Full text: Arbeiter-Jugend - 5.1913 (5)

Arbeiter - Jugend 
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Da nehme ſic eine Gruppe von Kollegen oder Freunden ſol< 
ein empfohlenes Buch vor, leſe gemeinſam, und wenn bei einer 
Stelle die Meinungen geteilt ſind, wird ſich gewiß eine anregende 
Ausjprache ergeben. So unterhält man ſich und lernt gleichzeitig 
dabei. Jſt bei dieſem Leſen ein etwas8 älterer Freund dabei, der 
ſchon über ein wenig mehr Wiſſen al38 wir verfügt, ſo wird es8 
nur von Vorteil ſein; er kann dann in Zweifelsfällen zur Klärung 
beitragen oder auch hier und da auf verborgene Schwierigkeiten 
hinweiſen. 
Yacht immer jedoDH wird man zu gemeinjamer Lektüre auf- 
gelegt fein. Gelegentlich wird ſich ein Verlangen nach leichterer, 
unterhaltender Literatur geltend machen. Hier jind wir nun 
feineSweg3 genvbtigt, zu dem faden Zeiig zu greifen, das die 
Bücherfabrifen heutzutage in Maſſen heraus8bringen. Wir 
brauchen uns auch nicht auf geiſtloſe Couplets einzulajjen, wenn 
wir dem Humor ſein Recht geben wollen. Stoff in reichem Maße 
bieten un3 nach jeder Richtung die deutſchen Klaſſiker wie auch 
unfere modernen Schriftſteller, ganz galeich, was wir ſuchen: 
Dramatiſche3, Gedichte oder Erzählungen ernſteren wie heiteren 
Charakter3. . 
Ganz beſonder3 zu empfehlen iſt das Leſen von Schauſpielen 
mit verteilten Rollen. Lernen wir hier zunächſt von dem Sioff, 
den der Dichter behandelt, ſo iſt ein weiterer großer Vorteil das 
Ueben der richtigen Ausſpracße. Im Anfang wird e3 freilich bei 
manchem etwas hapern: da wird vielleicht jemand den Tell im 
Berliner Dialekt reden laſſen uſw. Aber Über ſolche Schönheit3- 
fehler fommen wir bei gutem Willen bald hinweg. Hat man ſich im 
richtigen Vorleſen geübt, jo wird e3 auch leichter, ſeinen eigenen 
Gedanken klaren Au3druc> zu verleihen. Wie notwendig dies 
gerade für uns iſt, wird jeder wiſſen, der im Verein3- und Cxr- 
werb8leben ſteht. Offenbart jemand bei diejen Uebungen ein be- 
ſondere3 Talent, ſo kann dieſes ſehr wohl auch der Geſamtheit zU- 
gute Ffommen, indem in geeignete Veranſtaltungen Rezitationen 
eingeflochten werden, die, aus den eigenen Reihen dargeboten, 
immer großes Intereſſe erregen. 
Auf mannigfache Art und Weiſe kann alſo die freie Zeit 
au8genußt werden und no< dazu mit den beſcheidenſten Veitteln. 
Niemand iſt darauf angewieſen, ſic; von geſ<äftstüchtigen Unter- 
nehmern Unterhaltung zu kaufen, um [9 die Zeit totzuſchlagen, 
denn weiter bedeuten die eingang3 erwähnten „Zerſtreuungen“ 
nic<ht3! Wir müſſen e38 uns auch unter den heutigen ſchwierigen 
Verhältniſſen ſtändig angelegen ſein laſſen, unſerem Daſein einen 
immer höheren, edleren Inhalt zu geben, und dazu iſi keine 
Stunde zu gering. M. 
> 
Das Evangelium im Erzgebirge. 
