Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

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der kleinen Betriebe erlitten, während die großen Betriebe etiva3 
häufiger revidiert wurden. Die verhältni3amäßige Zahl der revi- 
dierten Fabriken verminderte ſic von 50,6 v. H. aller reviſion3- 
pflichtigen Betriebe im Jahr 1913 auf 98,2 v. H. im Jahr 1917. 
Die Reviſionen der kleineren Betriebe mit weniger als zehn Ar- 
beitern haben ſich gar von 14 605 auf 3842 vermindert. --Das3 ſind 
recht bodauerliche Eimſchränkungen der behördlichen Kontrolle. 
Beſonder3 intereſſant ſind nun die ermittelten Zuwider- 
handlungen gegen die Schußbeſtzmmungen für 
jugendliche Arbeiter. Bekanntlich iſt dur< ein Notgeſez vom 
4, Anguſt 1914 während de38 Kriegs der Arbeiterſchuß inſofern 
erheblich eingeſchränkt worden, als von den Vohörden allgemein 
für beſtimmte Betriebe oder in einzelnen Fällen AuS8nahmen 
von den einſchlägigen Beſtimmungen der Gewerbeordnung ge- 
ſtattet werden können. Wir haben bereits in einem früheren Ar- 
tikel dargelegt, wie umfangreic<ß die Bewilligung ſolcher A1mS8- 
nahmen iſt. Dur< die Möglichkeit jol<er zuläſſigen Nicht- 
beachtung der Schutßvorſchriften ſind nun recht unhaltbare Zu- 
ſtände cingetreten. E3 fehlt namentlich den Arbeitern jede Kon- 
trolle, ob im einzelnen Fall die Uebertretung genehmigt iſt oder 
nicht. Den Verletzungen der beſtehenden Vorſchriften iſt damit Tür 
und Tor -geöffnet. Man braucht ſich de5Shalb auch nicht zu wun- 
dern, daß die Zuwiderhandlungen qm allgemeinen ſtark zugenom- 
men haben. In den amtlichen Ueberſichten kommt das nicht in 
'dem tatſächlicjen Maße zum Ausdrucd>, weil ſie ja nur die Verſtöße 
enthalten, diebegi den Betriebsreviſionen zufällig 
feſtgeſtellt wurden. Nun hörten wir bereits, daß die Zahl 
der Neviſionen bedoutend abgenommen hat. Umſo größer wird 
daher die Zahl der nicht entde>ten Uebertretungen veranſchlagt 
werden müſſen. 
Der Arbeitgeber, der jugendliche Arbeiter beſchäftigen will, 
hat vor dem Beginn ihrer Beſchäftigung der Ortspolizeib2 hörde 
Ichriftliche Anzeige zur machen. In den Räumen, in denen jugend- 
liche Arbeiter beſchäftigt werden, muß ein Verzeichnis darüber, 
mit Angabe ihrer Beſchäftigungszeit, jowie ein Abdruck der geſeß- 
lichen Beſtimmungen aushängen. Die Zahl der ermittelten Ver- 
ſtöße gegen dieſe Vorſchrift verminderte ſich von 3603 im Jahr 
1913 auf 985 im Jahr 1917. Der Grund dieſes Rückgangs mag 
darin zu finden ſein, daß ſich dieſe formalen Einrichtungen nach 
und nach eingelebt haben. Die Zuwiderhandlungen gegen den 
- Ausſchluß der Kinder von der Beſchäftigung (8 135, Ab]. 1 der 
Gewerbeordnung) vermehrten ſich von 234 auf 843. Die Dauer 
der Beſchäftigung junger Leute darf zehn Stunden täglich nicht 
überſchreiten. Hier vermehrten ſich die Uebertretungen von 1086 
auf 1096. Die Beſchäftigung von Kindern unter 14 Jahren iſt 
nod weitergehenden Beſchränkungen unterworfen. Dieſe wurden 
in 340 Fällen nicht beachtet, was eine Zunahme von 101 Ueber 
tretungen bedeutet. Zwiſchen den Arbeitsſtunden muß täglich eine 
Panſe eingelegt werden, die bei einer Beſchäftigung bis zu ſechs 
Stunden eine halbe Stunde, bei einer Beſchäftigung bis zu acht 
Stunden eine Stunde dauern muß. Bei längerer Beſchäftigung 
iſt noch vor- und nachmittags eine Pauſe von einer halben Stunde 
cc 'Arbeiter-Ingend 3 .- . 
