Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

 
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Eingetragen in die Poſt-Zeitungsliſte 
. 
Nr. 21 
- Die prolefariſche Jugendbewegung im 
" Geſchäftsjahr 1917/1918. (8505) 
on den Bezirks3leitungen haben fünfzehn über ihre 
TI3 Tätigkeit berichtet, während die übrigen ſich darauf beſchränkt 
>. haben, das von der Zentralſtelle gelieferte Material an 
die Jugendausſhüſſe weiterzugeben. In zehn Bezirken fanden 
15 Konferenzen der Ausſc<hüſſe ſtatt. Vorträge wurden 117 ver- 
mittelt, Verſammlungen in 68 Fällen veranlaßt. Die Einnahmen 
belaufen ſich bei ſiebenzehn Bezirk8leitungen auf 7006,89 Mk., die 
Ausgaben auf 3892,49 Mk. Davon entfallen auf die Agitation 
849,-- MkX., auf Bildung3wejen 692,42 Mk. 
. Beſonder3 eifrig gearbeitet hat die Bezirksleitung für das 
weſtliche Weſtfalen. Schon im vorigen Jahr konnten wir von 
+hven guten Erfolgen berichten. Jm vergangenen Jahr hat ſid) 
die Zahl der Jugendausſchüſſe von 84 auf 47, die Zahl der 
Abonnenten der „Arbeiter-Jugend“ von 1870 auf 3118 erhöht. Da 
einzelne Ausſchüſſe nicht berichtet haben, dürfte dieſe Zahl in 
Wirklichkeit ſich no< etwas höher ſtellen. Die Urſachen dieſer 
unter den heutigen Verhältniſſen geradezu erſtaunlichen Fortſchritte 
find, wie uns berichtet wird, zu finden in einer intenſiven Haus- 
agitation fowie in der Anziehungskraft der für die Jugend ge- 
troffenen Veranſtaltungen. Es wurde zwar auch hier wie überall 
eine Anzahl jugendlicher Funktionäre eingezogen, aber ſtet38 konnte 
wieder für Erſaß geſorgt werden. =- Die Bezirksleitung- Caſſel 
verſuchte im Herbſt auf dem Lande Fuß zu faſſen und veranſtaltete 
zu diefem Zweck in ſechs Orten werbende Lichtbildervorträge ſowie 
zwei Märchenvorleſungen für Kinder. Dieſe Veranſtaltungen 
hatten guten - Erfolg, mußten aber infolge Erkrankung des Refe- 
renten eingeſtellt werden. Im übrigen hatte die Arbeit ider Be- 
zirksleitungen unter den gleichen Schwierigkeiten zu leiden wie die 
der Jugendausſchüſſe. Klagen über Kräfte- und Geldmangel 
kehren denn auch in allen Berichten wieder. Mehrfach. wird aud) 
über die Teilnahmloſigkeit der erwachſenen Arbeiterſchaft gegen- 
Über unſeren Beſtrebungen Beſchwerde erhoben. 
Die Zentralſtelle für die arbeitende Jugend Deutſch- 
lands hat die Jugendaunsſchüſſe und Bezirksleitungen nach Kräften 
unterſtüßt. Zur Förderung der Agitation wurde ein neues Flug- 
blatt: „Wohin gehören die ſchulentlaſſenen Arbeiterkinder?" herans- 
gegeben. Außerdem wurde eine beſondere Agitationznummer der 
„Arbeiter-Jugend“ für die ſchulentlaſſene Jugend, ſowie für die 
weibliche Jugend in einer Auflage von 25 000 Exemplaren gedruct. 
An Jlugſchriften wurden 45 000 Exemplare an die Jugendau3- 
ſchüſſe abgegeben. Für die Funktionäre erſchien ein neues Rund- 
ſchreiben in einer Auflage von 5000 Exemplaren. = | 
- Der Jungwvolk-Kalender wurde in einer inzwiſchen reſtlos ver- 
griffenen Auflage von 10000 Exemplaren gedruckt. Von dem 
Böſe'ſchen Volksliederbuch gelangten 355, von dem kleinen Jugend- 
liederbuch 1580 Exemplare zum Verkauf. Da ſich beide Veröffent- 
lichungen einer großen Beliebtheit erfreuen, iſt inzwiſchen eine 
neue Auflage hergeſtellt worden. Die Ausgaben. der Zentralſtelle 
betragen 17 317,26 Mk. Davon entfallen auf Zuſchüſſe an die 
Bezirksleitungen zur Agitation 1950 Mk., Zuſchuß zum Jungvolk- 
Kalender 1770,80 Mk., Zuſchuß zur „Arbeiter-Jugend“ 5739,14 Mk, 
Beſondere Aufmerkſamkeit wandte die Zentralſtelle der für 
die arbeitende Jugend ſo ungeheuer wichtigen Frage des Ju gen d- 
fſhußes zu. Sie drängte auf die vollſtändige Wiederherſtellung 
„der geſekßlichen Beſtimmungen, die leider für viele Betriebe immer 
noch außer Kraft geſest ſind. Auch im Reichstag brachte die ſozial- 
demokratiſche Reichstagsfraktion eine darauf abzielende Reſolution 
 
