Full text: Arbeiter-Jugend - 5.1913 (5)

 
  
| Erſcheint alle 14 Tage, 
Preis der Einzel- Nummer 169 Pfennig. 
Nr. 24 | 
 
Abonnement viertetjährlich 50 Pfennig. 
Eingetragen in die Poſt « Zeitungsliite 
Sozialismus und Bolkswohl. 
DIW i1 haben geſehen*), daß die heutige Geſellichaft zahlloſe Ar- 
vy W beitsfräfte lange Zeit brachlicgen läßt, andere an jinn- 
loſer Weiſe verſchwendet, ſtatt ſic zum Wohle der Ge- 
ſamtheit zu verwenden. Der KapitaliSmus treibt aber auch nod 
in anderer Beziehung Raubbau mit Menſchenkraft und Menſchen- 
loben. - 
Wir wiſſen, daß heute mtr in ſehr beſchränktem Maße Die 
Fähigkeiten eine38 Menſc<en darüber entſcheiden, im welchem Beruf 
er tätig iſt; beſtimmend ſind vielmehr Abſtammung, Vermögen 
und ſoziales Herkfommen. Ein Arbeiterkind mag noch 19 begabt 
fein: der Zugang zu einem Beruf, der höhere geiſtige Arbeit er- 
fordert, iſt ihm in der Negeol verſchloſſen, während umgekehrt 
der Sprößling einer Offizier3- oder Beamtenfamilie den „ſtande3- 
gemäßen“ Beruf eines Offiziers oder Beamten ergreifen muß, 
auc< wenn er weder die Fähigkeiten noch die Neigung dazu beſikt. 
Dadurch erleidet aber die Geſellſ<aft gewaltige Verluſte. So 
mancher, der heute mit geiſttötender niedriger Arbeit ſeim Leben 
verbringen muß, wäre imſtande, Hervorragendes zu leiſten, wenn 
er an den richtigen Plaß geſtellt würde, während andererſeits 
großer Schaden für die Allgemeinheit dadur< entſteht, daß viele 
infolge ihrer Herkunft oder ihres Vermögens an wichtige Poſien 
kommen, die ſie nicht ausfüllen können. Wie fehr wird nicht aud 
die Arbeitsluſt und damit die Leiſtungsfähigkeit zahlreicher Men- 
ſchen dadurc< vermindert, daß ſie eine Arbeit leiſten müſſen, die 
ihren Neigungen nicht entſpricht und an der ſie deShalb keine 
Freude haben! In einer ſozialiſtiſchen Geſellſchaft werden Her- 
funft und Vermögen bei der Berufswahl keine Rolle mehr ſpielen 
können, und die Koſten der Berufsausbildung werden ſelbſtver- 
ſtändlich von der Allgemeinheit getragen werden. DeShalb wird 
es in einem viel höheren Grade als heute möglich ſein, die Tätig- 
feit der Menſchen mit ihren Begabungen und Neigungen in Ein- 
klang zu bringen. Da38 aber wird ſicher dazu beitragen, die menſch- 
liche Arbeit fruchtbarer zu machen und die Menge der der Geſell- 
ſchaft zur Verfügung ſtehenden Güter zu vermehren. 
In der kapitaliſtiſchen Geſellſchaft ſinken Millionen von. Men- 
ichen frühzeitig ins Grab, weil der Kapitalizmus auf der Jagd 
nac< Profit nicht nach Leben und Geſundheit der Menſchen fragt. 
Dem einzelnen Unternehmer kommt e3 nicht darauf an, wie lange 
die Arbeiter, die er beſhäftigt, arbeitsfähig ſind. Er braucht ſie 
ia nur ſolange zu bezahlen, wie ſie arbeiten. Wird ein Arbei- 
tor unbrauchbar: nun, es ſind ja neue, friſche Arbeitsfräfte genug 
da. Ein älterer Arbeiter bekommt gar nicht oder nur ſchwer Ar- 
beit, weil er nicht mehr ſo leiſtungsfähig iſt wie ein junger. Häufig 
aud) läßt man e8, um Geld zu ſparen, an den Vorſichtömaßregeln 
fehlen, die notwendig wären, um die Arbeiter vor Unfall und Er- 
krankung zu ſhüßen. So verlieren jahraus jahrein Tauſende ihre 
geſunden Glieder; zahlreichen Arbeitern wird durc ſcharfen Staub 
die Lunge beſchädigt oder durch giftige Dünſte allmählich die Ge- 
fundheit untergraben. Weil die Beſißer des Grund und Boden3 
aus einem Grundſtü> möglichſt viel Geld berauswirtſchaften 
wollen, müſſen die Proletarier oft in elenden Wohnungen haujen, 
in Löchern ohne Licht und Luft, deren Bewohner ſich den Koim zu 
ſchwerer, tödlicher Krankheit holen. Zahlreichen Proletariern iſt cs 
nicht möglich, ihre Kinder ausreichend zu pflegen und zu ernähren. 
Viele Kinder ſinken infolge der Armut ihrer Eltorn frühzeitig ins 
Grab. Bekannt iſt ja, wie ungeheuer groß die Säuglingsſterb- 
*) Vergleiche die Leitartikel in Nr. 16, 17 und 23. 
 
