Full text: Arbeiter-Jugend - 6.1914 (6)

Arbeiter- Zugend | 7 
 
 
38gen würden. Aber nicht genug damit! Der Leiter der Jugendorgani- 
jaiion wurde von der Maſchinenfabrif Eßlingen ohne Grund entlaſſen, 
wahrſcheinlich auf Veranlaſſung des Direktor3 der Spinnerei und We- 
berei Brühl, der auch die Schwägerin (!) dieſe3 Arbeiter8 maßregelte. 
euch ihrem Vater wurde die Entlaſſung in AuSficht geſtellt, wenn ſeine 
Toter ihre Tätigieit für die Arbeiterorganijationen nicht einſtelle. 
Man jieht, wie die Nache Jehovas geht die Verfolgung8wut der 
Unternehmer bis ins dritte und vierte Glied und ſie benußen die wirt- 
ichaftliche Krije, um vermittelſt der Hungerpeitſche ihre Lohnſklaven 
aud in ihrem Tun und Laffen außerhalb des Betriebe3 unter der 
Fuchtel zu halte. 
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Der liebe Gott und die Hohenzollern. . 
Welche herrliccen Früchte der Geſchicht3unterricht in der Vol?k3- 
ihuſe mit ſeiner widerlichen Liebedienerei vor den Füriten 
geht aus folgender Szene hervor, die die „Jugend“ ſchildert: 
Der Herr Paſtor will don Schülern in der Religionsſiunde beoi- 
Sringen, daß Gott durch ſeine Allmacht alle3 erſchaffen babe. Ex 
aeht dabei von der Heimatfunde aus. 
„Wer,“ ſprach er, „hat in unſerem deutſchen Vaterlande alle8 79 
dn und herrlich gemacht? Wer bat den Flüſſen ihren Lauf ( ; 
Wer läßt die Wälder wachſen und die Felder gedeihen? Wer H 
Berge aufgebaut und läßt die Meere an die deutſchen Küſten branden 
Der klaine Friß erhebt die Hand. 
„Hun?“ 
„Die Hohenzollern, Herr Patftor!“ , 
„Dummkopf, ſeß' dich! Giner iſt c3, der alle3 gemacht hat.“ 
Karl hebt den Finger auf. 
„Mun?“ 
„Unjer Kaiſer!“ 
„Gſjel! Das fanw doch kein Menich1“ 
Heinrich meldei ſich. 
„hun?“ 
„Die Königin Luiſe!“ 
„I< du Dummer -- -1 Warum dern gerade dieſe?“ 
Veinricy (weinerlich): „Ja, der Herr Lehrer jagt, daß die Königin 
Zuiſe dex Engel des Vaterlande3 geweſen it.“ - 
„A<4 was -- Engel! So etwas kann auch fein Engel und alle 
Gngel zuſammen nicht. Nun, Herbert?“ 
„Der liebe Gott hat alles geniacht!“ 
„So it's recht, mein Sohn! Und warum bat Gott 
Daterlande alles jo ſchön gemacht?“ 
„Weil die Hohenzollern Gott und den Glauben an ihn dein 
Volke erhalien baben.“ 
Der Herr Paſtor brach verzweifelt den Unterricht ab. 
in unjerem 
Wie jie das Vaterlanß lieben. 
Der Jungdeutſchlandbund behauptet bekanntlich, daß in feinen 
Neihen die Vaterlandsliebe beſonders cifrig gepflegt werde, Und wenn 
der das Baterland am iimigſten liebt, der am lauteſten Hurra Krei, 
wenn eine lcere „königliche“ Kutſche vorüberfährt, gder der vor GChr- 
furt zufammentlappt vie eino alte Gartenſchere, wenn ein Herr 
ZYSeuinanit ihn anzubliden gerubt, dann jind die Jungdeutſchen die 
giuühbendten Vaterlandslicbbaber. Wie e2 in Waßrüeit mit ihrer Vater- 
landsticbe beſwaffen ijt, und wie Jpottſchlecht ail dieſe Leutnants und 
Landräte und Polizeipräſiventen und Gonervalfeldmarſchalls, die an der 
Spitze des Bundes prangen, cs vorſtehen, den ihnen zulaufenden und 
zugeiricoenen jungen Lenten Liebe zur Heimat einzuflößen, geht 
wieder cinmal aus folgender Nachricht berpor, die fürzlich au38 Worms 
gemeldet wurdo. Dort war vor einiger Zoit der 18jährige Sohn eine3 
Weilchhändlers aus dam väterlichen Hauſe verſchwunden. Bekannten 
Gegenüber gaite er angegeben, er fahre nach Landau zu ſeinem Bruder. 
