Full text: Arbeiter-Jugend - 6.1914 (6)

 
   
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Jeder ſeines Glüdes Schmied? 
Wu ie deutſche Volksſchule gibt den Proletarierkindern zwar 
y teine gründliche Bildung mit auf den Lebens8weg, dafür 
aber einen Saufen ſogenannter - „guter Lehren“. Schade 
nur, daß dieſe guten Lehren, wenn ſie befolgt werden, eigentlich 
immer nur anderen Leuten Nußen bringen und nicht dem, der ſie 
befolgen joll. Laufen ſie doch in der Hauptſache darauf hinaus, 
dem Proletarierjungen beizeiten einzutrichtern, wie er e3 anzu- 
ſtellen hat, um dereinſt ein frommer Untertan und ein fügſamer 
Arbeiter zu werden. Wer den Nuten von der Frömmigkeit der 
Untertanen und von der Fügſamkeit der Arbeiter hat, liegt auf 
der Hand. Der „Untertan“ und der Arbeiter gewiß nicht. 
Außerdem haben die Sprüchlein, mit denen beſonder8 die 
Schulleſebücher gepflaſtert ſind, die Eigenſchaft, daß ſie zur Wirk- 
lichfeit paſſen wie die Fauſt auf's Auge. Da findet 3. B. der 
junge Proletarier in allerlei Faſſungen da3 abgedroſchene Sprich- 
 
wort: Jeder iſt ſeines Glückes Schmied. Der Lehrer, der e3 er- - 
läutert, weiß feinen Schülern nicht genug davon zu erzählen, wie 
der Wenſch es ſelbſt in der Hand habe, ſein Glück zu erringen; er 
brauche nur recht fleißig und ſparſam zu ſein, dann werde der 
Lohn nicht ausbleiben. - Ein jeder habe das Lo8, das er verdiene. 
Und wenn der Herr Fektior oder der Herr Oberlehrer bei dein; 
Schulentlaſſung die Abſchied3Srede hält, ſo werden die Arbeiter- 
kinder noc< einmal die gleiche WeiSheit eindringlicß vorgepredigt 
befommen. 
Nun tritt der junge Arbeiter, die junge Arbeiterin in3 Leben 
hinaus, mit dem Vorſaß, dieſer wichtigen „Leben3wei3heit“ ſtets 
eingeden? zu bleiben, auf daß e3 ihn2n wohlergehe. Aber bald 
werden ſie ſpüren, wie ſchlimm es mit der Richtigkeit des Sprüch- 
lein3 beſtellt iſt. Schon wenn e3 gilt, den Beruf zu wählen, wird 
das jo manchem Arbeiterkinde ſchmerzlich bewußt werden. Da iſt 
ein Knabe, der ſich) in der Schule durch ſeinen ſcharfen Verſtand 
auszeichnet, ein anderer, der ſ<on früh bewieſen hat, daß er das 
Zeug zum Künſtler in ſich hat. Sie haben vielleicht davon ge- 
raumt, daß ſie einſt eine Univerſität oder eine Akademie beſuchen 
würden, daß ſie den WiſſensSſ<haß der Menſc<heit erweitern, die 
Herzen von Tauſenden durc< ihre Kunſt erfreuen würden. Die 
rauhe Wirklichkeit reißt ſie bald aus ihren Träumen: ſo etwas gibt 
es bloß für die Kinder der Reichen. Sie aber ſind nur Proletarier, 
Habenichtie. Möglichſt bald müſſen ſie verdienen, dem Vater, der 
Mutter helfen, das Brot für die Familie zu ſ<affen. Da3 hohe 
Glüd8gefühl, das denen winkt, die ihre Kräfte zu der 'Menſc<heit 
Heil frei entfalten können, bleibt ihnen für immer verſagt. So 
manchem Arbeiterkind können die Eltern ſelbſt den beſcheidenen 
Wunjſc< nicht erfüllen, es ein Handwerk erlernen zu laſſen, zu dem 
es Neigung hat und das ihm Jreude bereiten würde. Die paar 
Mark, die der Junge als Arbeit8- oder Laufburſche gleich mit 
nach Sauſe bringt, können nicht entbehrt werden. - 
Nun wird es nicht an weiſen Leuten fehlen, die, ſ<nell bereit 
zu guten Lehren für andere, dem Proletarier ſagen: Der Menſch 
muß ſich eben in da3 Unabänderliche fügen. ES ſuche ein jeder den 
Plaß, an den ihn einmal ſein Geſchi> geſtellt hat, ſo gut wie - 
möglich auszufüllen, dann wird ihm jede Arbeit Freude bereiten. 
Aber wie ſieht die Arbeit aus, die heute der Proletarier meiſt 
zu verrichten hat? Nicht ein beſtimmte3 Werk hat er zu vollenden, 
in das er ein Stü ſeiner Perſönlichkeit hineinlegen kann, das er 
nach getaner Arbeit ſtolz vor ſich hinſtellen kann mit dem Bewußt- 
Berlin, 4. Juli - 
 
