Full text: Arbeiter-Jugend - 6.1914 (6)

 
 
Erſcheint c alle 14 Tage. 
Preis der Einzel - Nummer 10 Pfennig. 
Abonnement vierteljährlich 50 Pfennig. 
Eingetragen tn die Poſt- Zeitungsliſte. 
Nr. 4 
 
Berlin, 14. Februar 
Expedition: Buchhandlung Vorwärts, Paul 
Singer G. m. b. H., Lindenſtraße 69. Alle Zu- 
ſc<riſften für die Redaktion ſind zu richten 
an Karl Korn, Lindenſtraße 3, Berlin SW. 68 
1914 
 
 
 
Die Jugend in den Parlamenten. 
ce) FC Miährlich, wenn in den Volksvertretungen der deutichen 
5 8 Gtaaten der Haushaltungs3plan (Etat) beraten wird, pflegt 
neuerdings auc< über die Jugend geredet zu werden. Und 
zwar geſchieht dies allemal bei einem beſtimmten Punkt des Etat3. 
Dann nämlich, wenn unter den vielen Titeln und Poſten die 
ſtaatliche Jugendpflege auftau<t. Bekanntlich halten nachgerade 
faſt ſämtliche deutſhen Bundesſtaaten, vom aroßen Preußen bis 
zum kleinen Anhalt, von Amt38 wegen eine Jugendpflege im Be- 
tricb, und dieſer Betrieb koſtet überall Geld. Er koſtet fogar viel 
Geld, denn es ſind nicht dur<Hweg jelbſtlo?fe Beweggründe, die die an 
dieſem Betriebe Beteiligten leiten, ſondern viele, die mitmachen, 
laſſen ſich ihre Arbeit gut bezahlen. Darum werden die Summen, 
die für dieſe Poſten in die Haushaltungsplänc eingeſtellt werden, 
von Jahr zu Jahr hoher. 
Nun könnte man gewiß an ſolchem, in runden Ziffern ſich 
ausdrücenden Intereſſe für die Jugend feine Freude haben, wenn 
 
