Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

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nungsftrich zwiſchen den akad emiſc< und den ſemi- 
naxiſc<h gebildeten Lehrern eine Parallele, die Lie 
bloß ſemnariſch gebildeten Lehrer nicht minder ſcharf 
von den feminarxiſ<h - akademiſc) gebildeten 
ſcheidet und, zwiſchen den Leitern und den „Lewh- 
tern“ der mehrfklaſſigen BVolksſchyie liegend, für die 
letzteren auch den letzten Reſt einer „Laufbahn“ heſeitigt. 
Damit würde der Volksſ<ullehrer auf dem Ge= 
biete des Biidungsweſens in optima forma zum Pr o- 
le farier, und zwar in geiſtiger, materieller und ſo= 
zialer Beziehung. Ein trauriges ZufunftSbi:d. Wie 
namentlich das Zentrum, das doch eine echte und 
rechte Volfspartei ſein will, für eine ſolche Ent- 
wicklung ſich einſetzen kann, iſt ſchlechterd? ngs nicht zu 
begreifen. 
An dex Tatſache, daß die Seminarlehrpläne von 1901 
bis jeßi no< nicht wirkli zur Durchführung gelangen 
konnten, tragen jetzt nach den Ausführungen der Kon- 
ſervativen nicht die ungenügend vorgebildeten Seminaxr= 
lehrer, ſondern das in den deiten des Yehrermangels3 
in die Präparandenanſtaiten und Seminare aufgenom- 
mene und ungenügend vorgebildete Shülermate 
rial die Schuld. Als um. das Lehrerbeſoldungsgeſet 
gefämpft wurde, börte mans ganz anders. Damals cx- 
fFlärte Viiniſterialdirektor Dr. Schwartziopff gegen- 
über den von anderer Seite ausgeſprphenen Befürchtunz- 
gen, daß durc die unzureichende materielle Fürſorge für 
das Volksſ<hnlweſen die Qualität des Lehrerſtandes 
ſinfen müſſe, die Regierung verfüge Über ein Übergro»> 
ßes Angebot von „ausgezeichneten Kräften“, 
und es würden feine ſHwachen Leute :n die Seminare 
aufgenommen. Mit jol<en Erklärungen mag man ja 
dem großen Publikum und vielleicht auch den Abgeordne- 
ten iimpvpnieren; „die Lehrer wiſſen ganz. genau, daß 
die Urſache d:rx N'<tvur<führung der Leh lä» ſwr 
d:ce Seminare in "gleicher Weiſe auf der einen wie auf 
der andern Sritie zu ſüchen iſt. - 
Höchſt auffällig iſt das begeiſterte Loblie9 des Rez 
giexrn1ngsvertreters auf die kaum ins Leben getretenen 
Mittelit<hullcehrerpreſſen, von venen eigentlich 
noh niemand zu fagen imſtande iſt, wie der Haſe eigent= 
li<ß lanfen wird, während man über vie Bewährung 
oder Nichtbewährung der ſeit 15 Jahren in Berlin bHe= 
ſtehenden Seminarlehrerkurfſe abſolut nichts zu 
berichten weiß. Für den Kenner der amtlichen Sprache 
iſt das allerdings deutlich genug, ein Lied ohne Worte, 
ſchließend mit einer häßlichen Diſſonanz. Aber. pater 
peccavi zu fſaagcn fällt niemanden ſ<werer al5 ven Ver- 
tretern der ſtaatlichen Autorität, und durch Weiterla- 
vorieren auf einem als - völlig verfehlt zu bezeihenden 
Wege jucht man den Tag, an dem man ſic< doc< zu dem 
Beiſpiel der übrigen deutſchen Staaten wird befehren 
müßen, möglichſt hinauszuſchieben. Judes: „Aufgeſcho- 
ben iſt niht aufgehoben.“ Dieſer Spruch wird ſich au< 
hier als wahr erweiſen. 
fine Selbibiographie Seinrid Sharrelmanns, “ 
„Das Alter hört ſich gern, und wenn es auch nicht viel 
zu ſagen hat," ſagt Goethe in ſeinem „MasSkenzug“. 
Das iſt eine Wahrheit, die vielen Selbſtbiographien, die von 
ihren Autoren erſt im hohen Greiſenalter geſchrieben 
wurden, ihr Gepräge gibt. Mit einer Wichtigkeit und 
Umſtändlichkeit, die zu dem reellen Inhalte des Mitge- 
geteilten in gar keinem Verhältniſſe ſtehen, werden da oft 
die einfachſten und alltäglichſten Dinge behandelt, die 
ſchließlich im Leben des „einfachſten ' Menſchenkinde2s ſich, 
*) Heinrich Scharrelman n; Plaudereien über mein Leben und 
Scaffen. 
von Alfred Jansſen. Preis 20 P,ennig.. 
' Fſchütterlich ſein. 
 
