Full text: Arbeiter-Jugend - 6.1914 (6)

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Arbeiter-Iugend 
 
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lien Stank und Zanf. Audy in der Sugendbewegung gibt es 
eine gute Rortion unſc<heinbarer Kleinarbeit zu tun, eine Menge 
oft undanfbarer Agitation und" viele AusSeinanderjezungen. Die 
- ewigen Polizei] <ifanen mögen den Surctfamen iTdreden, den 
Lauen abhalten. Vor allem aber bedürfen wir eines zähen Fleiße3, 
um unſer Wiſſen zu ergänzen, un38 aufzuklären. Die Bildung3- 
arbeit iſt eine mühſame Arbeit. Man eignet ſich Kenntniſſe nicht 
im Fluge an. Da gilt e8 manchmal die Zähne aufeinanderbeißen. 
T3 geht un38 wie beim Bergſteigen. Ohne Schweiß und Mübe 
femmen wir nicht „binau]. Aber oben iſt e8 1I<vn. Und wir 
wollen hinauf. In dem Wörterbuch eines jungen Proletariers 
ſoll das Wort: „Jh kann nicht!“ gar nicht vorkommen. Die Ar- 
beiterflaſſe 'will die Welt revolutionieren, dazu braucht jie nicht 
nur Begeiſterung, fondern auch Zähigkeit. Die Arbeiterklaſſe ift 
in fortwährender Gefahr, wieder hinabgeſtoßen zu werden 1n 
Armut und Knechtichaft, darum bedarf ſie des Troße3 und der 
Jurctloſigkeit. Die Arbeiterklaſſe iſt berufen, einen Zuſtand her- 
beizuführen, wo e8 weder reid) no< arm, weder Herr noch Knecht 
mehr gibt, wo die Menſchheit in gemeinjamer Arbeit jich gemein=- 
jamen Fortſchrittes erfreut. Darauf ſeid ſtolz! Für euch in erſter 
Linie gelten Goethe3 Worte: % 
Feiger Gedanken 
Bängliches Schwanken, 
Weibiſche3 Zagen, 
Aengqtliche3 Klagen, 
Wendet kein Slend, 
Macht Dich nicht fre1. 
Allen Gewalten 
Zum Trus ſich erhalten, 
Nimmer fich beugen, 
Kräftig Jich zeigen, 
Nufet die Arme 
Der Götter Herbei. 
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Hoernle. 
Die erſte Auseinanderſeßung im Reichsfkage 
üver den Klaſſenkampf der Arbeiter. 
Eh & m 17. März 1869 ſtand im Reichstage des Norddeutſchen 
I EK Bundes die erſte Beratung der Gewerbeordnung auf der 
TagesSordnung. Die Debatte wurde eröffnet durc< eine 
längere Rede des joz ialdemokratiſchen Abgeordneten Dr. von 
S hweißer, der die Aenderungen ankündigte, die ſeine Partei 
beantragen werde. Zur richtigen Würdiaung dieſer Anregungen 
iſt aber, führte der Redner aus, Klarheit über einige Grund- 
begriffe des Soziali8mus notwendig. Seine Partei gehe von der 
Auffaſſung aus, daß da8 Verhältnis zwiſchen Kapital und Arbeit 
ein Kriegszuſtand iſt. Weiter wies er nach, daß in unſerem 
Wirtſchaft8leben die Arbeit es iſt, die die Tauſchwerte, die Giüter 
Der gerechte Richter im Zillertal. 
Eine Erinnerung von dcr Walze. 
 
 
 
Von H. Farwig. 
<z2 aß cin Arbeiter bei einer Verurteilung das bittere Gefühl bat, 
3 Feine zu harte Strafe aufgebrummt zu bekommen, iſt heute bei= 
 
