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Eingetragen in die Poſt- „Zeitungösliſte
Nr. 18
Jugendherbergen.
er moderne Wandergedanke hat ſich ſehr ſchnell Bahn gebrochen.
D Allſorntäglich in der Früh oder, wenn's geht, ſ<on am
Vorabend, ſieht man ganze Scharen froher Wandervögel nach
dem Bahnhof haſten, um mur möglichſt ſ<nell hinaus ins Freie
zu gelangen. Und alle dic Burſchen und Mädel3 tragen die ſprichwört-
lich gewordene „Wanderkluft“: leichte, praktiſche Kleidung, den NRuck-
ſack auf dem Rücken und den Wanderſtab in der Hand, das Liedeor-
buch im Ranzen, dazu die Mandolinen mit den wehenden Bändern.
Mit Sang und Klang geht38 quer durch Wald und Feld: „wohl über
die Berge, wohl durch das ticfe Tal". Draußen in Wald und Flur,
am verſchwiegenen See oder am Waldbach wird Raſt gemacht, und
was an Eß- und Trinkbarem int Ruckſack verſtaut war, ausgepackt.
Damit ſieht's jezt, im fünften Krieg3jahr, ja zuneiſt etwas ſehr
windig aus, aber das tut der Stimmung keinen Eintrag. Und gebt
es zuweilen einmal gar zu ausgelaſſen zu, ſo ſchadet's auc< nicht3.
Der überſchäumende Lebens3drang hat noH niemand ernſtlich weh
getan. Zu ſtiller Beſchaulichkeit und ſchweigender Naturbetrachtung
findet ſich immer no< Zeit genug.
Das friſch-fröhliche Wandern, e8 gehört zur Jugend und zur
Jugendbewegung. 'So mancher unſerer älteren Jugendgenoſſen
wird ſid) der Zeiten noch erinnern, wo das Häuflein unſerer Ge-
treuen von dieſer Art des Wanderns nichts wußte. Da fand man
ſich in der Gluthiße des Mittag38 am gemeinſamen Treffpunkt ein,
möglichſt nobel, in |Sonntag8kleidung, hohem Kragen und ſc<werem
Hut, ein Stullenpäck<en unterm Arm, und dann ging's. lo3, die
ſtaubige Landſtraße entlang. Selbſtverſtändlich mußte die nötige
Rückſicht auf die Gaſthäuſer genommen werden. E38 waren gewiß
auch ſchöne Zeiten, und wir haben im Kreiſe unſerer Geſinnung3-
genoſſen und -genoſſinnen herrliche, unvergeßliche Stunden verlebt,
aber unſer heutiges ſ<öne3 Jugendwandern war e38 eben nicht. An
dieſe noch gar nicht ſo lange zurücliegende Zeit muß man un-
willkürlich denken, wenn man unſere .wanderfrohen Burſchen und
Mädels von heute hinausziehen ſieht. Der geſunde Wandergedanke
hat ſim in kürzeſter Friſt die Herzen und „Beine“ unſerer Jugend
erobert, er macht au< vor den widrigſten Krieg38beſchwerniſſen nicht
balt und iſt gerade in leßter Zeit im Begriff, ſich neue und breitere
Grundlagen zu ſchaffen.
Da iſt es vor allem eine, für dieſc moderne Art des Wandern3
außerordentlich wichtige Frage, die neuerdings unſere Jugend-
wanderer lebhaft beſchäftigt. Wir meinen die Beſchaffung von
Jn gendherbergen. In vielen Gegenden Deutſchland3 fehlt
dieſe Einrichtung noch vollſtändig. Auf mehrtägigen Wanderungen,
wie ſie unſere Arbeiterjugend in Form unſerer ſchönen Oſter- und
Pfingſtfahrten unternimmt, mußten wir uns8 ſtet8 damit behelfen,
daß wir uns mühſelig ein notdürftiges Quartier bei irgendeinem
Gaſtwirt oder, wenn wir mal Glüc> hatten, in irgendeiner Scheune,
beſorgten. Wieviel unliebſame Sc<reibereien, oft auc< Vorfahrten
erforderte es meiſt, bevor man eine paſſende Unterkunft gefunden
hatte! Die Wirte ſind auf unſere Jugend häufig nicht gut zu
ſprechen, weil ihnen längſt klar iſt, daß bei uns wenig zu holen
iſt. Sie ziehen uns bei weitem die beſſer ſituierten „Salon-
wanderer“ vor, und ſie können ſich das auc leiſten, denn gerade
an den Pfingſt- und Oſtertagen wird das ganze Land von dieſer
Sorte Naturfreunde geradezu überſchwemmt,
. Aber aud) zu anderen Zeiten ät der ſchmale Geldbeutel der
meiſten Jugendlichen ein Uebernachten beim Gaſtwirt nicht zu. Was
man ſich ſchließlich an den Pfingſtfeicrtagen einmal leiſten kann,
weil man das ganze Jahr für dieſen Zweck in der Wanderſparkaſſe
geſpart hat, das iſt eben bei „gewöhnlichen“ Wanderfahrten aus-
3
Berlin, 7. September
drin in der herrlichen Natur.