 
  
 
"Berlin, 22. November 
 
 
| Expedition: Bußhandlung Vorwärts, Paul 
| Singer G.m.b.H., Lindenſtraße 69. Alle Zu- 
| ſ<riften für die Redaktion ſind zu richten 
| an Kart Korn, Lindenſtraße 3, Berlin SW. 63 
01 
Llichfeit im Proletariat ift. Andere haben ihr Leden lang daran 
zu tragen, daß es ihnen in der Zoit der Entwickelung an geni 
gender nahrhafter Koſt gefehlt hat. Wie verderblich mütien nicht 
auch auf die Geſundheit und Lebensfraft des Proletaricrs die Zei- 
ten der Arbeitsloſngkeit wirfen, wo er nicht nur von ſc<weren Sor- 
gen geblagt wird, Jfondern auch haufig Mangel am YNotwenvigiien 
leiden muß! Sv iſt der Arbeiter oft ichon in einem Alter zermürbt 
und verbrandct, im dem die Angebörigen der betizenden Klaien 
no<h in der Blüte ihrer Kraft ſtehen. Ein vierziqiähriger Beamter 
oder Fabrifant ijt noc< ein junger Mann, der den wichtiaiten Toil 
feines Lebens vor fich hat; ein vierzigjähriger Arbeiter int oft 
naßezu eim Gr63, den fein Unternehmer mehr beichäftigen will. 
Die Lebens3- und Arbeitsfraft der UngehIrigen dor grozen Mail 
iſt frübzeitig abgenüßt. 
So gleichgültig es mun im allgemeinen für einen Untern29- 
mer 1]t, wie lange feine Arbeiter geſund und arboeitzfähig bleiben, 
ein um 19 ſchwererer Verluit iſt es für die Allgemeinheit, daß ſo 
viele Menichen frühzeitig arbeitsunfähig werden und vorhäulini3- 
maßBig jung ſterben. Zur Erziehung und Heranbildung eines 
Menſchen muß ja viel Mühe und Arbeit aufgewendet werden! Dice 
Aufwendungen machen ſich um ſo beſſer bezahlt, je länger ein 
Venſc< geſund und arbeitsfähig bleibt. Durch die frühzeitige 
Zerſtörung der Arboits5traft der Proletarier wird die Zahl der 
erwachſenen, arbeit8fähigen Glieder der Geſellichaft vermindert, 
die die Mittel für die Crnäbrung und Erziehung der Kinder auf- 
zubringen baben. Die Laſten der Übrigen werden dadurd) ver- 
größert. Allerdings trägt heute die Allgemeinheit nur zum klei- 
nen Teil in Geſtalt von Armenunterſtüßung den Schaden; zum 
größten Teil aber find die Leidtragenden die Frauen der Arbeiter, 
die ſich oft elend abrackern müſſen, um für ſich und ihre Kinder 
Brot zu ſchaffen, oder gar die Kinder ſelbſt, die ſcon im frühen 
Alter zum Ruin ihrer geiſtigen und körperlichen Geſundhoit den 
-- 
' Kampf ums tägliche Brot aufnehmen müſſen. 
Die Leitung von Staat und Gemeinden iſt faſt überall in 
den Händen der beſißenden Klaſſen, die für Leben und Geſund 
beit der Volk8maſſen nur geringes Intereſſe haben, und denen 
zum Teil fehr viel daran liegt, daß fie auf die Volfsgeſundheit 
keinerlei Rückfichten zu nehmen brauchen. Daher iſt es koin 
Wunder, daß Staat und Gemeinde meitt für Leben und Geſund- 
beit der Volk3maſſen nicht das tun, was ſie tun könnien. Sie 
unterlaſſen e8, dur& Gaoſeßgebung und Verwaltung dor kapita- 
liſtiſchen AusSbeutung die notwendigen Schranken zu ijezen. Zhre 
eigenen Einrichtungen entſprechen oft nicht den Anforderungen 
der Geſundheit3pflege =- man denke an die häufig überfüllten und 
unzureichenden Schulen. Oft fehlt es an Krankenhäuſern, Spiel 
pläßen und öffentlihen Bädern. Dazu kommt noch, daß viele 
Staaten, wie 3. B. auch Deutſchland, den Volksmaſſen durch Zölle 
und Steuern die Nahrungömittel verteuern und es ihnen fo 1Un- 
möglich machen, fich ausSreichend zu ernähren. | 
In der ſozialiſtiſchen Geſelichaft wird kein Raubbau 
mit menſ<licher Kraft und Geſundheit getrieben worden. Wie 
man die Güterherſtellung und Güterverteilung planmäßig organi- 
ſieren wird, ſo wird man auch alles tun, um die Leben38- und Ar- 
beit8kraft der Glieder der Geſellſchaft möglichſt lange zu erhalten. 
E3 wird keine überlangen Arbeit3z3eiten mehr geben, und man wird 
bei der Arbeit jede denkbare Schußmaßregel anwenden. Ycht 
mehr wird ein großer Teil der Menſchheit in elenden finſteren 
ZSöhlen hauſen müſſen. Hat doch die Allgemeinheit ein dringendes 
Intereſſe daran, daß jedes ihrer Glieder möglichſt lange kräftig 
und geſund bleibt. Je größer dic Zahl der arbeitsfähigen Glie-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.