zw nahc etwas Alltägliches. Gin etwa3 ſeltener Fall aber dürfte es 
Tcin, daß umgetehrt ein PBrolet wegen ſeiner Organiſationö8zugehörigieit 
cine mildere Strafe erhält al8 Nichtorganiſierte, die des gleichen Ver= 
gehens angeflagt ſind. Das iſt durchaus kein Roman. Jh erzähle ohne 
jede Ausſichmüdung meine Geſchichte. 
Cs war in den erſten Tagen ves Okiober. Wir, d. h. mein Reiſe= 
gefährie und ich, waren ſeit Juli auf der Walze, uud zivar von Berlin 
aus. Schon immer hatten wir davon geſchwärmt, einmal Tirol Tennen 
zu lernen. Ganz beſonder3 hatte e8 un38 da3 Zillertal angetan. 
Und nun waren wir endlich da. Von München aus hatten wir 
Starnberg berührt und. hatten uns dann durhgeſ<hlagen bis zum jchönen 
Achental. Dann noch ein paar Stunden rüſtigen Maxrſchier2n8 den Inn 
aufwärt8, und das Ziel unſerer Wünjſche, das viel befungene Zillertal, 
lag vor uns. 
Am Gi ingang Des Tal3 hielten wir noch cinmal Kriegsrat ab, um 
uns über unſere Taktik, d. h. über die Art und Weiſe, wie wir e3 hier mit 
dem Fechten halten wollten, flar. zu werden. Das ſchien uns nötig zu 
fein, denn das ſchöne Zillertal ſollte, bei aller Gutherzigkeit ſeiner Be= 
wohner, einm heißer Boden für Hanudwerks8burſchen fein. Wir veradb= 
redeten alſo, daß wir getrennt marſchieren wund vereint = Übernachten 
wollten. Um *uns nicht au8 den Augen zu verlieren (der eine ging 
links, der andere re<ht8 von der Straße), ſollte jeder an Telegraphen- 
ſtangen, Kilometerſteinen oder ähnlichen auffallenden Gegenſtänden ein 
ganz beſtimmtes, vorher abgemachtes Zeichen mit Blauſtift anbringen. 
So wüßte man wenigſtens immer, wo vor andere war, ob er vor oder 
hinter einem tippeltc. 
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aller Art, ſchafft. Und dann beſprach Schweißer die Lage der 
Arbeiter. Die Arbeiter ſeien nicht im Beoſitße -der zur heutigen 
Arbeit notwendigen Arbeit3mittel, der Fabrifen, der Maſchinen, 
der Bergwerke, der Robſtoffe uſw. Vielmehr müſſen fe, um 
cerbeiten zu können, in den Dienſt der Unternehmer treten, und 
diele beſkuftigen Arbeiter nur, wenn fie a118 deren Arbeit einen 
Ueberſ<uß, den Profit, ziehen, wenn ſie alſo die Arbeiter aus- 
euter können. Die Arbeitsmittel, die zugleich al8 Mittel zur 
Ausbeutung der Arbeiter dienen, bilden das Kapital, und die Be- 
fißer des Kavital8 ſind die Kapitaliſten. Demgemäß müſſen die 
Arbeiter den Kampf gegen das Kapital aufnehmen, um der A18- 
beutung entgegenzutreten, fich möglichſt günſtige Arbeits- und 
CebenSbedinqungen zu erringen und ſI<ließlich die heutige A1U8- 
beutungs5wirtſ Haft abzulöſen durch die wirkliche Volk8wirtſchaft, in 
der die Arbeitsmittel das Cigentum der Geſamtheit ſind, und 
die Gejamthbeit jeibt die gemeinfame Arbeit zum Segen des 
ganzen arbeitenden Volkes regelt. Um aber Ddiejen Kampf mit 
möglichſt großem Nachdru> führen zu können, müſſen die Arbeiter 
ihre Kräfte durc< mvglichſt wirkſame Arbeiterihußgeſeße zu er- 
halten und immer mehr zu ſieigern ſuchen. 
Jcach dem Abgeordneten Dr. v. Schweißer fam zunächſt der 
fortſchrittliche Abgeordnete Dr. Braun (Wie3baden) zu Wort. 
Er beſtritt, daß „der Sozialdemokrat ein Jtecht habe, im Namen 
der Arbeiter zu ſpreßen. Mehr al3 die Hälfte der ganzen De- 
vöolferung lebe von der Landwirtſchaft. Hier ſei kein Boden für 
die Sozialdemokratie. Von der anderen Hälfte aber ſchließe fich 
nur ein „äußerſt feiner Teil“ der Jozialdemokratiſhen An=- 
I<ßauung an. (Inzwiſchen haben aber auch die Gegner der Sozial- 
demoFratie eingeſehen, daß dieſe Rechnung gründlich falſch iſt. Die 
Zahl der Induſtriearbeiter iſt immer größer geworden. Zu gleicher 
Zeit hat ſich ein immer arößerer Teil dieſer Arbeiter der Sozial- 
demotratie angejc<hlofjen. € ndlich hat fich. die Sozialdemokratie 
gerade in den letzten Jahren auch unter den Landarbeitern mehr 
und mehr ausgebreitet.) 
. Abgeordneter v. Schweißer haite in ſeiner Nede auc<ß die 
rage aufgeworfen, auf welche Gründe hin die Kapitaliſten das 
Recht für ſich in Anſpruch nehmen, die Arbeiter aus8zubeuten. Als 
cinen folc<hen Grund führte er an, daß der Gewinn des Kapitaliſten 
nur die Entſchädigung für die Gefahr des Verluſtes jeines Ka- 
pitals wäre. Richtig iſt es, antwortete er, daß ein Unternehmen 
auch einmal ſchlecht a <hneidet, Der Kapitaliſt dabei micht nur 
nichts gewinnt, ſondern fogar jein Kapital einbüßt. Aber das ſind 
doch nur verſ<windend wenige AuSnahmefälle. Wenn die Gejamt- 
heit, wie die Sozialdemokratie fordert, alle Arbeit3mittel über- 
nimmt und alle Betriebe leitet, dann kann ſie gewaltige und 
immer größer werdende Mengen von Gütern, die jeßt die Kapi- 
taliſten dem arbeitenden Volke entziehen, ihm zugute kommen - 
laſſen. (Au vies hat ſich als richtig erwieten, denn inzwiſchen, 
haben die Großfapitaliſten ihren Reichtum von Jahr zu Jahr 
 