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zu gewähren. Die Zahl der Verſtöße hiergegen vermehrte ſich 
von 2383 auf 2456. Die Nachtarbeit (von 8 Uhr abends bi8 6 Uhr 
morgens3) iſt verboten. Die Zuwiderhandlungen gegen dieſe Be- 
ſtimmung nahmen von 162 auf 1209 zu. Das iſt eine ganz gewal- 
tige Steigerung! Die Sonntagsarbeit iſt ebenfalls gänzlich ver- 
boten; gleichwohl wurde ſie 1913 in 539 und 1917 in 297 Fällen 
feſtgeſtellt. 
Troßdem hiernacH Die Fälle der Zuwiderhandlungen zUge- 
nommen haben, verminderte ſich doch die Zahl der Unternehmer, 
die dieſerhalb beſtraft wurden, und zwar von 1199 im Jahr 1913 
auf 120 im Jahr 1917. Dieſe zunehmende Milde des Geſetzes iſt 
auf allgemeine Anweiſung der höheren Behörde zurückzuführen. 
Abſchreend auf Uebertreter des Jugendſchußes dürfte dieje Nach- 
jicht jedenfalls nicht wirken. Zſt doch aus diejen neneſten Anfſ- 
ſtellungen zu erſehen, daß es mit dem Schuß der jugendlichen Ar- 
beiter no< recht traurig beſtellt iſt. Darum muß immer wieder 
mit arößtem Nachdruck darauf beſtanden werden, daß zum min- 
deſten das Ausnahmegeſeß vom 4. Auguſt 1914, das den ohnehin 
unzulänglichen Schuß teilweije beſeitigt und noch dazu jegliche 
Kontrolle erichwert, ſo bald wie möglich aufgehoben wird. 10“. KL 
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Leuchkende Ströme. 
Von Paul Stephan. 
D* elektriſche Strom iſt ein ! ganz rätjelhaftes Ding. Früher 
nahm man an, daß in den Drähten irgendeine feine, wunder- 
bare Flüſſigkeit dahineilte, und man prägte den Ausdruck 
„Strom“. Dann erſchien den Gelehcten dieie Auffaſſung allzu 
kindlich, und man juchte nach einer anderen Erflärung. Cin Kupfer- 
draht feht ja wie ein 1 feft geſchloſſener Körper aus. Er iſt e3 aber 
im Grunde nicht. Denn er beſteht aus kleinſten Teilchen, die 
ziemlich große Zwi] don räume zwiſchen einander frei laſſen. Die 
Zwiſchenräume aber füllt die Wiſſenſ<aft mit einem unendlich 
feinen Stoff aus, der ſich auf keiner Wage wiegen läßt: ſie nennt 
ihn „Aether“. Und nun lehrte man, daß der elektriſche Strom 
darin beſtehe, daß ſich in dieſem Aether beijtiminte Wellenbowe- 
aungaen fortpflanzen. Nun war eigentlich der „Strom“ vort 
ſchwunden; aber man behielt jeinen Namen be?!, weil dieſer 19 be. 
quem war und im Grunde feinen | Schaden anrichtete. Seute alaubt 
man dagegen wieder an einen Stroim. Wan mnummmt namlich an, 
daß von ven feinen Urteilchen, aus denen der Kupferdraht ve jteht, 
noch viel feinere Unterteilchen, ſogenannte „El eftronen“ eiter 
gej<leudert werden, wenn Elektrizität durch den Draht geht 
Aber dem ſei, wie ihm wolle: wir find zufrieden, daß man 
mit den eleftriichen Strömen rochnen kann, und daß ſie ſic? nitßB- 
ch gebraichen (aſſen. Cine der wichtigiten Anwendungen beſtebt 
darin, daß man Licht aus ihnen Ichöpft. Wir wollen uns dice 
leunc<htenden Ströme ein wenig näher anſehen. | 
Der elektriſc<e Strom verdient entſchieden das Lob, eit 
fleißiger Goſelle zu ſein. Auc> wenn man gar keine Ardveit von 
 
 
Den Grund geſebt, Wer da mit in den Schlamm geraten war, hatte 
am Abend zubaufe einz gehörige Tracht Prügel zu erwarten, 
Ginſtweilen aber wütete man noch heldenhaft auf dem Schlachtfeld 
zu Waſſer und zu Land, Diz angrenzenden Neutralen, die in ihren 
Villen beim Verdamungsſ<lummer geſtört waren, hatten ſchon wieder- 
holt durch Drohungen Einmiſchungsverſuche geinacht, die von den 
&Kämpfern hohnlachend abgewieſen. worden waren, Da aber griff unter 
 
 
einem offenſichtlichen Neutralitätöbruch die Polizei des Städt<cn3 zin, - 
Faſt mit ihrer ganzen Macht, etwa ein Datgend beleibter Mannen ſtark, 
erſchien ſie auf dem Plan. und ging zum Angriff gegen beide Heer- 
haufen Über, Die aber hatten bei dem Auftauchen der Uniformierten 
raſch alle Zwietrac<ßt vergeſſen. * Sie warfen Knüppel, Stangen und 
ſonſtige Waffen fort und ſuchten gemeinſam ihr Heil in der Flucht. Das 
von Gartenzäunen und Dornenhe>ken durchzogene Gelände war aber für 
vie Furzatmigen Polizeiſergeanten fo ungünſtig, vaß ihr Eingreifen 
endete wie ſpäter ſo manche Polizeiſchlacht gegen die Freie Jugend: mit 
roten Köpfen der Verfolger und mit Siegesgeheul der Verfolgten. 
