Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

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den königlichen Aemtern „mit guten Subjektis aus dem 
Seminario“ zu verſorgen. Endlich werden Über die „Lehr- 
arbeit“ genaue Vorſchriften gegeben und die Frage der 
Inſpektion geordnet Der Geiſt des Ganzen iſt eine Miſchung 
von Aufklärung und PietiSmus, wobei der Einfluß Hecers 
in milder Form dominiert. 
Das allgemeine Landſchulreglement von 1763 war zu- 
nächſt für die proteſtantiſchen Schulen Preußens beſtimmt. 
Damit erachtete der König aber ſeine Arbeit nicht für voll- 
endet. Dem erſten ließ er zwei Jahre ſpäter ein zweites 
Reglement für die katholiſchen Schulen zunächſt in Scleſien 
und Glatz folgen. Um die Abfaſſung dieſer zweiten Schul- 
ordnung und um das Schulweſen in dieſen Landesteilen 
überhaupt mächte ſich neben Hecker der Abt Felbinger in Sagan 
beſonders verdient, In der lezten Schulordnung iſt beſonders 
bemerken3wert die Beſtimmung von ſe<s Sculen, in denen 
„nicht allein die Jugend vorzüglich gut unterrichtet, ſondern 
auch Erwachſene angeführt werden ſollen, wie ſie ſich beim 
Unterricht der Jugend weißlich verhalten können." In dieſen 
neuen Beſtimmungen tritt das rationaliſtiſc<e Clement 
mehr hervor, Die Lehrer werden angewieſen, den „Schülern 
vor allen Dingen den Grund anzugeben und daß auc< 
Lernende die angegebenen Gründe einſehen mögen, auf daß 
auc<4 deren Berſtand aufgekläret und geübei werde.“ 
Trotz aller Verordnungen und troß aller Fürſorge des 
Königs blieben aber immer zwei Hauptſchwierigkeiten beſtehen, 
das waren der Mangel an tüchtigen Lehrern und der 
Widerſtand der Gemeinden, insbeſondere der adeligen 
Grundherren, auf die man die Schullaſten abwälzte. Im 
Jahre 1758 ſc<on hatte der König beſtimmt, daß Schulmeiſter- 
und Küſterſtellen nicht zu den mit Invaliden zu beſezenden 
leinen Bedienungen gerechnet werden ſollten. Über noc< im 
Jahre 1781 ſchrieb der vortreffliche Kultusminiſter v. Zedlig: 
„Faſt muß i< auf die Aufnahme der Landſchulen ganz 
Serzicht tun; der König bleibt bei der Jdee, daß die In- 
validen zu Schulmeiſtern genommen werden. Er vermengt 
die Billigkeit verdiente Leute zu belohnen mit der Pflicht, 
brauchbare Menſc<en zu bilden.“ Auf der anderen Seite 
wollten die Adeligen von der angeſtrebten Emanzipation - 
der Lehrer vom Handwerk nichts wiſſen. Ihnen erſchien es 
im Zuſammenhang mit ihrer Ablehnung der Bauerneman- 
zipation vorteilhafter, wenn der Bauer unwiſſend und un- 
aufgeklärt blieb ; denn „man glaubt -- ſo ſchreibt ein Zeit- 
genoſje, -- je dümmer ein Untertan iſt, je weniger ſein 
Kopf durc< Erkenntnis der Wahrheit auspoliert wird, deſto 
eher wird er ſich alles. wie ein Vieh gefallen laſſen, man 
macht mit ihm, was man will. Schreiben aber muß der 
Bauer durchaus nicht können ; denn wenn der Bauer nicht 
ſchreiben kann und ohne des Edelmanns Wiſſen nicht ver- 
reifen darf, ſo bleibt die in unſerm Lande befindliche Bar- 
barei no<; am ſicherſten verborgen.“ 32 Jahre ſpäter leſen 
wir in einem Buche über die Mängel in der Verfaſſung 
des platten Landes: „Mancher Adelige verſpielt in einem 
Sitzen ſoviel, ſovon ſein darbender Schulhalter auf das 
ganze Jahr eine reichlihe Zulage erhalten könnte.“ Wie 
des Königs Wille vollzogen wurde, dafür iſt die Tatſache 
<Harakteriſtiſch, daß dem Stettiner Konſiſtorium [ſogar vom 
geiſtlichen Departement die Weiſung zuging, „die Schulver- 
beſſerung hauptſächlich auf den Straßen vorzunehmen, welche 
der König zu Revüen paſſiert, und beſonder8 in den 
Dörfern, wo Umſpann ſtattfindet, und im Umkpkreiſe von 
einer halben Meile davon.“ 
Wer das Verdienſt Friedrichs des Großen um das Scul- 
weſen ſeines Landes richtig würdigen will, muß ſich ein 
Bild machen von den Zuſtänden, die vor und zu ſeiner 
Zeit vornehmlich in den Landſchulen, aber auc<h in den 
Schulen mancher kleinen Städte herrſchten. Solche Bilder 
zeichnen die beiden mehrfach erwähnten Oberkonſiſtorialräte 
He>ker und Süßmil< neben vielen anderen Zeitgenoſſen mit 
lebhaften Farben. Eine große Reihe von anderen Berichten 
Der BVoliksſc<nllehrer. 
 
