Full text: Arbeiter-Jugend - 4.1912 (4)

 
 
 
 
KESTEN TERER BE Zerres 
| Berlin, 
 
Erſcheint alle 14 Tage, 
Preis der Einzel - Nummer 10 Pfennig, 
Abonnement vierteljährlich 50 Pfennig. 
Eingetragen in die Poſt-Zeitungsliſte 
Nr. 23 
9, November 
 
 
 
Expedition: Buchhandl.ing Voör.värts, Paal 
Singer G. m. b. H., Lide. ſtr 1iße 53. Alle Z 1» 1 91 ? 
'Driſffen für die Nedaktion ſind zu richtet 
 
an Karl Korn, Lindenſtraße 3, Berlin SW. 53 
 
 
Geburkskag. 
Heil un3! 
Heute morgen gegen drei Viertel auf Elfen, 
Ginem längſt gefühlten Bedürfnis abzuhelfen, 
Jt dem Volke ein Prinz geboren! 
2 ungen38, ihr müßt einen reinen Kragen umbinden und euch 
* fein machen, innerlich wie äußerlich. Wenn's auch ſchwer 
2 fällt, aber die Pflicht ruft und die Stunde will's: wir müſſen 
gratulieren. Da3 Geburts8tag8kind kennt ihr ja alle. Jeden- 
jals ijt's nicht feine Schuld, wenn es der oder jener von euch 
nicht fennt, denn vernehmlich hat es ſich genügend gemacht in 
dem Jahr, ſeitdem e3 unter der Sonne ſtrampelt, und die Düfte, 
»ie aus jeinen Windeln aufſtiegen, waren auch nicht gerade von 
Wieyrrben und Spezereien. Jhr wißt, wen ich meine? Na natür- 
ic), wenn man ſo deutlich auf den größten Spektakelmacher in 
ven deutſchen Gauen anſpielt, dann iſt's kein Wunder, wenn 
ieder gleich ruft: Aha, Jungdeutſc<hland! 
Aber ein Wunder iſt's, daß das angenehme Geburtstags8- 
ind erſt ein Jahr zählt. Beſieht man ſich den fürchterlichen 
vradau, den e3 in dem kurzen Zeitraum feines Erdenwallen8 ver- 
übt hat, dann möchte man ihm getroſt ein Dutzend Jährlein und 
jo<M mehr auf die Torte ſ<hreiben. Indeſſen, der Geburt8ſchein 
weiß es beſſer: am 13. November 1912 jährt ſich's in der Tat 
zum erſten Wale, daß Jungdeutſchland auf die Welt kam. 
Jhr erinnert euch, daß da38 eine feierliche Geſchichte war. 
Iobe und allerhöchſte Herrſchaften im Trad und in Galauniform 
itanden an der Wiege. Germania ſelber, die Göttin in der Silber- 
5runne mit der Nibelungenfrone, hob den Jeugeborenen aus 
ven Kiſſen. Zum mindeſten verkündete e8 ſo dem Volke die 
Wehmutter, die die Göttin vertrat, und auch dieſe Wehmutter 
var Ja nicht von geringem Rang, war eine ordensgeſichmücte 
Sxzellenz, der türkiſche Paſcha und preußiſche Generalfeldmarichall 
Sreiberr von der Golz. Bei ſolhem Empfang und inmitten 
üieſer noblen Ratenſchaft war e3 denn auc< nur in der Ordnung, 
aß der Säugling munter in die Welt krähte. 
Und or fräht noch heute. Aber unſere Ohren haben jich an 
ven gellenden Lärm nachgerade ſo gewöhnt, daß wir durch all den 
Speftafel und den Barnumdunſt hindurch, in dem der Balg ſein 
Weſen treibt, deutlich das Fingerſpiel und Getuſchel der Vieder- 
näanner wahrnehmen, die ihm die Stecknadeln in die Windeln 
“ohren und ihn Lunge und Glieder verrenken laſſen. Nun, bitte, 
zinen Augenbli> ernſt! 
Der Jungdeutſ<hlandbund wurde am 13. November 1911 in8 
Seben gerufen, aber er hat doch eine längere Vorgeſchichte. Sein 
Sründer, eben der Generalfeldmarſchall von der Golß, rühmt ſich, 
'Hon vor Jahrzehnten die „Ideen“ de8 Bunde3 in Wort und 
Schrift vertreten zu haben. Aber dieſe Ideen waren auch in 
iyrem erſten Keime nicht dem Geiſte des Freiherrn von der Golß 
entjproſſen. Er ſelbſt erzählt, in ſeiner Propagandaſchrift „FUng- 
veutſchland“ (Berlin 1911), daß ihn die Jugendbataillone, durch 
die Frankreich in den ſiebziger und achtziger Jahren des vorigen 
3ahrhundert38 den Revanchekrieg vorbereitete, auf den Gedanken 
zebra<t hätten, auch in Deutſchland müſſe eine militäriſche 
Fugenderziehung großen Stils in Angriff genommen werden. 
Jeider ſei er damal3 mit ſeinen Anregungen an der Verſtändni3- 
ojigfeit der militäriſchen und ſtaat8smänniſchen Bureaukratie ab- 
jeprallt. Aufs neue ſei ihm die Wichtigkeit ſeines Vorhaben3 
u Gemüte geführt worden, al38 die Engländer nach dem Buren- 
Liege die Drganiſation ihrer boy 8couts (wörtlich: Knavben- 
 