Zuſammen mit einem vierzehnjährigen. Volksſchüler, 
barz3jungen, Überfletterte ich einige Gartenzäune, Dann waren wir in 
Sicherheit. Während wir unter einem Zwetſchenbaum, der leider crſt 
halbreife Früchte trug, un38 verichnauften, prahlten wir eine Weile mit 
unſeren Heldentaten; dann kamen wir in3 Politiſieren. Gs war nicht 
vas erſtemal, daß wir un3 politiſch ſtritten, bein Gegner, „fühlte troß 
ſeiner Jugend ſchon ſozialdemokratiſch, Das wußte ich, Sein Vater, 
ein Schuhmacher, galt im Städtchen als ganz gefäßrlich rot, Erſt neus- 
lich haite er meine Schuhe nicht redhtzeitig beſohlen fönnen, weil er 
wegen irgendeiner Geſeßeö3verleßzung bei der Maifeier vierzehn Tage 
im Gefängnis gaſtiert hatte, Hier, unter dem Pflaumenbaum, nun bielt 
. mix der Sohn einen heftigen politiſc<en Aufflärung5vortrag, in Wen- 
dungen, wie er ſie wohl aus den. Geſprächen ſeine3 
Vaters mit Genoſien 
einem Nach- 
 
in der Werkſtatt aufgeſchnappt hatte. 
der Junge damals zu reden wußte. Mit Licbfknec<ht, Auer und Vevel 
rückte er meiner überhißten hurrvapatriotiſchen Begöoiſterung zu Leive 
und ließ nicht38 Gutes an all dem, wa3 uns in der Schule Über Krieg 
und Sieg. über Kaiſer und Kanzler, Schlachtendenker und Schlachten- 
lenfer erzählt worden war. Wäre er nicht ſo viel ſtärker geweſen als 
ich, mit Fauſtſchlägen hätte ich ihm meine gegenieiligen Anſchauungen 
au Gemüte. geführt . So getraute i< mir nur einige landläufige 
Schimpfereien auf die Sozialdemokrai ie und machte mich dann ſchleunigſt 
aus dem Staub. 
Zu Hauſe, das heißt bei meinen PenſionSeltern, 
Noch heute füble ich, iwie jpri: hend 
traf mich eine 
Nachricht, die mich fürs erſte alle Sozialdemokraten ſo gut wie alle 
Kaiſex und König2 vergeſſen ließ: ein Brief meiner Mutter ſtellte mir 
noch in dieſem Jahr die Erfüllung meines Lieblingswunſches, ein Fahr- 
rad; in Ausſicht. In Gedanken fuhr ich ſchon wilde Straßenrennen und 
bewarb mich mit Lehr und Opel, den damaligen berühmten Radfabr- 
größen, um die Meiſterſchaft von Deutſchland oder Europa, I< jhwamm 
in: Glück8wonnen und konnte nicht begreifen, wie e38 in einem ſo herr- 
lichen Jahr auch nur einen unzufriedenen Menſchen in der Welt geben 
könne, 
So kam der 1. September, der Tag vor der Sedanfeier, Am Abend 
ſollten große Siegesfeuer von den Höhen. leuchten. Die ganze Jugend, 
Gymnaſiaſten und Volksſchüler, mußte aus den nahen Wäldern Holz 
zuſammenſchleppen. Ich tat es mit glühendem Eifer. Mit mir trug 
auch mein Nachbar, der Shuſter3zjung?, Holzſtüce verbei. Er tat es mit 
bitteren Reden, die mich reizten und empörten: „Do werd nu dö3 Holz 
för nix und widder nix verbrennt, und im Winter hot unſerg9ans nix zu 
feuern,“ Sver: „Jeß derf mer dö3 Reiſig raushol, Wenn ober mei 
Mutter im Winter welchs nimmt, weil mer a warme Stubn habn wolln, 
triegt ſe zehn Mark Stroſ." (Schluß auf S. 118.) 
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