Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

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= wo ſie jemand frank ober kränklich weiß, da findet ſie ſich ein. 
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ZW | Arbeiter-Jugend € 
Bildung und Kultur ſchöpfen oder in Luft und Sonne die jungen 
- -„Glioder tummeln. Da iſt es die vornehmſte Aufgabe, die ver- 
dammte PfliHt und Schuldigkeit der freien Jugendbewegung, 
ihnen vor allem einmal von dem ihnen vorenthaltenen Erſt- 
geburt8re<ht der Jugend, von dem Glü> der Erkenntnis und 
Schönheit und Freude ſo viel zukommen zu laſſen, al3 mit den 
kargen Mitteln ' der ärmſten Klaſſe de3 Volk8 irgend zu be- 
ichaffen iſt. | 
| Unſere Jugend iſt uns alſo-für das politiſche Getriebe no) 
„zu gut; ſie bekommt ohnehin in der harten Fron der Arbeit und 
des Leben3 einen Anſchauungsunterricht in den Grundlagen der 
gmbroletariſchen Politik, den ihr kein lehrhaftes Beibringen des pol!i- 
tiſchen Stoffe3 in annähernder Eindringlichkeit zu verſchaffen im- 
ſtande wäre. | 
Und nicht gut genug für die Politik? Ja, die“Politik, wenn 
ſie nicht eitel Kannegießerei und Pbraſengedreſch ſein ſoll, erfor- 
dert ein Maß geſchichtlicher und wirtſchaftlicher Vorkenntniſſe, die 
eben der Jugend, beſonder38 unſerer mangelhaft unterrichteten 
-Volksſchuljugend no< nicht zur Verfügung ſtehen, die ſie ſich in 
ſchwerer geiſtiger Anſtrengung erſt erarbeiten muß. In dieſe 
geiſtige Vorſchule der Politik ſoll unſere Jugendbewegung durch 
ihre wichtigſten Bildungsveranſtaltungen unſere jungen An- 
hänger Schritt für Schritt einführen. Die Politik jelber erwartet 
fie am Au8gang unſerer Bewegung, wenn ſie in die Organi1- 
ſationen der Arbeiterſchaft entlaſſen werden, und wenn ſie nicht 
nur dur<h ihre Verſtande38- und Charakterreife, ſondern auch durch 
ihre ſtaatsbürgerlichen Rechte dazu berufen werden, ſich politiſch 
zWb etätigen. ' 
Wie aber ſteht unſere Jugendbewegung nach alledem zum 
Soziali8mu382? Nun, auch darüber haben die Beratungen, . 
die der Gründung unſerer Bewegung vorangegangen ſind, und 
die dann im Lauf der Jahre durch die Beſchlüſſe der oberſten Kör- 
perſchaften der Arbeitöbewegung und der Jugend ſelber boekräf- 
tigt worden ſind, keinen Zweifel gelaſſen. Die freie 
Jugendbewegung ſoll die Arbeiterjugend in 
die ſozialiſtiſ<he Weltanſ<auung einführen, 
Dies iſt das oberſte Ziel unſerer Bewegung, der Goldfaden, der 
ſich durc< das Geſpinſt unſerer ganzen Jugendarbeit zieht. Wa3 
aber die ſozialiſtiſche Weltanſchauung iſt, ſoll in: einem weiteren 
Artikel dargelegt werden, 
IX 
Nichts im Leben, außer Geſundheit und Tüchtigkeit, iſt ſ<äßenswerter 
als Kenntnis und Wiſſen; auch iſt nichts ſo leicht zu erreichen und ſo wohl 
feil zu erhandeln; die ganze Arbeit iſt, ruhig ſein, und die Ausgabe Zeit, 
„die wir nicht retten, ohne ſie auszugeben. Goetye. 
Wie die Fränz dem Teuſel begegnete. 
Vom Bruder Straubinger. | 
ie Fränz iſt -- heute no<h! -- in meiner Heimat das Muſterbild 
D einer prächtigen, ehrbaren, keuſchen alten Jungfer. Den ganzen 
lieben langen Tag zieht ſie ihren Roſenkranz durch die Finger 
und ihre Nächſtenmenſchen durc< die Zähne. Sie weiß genau, was jeden 
Tag in jedem Topf gekocht wird. Und wo ſie etiva3 Unrechtes wittert -- 
darauf iſt ihre Naſe beſonders eingeſtellt --, da iſt ſie gleich hinterher; 
brühwarm erfährt's der Herr Pfarrer, und die Frau Bürgermeiſter 
wohnt gleich gegenüber, und .de3 Sparkaſſenre<hners Julchen nebenan 
hat flinfe Beine und ein noch flinfexes Mundwertf; und ſchneller, als 
Der Bub'3 Hannes8, der alte Poligeidiener, eine Holzverſteigerung au82 
füngelt, geht ſo ein Klatſc< durch das ganze Dorf. 
