Full text: Arbeiter-Jugend - 5.1913 (5)

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Arbeiter- Jugend 
 
roſoluten Frage wandte der Knabe ſiß naß der Mutter um, 
die am Ofen hantierte, in dem das feuchte Reiſig nicht brennen 
wollte. | 
„Wann kriegen wir unſeren Kuchen, Mutter?“ 
Es dauerte eine Weile, bis die Antwort vom Ofen zurückam. 
Sie klang gepreßt. Die Mutter verwies den Kindern das Fragen 
nach ſolchen Dingen; ſie ſollten froh ſein, wenn der Vater heute 
noch Brot nac< Hauſe bringe. 
Da es immer dunkler wurde und durc<3 Fenſter nichts mehr 
' 31 ſehen war, ſchlichen die Kinder ſicß aus der Stube, liefen ein 
Stüc die Straße hinunter und poſtierten ſich vor dem Haus 
eine8 Strumpfwirker38 unter den Fenſtern, bis drinnen die Lichter 
am Weihnacht3garten angezündet wurden. E38 kamen Leute, die 
hineingingen, um ſich das Kunſtwerk in der Nähe zu betrachten. 
Denn diejer Garten war der größte und ſ<önſte im Ort; er 
nahm die halbe Stube ein. Aber unter den vielen mechanijchen 
Figuren, die ſich darin bewegten, befand ſich auch ein hölzerner 
Bettolmann, der immerfort den Hut vom Kopfe 390g, um ihn 
gleich wieder aufzuſeßen. Er hielt den Hut immer gerade 
ſo lange vor fich 
hin, daß man auf 
Das alle8 erfuhren die Kinder aus den Geſprächen, die ge- 
führt wurden, während ſie ihre Suppe löffelten. Dann aber, 
bevor ſie von der Mutter zu Bett geführt wurden, brachte der 
Vater noch etwas zum Vorſchein, das er aus der Stadt mitgebracht 
hatte: ein Raar warme Handſ<uhe für das Mädchen und eine 
Wollmüße für den Jungen. Von den freinden Wännern aber 
wurden ihnen Aepfel und Pfefferkuchen zugeſteckt, die ſie im Bett 
verzehren ſollten. Das war nun zwar keine von den Herrlichkeiten, 
die ſie ſich in der Kirche erträumt hatten, und von himmliſcher 
Gnade war nicht8 dabei zu ſpüren. Aber die Kinder waren damit 
zufrieden. Der Junge wäre am liebſten noc< in der Stube ge- 
blieben, weil er meinte, daß der Freund de8 Vaters, der in 
Amerika geweſen, nun von ſeinen Abenteuern in der Wildnis, 
von Indianerkämpfen und von den Gefahren der Secreije er- 
zählen würde. Da dies nicht anging, nahm er fich vor, wenigſtens 
im Bett, das nebenan in der Kammer ſtand, noc< rec<t lange 
wach zu bleiben. Während die Kinder von der Mutter zur Ruhe 
gebracht wurden, war der Vater noc< einmal fortgegangen, um 
bald darauf mit einigen Nachbarn wiederzukommen. Die Kinder 
hörten noch, wie ſich 
dic Stube mit Men- 
ſichen füllte, von 
 
den Hutrand cinen 
Pfennig oder aud) | 7, 
zwei legen fonnte, | un vn 
die er dann mitſiche- 
rem Schwung in ei- 
nenKaſten hinter ſid) 
warf. Die Strumpf- 
wirfer3frau achtete 
i<arf darauf, daß 
feiner von den unge- 
betenen Beſuchern, 
die ihr die Stube 
ic<hmußig madten, 
den hölzernen Bet- 
telmann und ſeinen 
ſtummen Winküber- 
fah. Darum ver- 
ihoben die Kinder, 
die feinen Pfennig 
bei jich hatten, 
' ihren Beſuch auf 
cin andermal, und 
weil jetzt die Glo>en 
zur Chriſtmeſſe zu 
läuten beganner, 
ſchloſſen ſie ſich 
den Leuten an, dic 
zur Kirche gingen. 
-- In der Kirche 
war c8 hell und 
varm. Vom Chor 
herab erflang die 
Orgel, dazu Geſang und eine Muſik, ſo wunderſchön, wie ſie 
die Kinder no&< nicht gehört hatten. Dann wurde es ſtill. 
Der Pfarrer ſtand auf der Kanzel, und alles hörte ihm zu. 
Wa38 er von dem Wunder in Bethlehem erzählte, war den 
Sindern nichts Neue8 mehr. Aber begierig lauſchten ſic, als der 
* Pfarrer weiter davon ſprach, daß das Chriſtkind noch alle Jahre 
wiederfomme und am liebſten bei den Armen einkehre. Der 
Pfarrer machte no< viele Worte darüber, die beiden Kinder 
hörten aber immer nur das eine heraus, und auf dem Heimweg 
waren ſie feſt überzeugt, daß die Verheißung des Pfarrers ſich 
auch bei ihnen erfüllen müſſe. 
E3 war aber nur die Verheißung der Mutter, die ſich cr- 
füllt hatte, al8 ſie nun wieder die niedrige Stube im Eltern- 
haus betraten. Der Vater war heimgekehrt und hatte Brot 
mitgebracht. Die Lampe brannte auf dem Tiſche, und daneben 
dampfte die Suppe, die ſich die Kinder ſ<med>en licßen, obwohl 
ſie ein wenig ſ<eu dabei waren, denn der Vater war nicht 
allein gekommen. E3 ſaßen noch drei fremde Mönner in der 
Stube, die ihn von der Stadt her, wo er Arbeit in einer Fabrik 
gefunden, begleitet hatten. Einer von ihnen, der mit dem großen 
Vollbart und den freundlichen hellen Augen, war ein alter Freund 
des Vater8. Sie hatten ſich viele Jahre nicht geſehen, denn der 
Jreund war in Amerika geweſen, und ſie hatten ſich nun zu- 
fällig in der Fabrik wieder getroffen. Der Freund de8 Vaters 
und die beiden anderen Fremden, die mit ihm gekommen waren, 
gehörten zu einem Verein, dem der Vater aud) beitreten jollte. 
Darüber wollten ſie mit ihm ſprechen. | | 
 