Nr. 51 
an den König und an Behörden bezeugen, daß in ihren 
Schilderungen nichts Übertrieben iſt. 
Die Lehrer, zumal in den Dorfſchulen, waren Hand- 
werker, vielfaeh Sc<hneider oder Schuſter, die auch während 
des Unterrichts ihr Handwerk betrieben. Von irgendwelcher 
Bildung, geſ<hweige denn von einer pädagogiſchen Fach- 
bildung, iſt bei keinem die Rede. In einem Berichte Hec>er3 
an ſeine vorgeſezte Behörde aus dem Jahre 1741 wird 
darüber geklagt, daß den Lehrern das nötige Geſchi> fehle; 
„denn die Erfahrung lehret, daß, wenn. ein Schneider, 
Schuſter, oder anderer Handwerksmann, nicht mehr imſtande 
iſt, das Seine zu verrichten, ſo wollen ſie Schulmeiſter werden", 
Hecker ſc<lägt deshalb vor „nur treue und tüchtige Leute zu 
nehmen, inö3beſondere Studierende der Theologie,“ denen 
dafür ein Vorzug bei der ſpäteren Anſtellung im Pfarramt 
zugeſichert werden müſſe. Aber ſelbſt unter dieſer Bedingung 
finden ſich dieſe Leute nicht in gehöriger Zahl bereit, weil 
ſie zu ſ<leHht bezahlt werden. 
- Die Sulfrage war damals, wie ſie es no< heute iſt, 
eine Geldfrage. He>er und Süßmilc<h, dieſe beiden Haupt- 
arbeiter für die gute Sache, wollen ſi< überhaupt nur noM zur 
Bearbeitung der Sculfrage herbeilaſſen, wenn „Hoffnung 
zum Geld und zur Freigebigkeit des Landesherrn iſt"; denn 
„mit etlichen Wiſpeln Roggen läßt fich in jedem Amte vieles, 
wo nicht alles ausführen“. Aber, wie die Dinge nun ein- 
mal liegen, kann man es den Lehrern nicht zumuten, ihr 
Lehramt gewiſſenhaft zu verwalten; denn „jezt verdient 
meiſtens der Hirte oder Ocßſenjunge mehr als der Lehrer“. 
Das wird denn auch durch einen Fall, der aus dem Hanno- 
verſchen berichtet wird, beſtätigt, wo ein Lehrer ſeinen Beruf 
aufgab und Kuhhirte wurde, weil er dadurc< zweimal mehr 
verdiente. Beſonder3 traurig muß es in dieſer Hinſicht in 
einem oſtpreußiſchen Kreiſe ausgeſehen haben, von dem 
erzählt wird, daß dort die Lehrer Überhaupt keine Gehälter 
bezogen und das Sculgeld der ſehr armen Bevölkerung 
außerordenilich ſpärlich einlaufe. In einem anderen Kreiſe 
betrug da3 Lehrereinfommen in einem Dorfe: Freie Wohnung 
in einem elenden Hauſe, welches zugleich der Schäfer bewohnt, 
notdürftig Holz, jährlich von jedem HauSvater, der ein Kind 
zur Schule ſhi>en muß, ein Brot und eine halbe Berliner Mete 
Erbſen, Grüße oder Hirſe, ſowie das einfommende Scul- 
geld; in anderen Dörfern: Wohnung, Holz, Weide und 
Heu für eine Kvh oder ein Sc<hwein, und das Schulgeld, 
Solche Leute, die nur etwas wüßten, inſonderheit gut 
ſchreiben könnten, wollten ſich mit den „armſeligen Land- 
ſchulen" nicht abgeben. „Aus tot" ſind des8halb allexrhand 
Hirten und Handwerker angenommen worden, Dieſe können 
ſelbſt wenig oder gar nicht ſchreiben und vermögen nod 
weniger die Jugend zu unterrichten. Daher bleibt die Jugend 
„zu ihrem eigenen Schaden und zum Nachteile des Staates 
dumm und unwiſſend“. | 
. Vielfach fanden auch die Beſtimmungen de38 Reglements 
bei der Bevölkerung direkten Widerſtand. So lief u. a. bei 
He>ker aus dem Magdeburgiſchen ein anonymes Schreiben 
ein, in dem von der Aufregung berichtet wird, welche das 
General-Sc<hulreglement auf dem Lande verurſacht hatte. 
Viele, denen die re<htliHe Ausführung am Herzen liegt, ſind 
„Märtyrer der Wahrheit" geworden und bei vielen Leuten 
„dat die vermehrte Bildung Unwillen erregt“. Selbſt die 
Magiſtrate der Städte machen allerlei Schwierigkeiten. Sie 
ſind, wie Süßmilc< ſeiner Behörde berichtet, „omnipotent"“. 
Wenn ein Konſul oder Senator einen elenden Sohn oder 
Vetter al8 Lehrer in Vorſchlag bringt, [ſo darf ſich keiner 
widerſetzen.“ Würde etwa der Prediger dagegen Einſpruch 
erheben, ſo würde er die ganze zahlreiche Betternſchaft der 
kleinen Stadt gegen ſich aufbringen.“ - 
In welchem Zuſtande ſi<ß unter ſol<hen Umſtänden die 
Schulen befanden, läßt ſich uvſchwer erraten. Aber auch 
dafür haben wir amtliches Beweismaterial in Menge zur 
Verfügung. Da wird in einem amtlichen Gutachten SüÜß- 
milch8 geſagt, es gäbe viele Dörfer, wo kaum einer zu
	        

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