  
Expedition: Buc<handlung Vorwärts, Paul 
Singer G. m. b. H., Lindenjtraße 69, Alle Zu- 
ſchriften für die Redaktion ſind zu richten 
an Karl Korn, Lindenſtraße 3, Berlin SW. 68 
1914 
 
 
ſein: das habe iM geſchaffen. Der Kapitalismus mit ſeiner Tei- 
lung der Arbeit, mit ſeinen Maſchinen, hat den Menſchen ja jelbiſt 
zur Maſchine gemacht. Millionen gibt es, die Stunde für Stunde, 
tagaus, tagein immer wieder denſelben Sandarif?f verrichten 
müſſen. Jeder geiſtige Inhalt iſt ihrer Arbeit entnommen. Wie 
jol da ein denfender Menſ< Befriedigung finden? 
Aber der Proletarier kann ſich doc: für. der Arbeit Qual in 
ſeinen Mußeſtunden ſchadlos halten, kann fich durch ein Buch mit 
dem Schönen und Erhabenen vertraut machen, was die Großen 
der Menſchheit geſchaffen haben! Auch da3 iſt Peaillionen Arbeitern 
beute verſagt, teils, weil fie die Schule nicht ſ9 ausgerüſtet hat, 
da.B ihnen die Schäße der Kunſt und Wiſſenſchaft zugänglich find, 
teils, weil das Ringen um da3 tägliche Brot ihre ganze Kraft 
verbraucht, ſo daß ſie nac) des Tages Laſt m<t mehr imſiande 
ſind, ein gutes Buch zu leſen oder einem belehrenden Vortrag zu 
folgen. 
Vielleicht aber winkt dem Proletarier für alle feines Mühe ein 
'ichöner Lohn? Vielleicht kann er jich aus der Ardpeiterklaſie 
emporichwingen, wenn er fleißig und iparjam itt, fann ein tleine32 
Vermögen erwerben, ein Geſchäft eröffnen, zu Wohljtand und 
Reichtum eimporſteigen? Gin Bli in unfer Wirtſchaftsgetriebe 
zeigt, daß die Zeiten längſt vorbei find, wo der Lehrling, dar 
Seielle darauf rechnen konnte, einmal Meiſier 311 werden. An die 
Stelle des früher herrſchenden Kleinbetriebes, der mit ein paar 
Sparpfennigen eröffnet worden konnte, find die modernen Gro3- 
betriebe und Meſenunternehmungen getreten, die ein Kapital von 
Hunderttauſenden, von Millionen erfordern. Wa3 bedeuten da 
die paar hundert Mark, die ein Arbeiter heute im beiten Fal 
unter großen Enibehrungen erſparen fann! Der Arbeiter von 
beute hat Feine Ausſicht, emporzuſteigen; er muß jein Leben lang 
Proletarier bleiben, es fei denn, daß ein au8nahms5weiſe günſtiger 
Zufall ihm zu Hilfe kommt. . 
Und nicht einmal dic Gewißheit hat er, daß ſeine färgliche 
und mübevolle Exiſtenz ihm ſicher iſt. Gerade jetzi, wo die Kriſe 
verheerend durc<3 Land ſchreitet, wandern ja viele Tauſende, ver- 
geblich Arbeit ſv<end, von Fabriktor zu Fabrikftor. In unſerer kapi- 
taliſtiſchen Geſollichaft fehlt es ja an jeder planmäßigen Ordnung 
der Güterherſtelung, blind wird darauflos produziert. Der eine 
Tabrifant weiß häufig nicht, was der andere int. So kommt es, 
daß bald hier, bald dort Waren hergeſtellt worden ſind, die nicht 
abgejeßt werden können. Nun müſſen die Betriebe eingeſchränkt 
werden, und zahlloſe Arbotter fliegen auf die Straße. Oder es 
wird eine neue Maſchine eingeführt, die menſ<hliche Arbeit erſpart. 
In einer vernünftigen GeſellſHaft3ordnung könnte die Erfindung 
die Arbeitslaſt von Tauſenden mindern. In unſerer kapita- 
liſtijſchen Welt kommen ihre Vorteile, wenigſiten38 zunächſt, nur den 
Gabrifanten zugute, die die neue Maſchine herſtellen oder in ihrem 
Betrieb verwenden. Dieſe heimſen hohe Gewinne ein. Statt, 
daß aber eine allgemeine Herabſezung der Arbeitszeit vorgenom» 
* men wird, werden Maſſen von Arbeitern entlaſſen und müſſen den 
Gortſhritt, den an ſich die Einführung einer ſol<&en Maſchine be- 
deutet, mit Not und Elend bezahlen. Und wie geht c38 erſt dem 
alt gewordenen Arbeiter? Vergeblich pocht er in Fabriken und 
Werkſtätten an; niemand will ihn mehr haben, weil man glaubt, 
aus ihm nicht mehr genug Arbeit heraus8preſſen zu können. 
Gar oft hört man unſere Staatsſtüßen von der Heiligkeit des 
Familienleben3 reden, vom Glü> am häuslichen Herd. Wie aber 
iſt e38 beim Proletarier damit beſtellt? Häufig bekommt der. Vater 
die Kinder nur abend3 oder na<ht3 zu ſehen, wenn ſie ſc<lafen.
	        

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