au Wirklichfeit fuhr er nach der franzöſiſchen Grenze, um ſich in 
Dic Fremdenlegion aufnehmen zu laſſen. Ju Saarbrücken wurde im 
Dortigen Bahnhof ein Schußmann auf den mangelhaft gekleideten 
Burſchen aufmerkſam, ſtellte ihn zur Nede unv wollte ihn zur Wache 
mitrebmen. In dieſein Moment tötete ſich der jugendliche Äbenteurer 
durch einen Schuß.- 
Wie mitgeteilt ivird, wax der junge Mann ein beſonder8 eifriges 
Mitglied der Ori8griippe Worms8 de3 Jungdentſchlandbunde3. Dort 
war ihm durd) den Kriegsſchund, uit dom die Jungen vollgepfropft 
werden, offenbar der Kopf verdreht worden. Und bezeichnend iſt es 
für den Vaterlandskult der jungdeutſchen Oberpatrioten, daß fie ihre 
jugendlichen Mitläufer noch nicht einmal der Fremdenlegion fernzu- 
halten wiſſen. 
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Unglaublithe Ausbeuntung der Jugend. 
Seit Wochen ſtehen die freiorganifierten Gla3arbeiter der 
Chrenfelder GlaShütte im Streif. Die Arbeiter wehren ſich 
gegen eine Verlängerung der Arbeitszeit. Die Chriſtlichen ſind eifrig 
bemüht, aus allen Gegenden Streikfbrecher für die Firma heranzu= 
ziehen. Der Streit bewirkt, daß den Zuſtänden in dieſex Fabrik eine 
erhöhte Aufſmerkſamfeit zugewendet wird, und es kommen da ſchlimme 
Binge zutage. Seit Jahren werden durch ſkrupelloſe Agenten für 
genannte Firma minderjährige, faum den Kinderſchuhen entwachſene 
ArbeitSkräfte im Auslan de angeworben. Meiſt jind e8 der deutſchen 
Sprache nicht mächtige .Ruthenen. Dieſe oder ihre Gitern haben einen 
mehrjährigen Kontrakt unterſchrieben. Trozdem dex Lohn ſehr niedrig iſt 
(von den Agenten wird ein höherer Lohn verſprochen), wird noch ein 
Betrag zurüdbehalten und erſt nach Ablauf der Vertragsfriſt 
ausgezahlt. Selbft wenn der Vertrag die jugendlichen Arbeiter nicht 
zwingen würde, auf ihrer Arbeitsſtelle au3zubarren, wäre e3 ihnen un- 
möglich, in ihre Heimat zurüdzufcbren, weil fie das Reiſegeld nicht 
aufbringen fsnnen. 
Die Jugendlichen werden in Tag- und Na c<tſ<Gi<t beſchäftigt. 
Viandjmal fomimi ces vor, daß im Falle der EGrfranfung eines andern 
die Minderjährigen eine aufeinanderfolgende Tag- und 
Xachtſi<i<hi arbeiten müſſen. Grfranfungen und Unglüdzfälle 
haufen fich. Werden dieſe armen Kerlchen einem Kranfenhaufe über- 
wiejen, Jo ijt ihre Freude groß. Die Ruhe und die Kranfkenbhauzioit 
verjgafft ihnen wieder neue Kräfte. Die Aerzte der hieſigen Kranfen= 
haujerx jind eritaunt, wenn dieſe abgearbeiteten und unterernährten 
Jungen eingeliefert werden. Uus Mitleid mit den armen Burſchen 
verlängert man den Aufenthalt im Hoſpital ſoweit es gebt. Grit vor 
einigen Wochen jiarb ein 13Zjähriger Rutihene. Die Yerzte waren 
jich darüber einig, daß die Grfrantung (Ruhr) eine Folge der Unter- 
ernährung war. 1 
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C3 ijt begreiflich, daß dieſe Arbveitsjungen, Jelbit 
penn Nie gejund geworden ſind, lich vielfach iträuben, das Hoſpital zu 
verlaſen und zu ihrer Arbeitsjielle zurüczuftchren. 
Haben die zuſtändigen Behörden Tich Ihon einmal um dieſe 
Suälerei gefümmert? Wäre da nicht ein Arveitsield für den ſtädtiſchen 
'GUSTchuß vorhanden? Da hilfi do< fein Predigen! Hier 
IUgLnDIPpficge 
werden junge Menſchen von dem gefühllofen Kapital zerrieben, und 
DeStalb mut ihlieunigit gehandelt werden. (Aus der „Jihein. Ztg.“) 
Da35 Land al35 Kinderparadie3. 
Zu DEL „Proußiſchen Lehrerzeitung“ fanden wir dieie Schilderung: 
„Wie verläuft denn eigentlich ein Tag in dieſem Kinderparadie3 für die 
7? 
