Full text: Arbeiter-Jugend - 6.1914 (6)

. 88“ 
Arbeiter- Jugend 
 
Fünf Gerichtsverhandluangen wegen einer Bagatelle. 
- . Genoſſe Ka3parek aus Halle hatte im April vorigen Jahres 
in dem Städtchen Brehna bei Halle eine öffentliche Jugendverſamms=- 
lung einberufen und über das Thema: „Die wahren und die falſchen 
Freunde der arbeitenden Jugend“ geſprochen. Die Polizei be- 
glüdte den Redner, der die unpolitiſche Verſammlung felbſt einbe- 
rufen und geleitet hatie, mit einem Strafmandat über 20 Mk. wegen 
angeblicher Uebertretung des Reich3vereins8geſeze3. Das Schöffen- 
gericht in Bitterfeld und die vom Amts8anwalt angerufene Straſ-=- 
fammer in Halle mußten jedoch auf Freiſprehung erkennen, weil 
beim beſten Willen abſolut nichts Politiſche3 an der gehaltenen Jede 
entde>i werden konnte. Das Oberlandesgericht Naumburg hob 
auf die Reviſion des Siaat8anwalts das freiſprechende Urteil auf und 
wies es zur anderweitigen Entſcheidung an die Straffammer zurü>. 
Die Straffammer hatte nämlich „feſtgeſtellt“, daß der Redner ſozial- 
demokratiſcher Redakteur ſei und als ſolher zur Gründung von JugendD- 
vereinen aufgefordert habe. Dadurch war nach Anjicht des Ober= 
lande3gerichts der politiſche Charakter der Verſammlung ohne weiteres 
gegeben. Diefelben Richter, die vorher ein freiſprechendes Urteil ge- 
fällt hatten, verurteilten nunmehr den Angeklagten zu 10 Mk. Geld- 
ſtrafe. Jet legte Genoſſe Kas8pare? wieder Reviſion ein, da die „Feſt- 
ſtellungen“ zu einer Verurteilung niemals führen konnten. Hierauf 
hatte ſich auch das Oberlande3gericht zum zweiten Male mit der Un=- 
gelegenheit zu beſchäftigen. Und dasſelbe Oberlandes8gericht, das vor- 
her da3 freiſprechende Urteil der Straffammer aufgehoben hatte, hob 
auc< jezt wieder das verurteilende Grkenntni38 de3 Vorderrichter38 auf 
und erkannte ſofort auf Freiſprechung mit der Begründung, daß ſich 
das Oberlande3gericht den Ausführungen des Angeklagten habe voll 
anſchließen müſſen. Dim un 
. Fünf Gericht35verhandlungen wurden inſzeniert und Berge von 
Akten angelegt, weil Polizei, Richter und Staat8anwälte der Meinung 
find, in unſeren Jugendverſammlungen würde, ebenſo wie in den 
natürlich unbehelligten bürgerlichen Jugendvereinen „Politik getrieben“. 
Um ſo energiſcher muß von unſerer Seite der Ruf ertönen: Weg mit 
dem Bolitikparagraphen aus dem VereinS3geſeß! 
% 
Pommerſc<he Unterdrüc>ungS3politik. 
- In dem pommerſchen JInduſiriedorf Torgelow hat die Arbeiter- 
jugendbewegung fräftig Wurzel geſchlagen. Darob helle Wut und 
wilder Zorn bei unſeren Gegnern, die dort mit ihrem Jugendklub an 
der Fortbildungsſhule die ſc<ulentlaſſenen Arbeiterkinder für ihre 
Zwe&e einfangen wollten und nun dieſe Abſicht durchkreuzt ſehen. 
Nachdem gar erſt kürzlich durch einen geſchidten Schachzug (Siehe 
Nr. 1 der „Arbeiter-Jugend“) ein feindlicher Streich der Polizei abge 
wehrt worden, ſcheinen unſere Torgelower Gegner ganz aus dem Häu32= 
djen geraten zu jein. Wegen des Flugblattes „Die wahren und falſchen 
Freunde der Arbeiterjugend“ ſtellte der Fortbildungsſchulrektor Seliger 
gegen drei Genoſſen Strafantrag; ſie ſollen ihn mit der Verbreitung 
dieſes Flugblattes ſchwer beleidigt haben. Außerdem erhielt der Leiter 
einer öffentlichen unpolitiſchen Jugendverſammlung ein Strafmandat 
in Höhe von 30 Mark, weil die Verſammlung als politiſche betrachtet 
wird; ſelbſtverſtändlich wurde gerichtliche Entſcheidung beantragt. In= 
zwiſchen holte aber der Torgelower Amtsvorſteher ſelber, der kürzlich 
in einer Sißung des Kuratoriums der Fortbildungsſ<ule an der in 
dieſer betriebenen politiſchen Heßarbeit nur zu tadeln wußte, daß ſie 
zu unvorſichtig betrieben werde, zu “einem entſcheidenden Sc<lag gegen 
die Arbeiterjugend aus. Ungefähr zwölf Beſucher des Jugendheims3 
erhielten nämlich folgende Verfügung zugeſtellt: 
Torgelow i, Pom., den 28. Januar 1914. 
Sie ſind Mitglied des im Kuſſerowſchen Lokale hierſelbſt tagenden 
ſozialdemokratiſchen Jugendverein3, der von Mitgliedern de8 Bildung3- 
ausſchuſſes der ſozialdemokratiſchen Partei unterſtüßt wird. Obwohl 
der Verein offiziell keinen Vorſtand und Saßungen haben will, ſo 
ſind doch die Begriffsmerkmale eines „Vereins“ gegeben. - 
Wie Diesſeits feſtgeſtellt, befaßt ſich der Verein auch mit poli- 
tiſchen Angelegenheiten und iſt ſomit ein politiſcher Verein. Da die 
Mitglieder dieſes Vereins das 18. Lebens3jahr noc< nicht vollendet 
haben, läuft der Zwe& des Vereins den Strafgeſezen zuwider und 
erfläre ich daher den Verein gemäß 8 2 des Reich3-Vereins8geſeßes 
hierdurch für aufgelöft. | | 
Ich ſjeßde Sie hiervon mit dem Hinweis in Kenntni38, daß Sie 
weder Mitglied eines politiſchen Vereins, noch in den Sißungen oder 
Verſammlungen ſolcher Vereine anweſend ſein dürfen, da Sie vas 
18. Leben3jahr noh nicht vollendet haben. 
Sollten Sie dieſe Verfügung unbeachtet laſſen, ſo wird gegen Sie 
eine Geldſtrafe von 30 Mark, an deren Stelle im Unvermögensfalle 
eine Haftſtrafe von 5 Tagen tritt, feſtgeſeBt werden. Bremer. 
Gegen dieſe Verfügungen ſind ſelbſtverſtändlich ſofort die geeigneten 
Schritte unternommen worden, und der Herr Amtsvorſteher wird bald 
genug erfennen, daß ſein neueſter Schlag wieder nur ein Schlag ins 
Waſſer war. Der für aufgelöſt erklärte Jugendverein beſteht eben 
nur in der Phantaſie des Amts3vorſtieher8s. Der „Verein“ hat nämlich 
nicht nur feinen Vorſtand und keine Saßungen, er hat auh keine Mit- 
glieder und erhebt feine Beiträge. Kein einziges Vereinsmerkmal iſt 
gegeben und noch weniger wird der politiſche Charakter dieſes nicht 
exiſtierenden Vereins nachzuweiſen ſein. So wird auch in Zukunft der 
Torgelower Amtsvorſteher die Torgelower Arbeiterjugend nicht hindern 
können, ſich Unterhaltung und Belehrung nach eigener Wahl zu ſuchen. 
 
