Full text: Arbeiter-Jugend - 6.1914 (6)

 
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Itr. 12 
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1914 
 
Jugenddebakte im preußziſ<en Landtag. 
4 eit ein paar Jahren hat die preußiſche Regicrung und haben 
„Y die bürgerlichen Parteigruppen de8 preußiſchen Landtag3 
- ein fehr warmes Serz für die Arbeiterjugend. Dieſelben 
Leute, die ſonſt um ein-paar tauſend Mark knauſern, wenn ec3 ſich 
darum handelt, die Shulverhältniſſe für die proletariſche Jugend 
zu verbeſſern, und die vor lauter Bedenklichkeiten zu keinem Ent- 
ichluß fommen, wenn ein durchgreifender wirtſchaftlicher Schuß der 
jungen Arbeiter vor Ausbeutung gefordert wird = dieſe ſelber 
Leute haben plößlich Millionen übrig für die „Pflege“ der pro“ 
letariſ<en Jugend. Allein in dem einen Rechmung8jahr 1914/15 
jolen nicht weniger al3 drei und eine halbe Million 
MNark für „Jugendpflege“ im Preußen ausgegeben werden, 
and am 1. und 12. Mai boſchäftigte jic) das preußiſche Rbgeord- 
netenhaus nut dieſer Forderung der Negierung. Da gab es nun 
eine langte Debatte, in der ſo ziemlich über alle Dinge, die mit 
Zugendpflege und Sigendbewegung zuſammenhängen, ausführ- 
li) geſprochen wurde. Der knappe Raum der „Arbeiter-Jugend“ 
verbietet es uns leider, die ganzen Verhandlungen hier wieder- 
zugeben. Wair mütien uns darauf boichränfen, an einer anderen 
Stelle diefer Watinner als der Ne9e ves ſozialibeumsirafnimen Ab- 
acordneicn Hacniſch den lekten Teil abzudrucen, jenen Teil, mm 
dein er ſic< mit den polizeilichen Verfolgungen beſchäftigte, denen 
die freie Jugendbewegung auf Schritt und Tritt ausgeſett 1t. 
Auch bier, in dieſem Artikel, können wir nicht alles kritiſch be- 
leuchten, was an jenen beiden Tagen im preußiſchen Abgeordneten- 
baufe geſagt worden iſt; nur ein paar kurze Schlaglichfer ſollen auf 
einige Einzelheiten dieſer naß mehr als einer Richtung hin ſehr 
intereſſanten Nugenddebatte, deren Grundzüge unſere Leſer gewiß 
icon au8 der Tage3preſſe kennen, geworfen werden. 
Da unterhielt man ſich beſonder8 eingehend zum Beiſpiel über 
die Frage, wie e8 denn Überhaupt zu dieſer ganzen famoſen 
„Sugendpflege“ erſt gefommen ſei. Genoſſe Haeniſch hatte mit 
vollen Nechte behauptet, daß Regierung und bürgerliche Parteien 
ihr jugendfreundliche3 Herz erſt in dem Augenbli> entde>t hätten, 
als ihnen da3 Feuer der freien Jugendbewegung auf den Nägeln 
brannte, und er hatte zum Beweiſe für dieſe ſeine Behauptung eine 
 
Reihe von -- liberalen und konſervativen Preßſtimmen anführen 
konnen. Da3 war den bürgerlichen Herrſ<aften natürlich höchſt un- 
bequem und mit einem geſchidten taktiſchen Manöver verſuchten ſie 
c8, das Schlachtfeld zu verſchieben. Was, ſagten ſie, der ſozialdemo- 
tratiſche Redner will behaupten, die bürgerliche Jugendpflege ſei 
ein Erzeugnis der Angſt vor der proletariſchen Jugendbewegung? 
Hat es denn nicht ſ<on evangelif de und katholiſche JünglingZ» 
vereine gegeben, lange bevor von einer freien Jugendbewegung 
die Rede war? Unſere Leſer werden ohne weiteres erkennen, wo 
in dieſer „Beweisführung“ der Kniff ſte>t: ſelbſtverſtändlich war e8 
den Genoſſen Haentich keine3weg38 eingefallen, zu beſtreiten, daß e3 
jeit Jahrzehnten ſhon evangeliſche und katholiſche Arbeitervereine 
gegeben hat; wovon er ſprach, da8 war natürlich nur die ſtaat- 
lich e Jugendpflege, für deren Zwecke plößlich den bürgerlichen 
Larteien und der Regierung die Millionen ſo lo>er ſiken. 
Und daß die Inſzenierung dieſer Art von Jugendpflege in 
engſtem innerem Zuſammenhange ſteht mit der Angſt vor der 
freien Zugendbewegung, da38 ga 
zugreifen =- gerade auch in dieſer Jugenddebatte wieder ein 
dürgerlicher Redner, der konſervative Abgeordnete Wallbaum- 
 