Kinder mnsormatlen Zeiten? Mann und Frau geben gegen 54 Uhr 
zur Arbeit. Dann müſſen die Kinder natürlich aufſtehen, damit die 
Mutter die Kleinen noc< ſchnell zur Schule waſchen und fertigmachen 
fann. Die größeren Kinder müſſen die Wohnung in Ordnung bringen 
und mandmal auch noch das Vieh beſorgen. Nun werden Schularbeiten 
gemadcdi. Um 7 Uhr beginnt für die größeren Kinder die Schule, die 
gewohnlich bis 10 Uhr dauert, die fleinen Kinder haben von 10--12 U6r 
Unterricht. Die kleinen Kinder müſſen in der Zeit von 7--19 Ubr oft 
Gras, Brenneneln uſw. für das Vieh beſorgen; fommen die größeren 
aus der Schule, dann haben jie Holz zu zerfleinern, Futter für das Vich 
zu fochen und das Mittageſſen vorzubereiten. Die Eltern fommen um 
die je nach der Jahre3zeit um 7, 7*5 poder 8 Uhr e ; 
o?t geſehen, daß ſiebenjährige, ja fe<sSiährige Kinder län 
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12 Uhr nach Haufe und geben mit den Kindern gegen 2 Uhr zur Arbeit 
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auf dem Gutzacker oder in der Forii verrich 
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einfach verdienen velfen, da es für die Eltern 
Licher Weiſe zu ernähren, wenn die Familie 
Kinder dann dcs Abonds nach Hauſe, jo müſien | 
Sed, um Futicr für das Vieh zu ſuchen. Dann iſi N 
meiiens 9 Uhr geworden; daß ein Kind dann keine Schularbeiten 
nt verdenien? Schlimmer al5 in diefen 19L- 
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anfertigt, wer wollie es ih: 
malen Zeiten iſt cs für Kinder während der Ferien, di. 
Crholung da fein jolilen. Die Zeit der Getreido- un 
teilt an die Kinder ganz bedeuiende Anforderungen, fo daß ſie vfi 
und abgearbeitet nach den Ferien zur Schule fsmmen, um fich bi 
ven nuüchſien Ferien zu erhslen?“ 
Wann wird cin Geie3 fommen, das Di 
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Üx den Tag) wenigſtens dem SemmelauStrag 
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auf dem Lande könnten über das Kinderelend 
Z| Aus der Zugendbewegung [DE] 
Demponſtration3verſammlung in Leipzig. 
Nun hat auch die Leipziger Arbeiterjugend ihren großen Tag aedabt. 
d?t der Niberthalle, dem mächtigen Zirfu8bau des Kriſtallpalaſtes, famen 
ne am 7. Dezember zuſammen an die zweitaufendfünftundert Iungen 
und Vadchen, um von unjerm Jürgen Brand über ihre Loben83- 
aufgaben nd unterrichten zu laſſen. Schon eine Stunde vor der an 
geſeßten Zeit fing das große Zirkusrund an, fich zu füllen. Erwartungs 
voll und fröhlich Jummte das Stimmengewirr durch den hohen Raum. 
vſs nach dem GloFenzeichen Ruhe eintrat, braufien Orgelflänge durd) 
die Halle. Johann Sebaſtian Bach8 Präludium C-Dur leitete ernſt 
und jtimmungsvol die Verſammlung ein. Siürmiſch begrüßt trat 
danac< Jürgen Brand vor die Jugend. Mit zündenden Worten, in an=-= 
jbaulicher Darjtellung, zeigte ex uns unſere Wege und entwarf ein 
Bild von der Gntſtehung und Entwieelung unſerer Beſirebungen. Gin= 
dringlich ſchilderte er den ſchweren Kampf, den wir durchhalten müſſen. 
Dann kritiſierte ex die mangelhaften Schulverhältniſſe und zeigte un3 
die Poſitionen unſerer Feinde. In einein Appell zu weiterer begeiſterier 
Tätigkeit in unſerer Bewegung klang feine mit geſpannter Aufmerk= 
jamfeit aufgenommene Rede unter dröhnendem Beifall aus. In ſeiner 
ſchlichten Art und ſeinen ergreifenden Worten hatte ſich Jürgen Brand 
im Sturme die Herzen der Leipziger Jugend erobert. Bl3 er dann 
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nach einem weiteren Orgelvortrag nochmals hervortrat und mit einem 
Hoch auf die proletariſche Jugendbewegung, in da8 die Verſammelten 
aufſpringend mit voller Bruſt einjtimmten, ' ſich verabſchiedete, da ge= 
wann auch der fälteſte Beobachter die Ueberzeugung: E3 geht vorwärts 
tro8 alledem. 
In der Tat: erhebend und wohltuend iſt es, einer ſo mächtigen 
Demonſtration beizuwohnen, beſonders hier in Leipzig, wo ja die letzten 
Monate einen patriotiſchen Rauſch gebracht hatten, wie er wohl ſo bald 
nicht zu überbieten iſt. Und nicht ungeſchi>t hatte man die blendenden
	        

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