Volltext: Arbeiter-Jugend - 6.1914 (6)

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Eingetragen in die Poſt - Zeitungsliſte. 
 
Berlin, 11. April 
 
Expedition: Buchhandlung * Vorwärts, Paul 
Singer G. m. b. H., Lindenſtraße 69. Alle Zu- 
ſchritten für die Redaktion ſind zu richten 
an Karl Korn, Lindenſtraße 3, Berlin SW. 68 
1914 
 
 
 
Willkommen! 
Cin Oſtergruß an unſere ſchulentlaſſenen Freundinnen 
und Freunde. 
= cr Frühling iſt gekommen! Ueber der geſhmüdten Erde 
» Y lacht ein fonniger Himmel, und in ſeinem klaren Blau 
jegelt eine Schar blendend weißer Wölkchen dahin; aus 
ſc<windelnder Höhe blicken ſie ſorglo8 und heiter hernieder, hoch 
hernieder auf Erdenluſt und -leid. 
Auf grüner Wieſe ſpielt eine Schar fröhlicher Knaben und 
Mädchen; ſie lachen und tanzen und ſingen; ihre Wangen ſind 
vor Luſt gerötet; aus ihren blauen Augen ſtrahlt unbändige 
QLeben38freude; und die weißen Frühling8wolken blicken leuchtend 
berab auf die fröhliche Kinderſc<ar. 
- Jugend, wie ſchön biſt du! . 
Aber dann kommt eine düſtere Wolke am Horizonte ſchwer 
berauf. Söher und. höher ſteigt ſie empor; immer drohender 
wird ihre finſtere Geſtalt. Die zarten weißen Wölfchen ſind ver- 
“ I<wunden, als hätte ſie die hereinbrechende Finſternis ver- 
i<lungen; ſhon fallen vereinzelt mächtige Tropfen zur Erde; ein 
fahler Bliß zuckt hernieder und dumpf rollt der Donner. Matt 
ängſtlihem Schreien flüchten die Kinder unter das ſchikende 
Dach des Haufes. 
Nun ſind fis geborgen; nun fühlen ſie ſich ſiher. Sie wiſſen 
e3 nicht ander3; denn immer, wenn eine Gefahr ſie bedrohte, 
flüchteten ſie unter die ſchirmende Obhut des Elternhauſes; und 
immer fanden ſie bei Vater und Mutter ſicheren Schuß. 
War e3 nicht ſo, meine jungen Freundinnen und Jreunde? 
Und nun foll es ander38 werden. Nun ſollt ihr, vielleicht 
zum erſten Male in eurem jungen Leben, den Ort verlaſſen, der 
eurer Kindheit Schuß und Schirm geweſen iſt. Und wenn nun 
die finſtere Wolke herauffommt, wohin wollt ihr fliehen? 
Aber was bedeutet das, die finſtere Wolke? 
Da3 bedeutet, daß nun da3 kalte, nüchterne, gierige Erwerb3- 
leben ſeine Hände nach euch ausſtre>t. Dieſe Hände ſind rauh 
und ſtart und unerbittlich; und manches junge Blut, das fröhlich 
au3830g, iſt zwiſchen ihnen zermalmt worden und verdorben und 
nicht wieder heimgefommen. Nicht wieder heimgekommen. 
hr ſeid Kinder der Arbeit. ES iſt lange ber, ſeit die Arbeit 
ine Freude und ein Segen für die Arbeitenden war. Zwar iſt 
jie auch heute noc< ein Segen; aber nicht für un3, nicht für 
euch, ſondern nur für die anderen, die den Vorteil unſerer und 
eurer Arbeit genießen. Wir haben nur die Qual und Plage 
der Arbeit, die harte, unerbittliche und zermürbende Fron. Solche 
Arbeit ſchafft weder Freude no< Segen. Muß i< euch ſagen, 
vaß es heute Hunderttauſende von Arbeitermüttern gibt, die ihr 
karge8 Brot mit Tränen eſſen, die die kummervollen Nächte 
auf ihrem Bette weinend ſißen, die nicht einmal wiſſen, woher 
ſie das Brot für den kommenden Tag nehmen ſollen? 
Begreift ihr nun, wa3 ſie bedeutet, die finſtere Wolke? Sie 
wird auch euer Leben überſchatten, wird auc<h euch Luft und Licht 
rauben. Auch ihr werdet fronen müſſen, im Laden, in der Werk- 
ſtatt, im Fabrikſaal. Und dann werden Stunden kommen, 
Stunden äußerer und innerer Not, in denen ihr euß verzweifelt 
umſeht nac< einem Aus8weg. 
Gibt es denn einen Au38weg? 
- a, meine jungen Freundinnen und Freunde, e8 gibt ihn! 
Ihr braucht nicht zu verzweifeln, ſondern könnt hellen Auges und 
mit unerſchütterlic<her-Zuverſicht dem Kommenden entgegenſc<hauen. 
 