Eine Weihnac<ht3erinnerung von Ric<ard Perner. 
d= ommt mit hinauf in eins der langgeſtreckten, dichtbewohnten 
F-& Täler des Erzgebirges, wo deutſche Weihnacht3poeſie und 
DV deoutſ<e Elend3induſtrie zu Hauſe ſind! Die Hütten, die 
den Berghang ſäumen, ſind armer Weber und Strumpfwirker 
einziges Eigentum. Das Land ring3um, die Wälder auf den 
Höhen, ſind fürſtlicher Beſit. WaS3 auf den Feldern wächſt, gehört 
den Bauern. | 
E83 gab eine Zeit, wo auch die Leute in den Hütten e3 ſich 
wohl bei ihrer Arbeit ſein ließen. Die Web- und Wirkſtühle 
Flapperten den ganzen Tag, ſc<nurrend lief das Garn über die 
Spulräder, die von Frauen und Kindern fleißig gedreht wurden, 
und an den Liefertagen wanderten die Männer, mit fertigen 
Warenballen ſchwer bepackt, zur Stadt, um Geld und neue3 Garn 
für ihre Arbeit einzutauſchen. 
Die Weber kamen oft zuſammen. Beim Aufbäumen der 
Rette half einer dem anderen. Zur Frübſtü>3- und Veſperzeit 
trafen fie ſich im Sommer draußen auf den Feldrainen. zum 
Winzer ſaßen ſie ſo manche Feierabendſtunde beiſammen in den 
Stuben, ſangen und ſc<erzten oder erzählten ſich von den Zeiten 
der ſchweren Not, wo da8 Brot ſo teuer geweſen war, daß es 
niemand mehr erſchwingen fonnte; ivo die Menſchen vor Hunger 
Franf wurden und maſſenhaft an der Ruhr ſtarben; wo zulekßt, 
al3 e8 ſc<on überall im Lande zu rumoren begann, die Dbrig= 
feit auf den Rat8- und Gemeindebäuſern ſ<warze Suppen ver- 
teilen ließ, aber den Sturm damit nicht mehr beſchwichtigen 
konnte: wo das Schloß des Fürſten eine3 Taac3s im Frühjahr in 
Flammen aufging, und die Männer ſich an allen Orten zuſammeli- 
rotteten, um nach der Hauptſtadt zu ziehen und dort mit auf 
den Barrikaden zu kämpfen. Von den Alten, die damals dabei 
geweſen waren, hielt mancher noch heimlich in einem Winkel 
ſeine8 Sauſe3 die Pike verborgen, die er bei dem Auſſtand ge- 
 
tragen hatie. Sie konnten je8t no< fuch38wild werden, wenn 
einer fie hänfeln wollte, weil ſie fo fic<nell wieder umgekehrt waren, 
als aus ver Hauptſtadt die Nachricht gefommen war, daß vas 
Volk den Kampf verloren hatte. 
Wenn Weihnachten vor der Tür ſtand, blicb jeder am Feier- 
abend daheim. E83 begann dann ein emjigs3 Sc<hnißen und 
Baſteln, Leimen und Bauen. In jedem Hauſe ward ein Weih- 
nacht3garten aufgebaut mii ſchroffen Felſen aus knorriger Baum- 
rinde, mit grünen Wieſen aus Waldimoo8, mit Schlöfſern, Muüh- 
len und Schäferhütten aus Rappe. Mitten darin ſtand eine 
Pyramide, die ſich durc< Flügel bewegte, ſobald die Lichter dvar- 
unter brannten. Im unterſten Sto> der Pyramide gingen die 
Hirten von Bethlehem und die Weiſen aus dem Meorgenlande . 
hurtig im Kreiſe um Joſeph und Maria, die mit dem Kind in 
der Krippe auf ihrem feiten Pla im Hintergrund der Grotte 
verharrten. Im zweiten Sto> fah man die Eltern de8 Chrijt- 
kind3 mit dem Cel auf der Flucht naß Aegypten, verfolgt von 
römiſchen Kriegsknechten, die ihnen imimer dicht auf den zFerien 
waren und jie doch nicht erreichen konnten. In den oberen 
Sto>werken aber wanderten Maurer und Zimmerleute mit 
Aexten und Beilen auf den Schultern zur Arbeit, oder ein Jäger 
eilte mit jeinem Sunde jpringenden Hatten, Rehen und 
Hirſchen nach. 
