Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

Nr. 45 
der Wiſſenſchaften unterrichten laſſe." Wohl traten die Fürſten 
häufig das Sc<hulpatronat und damit au? das Aufſichtsremt an 
die Biſchöfe oder an den Rat einer Stadt ab; im legsteren Falle 
behielten ſie ſi<ß indes nicht ſelten als Ausdru> ihrer Oberhoheit 
'da3 Recht der Beſtätigung der Lehrer vor. No< bedeut- 
ſamer iſt e3, daß in dem ſogenannten „Sculſtreite" in zahlreichen 
JTällen von beiden Seiten die Vermittlung oder Gntfc<eidung der 
Fürſten angerufen wird. . | 
« Der zweite Aufſas zeigt, wie im 16. Jahrhundert durc< Ein- 
ſezung von Kuratorien auc< das Laienelement an der 
Schulaufſicht beteiligt und dur< Berufung tüchtiger Schulmänner 
in das Scholar<hat die fa<hmänniſ<e Sculaufficht angebahnt 
wird. Au3 dem Geiſte der Reformation ergibt ſic der Standpunkt 
der deutſ<en Redt3philoſophen und Nationalöfonomen des 17. 
Jahrhundert3, die mehr und mehr das Net des Staates betonen 
und ſich ſ<ließlich ſogar für eine ſtaatliche, weltliche Sc<hul- 
aufſicht ausſprechen, zu deren Verwirklichung Becher (1635-1682) 
ſelbſt vor dem Plane eine Trennung von Kir<e und Staat 
hinſichtlich der Erziehung und des Unterrichts ni<t zurücſchredt 
und eine ſtaatliche, ſ<hulte<hniſ<e Uufſichtsbehörde in Borſc<lag 
bringt, für die ſelbſtverſtändlich die Zeit noh nicht gefommen war. 
Der eine Zeitlang arg in Mißkredit geratene Ratke (1571-- 
1635) kommt, wie auf allen Gebieten pädagogiſchen Denkens und 
Streben38, auc< auf dem Gebiete der Schulaufſi<t zu neuen Ehren. 
Er ſpricht den für ſeine Zeit noc< keteriſ<en Gedanken aus, daß 
die Errichtung der Schulen Aufgabe und Pflicht des Staates 
ſei, daß dieſer den Beſuch der Schulen allgemein verbindlißg machen 
und die Schulen, die er gründet und unterhält, durd eigens 
dazu vorgebildete Beamte beaufſichtigen laſſen müſſe. Sogar 
die Umriſſe einer „Dienſtanweiſung“ für die verlangten ſtaatlichen 
Sculaufficht3beamten finden ſich bei ihm. Ja, Ratk e kehrt das 
althergebrachte Verhältnis um, indem er will, daß die Schulauf- 
ſicht3beamten auc< das Kir<enwe ſen überwachen ſollen. Kein 
Wunder, daß ihm viele und mächtige Gegner erwuchſen. 
Biele3 yon Ratkes Vorſchlägen findet dann ſeine Berwirk- 
lihung durd< die Schulreform Herzog Ernſt's des Frommen 
von Gotha, die ſic) indes von den himmelſtürmenden Ideen Des 
Lehrmeiſters8 völlig frei hält, die Schulaufficht zwar in den Händen 
der Kirche läßt, aber auch weltli<e Beamte dazu heranzieht und 
ſo ein heilſames Gegengewicht ſchafft. Es bekommt gar der Ge- 
danke Oberwaſſer, daß die Aufſicht es ſei, von der alles Leben 
und Gedeihen abjange, und die Folge iſt eine Häufung der 
Aufſiht3inſtanzen, die ſo rec<ht an unſere Zeit erinnert. 
Traten doch zu den Ortsgeiſtlihen und Superintendenten die Schul- 
vorſtände, die DiSsziplininſpektoren wd die Mitglieder der geiſtlichen 
Untergerichte, und ihnen allen war der häufige Beſuch der Schulen 
zur Pflicht gemacht. Der einzige Troſt für die Lehrer angeſichts 
ſol<en Eifer3 mag der Umſtand geweſen ſein, daß nichts jo heiß 
gegeſſen wird, wie es gekoc<t wird, und mandje Anordnung nur 
auf dem Papier ein friedliches Daſein führte. 
Au8 Win>e l manns „Einfältigem Bedenken“ ragtinsbeſondere 
der Vorſc<lag hervor, die Verwaltung und Förderung des Schul- - 
deren Kollegium zuzuweiſen und an 
die Spie des geſamten Schulweſens einen Sdqulmann als 
„Generalinſpektor“ zu ſetzen, ein Vorſc<lag der dann in 
Braunſ<weig und Brandenburg in die Praxis über- 
ſezt wird. ' | 
Neue Gedanken und Anregungen bringen im 18. Jahrhundert 
Chalotais8, Ehler38 und Baſedow. Nah ihnen iſt das 
Schulweſen von der Kirche zu trennen und als eine ſtaatliche 
Angelegenheit . zu behandeln. Soll das aber mit Ausſicht auf Er- 
weſens einem beſon 
Der Volksſ<ullehrex. 
berg, Sonnbornſtr. 49|1|51. 
 