 
  
 
 
  
 
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Bagatelle (franz.), Kleinigkeit, geringfügige Sache. 
Biologie (vom griech. bios = Leben und l1og0s = Lehre), Wiſſenſchaft 
vom Leben, von der Entſtehung und Gntwieklung, dem Bau und 
den Tätigkeiten der Lebeweſen. vun 
Browning (engl., ſprich: brauning), moderne Piſtole von großer Durch- 
ſchlag38traft und Genauiglfeit. 
Demolieren (lat.), niederreißen, zuſammenhauen. 
Entomologie (vom griech. &ntomon = Kerbtier und logos = Lehre), 
Inſektenkunde. 
Experiment (lat.), wiſſenſchafilicher Verſuch. | 
Fonds (franz., ſprich ungefähr: fong), Anlagekapital, Grundijtoc>. 
Frottieren (franz.), abreiben. 
Girlande (franz.), Blumengewinde. 
Imperativ (lat.), Befehl8form, Befehl. . 
Kategoriſch (griech.), unbedingt gültig, gebieteriſc<h. Kategorij<er 
Imperativ heißt bei Kant das Sittengeſeß, inſofern es ein 
unbedingtes, durch keinerlei Rückſicht auf ſonſtige Beweggründe vbe- 
ſtimmbare8 Soll ausfpricht. Da3 Sittengeſes, will Kant ſagen, 
gebietet nicht bedingungs8weiſe, etwa: „ſei gut, wofern du glüdlich 
ſein willſt“, ſondern ſchlechthin, eben kategoriſ<, ohne ein- 
ſchränfende Bedingung. 
Kultiſc< (lat.), auf den Kult, den Gottes8dienſt, bezüglich. . 
Laboratorium (vom lat. labor = Arbeit), die Arbeitsſtätte des wijjen- 
ſchaftlichen Forſc<er38 oder Praktifers, beſonders des Chemiler2. 
Logik (griech.; Ton auf der erſten Silbe), Denklehre; richtiges Denken. 
Motiv (lat.; Ton auf der Endſilbe), Beweggrund; der einem Kunjt- 
werk zugrunde liegende Gedanke, der Gegenſtand oder Vorwurf 
eines Kunſtwerks. . .. 
Rationell (vom lat. ratio = Vernunft), vernunftgemäß, aweä>mäßig. 
Negion (lat.), Gebiet. 
Satrapie (griech.), Statthalterei, Amt8- und Herrſchafisgebiet eine3 
Satrapen (aſiatiſchen Regierungs8präſidenten). 
Sc<hema (griech.), Abriß, Muſter. 
Sc<iboleth (hebr.), Crkennungswort, Loſung. Nn 
Subaltern (lat., sub = unter, alter = anderer), untergeotdnet, „unter. 
offizier3mäßig“. . 
Symboliſch (griech.), ſinnbildlich. | 
Trilogie (griech.), drei vem Inhalte nach zuſammengehörige Bühnen- 
jtüde. | 
 