Denn ihr ſeid nicht wehrlo3. 
Shr feid, wenn ihr wollt, eine Macht, mit 
dereure Gegnerund Feinde rehnen müjjen. ZY 
weiſe euch hin auf das Beiſpiel eurer Väter und Mütter. Wa3 
taten ſie, als ſie vor die ſc<wierigen und gefährlichen Aufgaben 
des wirtſchaftlichen und politiichen Kampfe3 geſtellt wurden? Sie 
ichloſſen fich zuſammen zu machtvollen Organijationen. Das war 
und iſt ihr oberſtes und heiligſies Geſe8s. Ein einzelner Faden 
iſt ein ſf<waches8 Ding; ihr könnt ihn leiht mit euren Händen 
zerreißen. Und doch vermögen ihrer viele, wenn ſie zu einem 
Seil zujammengeflochten werden, eine gewaliigs Lajt zu- tragen. 
Der einzelne iſt ji<wac<h und hilfl98; wo aber viele Hundert- 
tauſende, ja Willionen ſich eng zufammenſchließen und gemeinjam 
einem Ziele zuſtreben, da bilden ſie eine gewaltige Macht. Das 
beweiſt auc< die proletariſche Arbeiterbewegung, von der auch ihr 
ein Stüc ſeid. Auch ihr ſteht unter demielben wirtſchaftlichen, 
volitiſchen und geiſtigen Dru>d wie eure Eltern, und darum 
müßt auch ihr dasfelbe tun, was eure Eltern taien: euch zuſammen 
Ichließen. Vergeßt es nicht, was euch in diejer Stunde enlgegen- 
gerufen wird, das Wort, das der Kern und Stern der ganzen 
proletariſchen Arbeiterbewegung iſt: Uebt Solidariiät 
Wonn man eure junge Kraft über Gebühr «usbouien will, 
haltet euch zu euren Leuten: Uebt Solidaritat! 
Wenn man euc< eure wenigen Rechte no<& mehr beichnsiden 
oder ſtreitig machen will, wenn man euch maßregeln will, haltet 
ei) zu euren Leuten: Uebt S Solidarität! 
Wenn ihr empfindet, wie janmervoll die Bildung iſt, die 
euch von der Volks8ſchule mitgegeben iſt; wenn ihr die Notwendig- 
Feit einjeht, an eurer geiſtigen Weiterbildung zu arbeiten, haltet 
eud) zu euren Leuten: Uebt Solidarität! 
Das Höchſte und Wertvoll te für eine junge Arbeiterin und - 
einen Jungen Arbetiter iſt das unverrücbars Bewußtſein der ZU- 
ſammengebörigfeit mit den Klaſſengenoſſen, und der 1ſt der 
Schmählichſte von allen, der die gemeinſame Sache verläßt. 
Ernſt iſt das Leben, zumal für euch, ihr Kinder des Rrole- 
tariat38. Aber ſeid überzeugt, meine jungen Freundinnen 1und 
Freunde, ihr könnt, wenn ihr zufammenſteht, ihm dennoc< mance 
Stunde der Freude abgewinnen. Und die ſchönſte und höchite 
Freude wird dieſe ſein: in der Gemeinſchaft gleichſtehender Ge- 
noſſinnen und Genoſſen nac< geiſüger Bervollkfommnunung zuU 
trachten und in ungezwungener heiterer Geſelligkeit fich gegen- 
ſeitig zu fördern und zu veredeln. Beſucht die Arbeiter-Jugend- 
heime; beteiligt euch an den Veranſtaltungen der Arbeiterjugend; 
zicht wandernd hinaus in Moor und Heide und Wald, lernt die 
Schönheit der Natur kennen und genießen und atmet wieder frei, 
damit euer junger Körper den Anforderungen der harten Werktags3- 
arbeit nicht erliegt! Benußt fleißig die Jugendbibliotheken und 
macht euch vertraut mit den Aufgaben und Zielen der modernen 
Arbeiterbewegung! hr habt einen Freund, der euch „allzeit dabei 
behilflich ſein will, einen erfahrenen und erprobten. Freund: das 
iſt die Zeitſchrift, die ſich die arbeitende Jugend von: ganz Deutſch- 
land felbft geſchaffen hat: die „Arbeiter-Vugend“. Dieſe 
Zeitſchrift iſt nicht nur das einigend& Band, das alle zielbewußten 
jungen Arbeiterinnen und Arbeiter in Deutihland umſchlingt und 
zuſammenhält, ſie iſt zugleich auch euer Führer und Berater in 
allen Fragen, die euer wirtſchaftliches und geiſtiges Fortkommen 
betreffen. Schart euch um eure Standarte 'und ſucht eine Chre 
darin, daß bald zu dem erſten Hunderttauſend junger Arbeiter, die 
wiſſen, was ſie wollen, da3 zweite . Hunderttauſend ſich geſellt.
	        

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