Volltext: Arbeiter-Jugend - 6.1914 (6)

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Eingetragen in die Poft - 'Zeitungsliſte. 
Unſere Bildungsarbeit in der Kriegszeik. 
CC) 4'138 vor nunmehr drei Monaten dieſer Krieg über uns herein- 
5 5 brach, da ſchien, wie ſo mancher auf den friedlichen Kampf 
der Geiſter eingeſtellten Tätigkeit, auch unſerer Arbeiter- 
Jugendbewegung für einen Augenblick das Herz zu ſto>en. Wur- 
den doch auc< unſere Reihen durch den Ruf des gepanzerten Gottes 
gelichtet. Nicht wenige unferer älteren Kameraden und eine ganze 
Anzahl unſerer Leiter mußten aus allen Gegenden unſeres Vater- 
landes in3 Feldheer einrücken. Aller Verkehr, das geſamte Ge- 
triebe des öffentlichen Leben8 diente den Notwendigkeiten der un- 
geheuren Aufgabe, die plößlich unferem Volk geſtellt war. Im 
wörtlichſten Sinn erlebten wir die Ankündigung des Dichters, daß 
Mears die Stunde regiert, und kein anderes Gebot durfte, [9 ſchien 
.e3, neben jeinem Jmperatorenwort Geltung heiſchen. 
Wie würde, ſo fragten wir uns damals, gegenüber dieſer auf 
einen Punkt konzentrierten Machtentfaältung unſeres ganzen 
Volkes unſere Jugendbewegung ſich ihr Exiſtenzrecht, ja auc< nur 
die beſ<eidenſte Ellbogenfreihoit des Weiterleben8 wahren können! 
Inzwiſchen hat ſich nicht alleim die militäriſche, ſondern auch, 
wenn wir un3 ſo ausdrücken dürfen, die bürgerliche Mobilmachung 
vollzogen („bürgerlich“ hier natürlich nicht in der Gegenüber- 
ſtellung zu proletariſch, jfondern zu militäriſch verſtanden). Der 
Aufmarſc< der Krieger iſt im Vaterlande des Organiſation8- 
gedanfen3 pünktlich wie auf dem Exerzierplaß erfolgt, aber auch 
das bürgerliche Weſen, Wirtſchaft, Wiſſenſchaft und Kunſt haben 
jich al3bald im die neue Ordnung eingefügt. Auf jeden Fall hat 
ſich herausgeſtellt, daß die Befür<tungen jener, die als unmittel- 
bare Folge eine8 modernen Krieges die völlige Zertrümmerung 
des geſamien gefellſ<aftlichen Apparates vorausſahen, dur< die 
Tatſfachen widerlegt ſind. Das gilt zum mindeſten für unſer 
deutſches Land, dem dank den heldenhaften Anſtrengungen unſerer 
Hecre die Kriegsfurie ferngehalten wurde. 
Die deutſche Arbeiterbewegung vollends iſt durch den Krieg 
nicht nur nicht lahmgelegt worden, im Gegenteil, ſie hat gerade 
ießt eine Fülle von neuen Aufgaben gefunden, an denen ſie die 
gewaltigen geiſtigen und ſittlichen Energien, die ſie in ſich ver- 
körpert, erproben kann. Wir erinnern nur an die Arbeitsloſigkeit. 
deren Bekämpfung unſere Gewerkſchaften im Verein mit Staat 
und Gemeinden erfolgreich in Angriff genommen haben, und wir 
jagen wohl nicht zu viel, wenn wir behaupten, daß unmittelbar 
hinter der Pflicht, den Sieg zu erringen, die das Volk in Waffen 
erfüllt, die Pflicht der Zurückbleibenden ſteht, dem Volke Brot und 
Arbeit zu Ichaffen. 
Auch unfere Jugendbewegung bat die Periode ver Ver- 
wirrung, die jie anfänglich hier und da zu überwinden hatte, längſt 
hinter ſich. . Die Lücken, die der Ruf zu den Waffen in unſere 
Reihen geriſſen, ſind wohl faſt überall geſchloſſen, und der neue 
Aufmarſch hat ſic auch auf unſerem Gelände mit erſtaunlicher 
Sicherheit vollzogen. Jm Abonnentenſtand unſeres Blattes drückt 
ſich bekanntlich die Stärke unſerer Anhängerſchaft am zuverläſſig- 
ſten aus. Nun, die „Arbeiter-JFugend“, deren erſte „KriegsS- 
nummer“ wegen der Verkehrsſto>ungen nur in beſchränktem Um- 
fange hatte. verbreitet werden können, hat heute bereits. wieder 
75 000 regelmäßige Bezieher. Das iſt im Vergleich zu der ſchwie- 
rigen wirt) j<aftlichen Situation, in der ſich viele unſerer Rame- 
 
raden befinden, ein außerordentlich befriedigendes Refultat, zu- 
mal wenn man berüdſichtigt, daß der Vertrieb in gewiſſen * Be- 
zirken. gänzlich geſtoc>t hat. 
Berlin, 24. Oktober 
"ſtellung von den hiſtoriſc<en und wirtich 
Expedition: Buchhandlung Vorwärts, Paul 
Singer G. m. b. H., Lindenſtraße 3. Alle Zu- 
ſchriiten für die- Redaktion find zu richten 
an Karl Korn, Lindenſtraße 3, Berlin SW. 68 
 