 
M. in St., F. K. in Sc., „Heinrich“. Nehmt Euch nur in acht, 
daß Gu die Polizei nicht erwiſcht, wenn Ihr Cuern Pegaſus tummelt: 
Ihr werdet ſonſt todſicher wegen Tierquälerei am Kragen gepadt. 
Und nun wollt Ihr gar noch durch die „Arbeiter-Jugend“ auf die 
Menſchheit lo8gelaſſen werden! Ogottogottogott, fo jung und fc<on 
ſo verderbt! -- V. G. Du ſchreibſt, daß Du durch Krankheit gezwungen 
warſt, zu Hauſe zu bleiben und ſo aufs Dichten verfallen ſeiſt. Wenn 
Du nun auch der feſten Ueberzeugung biſt, daß Du die Krankheit 
dur< Deine Gedichte in die Flucht geſchlagen hajt, jo können wir dieſe 
doch nicht abdruden. Sie mögen gegen den Ziegenpeter helfen, aber 
die überwältigende Mehrheit unſerer Leſer iſt doch geſund, und wer 
weiß, wie die Gedichte Geſunden bekommen. Unſer Redatktion3dackel, 
 
. dem wir einige Verſe vorlaſen, iſt ſeit der Zeit melancholiſch geworden 
und verſ<mäht die großartigſten Knochen. Wenn Du Dich troßdem 
aufs Geſunddichten verlegen willſt, mußt Du Dich mit einer 
preußiſchen Hofdame in Verbindung ſezßen, » i e laſſen ſich geſund beten 
und laſſen ſich am Ende auch geſund dichten. =-- Köln. Man muß 
entſchieden mal im Landtag dem Eiſenbahnminiſter aufs Dach ſteigen, 
daß er endlich für eine dem Zeitalter des Verkehrs entſprechende Ver- 
bindung zwiſchen Köln und Berlin ſorgt. Jhre erſte Notiz muß in 
einer Landkutſche hierher befördert worden ſein, denn ſie hatte ſchon 
längſt in allen Zeitungen geſtanden, als ſie hier anlangte. Der Inhalt 
Ihrer zweiten Notiz iſt durch den redaktionellen Leitartikel erledigt. -- 
H. E. M. „Schon wieder“ iſt in der Form gelungen, aber im Inhalt 
zu fraß für die „Arbeiter-Jugend“. Das andere Gedicht. iſt viel 
ſchwächer. = E. D. in G. Aufforderungen zum Beſuch des Jugend- 
heim38 müſſen durch Handzettel oder durch da3 lokale Parteiblatt be- 
Fanntgemacht werden. | 
 
QEg0O0O000200000D2020600008g0000Q000Q0900000000000000000 
Inhalt von Nr. 6: Preußiſche Moral. -- Aus der Leidensgeſchichte 
der proletariſchen Jugendbewegung. Von Bernhard Düwel. -- Nec<ht und 
Geſeße. =- Das Mäkroſkop. Von Curt Biging. (Mit Abbildungen.) --=- 
Kleinſtadt-Jdyll. -- Au8 der Jugendbewegung. Die Gegner an der 
Arbeit. Vom Krieg3ſ<hauplaß. Fremdwörter. Briefkaſten. Beilage: 
Solidarität. Von Friß Sepp. (Schluß.) -- Stirb oder ſiegel Gedicht 
"von Friz Droop. =- „Lachende Heimat“. Von Otto Krille. -- Jean Henri 
Fabre. Von Jürgen Brand. =- Die großen griechiſ<en Tragiker. 
1. Aiſchylo3. Von Otto Koenig. -=- Der Redner. Gedicht von Alfons 
Peßold. -- Bücher für die Jugend. =- DaZ tägliche Turnen. Von Max 
Nierich. (Mit Abbildungen.) . 
 
Verantwortlich für die Redaktion: Karl Korn, -- Verlag: Fr. Ebert (Zentralſtelle für die arbeitende Jugend Deutſchlands). =“ Druc: Vorwärt3 Buchdru>erei u. Verlags- 
anſtalt Paul Singer & Co. Sämtlic<h in Berlin, .
	        

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