Full text: Arbeiter-Jugend - 2.1910 (2)

 
Arbeiter-Jugend. 
«Feenr dnnnenenneeemmnnenrr emen mem; 
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- Die Zage. 
| Von Paul Barſch. 
ir hatten einen an Bord, einen gewiſſen Querfenzer -- oder 
ſo ähnlich =- von dem e5 hieß, daß er unter allen geſcheiten 
Y.T- Berlinern der geſcheiteſte ſei. Und wahrhaftig: Querfenzers 
- Klugheit kannte keine Grenzen! Einige von un3 konnten ihn nicht 
leiden; er war ihnen zu vorlaut, zu aufdringlich, zu unverdauli, 
zu Überſchnäuzig. Die Edleren jedoch ließen ſich durch ſolche Aeußerlich- 
keiten in der Bewunderung ſeines Geiſtes nicht ſtören, und ihnen galt 
er als ein Univerſalmenſc<, als ein fleiſchgewordenes Konverſations- 
lerifon. Er wußte jeden Fiſch, der aus den Fluten aufſchnelte, 
jogleich mit Namen zu nennen; er ſetzte uns gelehet auseinander, 
weShalb das Meerwaſſer ſmaragdgrün und nicht rubinrot leuchte; 
er ſpra< über die Beſchaffenheit der Sonnenſtrahlen mit einer ſo 
fabelhaft ſicheren Kun- 
digkeit, daß es mir 
gar nicht wunderbar exr- 
jchienen wäre, wenn er 
einen dicſer Strahlen auf- 
gefangen, in fünf LängS3- 
teile zerlegt und zu 
einem Zopfe verflochten 
hätte. Kamen wir in 
die Nähe der Küſte, ſo 
erflärte ex uns deren 
Geographie, nannte die 
Städte, die Ortſchaften, 
die Höhenzüge, die Berg- 
jpizen, und . geſchah“ es, 
daß einer von uns eben- 
fals zeigen - wollte, daß 
er beleſen ſei und ein 
gutes PBäckhen Wiſſen 
im Hirn angeſammelt 
habe, jo erhielt er von 
Querfenzer den dringen- 
den Rat, in Zukunft nur 
wiſſenſchaftliche Bücher zu 
leſen, die nicht von Eſeln 
geſchrieben worden ſeien. 
Er bewies un3 glaubhaft, 
daß der Nordpol längſt 
entdedt worden würe, 
wenn er ſelber ſich für 
'die Sache mehr inter- 
ejfiert hätte; er hielt uns 
über die Konſtruktion 
unſeres Schiffes einen 
jo gründlichen Vortrag, 
daß man hätte glauben 
können, er ſei, bevor er 
für ein Berliner Holz- 
geſchäft reiſte, Schiffs- 
ingenieur geweſen. Er 
konnte, ohne lange nach- 
zudenken, Auskunft geben, 
wo Neu - Braunſchweig 
liege, und ihm waren 
alle Merkmale bekannt, 
die den Finnwal vom 
ordinären Walfiſch unter=- 
jheiden. Einmal, als er “ : ono 
dabei war, uns mit empörenden Fehlern der deutſchen Strand- 
befeſtigung und mit den heimlichen Angriff8splänen der Engländer 
vertraut zu machen, unterbrach) ihn ein oller Hamburger Philiſter, der 
übers Waſſer zu ſeiner Tochter fuhr, mit der Frage, was einc Zage ſei. 
„Wat für'n Ding?“ fragte Herr Querfenzer ärgerlich. ES gefiel 
ihm nämlich nicht, wenn er in ſeinen Vorträgen durc< Fragen unter- 
brochen wurde. Und am meiſten verdroſſen ihn dumme Fragen. 
„Ob ſie mir ſagen können, wa38 eine Zage iſt?“ fragte der 
Hamburger nochmals in ſeiner ſchwerfälligen Art. 
„Eine Zage? Wie kommen Sie zu dieſer Frage?“ herrſchte Herr 
Querfenzer den einfältig ausſehenden Alten an. 
„Nehmen Sie's nur nicht für ungut, lieber Herr, daß ich Sie 
geſtört habe!“ entſchuldigte ſich der Alte. „J< habe eben einmal 
von einer Zage geleſen, und das geht mir ſeitdem immer im Kopfe 
herum, und da Sie eben alles und alle3 wiſſen, darht' ich in meinem 
dummen Verſtande, daß i< Sie einmal fragen könnte.“ 
Herr Querfenzer ließ ſi herbei, die Frage zu prüfen. 
 
Fauſttämpfer. 
„hin. 
- fuhr der Alte fort. 
 