730 
folg geſchehen, ſo muß der Staat eine beſondere Schul- 
aufſicht38behörde, en „Oberſ<ulkollegium“, er- 
richten und ihr da3 geſamte Schulweſen des Landes unterſtellen. 
E53 wird betont, daß nicht die Aufſicht, ſondern ausreichend 
gebildete Lehrer die Grundbedingung für da3 Gedeihen des 
Schulweſens bilden; von demjenigen, der „auf eine vernünftige 
Art berechtigt ſein ſoll, in Shuleinrichtungen Vorſchriften zu geben“, 
wird verlangt, daß er ſich 8 bis 10 Jahre im Sculdienſte betätigt 
habe. Darum ſind die Geiſtlichen nicht die geeigneten Schul- 
aufſeher; der Religionsunterricht aber iſt der Kirche zu überlaſſen. 
Na< den hier vorgetragenen Jdeen wird in Braunſchweig (1786) 
das „Sdchuldirektorium“ und in Preußen (1787) das „Oberſchul- 
follegium“ errichtet. Die erſtere Inſtitution fiel nach nur 4jährigem 
Beſtande den Mißgariffen ihrer Lenker und dem heftigen Wider- 
ſtande der aus einem alten Erbe verdrängten höheren Geiſtlichkeit 
zum Opfer, während die letztere ſic) 1808 zur „Sektion für den 
Kultus und den öffentlichen Unterricht“ und 1817 zum „Miniſterium 
den geiſtlichen und Unterricht3angelegenheiten“ entwickelte. 
Ein ganz Moderner iſt Seidenſtücker, dem der 
leßte Abſ<nitt des Buches gewidmet iſt. Was er vor etwas mehr 
als 100 Jahren zur Befreiung der höheren Schulen von der 
geiſtlichen Auſſicht geſagt hat, das kann man heute noFg mit Be= 
ziehung auf die Volksſ<hulen wiederholen. ES ſei hier darauf 
aufmerkſam gemacht, daß ſ<on vor etwa 160 Jahren der Kölner 
Rettor C. Rademacher in Nr. 44 derbei A. Helmich in 
Bielefeld erſcheinenden „Pädagogiſchen Abhandlungen“: „Gymna- 
ſiallehrer und Volksſ<ullehrer, ein Blatt der Hoffnung für den 
deutſ<en Bolksſ<ullehrerſtand“ umfangreihe AuSszüge aus der 
Höchſt intereſſanten Schrift Seidenſtü >ers3 mitgeteilt hat. = 
So führt uns Dr. Kazl mit ſac<kundiger Hand bis zur Schwelle 
des 19. Jahrhunderts. Wir haben die Ouvertüre gehört und harren , 
mit Spannung der Oper; aber da wird un3 die Erklärung, daß es 
dem gelehrten Berfaſſer in abſehbarer Zeit nicht möglich ſein werde, 
ſeine Unterſuchungen fortzuſeßzen und au< für die bewegte Zeit des 
19. Jahrhundea38 die vielfag verſchlungenen Fäden zu entwirren, 
zu ordnen und in ihrer Bedeutung und Tragweite klarzulegen. (Es 
iſt das ſehr zu bedauern; denn. der Wunſch, daß anderer in die 
Breſche trete, dürfte ſobald nicht erfüllt werden. Aber auch ſo ſei 
dem Berfaſſer für ſeine überaus anregende Gabe wärmſtens gedankt! 
Cöln. B. Sc. 
Eeeeerzan en, zs „anm, 
Vereins8nachrichten. 
Deuſiher VolisSſmumllehrerverein. 
(E38 wird hierdur<g den Miitgliedern des Vereins zur Kenntnis 
gebracht, daß ſich die Rechtsſ<hußkommiſſion gebildet hat. Der Ob- 
mann derſelben iſt Herx Wilh. Strenger, Düſſeldorf-Grafen- 
Mitglieder der Kommiſſion ſind die 
Herren: Joſ. Rick, Jak. Klee, Jean Lo3kyll und Heinr. 
VelsSmann, alle in Düſſeldorf. 
Cöln-Lindenthal, den 24. Oktober 1913. 
Herzog, Vorſ. 
* 
Kölner Volksſchullehrerverein. 
Die Monats5verſammlung des Kölner Volksſchullehrervereins fand 
am 25. Oktober im Alten Präſidium ſtatt. Die Aufnahmebeſcheini- 
gungen der Haftpflicht-Geſellſc<haft lagen vor und konnten von den 
Verſicherten in Empfang genommen werden. 
Unser Spezialgeschält -“--y-nS 
und Seine über 60 Jahre durch die Betten- und Schlafzimmer-Reform weltbekannten Spezialitäten bieten die 
gewünschte Garantie für reichhaltigste Auswahl in allen Preislagen, für die Güte unserer Waren und 
eine durchaus fachmännische Bedienung und Ratschläge. | 
Steiners Paradiesbetten 
Sind für das moderne Schlafzimmer das Beste, im Gebauch das Billigste. 
Eine Besichtigung unserer interesSanten Ausstellung empfehlen wir zur Orientierung über 
die genannten Vorzüge unserer Fabrikate anderen billigen Massenfabrikaten gegenüber. 
Paradiesbetten-Fabrik M. Steiner 8 Sohn, A. (., Köln, Schildergasse 47149 | 
 
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