Dieſer erfreuliche Stand unſerer Bewegung -iſt für ihre ge- 
feſtigten Anhänger ja keine Ueberraſchung. In der Tat, wir 
brauchten un3 nur auf uns ſelbſt zu beſinnen, um zu erkennen, daß 
unjere Bewegung jekt oder nie ein Lebens8bedürfnis für die 
arbeitende Jugend iſt. Von der Notwendigkeit de8 treuen, kame- 
radjſc<haftlichen Zufammenhalten3, die in dieſer ernſten Zeit ſich 
gerade unter den jungen Arbeitern und Arbeiterinnen bejonders3 
eindringlich fühlbar macht, iſt in den vorhergehenden Nummern 
wiederholt die Rede geweſen. Aber auc< der In halt, das ideale 
Ziel unſerer Bewegung, wird durc< den Jerrichenden Kriegszuſtand 
nicht nur nicht beeinträchtigt = im Gegenteil: jeinem Wert 
und feiner Tragweite nachdrülichſt unter trihen. 
Unſere Bewegung iſt in erſter Linie eine Bildungs5bewegung. 
Sie will ihren jungen Anhängern vor allem die Kenntnis der ge- 
ſelichaftlihen Zufammenhänge vermitteln, in die die moderne 
Menjc<heit, beſonders die Arbeiterſchaft, geitellt iſt. Sie tut dies, 
nebenbei bemerkt, nicht um des Wiſſen3 ſelber willen, = Wiſſen 
iſt ja nur ein Miittel zum Zwe, iit die Vorausſezung zielkflaren, 
vernunftgemäßen Handelns. Nun, welches koloffalere gefellichaft- 
liche Ereignis, zu deſſen reſtlotem Veritändnis die geipannteſte 
geiſtige Anſtrengung, das umfangreichſte Wiſſen kaum ausreicht, 
iſt dentbar, al8 ein moderner Krieg, gar ein jolcher von der A115- 
dehnung und Kraftentfaltung dieſes Weltkrieges So wird |ich 
der intelligente junge Arbeiter, deſſen Senntniſie I oft erörterten 
Gründen nur dürftig ſind, angeſichts des gewaltigen Geichehens. 
deſſen Zeitgenoſſe er geworden iſt, vor eine Fülle von Problemen 
geſtellt jehen, Problemen geichichtlicher, geographitcher und wirt- 
ſchaftlicher Natur. Um nur einige folcher Fragen zu nennen: wie 
wenige wiſſen Beſcheid um das geſchichtliche Werden Belgiens, 
dieſes Pufferſtaates zwiſchen Frankreich und Deutſchland, deſſen 
Boden der Schauplaß der erſten kriegeriſchen Zuſammenjtöße 
großen Stils geworden iſt2 Wer möchte nicht einge klare Vor- 
dhaftlichen Bedingungen 
der Zarenherrichaft gewinnen oder von der imperialittiſchen 
Politik England8? Wie iſt das Völfergewirre und die Mächte- 
gruppterung im Balkan entſtanden, wie ſind die Engländer zu 
Indien und Aegypten gekommen, wie verhalt es fich überhaupt 
mit den Kolonien, was bedeuten ſie für den modernen Staat und 
ſeine Weltwirtſ ſchaft, was iſt Neutralität und Völkerrecht und 
Kaperei? Kurz, eine Frage zieht die andere herbei, und das 
Wiſſen um dieſe Dinge bewahrt uns vor dem verächtlichſten 
Zeitvertreib, zumal in dieſer aufgeregten Zeit, vor der Kanne- 
gießerei und der Bierbankpolitik. 
WesShalb ſollen ſich unſere jungen Freunde iiicht von älteren 
Sachverſtändigen über ſolche Fragen in Vorträgen belehren laſſen? 
Zeit haben dody) viele unter ihnen jetzt mehr, als ihnen vielleicht 
lieb iſt. Auch an Vortragenden kann jetzt, wo die koſtſpieligeren 
B1ildungsveranſtaltungen der Erwachſenen aus mannigfaltigen 
Gründen pauſieren müſſen, kein Mangel ſein, denn Redakteure, 
Arbeiterſefretäre und ſonſtige unterrichtete Perf onen find an vielen 
Orten zur Genüge vorhanden, die ſich gewiß gern zur Verfügung 
ſtellen, wenn ſie um ihre Dienſte angegangen werden. Daß die 
volitiſhen Beſtimmungen des Vereinsgeſczes in der jeßigen Zeit 
beſonder38 ſtreng beachtet werden müſſen, iſt ſelbſtverſtändlich; deSs- 
halb raten wir auch entſchieden davon ab, etwa in Kreiſen, die 
ausſchließlich. aus Jugendgenoſſen beſtehen, Zeitſchriftenaufſäte 
oder Broſchüren vorzuleſen und darüber zu. diskutieren. 
Dagegen können ſich auf anderem geiſtigem Gebiete die Kame- 
- "taden und Kameradinnen ſehr wohl ſelbſt betätigen und im Not-"
	        

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