er da und überlegt, ob er 
ſich ſhon wieder hinauswagen darf, wer kommt da zur 
Haustür herein? die Marktfrau, Nun geht der Spektakel 
erſt recht los. Han3 flüchtet raſch die Treppe hinauf; aber 
wo foll er hin, wo alle Etagen verſchloſſen ſind? Da 
öffnet fich plößlic eine Tür, eine Dame ſte>t den Kopf 
heraus und fragt: „A<, mein Junge, könnteſt Du wohl
	        

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