 
 
Das alkoholfreie Kurbaus auf dem Zürichberg. 
denen fie die meiſten 
an der Stimme er- 
fannten. Nur die 
Stimmen der drei 
Jremden konnten 
fie. no? nicht unter- 
ſcheideit. Aber ge- 
rade voir denen 
fing jekt ciner zu 
ſprechen an. GEZ3 
tlang faſt jo, wie 
dex Pfarrer in 
der Kirche gepredigt 
hatte, ind doch 
vpieder ganz anders. 
Der Knabe hätte 
gern gewußt, obdas 
der Freund Des 
Vaters aus Amerika 
war, und er lauſchte 
goſpannt, ob er nidt 
von Kämpfen in der 
Wildnis erzählen 
würde. Doch davon 
fam nichts in der 
gicde des Fremden 
vor. Wohl ſprad) er 
von Kämpfen, aber 
dic hatten ſich int 
den Städten, wo in 
- Fabriken gearbeitet 
wurde, abgeſpielt. Der Sinn vieler Worte blieb dem Knaben 
dunkel, nur manchmal unterſchied er deutlich, wie der Fremde von 
Blutſaugern und Betrügern ſprach, und er beariff, daz von Men- 
ſchen die Rede war, die die Arbeiter um ihren Lohn gebracht 
hatten. Dann ſprach der Fremde von cinem großen Bund, den 
die Arbeiter gegründet hatten; auch von einem Erlöſer jprach er, - 
der zur Armut heimgekehrt ſei, um die Armen zum Kampf gegen 
die Reichen zu führen. Und zuletzt ſprach er von einer neuen 
Welt, die nicht über den Wolken und auch nicht über dem großen 
Waſſer zu ſuchen ſei, ſondern überall errichtet werden könnte, 
wo fi Menſchen zufammenfänden, die an ihrem Bau mithelfen 
wollten. 
Dann ſangen alle ein Lied, das die Kinder noc< nie gehört 
batten, und wieder begann einer vorzuleſen. Sein letztes Wort 
war: „Rroletarier aller Länder, vereinigt Euch!“ Es Hang 
hallend aus der Stube in die enge Kammer herüber, wo die 
Kinder eben in8 Traumland hinüberreiſten, aber e3 grub ſic< ins 
Gedächtni3s des Knaben und verdrängte dort ein ähnliches Wort, 
das der RKfarrer in ſeiner Rredigt geſprochen hatte, jenes von 
der großen Freunde, die allem Volke widerfahren ſei. 
Die große Freude war ausgeblieben fir die armen Leute 
an dieſem heiligen Abend, wic ſic auch nachher noc< immer ihnen 
ferngeblieben iſt. Aber ein Licht hat die neue Lehre, von der ſie 
an dieſem Abend zum erſtenmal hörten, in ihren Herzen ent- 
zündet, und dieſem Licht ſind ſie und ihre Kinder treu gefolgt, 
in unerſc<hütterlihem Vertrauen, daß es ſie emporführen wird aus 
der Nacht ihre38 Elend. 
 
: Zu dem Artikel 
„Das Alkoholfreie", 
Verantwortlich für die Redaktion: Karl Korn, -- Verlag: Fr. Ebert (Zentralſtelle für die arbeitende Jugend Deutſchlands). =- Druc: Vorwärts Buchdruc>erei u. VerlagZ- 
anſtalt Paul Singer & Co. Sämtlich in Berlin,
	        

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