:8 damit nicht ſeine eigentümliche Bewandtnis hätte. Dieſe 
Jugendpflege will nämlich gar nicht das Wohl der Jugend, 1o9ndern 
das Wohl des Staates. Und nicht das Wohl des Staaies iv DCr 
Geſamtheit der Staat8bürger, ſonvern das Wohl der berriwendeon 
Geſellichaft im Staate, jener Minderheit, die allein den Vorieil 
vom Staat hat, die die Reichtümer beſitzt und über die Macht ver- 
fügt. In deren Intereſſe fol die Jugend „gepflegt“ werden, 
damit das Geſchlecht nicht ausſterbe, das der Minderheit den Neich- 
tum erarbeitet und an dem ſie ihre Macht ausüben kann. Viit der 
taatlichen Zugendpflege wird die Jugend, die Jugend der Volk3- 
maſſen, für dieſen doppelten Beruf gedrillt: den wirticha etlichen 
ind ſtaatlichen Machthabern dereinſt willige Arbeitsiklaven und 
gehorfame Untertanen zu fein. 
Daß nicht das Wohl der Jugend, ſondern das Intereſſe der 
herrſchenden Klaſſe das Leitmotiv dor ſtaatlichen Jugendpflege 
iſt, gebt ohne weiteres daraus hervor, daß jene ſtaatlichen Golder 
bloß unter die Jugendvereine verteilt werden, die ihre Mit- 
glieder fromm und patriotiſch machen wollen, daß aber die Jugend- 
bewegung der Arbeiterſchaft von dieſen Väatteln, die doch zunr 
großen Teil aus den Stceuergroſc<en der Arbeiter ſtammen, keinen 
roten Heller abbekommt. Eine fromme und patriotiſche Arbeiter» 
jugend, da3 gibt eben, wenn ſic herangewachſen iſt, jene8 geduldige 
Arbeitergeſc<lecht, das ſich auf den Himmel vertröſten läßt, wenn 
ihm auf Erden das Fell über die Ohren gezogen wird, und da3 
auf Väter und Brüder ſchießt, wenn 3 befohlen wird. Die freie 
Jugendbewegung der Arbeiterſchaft dagegen will die jungen Ar- 
beiter und Arbeiterinnen zu tüchtigen, intelligenten, ſelbſtbewußten 
und freiheitlicbenden Männern und Frauen erziehen; ſie hat bloß 
das ſittliche und geiſtige Wohl der Jugend ſelbſt im Auge und 
nicht deren Verwendbarkeit zu anderer Leute Zwe>ken. Die freie 
Zugend ſoll dereinſt im Dienſt des Volke38 und der Geſamtheit 
ihre Pflicht tun und nicht im Joch der kapitaliſtiſchen Aus8beuter- 
gelellichaft verkümmern... DeShalb wird die freie Jugendbewegung 
von den im Staat und Reich Herrſchenden nicht nur nicht unter- 
jtüßt, ſondern bis aufs Meſſer bekämpft. Dic Jugenddebatten 
aber, die alljährlich bei den Etat38beratungen der Landtage wieder- 
kehren, dieſe Debatten werden natürlich nicht von den Leuten, die 
an der Krippe ſiken, heraufbeſchworen: die würden in ſ<munzeln- 
dem Schweigen ſich bewilligen, wa38 nur zu ergattern iſt. Aber zum 
großen Verdruß jener Herrſchaften iſt auch die Arbeiterſchaft in 
den meiſten Parlamenten der Bundesſtaaten vertreten, und deren 
- wiederfehrenden Redeichlachten um die Jugend, 
Abgeordnete laſſen es ſich natürlich nicbt nehmen, bei jeder Ge- 
legenheit die ſtaatliche Jugendpflege in ihren wahren Beweg- 
gründen zu entlarven und beſonders auch immer wieder den 
Skandal zu brandmarken, der in jener ſchamlo3 ungerechten Ver- 
teilung von Geldern der Allgemeinheit liegt. C3 werden allo 
auc< in diejem Jahre wieder in Nord und Süd, im preußiſchen, 
jächſiſ<en, bayeriichen Landtag, und wo immer die Arbeiterſchaft 
zu Worte kommt, lebhafte AusSeinanderjezungen über die JugenD- 
frage zu gewärtigen fein, und vielleicht jind einige diejer falligen 
JZugenddebatten ſchon erlediat, wenn diejss Blatt in die Hände der 
Leier fommt. 
Der Teutſhe Reichstag kennt noch keine jolche alliährlic? 
denn bDiS JjeBt 
haben wir noch feine Reichsjugendpflege. Angekündigt int 7a aud 
icon der „Reichöjugendfonds“, das beißt die Cinjtiellung von 
MVraiteln in den ReichShaushalt, mit denen die 7romme 1mD 
patriotiſche Jugendpflege aum nod von Reichs wegen geipeitt 
werden kann. Aber die Iußnmießer der bürgerlichen Jugendp?lea2 
werden es fich am Cnde wohl noch dreimal überlegen, ehe fie den 
Verſuch machen, auch das Reich vor ihren Karren zu ſpannen: 
denn im Neichstage konnen 1ie doc nict j9 ungeniert 19x Sdaf2 
icheren und ſich Geld in die eigenen Taſchen bewilligen, wie in 
den mettten Landiagen. 
Dagegen wird im Deutſchen ReichSftage die Jugendpfleg: 
bherrichenden Klaſſe auf eine andere, mehr mdir ee Werſe al 
Pranger geſtellt. Cs hanvelt jim um Jolgenbes. KNus ; 
Artifeln zur Cinführung in die Staatsbürgerfunde, 50 un vorigen 
Jahre in der „Arbeiter-Zugend“ erichienen jind (und dit I1 por 
liegender Wimmer mit dem Auffatz iber die Zölle Fortgofnb 
werden), aus vieſen Artifeln wiſſen unſere Lefor, dat die Sozial= 
volitikf Sache des Reiches it. Tit Sozialpolitik aber, wie N 
Leſer ebenfalls erinnern werden, iſt m ihrem wichtigſten T Teil, 
gejagt, die Arbeiterichußgeſezacbuna. Nun ollte man 
wenn es den bürgerlichen „Sugendfreunden“ mit 1t9rer Jugend» 
pflege wirklich um das Wohl unferes Jungvolfes zu fun wäre, 
dann müßten fie vor allom einmal dafür jorgen, daß die arboitenve 
Jugend vor den Ic<Oweren geſundheitlichen, geittigen und jitlichen 
Schädigungen geſchüßt wirde, die die &abrifarbeit für den Jugend 
lichen, in der Entwicklung begriffenen Organismus im Gefolge 
hat. Hier hätten die Gönner des Jungadeutichlandhundes, 31U 
denen ſich ja die höchſten Beamten rechnen, hier hätton die Leiter 
der Fatholiſchen und evangeliſchen Jugendvereine, die im Meich8- 
tage ſien, Gelegenheit, dur< die Tat zu beweiten, daß ſiv wirklich 
cin Herz für die Jugend haben. Aber wann hatte man 106 davon 
gehört, daß dieſe ſo außerordentlich einflüußreichen Herren auf cin 
wirkfjames Jugendſ<hußgeſet gedrängt, daß ſie die beſchowenitten 
Anträge im dieſer Richtung geſtellt hätten! 
Auc< im NReich3tage find es wieder allein die Sozialdon9- 
Fraton, die für die wahren Intereſſen der V Voltsjugend eintreten. 
So hat erſt kürzlich der Abgeordnete Robert Schmidt, ein Mit- 
alied der Zentralſtelle für die arbeitende Jugend Deutſchlands, 
im BVerlaufe der Etat8beratungen unt Nachdru> die krajſen 
Mängel unſerer Jugendſ<ußgeſeße zur Sprache gebracht. In ein- 
dringlichen Worten ſtellte er die ReichSregierung zur Jede, daß 
ſic == auch darüber ſind unſere Leſer unterrichtet = auf der 
Berner Konferenz für eine Hinaufſcekung des Schußalters nicht 
zu haben geweſen ſei und die Schuld trage, wenn auf dieſem 
wichtigen Gebiete des Jugendſ<ußes kein Fortſchritt erzielt worden 
ſat. Aber freilich konnte die Reichöregierung eine ſolche weiter- 
kund = 2 
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