Was die Fränz für eine Beſchäftigung hat, fragte? Sie iſt Bet 
ſchweſter. O, bitte ſehr, ſie iſt's wirklih, Sie war mal eine Zeitlang 
in einem Kloſter und wollte Nonne werden. Warum ſie's nicht geworden 
iſt, hat ſie nie erzählt, Eine3 Tages war ſie wieder im Ort. Sie ver- 
ſtand nun noch beſſex mit den Augende>eln zu klappern; einen MordZ= 
roſenkrang mit kirſchgroßen Perlen hatte ſie mitgebracht und ein lateini= 
ſches Brevier, auws&m ſie von jezt ab ihre Gebete verrichtete (zwax, 
- Katein verſtand ſie fein Wort; die Hauptſache, daß es der Herrgott 
. verſtand). Alſo, ſie war auf dem beſten Wege, dermaleinſt heilig ges 
Dum ſprohen zu werden. Arbeiten? Ja, was denkt ihr denn bloß? Das 
hätte ſie do< von ihrer Frömmigkeit abgelenkt! Das gab's nicht, 
Höchſtens machte ſie mal feine Handarbeiten für die Kir<e, ein Kol<- 
. ded<en, eine Altarborte und ſowas, | | 
Im übrigen war ſie Betſ<weſter. Iſt ſie heute noh, Das heißt, 
= aus ihrem lateiniſchen Brevier ſo recht ſalbungs8voll, tröſtet mit froms 
EEN 
. zwar noch feinen Schaberna> geſpielt. 
Betet : 
-* Friedrich Hebbel. 
3 iſt niht möglich, hier ſämtliche Werke Hebbel3 zu beſprechen. 
E83 ſeien daher nur einige der bedeutendſten heraus8gegriffen. 
- Hebbel3. Erſtlingswerk „Judith“ ſpielt zur Zeit des 
Königs Nebukadnezar, alſo vor etwa 2500 Jahren. Holofernes, 
der mächtige Feldhauptmann des Nebukadnezar, dem noch kein 
Feind widerſtanden hat, liegt mit ſeinem Heer vor dem be- 
feſtigten jüdiſchen Städt<hen Bethulien. . In der Stadt herrſcht 
Verzweiflung, denn Holofernes bekämpft dieſe3 „Volk von Wahn- 
ſinnigen“, das al3 lette8 e8 wagt, ihm zu troßen, mit einer furht- 
baren Waffe: er hat der Stadt die Waſſerzufuhr abgeſchnitten. 
In der höchſten Not entſ<ließt ſich Judith, eine junge jüdiſche 
Witwe von ungewöhnlicher Schönheit, ihr Volk zu retten. An- 
getan mit ihrem ſ<önſten S<hmud, nur begleitet von ihrer 
Dienerin, begibt ſie ſic<ß in die Höhle des Löwen, in das Lager des 
oloferne8. In der Nacht, in der er ſie zu ſeiner Geliebten macht, 
<lägt ſie ihm dann, während er ſchläft, das Haupt ab. Durch 
dieſe Tat hat ſie ihr Volk gerettet. Allein ſie kann darüber nicht 
triumphieren wie die Judith, von der die Bibel erzählt. Sie 
fühlt: ihre Tat iſt nicht uneigennükßigen, heldenhaften Beweg» 
gründen entſprungen. Sie hat „zumindeſt das Rechte aus un- 
re<ten Gründen getan“. Denn in dem Augenblid, in dem ſie 
den Holofernes tötet (den ſie, weil er ein „Mann“ iſt, im Grunde 
achten muß), hat ſie das eigentliche Ziel ihrer Tat,. die Rettung 
ihres Volkes, ganz vergeſſen. Sie denkt nur daran, ſich „bezahlt 
zu machen“ für „die Vernichtung, die ſie in Holofernes Armen 
empfand“, für den „rohen Griff in ihre Menſchheit hinein“. Iſt 
doc< Holoferne3 auch in der Liebe ein Deſpot, betrachtet er doch 
das Weib nicht als Menſ<, ſondern al8 Sache. Und ſo „erſtarrt“ 
-Yudith, umtoſt vom Beifall ihres Volkes, vor der Möglichkeit, 
dem Holofernes einen Sohn zu gebären. 