xpedition: Buchhandlun )rwärts, Paul
Singer G. m. b. H, an rohe 3, Alle Zu-
ſchriften für die Redaktion ſind zu richten
an Karl Korn, Lindenſtraße 3, Berlin SW. 68
geſchloſſen. Und im glücklichen Beſiß eines Zelte35, das man draußen
ium Freien aufſchlagen kann, ſind nur wenige Jugendgenoſjen, ganz
abgeſehen davon, daß das Uebernachten im Zelt nicht nur ſeine
„Schattenſeiten“ hat, ſondern auch vielfac< nicht ohne weiteres
geſtattet iſt... =
Da wäre denn die Schaffung von geeigneten Uebernachtungs-
gelegenheiten, von guten und billigen Quartieren für die wandernde
Jugend von großer Bedeutung. Man könnte dann bereits am
Sonnabendabend hinaus8fahren, draußen einfach und billig über-
nachten und wäre am Sonntagmorgen in aller Frühe ſhon mitten
Bis5her war das leider nicht möglich.
Gerade am frühen Morgen, von dem es heißt: „Wer recht im Freu-
den wandern will, der geh' der Sonn' entgegen“, da ſitt, oder viel-
mehr ſteht man in der Bahn in quetſc<ender Enge, umweht von
Qualm und Dunſt, und wenn man draußen anlangt, dann brennt
die Sonne ſc<on ho<h am Himmel. Am ſchlimmſten iſt das natürlich
in einer Großſtadt wie Berlin, in der man oft erſt den „Genuß“
einer längeren 'Straßenbahnfahrt ausfojten muß, ehe man über-
haupt zum Bahnhof kommt.
Darum müſſen wir für die wanderfrohe Jugend den dringen-
den Nuf erheben: Schafft Wanderherbergen für die Jugend! Wir
brauchen ſie unbedingt. Mit ihrer Hilfe wird der Aufenthalt in
der Natur erſt zur wahren; Erholung und zur wirklichen Freude,
ganz abgeſehen von dem großen geſundheitlichen Wert einer ſolchen
Verlängerung der Wanderfahrten.
Auf dieſem Gebiete arbeitet bereits ſeit ſieben Jahren der
Hauptaus8ſ<uß für deutſc<he Jugendherbergen.
Er hat biSher etwa 500 Jugendherbergen eingerichtet, die im ver-
ſchiedenen Gegenden Deutſchland8, hauptſächlich im Weſten und
Norden zu fipden ſind. Nach dem letzten Jahres5bericht 8e5 Aus-
ſchuſſes wurden die Herbergen im Jahr 1917 von 9278 Wanderern
beſucht, davon etwa zwei Drittel männliche, ein Drittel weibliche
Jugendliche; die am ſtärkſten beſuchte Herberge wies 1076 Gäſte
auf. Die ? Ausſtattung der Herbergen iſt denkbar einfach und zwec-
mäßig. Jür Badegelegenheit (Brauſebad und Fußwaſchungen) iſt
meiſt geſorgt; auch, Kocheinrichtungen fehlen nicht. Die Koſten der
Uebernachtung werden ſo billig wie möglich berechnet, 20--30 Pf.
die Berſon. Eine Hausordnung regelt den Betrieb im Heim. Die
HSerbergen ſind entweder in den Städten oder zumeiſt in Gebirg3-
gegenden errichtet; ſo daß ſie eigentlich weniger für die gewöhnlichen
Sonntagsfahrten unſerer Jugend, als für mehrtägige Feſttag3wan-
derungen oder für Ferientage in Betra<t kommen. Einzelne der
Herbergen ſind zugleich als Jugendheimſtätten ausge-
baut worden; ſie dienen dann gleichzeitig als „Neſt“ für die wan-
dernde Jugend, als Bleibe für einen mehrtägigen oder gar mehr-
wöchigen Aufenthalt. Ein Verzeichnis der Herbergen, ſowie die
Benußungs8bedingungen können gegen Einſendung von 60 Pf. von
dem Hauptausſchuß für deutſche Jugendherbergen in Altenai.W.
bezogen werden.
Jür die große Mehrzahl der jungen Arbeiter ſind allerdings
Ferien heute noh eine unbekannte Sache, Den wenigen von uns,
denen dieſes Glü> blüht -- wir hoffen freilich, daß ihre Zahl von
Jahr zu Jahr größer wird =- kann die Benutzung diejer Jugend-
herbergen nur auf das angelegentlichſte empfohlen werden.
Von großer Bedeutung fiir das Jugendherbergsweſen verſpricht
auch eine Einrichtung zu werden, die neuerding3 das in Berlin
errichtete ſtädtiſche Jugendamt geſchaffen hat. Unmittelbar vor den
Toren der Stadt wurden Jugendherbergen eingerichtet, und zwar
in den Wal.d- und 'Secngebieten, die in breitem Gürtel die Stadt
Berlin umfaſſen. Infolge ihrer günſtigen Lage können dieſe Her-