Spione) gründeten. Aber auch die8mal hatte Herr von der Golß 
Pech. Jenes engliſche Spionenſpiel iſt längſt von anderer Seite 
in Deutſchland eingeſchleppt worden und grajſiert hierzulande 
befanntlich al8 Pfadfinderbewegung. Man kann überhaupt jagen, 
daß Herr von der Golt, als er endlich an jenem glorreichen drei- 
zehnten November 1911 die Jreude erlebte, feine Gedanfen ver- 
wirklicht zu ſehen, einen ausgewachſenen Poſttag zu ſpät kam. 
Seit Jahren wimmelt es ja bei uns von Gründungen in Turn- und 
Wanderſport und Körperpflege jeder Art. Wir baben die oben- 
genannte Pfadfinderbewegung, fogar mit weiblichen Filialen, die 
Wandervögel, gleichfal8 beiderlei Geſchle<t8, die Volkfs- und 
Tugendſpielausſchüſſe des Abgeordneten v. Schendendorff: wir 
haben die unzähligen jelbſtändigen Vereine, die die Leibe3- 
übungen pflegen, und die Jugendabteilungen noh viel zahl- 
reicherer anderer Vereine, die demielben Zwecke dienen. Daß 
„wir“ jie haben, ſtimmt eigentlich nicht: die bürgerliche Jugend 
bat ſie, denn die Arbeiterjugend müht ſich in der Werktiätte und 
in der Fabrik um3 tägliche Brot, während ibre Alter3genoſſen 
aus der glücflicheren beſitenden Klatie Feld und Wald durch- 
ſtreifen und ihre jungen Glieder in Licht und Sonne tummeln. 
Vor allem aber war der Generalfeldmarichall von der Golt 
an jenem Gründungs8tage vor einem Jahr ſchon iniofern von 
vornherein in3 Hintertreffen verwieſen, al3 die ſtaatliche IJugend= 
pflege in ihrem Programm zur [ſogenannten förperlichen Er- 
tüchtigung der Jugend ſeinen Gedanfen läangit auf breiteijter 
Grundlage auSsgeſtaltet und verwirklicht hatte. 
Sogar in ſeiner Spezialidee, der Kriegsſpielerei, war der 
Organiſator der Niederlagen des Türfenvolk38 vor cinem Jahre 
durchaus nicht mehr der erjte am Plate. Veit hölzernen Sädbeln 
tobten damals iIchon die evangeliſchen Jünglinge herum, und in 
Süddeutſchland hatten bayeriſche Offiziere auf eigene Fauſt die 
Wehrkfraftbewegung in38 Leben gerufen, in allen Cinzelheiten der 
Aufmachung und Ausſtaffierung ein „Jungbayern“ lange vor 
Jungadceutſchland. 
Aber = man muß e3 ihm laſſen -- Jungdeutih<land forht 
ſich nit und gebrauchte kräftig die Ellbogen gegenüber der Kon- 
kurrenzg. Da3 kam, es hatte ho<hmögende Gönner. Kommerzien- 
räte und Bankdirektoren und Großinduſtrielle verſahen e3 mit 
dem notigen Kleingeld, ſeine Hüter waren Majore und Oberſten 
und Generale. Der preußiſche Kriegö3miniſter ſtellte mit frei- 
gebiger Gebärde dem jüngſten Germaniaſproß da8 ganze Militär- 
ſpielzeug de8 Staate38 zur Verfügung. Will IJungdeutſchland 
wandern, ſo öffnen ſich ihm die Kaſernen als Abſteigequartiere; 
auch die Iufulliſchen Mahlzeiten des deutichen Soldaten werden 
ihm dargeboten, falls er die bis auf den Bruchteil eines Pfennigs 
berechneten Selbſtfoſten bezahlt. Aber nicht nur logiert und ge- 
ſpeiſt, auch gefleidet und beſc<huht wird IJungdeutichland vom 
VBaten Kriegö3miniſter: die Gefängniſſe, im denen alte Soldaten- 
monturen und Stiefel und Fußlappen aufgearbeitet werden, 
haben die Weiſung, ihre Kunſterzeugniſſe auch an Jungdeutſch- 
land abzugeben, wenn e38 danach Gelüſte tragen ſollte. Man ſicht, 
der Burſch iſt zu beneiden. Ob er freilich die guten Abſichten des 
lieben Paten zu ſchäßen weiß, bezweifeln wir. Un8 wenigſtens 
iſt bis jekt ein ſolher Jungdeutſchlandbündler, alfo etwa ein 
14--16jähriger Junge, der im alten Soldatenro> und in au2- 
getretenen Kommißſtiefeln ins Feld zieht, noch nicht über den 
Weg gelaufen. 
„3m übrigen ſchre&en ja die Mannen des Generalfeldmarſ<all3 
von der Goltz nicht vor den herzhafteſten Attacken auf die Lach- 
mustkeln der Zeitgenoſſen zurück, Jreilich, das wiſſen ſie, in 
 
 

	        

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