Dasfelbe Problem, das Hebbel in der „Judith“ berührt, 
kehrt auch in ſeinen ſpäteren Werken wieder, ſo in „Serodes 
und Mariamne“, in „Gyge&äund ſein Ring“ Auch 
der König Herode8 betrachtet die Frau nicht als einen ihm eben“ 
bürtigen Menſc<hen, ſondern als ein Ding, über das er ein Ver- 
fügungsre<t hat. Da ihm der Gedanke unerträglich iſt, daß ſeine 
Gemahlin Mariamne, die ihm das liebſte auf der Welt iſt, nach 
ſeinem Tode einem anderen gehören könnte, gibt er den Befehl, 
ſie, bei Nachricht ſeines Endes, zu töten. Mariamne, die ihm wohl 
freiwillig in den Tod gefolgt wäre, deren ganzer Stolz ſich aber | 
dagegen aufbäumt, wie ein Opfertier abgeſchlachtet zu werden, 
fühlt ſich dadurc< in ihrer Menſchenwürde beleidigt. „Du haſt in 
mir die Menſchheit geſchändet,“ und „wenn der Menſ< in mir 
ſo tief durch dich gekränkt iſt, ſag, was joll da8 Weib empfinden?“ 
Nachdem ſie dem Herodes einmal verziehen, und er ihr trogdem 
zum zweitenmal dieſelbe Shmach antut, erkennt ſie, daß eine Ehe 
zwiſchen ihnen nicht mehr möglich iſt. Sie ſcheidet ſic von ihm 
auf grauſame Art; ſie ſtellt ſic ſchuldig (nach ihrem Tode jedoch 
men Sprüchen, die ſie aus allerhand Andacht3büchlein und Heiligen- 
legenden ſich angeeignet hat, weiß alles beſſer al8 Doktor und Apotheker 
und latſcht und erzählt und erzählt und klatſcht dann, daß im Nu aus 
Morgen Mittag und aus Mittag Abend wird. Ein Scälc<hen Kaffee 
oder ein Nachteſſen hat ſie noch nie ausgeſchlagen. Von jedem 
Schweineſchlachten, von jeder Kindstaufe und jedem Leichenſchmaus fällt 
auch was für ſie ab. Wenn nicht aus Dankbarkeit, ſo doc aus Angſt; 
denn man fürchtet ihre fpiße Zunge. Sie hat alſo nie zu klagen gehabt. 
Heute iſt ſie ſo breit wie lang geworden, rund und bequem; wenn ihr 
auf ihre alten Tage Räder wüchſen, wär's - ihr am liebſten. Sie 
wohnt mitten im Dorf bei der -Kir<he; bis zu den lezten Häuſern im 
Ort reicht's aber kaum mehr, da geht ihr ſchon die Puſte aus, Ja, ja! 
Früher, da ging ſie noch zu den entfernteren Höfen und zu den Nachbar- 
„dörfern und kant manchmal erſt ſpät am Abend heim. 
Wir Jungens3 lebten mit ihr auf dem Kriegsfuß. Wir hatten ihr 
Wirklich ni<t. Aber ſie uns. 
Und das war ſo gekommen. : Wir pflegten im Landgraben zu baden. 
Eine halbe Stunde vom Dorf war eine Stelle, wo un3 das Waſſer bis 
an die Hüften ging. Da war's beſonder3 fei, | 
Als die Badezeit kam, ließ der Pfarrer in ſämtlichen Schulklaſſen 
und zum UVeberfluß noch am Sonntag in der Kinderlehre und in der 
Jüngling8- und Jungfrauenandacht verkünden, daß das Baden ohne 
Badehoſe unſittlih und eine ſchwere Sünde gegen "das ſc<h3te Gebot 
ſeiz wer ohne Badehoſe . beim Baden betroffen würde, den müßte er 
ganz exemplariſch beſtrafen. . - 
Der Pfarxer war erſt Xurz vorher in die Gemeinde gekommen. Und 
die Kinder und die Aelteren ſahen ſic dumm.an, als ſie die Verordnung 
hörten. Badehoſen fannte man nur von Hörenſagen. Grwacſene 
badeten überhaupt nicht, ein paar Sonderlinge ausgenommen, Mädels3 
ebenfalls nicht, und die Jungens hatten bi3 dahin das Vorrecht, in 
reiner Nacktheit in dem trüben Landgrabenwaſſer hecumpantſchen zu
	        
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