Bethel, offen zu, indem er am 11. Mai -- wir zitieren 
amtlichen Stenogramm -- wörtlich erklärte: 
„ » . Aus dem, wa3 ich mir ſoeben (über den Umfang der freien 
Sugendbewegung) anzuführen erlaubt habe, ergibt fich zweifellos Die 
ungeheure Gefahr, die dem Staat, dex Kirche und unjerer Geſellſchaft 
droht. Daraus ergibt ſich aber auch für uns die ernite Verpflichtung, 
daß alle, die ihre Kirche und ihr Vaterland lieb haben, ſich bereit- 
finden laßen, in ſelbjſtlojer Weiſe fich in den 2 Dienſt der Hrijtlichen 
und nationalen Jugendpflege zu ſtellen. Mögen es vieie join, die 
in der richtigen Weiſe dieſer Arbeit fich hingeben!" 
Und ein paar Stunden ſpäter wird dann wi 2DOX rundweg 
abgeleugnet, daß die ſtaatliche Jugendpflege mit der Angſt vor 
der freien Jugendbewegung auc< nur das minde te 2 fin babe! 
Zehr hübſch war auch, wie die Vertr eier der verichiedenen 
Ziveige der bürgerlichen Jugendbewegung in diejer Tod 7 
ander in die Haare gerieten. Da vedere fic ein Zentrums 
redner bitier darüber, daß bei gewiſſen „. 
nach dem 
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ſtaltungen die Gefühle der Katboliten nieht 4 in der de 
Weiſe geſchont worden leien. „Ta 1W21rDde Der man gelno 6 „Oriſi- 
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nellen, ein anderer micht minder warm die nichtfonfettionellon 
Sugendi- eins, und io fort wS % fact SUS natiirlich 33 0iS 
reiner und unterer Ciebe 4 ver arbeitenden Gugond! Ea man 
aber genauer hin, fo merkte man ſeor bald, das die Triebfeder 
dieſer ganzen AnsScinanderſegungen nur die Sorge um den bejien 
Plas an der liaatlichen Jutteorfrippe war! Alls möchten fie mog- 
lichſt tief in den Dreieinhalbmillione n-Fonds Dingingreifen, und 
jeder iſt ängſilich beſorgt darun, das der Rachbar ja nit zuviel 
daraus ergattere 
In einem aber waren und ſind die Herren alleſa 
und das iſt ihr wütender Haß gegen die freie Jug gondbewegung 
und gegen alles, was irgendwie mit ihr zuſammenhängt. Kaum 
ein oder zwei Reden in der ganzen - Debatte, in denen diefer Haß 
nicht unverhohlen zum Ausdru>d fam! Und wenn wirklich einmal 
ein Redner, wic etwa der Kultusmimiſter Trott zu Solz am 
12. Mai, notgedrungen zugeben mußte, „daß die Sozialdemokratie 
mit ihrer Jugendpflege auch gute Zw ce verbindet, daß ſie 
gegen den Alfohol vorgeht, daß fie ihren jungen Leuten auc) 
manches Gute zu loſen gibt“, fo leate er unmittelbar darauf in 
den nächſten Saß ganz gewiß gleich wieder deſto mehr Giſt und 
Galle hinein. 
Im Mittelpunkt der ganzen Erörterungen | ſiand die 1c<hon Cr 
wähnte zweiſtündige Rede de8 Genoſſen Haeniſ<. Nach einer 
knappen Seranziehung der Wandervogelbewegung, des fret 
deutlichen Sugendtages und ähnlicher Strömungen innerhalb der 
bürgerlichen Jugendwelt wandte ſich der ſozialdemokratiſche Redner 
den ſozialen Ut jachen der proletariſchen Tugendfrage 3145 er WwICS 
nach, wie die freie Jugendbewegung aus der Not der ingendlich en 
Arbeiter naturnotwendig bervorwachſen mußte, und wie dann 
aus Angſt vor der zum Denken erwachenden proletariſc<en Jugend 
erſt künſtlich der ganze Rummel Der ſtaatlichen „Jugendpflege“ 
auf die Beine geſtellt worden ſei. Dieſe „Jugendpflege“ und viele 
ihrer widerlichen Begleiterſheinungen wurden hierauf vom Ge- 
noſſen Haeniſch ſ<arf gekennzeichnet. Beſonder8 eingehend uns 
dur Haus zwingend war ſein Nachwei3 des politiſchen Cha- 
rakter3 dieſer ganzen Bewegung. Keiner der ſpateren Nedner, 
auc< der Miniſter nicht, machte auc< nur den leiſeſten Verſuch, 
alle dieſe aktenmäßig belegten Feſtſtellungen des "ozialdemokrati- 
ſchen Redner3 zu entkräften, 
mt einig,
	        

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