Im Vatikaniſchen Muſeum in Rom, 
= <== > . -<<=z 
„Einen Augenblik nur! J<4 weiß ſchon, was Sie meinen 
und ich will's Jhnen gleich ſagen!“ . 
„Es muß ſo etwas von der Muſif ſein, und ſo ein Jnſtrument- 
„So bei den alten Juden . . .“ 
„Janz recht, janz recht!“ unterbrach ihn Herr Querfenzer leh- 
haft. „Richtig erraten! Eine Zage is'n altjüdiſches Muſikinſtrument! 
Das hätt' if Ihnen ſofort ſagen können; wenn Sie deutlich gefragt 
hätten. Sie nehmen's ja nicht übel, wenn ik Ihnen ſage, daß Sie 
ein bißc<en undeutlich ſprecen! So'n bißchen Dialekt! Die Inden 
n„nZage =--Zage = Zage =?“ -ſprac<h er, nachſinnend, für ſich 
, 
im Altertum hatten Zagen, und in der Berliner Synagoge findet 
man noch heute jo'n Ding.“ 
Der wißbegierige Hamburger wollte wiſſen, ob es ein Inſtru- 
ment zum Blaſen oder zum Geigen ſei, und Herr Querfenzer teilte 
ihm und un3 mit, daß es jich um ein Streichinſtrument handelte. 
„Es iſt ein Mittelding 
zwiſchen Cello und Geige, 
do<; ganz anders qgc- 
formt!“ belehrte er uns. 
„Die Form ähnelt der 
Harfe, oben ſchmal, unten 
breit. Sehn Sie fo, 
meine Herrſchaften!“ Und 
ſichon hatte Herr Quer- 
fonzer Bleiſtift und Notiz- 
bud) zur Hand, und ſchon 
ſfizzierte er eine Zage. 
Welch ein Menſch! 
Sah man jentals ſolche 
Golehrſamkeit! Ein (6e- 
nie! Und da ſollte man 
nicht bewundern, nicht 
laut preiſen? Herr Quor- 
fenzer wußte ſogar, daß 
die Zage aus Zedent- 
holz, mit Einſätzen von 
Dlivenholz gebaut ſei, 
und er wußte von vbe- 
rühmten BZagenbauern 
aus Jeruſalem und Da- 
mastkus zu erzählen. Cr 
unterrichtete uns Über die 
eigenartigen Tonſchwin- 
gungen der Zage, redete 
von altjüdiſchen Bokal- 
fonzerten und von den 
feſtlichen Anläſſen, bei 
denen die Zage zur be- 
ſonderen Geltung Faim, 
und fragte ſchließlich den 
Hamburger Spießer, ob 
das alles übereinſtime 
mit dem, was über die 
Zage im Buche ac- 
ſtanden habe. 
Da wiegte der graue 
Hanſeate langſam ſein 
Haupt und erwiderte 
trodenen Tone8: „Das 
Buch iſt die Bibel. Da 
heißt eine Stelle: „Die 
Joraeliten kamen mit 
. ix Zittern und Zagen.“ Was 
Zithern ſind, weiß ich =- da hatten wir neulich ein Zitherkonzert, 
aber daß Zagen Streichinſtrumente ſind, hab' ich jetzt erſt von 
Ihnen erfahren. Und ich dank' Ihnen auch rec<ht ſchön!“ 
Sprach's und ging ſeiner Wege. Zum erſten Male fand Herr 
Querfenzer keine Worte. Zu arg war er verblüfft. Und als er 
ſoeben im Begriff. war, eine weitere Erklärung über die Zage aV- 
zugeben, unterbrach ihn ein wildes Gelächter, das ſich ſturmſc<nell 
über vas ganze De> verbreitete und durch alle Schiffsräume fort- 
pflanzte. So lacht die Bo38heit, wenn ſie ſchadenfroh iſt. Grimmig 
und beſchämt entfloh Herr Querfenzer vor dieſem Lachen in die 
Einſamkeit ſeiner Kabine, indes der Hamburger als der Held des 
Tages gefeiert wurde. 
Seit jenem verhängnisvollen Tage ſezten wir die Fahrt in 
blinder Unwiſſenheit fort, denn der Berliner Univerſalgelehrte hielt 
e8 unter ſeiner Würde, uns auch fürderhin durc< gelehrte Aus- 
einanderſegungen die Nebel zu verſcheuchen, die den klaren Blick 
unſerer geiſtigen Augen trübten. Weil wir mitgelacht hatten! | 
 
 
 
 
 
" Verantwortlich für die Redaktion: Karl Korn. = Verlag: Fr. Ebert (Zentralſtelle für die arbeitende Jugend Dentſchtands). =“ Druck: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlag3- 
. anſtalt Paul Singor & Co. Sämtlich in Berlin, , - -
	        

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