 
Am erſten Tage klappte auch :alles ganz ſchön. Am zweiten aber 
irafen wir uns abend3 ſchon nicht mehr und kamen getrennt in Mair= 
hofen. an. I< hatte das Zeichen meines Kameraden noch direkt vor 
dem Dorfe feſtgeſtellt; er mußte alſo drinnen ſein. Auch am andern 
Worgen trafen wir uns nicht. Al3 ich vor das Dorf kam, konnte ich 
iirgends ſein Monogramm entde&en. Das ſchien mir ſehr verdächtig, 
UND mißmutig trottete ich fürbaß. Da wurde ich dur< ein cigenartiges 
Bild, das meine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm, für ein paar Augen= 
blide abgelenkt. 
In einem der vielen Üppigen Obſtgärten arbeiteten ein junger 
Burſche und eine Dralle Dirn zuſammen. Was3 mich nun jo überraſchte, 
ivar, daß die Dirn mit dem Burſchen zuſammen die Friedenspfeife 
rauchte. BisSher hatte ich nur einmal eine alte Frau rauchen ſehen. 
Schlecht genug Übrigens befam dem jungen Mädchen der Verſuch, 
dieſes „Männerwertf“ nachzuahmen, und das war e3, was8 mich lachen 
machte. I< ahnte allerdings nicht, daß kaum eine Vierteljtunde ſpäter 
das junge Mädchen viel mehr Urjoche „haben jollte, mich zu verſpotien. 
Ein paar Minuten darauf traf ich auf ein einjam gelegenes HauZ2. 
Da ic< an dem Tage noch nicht8 gegeſſen hatte, ging ich hinein. Laut 
rief ich mein „Grüß Gott“, allein e8 kam keine Antwort. - Auch auf 
mein wiederholtes Rufen regie fich nichts. Jn dem Augenbli>k aber, als 
ich wieder herauswollie, kam ganz aufgeregt, ordentlich ſ<naufend, der 
Landjäger (Gendarm) hinein, dex mich verfolgt haben mußte. Um=- 
fehren und zur Hintertür hinaus war da8 Werk eine38 Augenblic3. 
Yiit aller Kraft ſchlug ich die ſchwere eichene Tür hinter mir zu, 
wobei ich nicht beachtete, daß der pflichteifrige Staat3zdiener mir ganz 
dic<t auf den Ferſen war. Und jo geſchah das Fürchterliche: mit voller 
Wucht ſchlug die Tüx dem Beamten auf .die Naſe. Derweil war ich, 
das gar nicht bemerfend, draußen auf einer Wieſe angelangt und ſah 
mich hier plößlich dem Zillerbach gegenüber, ſo daß ich ratlos daſtand. 
Doh da kam mein Verfolger auch ſchon angekeucht und fuchtelte 
voller Wut mit ſeinem Türkenſäbel vor mix herum. Jndeſſen blieb
	        

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