KL. 89 32 S. Hamburg. und. Berlin 1913. Verlag 
Der Voiksſc<hullehrer. 70 
finden und in gleicher Weiſe ihre beſcheidene Roll“ 
ſpielen. 
Heinrich Sharx relmann, am 1. "Dezember 1871 
geboren und alſo erſt angehender Vierzi er, iſt dieſer Ge- 
fahr noc< nicht ausgeſeßt; und wenn er doch daran ge- 
dacht hat, ſo iſt das zu bedauern ; denn ſeine Selbſtbiographie 
iſt viel zu kurz geraten. In der Hatptſache iſt ſie dazu 
noh eine Inhalt38angabe und Reklame für ſeine Scriften. 
Das iſt nun an ſig nicht zu bedauern; denn wer 
Scharxrxrelmann no< nicht kennt, wird durch die bloße 
Lektüre dieſer Titel und Inhaltsverzeichniſſe ſ<on dazu ge- 
drängt werden, ſeine nähere Bekanntſchaft zu machen. Ein 
echter Pädagoge iſt und bleibt ex troß des abweichenden 
Urteils der „Bonzen“, die ihn aus dem Amte drängten. 
Ia, tro3 ihrer muß man ſagen: Wie wohl ſtände e8 um 
die Erziehung und den Unterricht der Jugend in unſerem 
lieben BVaterlande, wenn jeder preußiſche und deutſche 
BVolksſ<hullehrer =- die anderen Haben ſelbitverſtändlich 
unſeren. Wunſch nicht nötig und die „Bonzen“ erſt recht 
nicht =- vom Geiſte und der pädagogiſchen Kunſt eines 
Sc<harrelmann auß nuc .einen beſcheidenen Teil 
empfangen hätte. Er hat es verſtanden, dem zwar häufig 
belächelten, aber darum nicht weniger wahren Worte, daß 
der Erz'eher und Lehrer ein Künſtler ſein müſſe und in 
feinem Schaffen nur mit dieſem verglichen werden könne, 
Leben und Geſtalt zu geben. 
Sc<harrelmann hat nicht bloß viel zu ſagen, er 
fennt auch die Kunſt, den Weg zum Herzen der Leſer, der 
Großen wie der Kleinen, zu finden. Davon wird ſich 
jeder ſchon überzeugen, wenn er in dieſem leider ſo kleinen 
Büchlein die reizende Skizze: „Vom Steinwerfen“ oder das 
liebliche FamilienbildHen „Nach dem Abendeſſen“ lieſt. 
Auch kann er daraus lernen --- und das iſt für einen viel- 
geplagten Volksſchullehrer unſerer Tage etwas wert -- daß 
man ſich durch die Kleinigkeiten und Widerwärtigkeiten des 
| Alltag8“ nicht die "Stimmung verbittern und den Humor, 
die echte Pädagogenſonne, rauben laſſen ſoll, 
S Harrelmann iſt dem Jammer der Tretmühle ent- 
ronnen und .lebt ſeit 1912 als unabhängiger Scriftſteller 
in Blankeneſe bei Hamburg. Aber ſein Herz iſt bei der 
Jugend geblieben, und ihr gehört in der Hauptſache ſein 
weiteres literariſches Streben und Schaffen. Da iſt es für 
uns von beſonderem Intereſſe, S<harrelmanns8 An- 
ſichten Über die Jugendſchriftenkritik von heute kennen zu 
lernen. In dem Kapitel : „Wie ich für Die Jugend ſchreibe“, 
ſpricht er ſich darüber aus. 
Bor zwei Jahren gabs einen heftigen Streit. um die 
weſentlichen Vorausſegzungen und Erforderniſſe der Jugend- 
ſchrift z3zwiſMen den Hamburger Reformern und der 
„Ggreien Lehrervereinigung für Kunſtpflege“ in Berlin. 
Wir haben damals nicht gezögert, uns auf die Seite der 
leßtern zu ſtellen, mag die Vorherrſchaft der Hamburger 
gegenwärtig au< nod) ſo gewaltig und anſc<einend uner- 
' „Die reine äſthetiſch-literariſche Wertung 
der Jugendſchrift“, heißt es in einer Broſchüre der „Berliner 
Bereinigung“, muß den Forderungen der Pädagogik ent- 
ſprechend abgelöſt werden von einer pſychologiſchen Richtung, 
die vom Kinde ausgeht, ſeinen Geſ<hma>, ſeine Bedürfniſſe 
zu ergründen ſucht und nach Mitteln und Wegen forſcht, 
dieſe Keime eines literariſchen Geſchmades ZU pflegen und 
zu entwickeln." | 
Auf dieſem Standpunkte ſteht heute auß S<haxrel- 
mann. Ueber die Wandlung, die er durchgemacht hat, 
ſagt er: „Man wollte nur ſolche Bücher als Jugendſchriften 
gutheißen, die als Kunſtwerke in literariſchem Sinne erkannt 
worden waren. Dieſer Gedanke war mir zuerſt außer- 
ordentlic) ſympathiſ<, und um ſo angenehmer war es 
mir auc<, daß die deutjic<hen Prüfungs8ausſ<üſſe meine 
beiden Büchlein ſo warm empfahlen. -- Allmählich aber 
wandeiten fic meine Anſchauunzen. Durch ſorgfältigere 
Beobachtung in der Klaſſe erkannte ich, daß manches Buch
	        

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