C3 war ein Feſt für jung und alt, wenn diefe3 ſelbfigefertigte 
Wunderwerk, von dem Lichtalanz beſtrahlt, am heiligen Abend in 
Gang geſeßkt wurde. Die größte Freude machte es aber ven 
Kleinſten, die ſchon I<liefen, als e3 erbaut wurde, und die nichts 
wußten von der Mühe, die e3 gefottet hatic. =- 
Dann kamen Jahre, wo die Webſtühle nicht mebr fo luſtig 
wie einſt klapperten und die Spulräder oft ſrillſijanden, bis auch 
die Wob- und Wirfſtühle einer nach dem anderen verttummten. 
Männer und Frauen aingen mit forgenvollen Mienen umher. 
Von den jungen Burſchen mußten viele die Heimat verlaſſen, und 
die jungen Mädchen, wenn ſie jetzt abends auf der Straße hin 
und ber gingen, fangen ein Lied vom Scheiden, in dem es zu- 
leßt bieß: 
Ex itt in Schle3wig, er iit in Ooliiein, 
Er i1t Soldat, Soldat it ex. 
Nicht lange, nac<dem die Soldaten aus dem Norden zuru>- 
gefehrt waren, mußten -ſie wieder fort, diczmal nach Böhmen 
hinein, und manger kam nie wieder. Als dann auch noch der 
große Krieg gegen Frankreich vorüber war, da war e3 mit der 
quien Zeit für die Weber ganz vorbei: In den Städten wuchten 
die Fabrifichornſteine wie Bäume im Wald, nur viel jhneller, 
aus der Erde, und als erſt ihre ſ<warzen Rauchfahnen ſieghaft 
über da8 Land hinwehten, da breiteten fich die Schatten des 
Kummer3 und der dumpfen Verzweiflung über die Gemüter der 
armen Leute in den langgeſtre>ten, dichtbewohnten Tälern, die 
frobe Laune wich grimmigem Galgenhumor: 
Aimm'3s Säcdel, 
Geh betteln -- 
ſang gellend der Webſtuhl dem Weber, der fein leßie3 Stüc 
Tuch zu liefern hatte, ins Ohr. Und im Nachbarhaus höhnte der 
Wirkſtuhl dazu: 
- Erdäpfel und Quark, 
Ci, das macht ſtarf . . . 
Da8 Brot wurde wieder ſo teuer, daß e3 keiner mehr er- 
ſHwingen konnte; bei den Bauern gab es wohl hin und wieder 
einen Sa> voll Leben3mitteln zu verdienen, aber auch Spott- und 
Stichelreden genug zu hören auf die ausgemergelten Geſtalien, die 
ſich zur Jeldarbeit anboten. So verging der Herbſt, ohne daß 
e3 beſſer wurde, und nun ſtand Weihnachten wieder vor der Tür. 
* 
„Neßt Friegen wir armen Leute e8 auch einmal jo gut wie 
die Reichen“, brummte ein alter Mann, der am heiligen Abend 
an der Häuferreihe entlang durc<4) den friſ<gefalenen Schnee 
ſtapfte. „Jetßt webt uns der Wind weiße Vorhänge an die 
Jenſter.“ Damit verſ<wand er huſtend und ſtöhnend in der 
Tür ſeine8 Häu3<en8s. Er hatte wegen Diebſtahls ein paar 
Wochen im Gefängnis geſeſſen, weil er aus den fürſtlichen Wäl- 
dern etivas Holz geholt hatte. Das Holz war ihm wieder abge- 
nommen worden. Nun ſaß er ohne Feuerung in feiner dunklen 
Hütte. 
Die beiden Kinder, die im Nebenhaus hinter der halbge- 
frorenen Jenſterſcheibe ſtanden, mußten lachen über den komiſchen 
alten Mann. Gleich darauf wurden ſie wieder ernſt, drückien ihre 
Naſenſpitzen ſo feſt ſie konnten, gegen die Scheiben und jahen 
ſicß dann verwundert an. Wa3 war da3 für ein herrlicher großer 
Kuchen geweſen, den die Bauer3frau da vorbeitrug! Bis in die 
Stube herein meinten ſie ſeinen Duft zu verſpüren. Mit einer
	        

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