Berlin, 19. Oktober 
Expedition: Buchhandlung Vorwärts, Paul 
Singer G. m. b. H, Lindenſtraße 3, Alle Zu- 
ſchriften für die Redaktion ſind zu richten 
an Karl Korn, Lindenſtraße 3, Berlin SW.68 | -/-/. 
 
ein. Die volle Wiederherſtellung des geſeßlichen Jugendſ<ußos 
konnte aber leider nicht erreicht werden. Die ſchrankenlofe AuZ- 
beutung der jugendlichen Arbeitsfraft beſteht weiter, obwohl die3 
für die Geſundheit und körperliche Entwieklung der jungen Arbeiter, 
die ohnehin durch die mangelhafte Ernährung am härteſten ge- 
troffen werden, von den verhängnisvollſten Folgen iſt. Immerhin 
wurde erreicht, daß der Reichskanzler in wiederholten Rundſchreiben 
an die Bundesregierungen auf das Bedenkliche dieſes Zuſtandes 
hinwies und die Aufſichtöbehörden erſuchte, die Aufhebung der 
Jugendſchutßbeſtimmungen nur noc< in zwingenden Fällen zu 
genehmigen. Damit ſind freilich nur die ſchlimmſten Auswiüchſe 
befeitigt. Eine wirkliche Beſſerung kann erſt eintreten, wenn der 
Jugendſchutz wieder vollkommen hergeſtellt wird. Die Zentral- 
ſtelle wird daher auch in Zukunft ihre Bemühungen in dieſer 
Richtung fortſezen und für die Wiederherſtellung und darüber 
hinaus für die dringend notwendige Erweiterung des geſchlichen 
Jugendſchußes eintreten, 
Die Zentralſtelle hat ſich ferner mit einer ganzen Reihe von 
Fragen beſchäftigt, die im lezten Jahr mehr und mehr in den 
- Vordergrund des allgemeinen Intereſſe3 getreten ſind. Wichtige 
geſeßgeberiſche Maßnahmen bereiten ſich vor, die von entſcheidender 
Bedeutung für die junge Arbeiterſchaft Deutſchlands ſein werden. 
Schon jekt ſind die in verſchiedenen Orten errichteten Jugend - 
ämterund das neuerdings eingebrachte preußiſche Jugend- 
fürſorgegeſeß ſichtbare Beweiſe davon, welch große Be- 
deutung Staat und Behörden der Jugendpflege beimeſſen. Das 
geltende Ju gen drect, das in verſchiedenen Reich8- und Landos- 
geſczen unüberſichtlich verſtreut iſt, muß vereimheitlicht und auf 
eine vollſtändig neue, den Zeitverhältniſſen angepaßte Grundlage 
geſtellt werden. Das Lehrling83weſen bedarf dringend geſct- 
licher Negelung. Die, militäriſche Jugenderziehung, 
die ſchon jet teilweiſe mit Hilfe der Fortbildungsſchule zum Zwang 
gema<ht wird, ſowie die durch die Jugenderlaſje der General- 
kommando38 aufgeworfenen Fragen (Sparzwang uſw.) werden bei 
Beendigung des Kriegs nicht einfach von der Bildfläche ver- 
ſchwinden, ſondern erneut aktuell werden. Dieſen Erlaſſen ſteht 
die Zentralſtelle ablehnend gegenüber, und ſie hat ſich auch ganz 
entſchieden dagegen gewandt, die Erlaſſe in die Frieden33e!t hin. 
üÜberzu, retten“. Auch die bürgerlichen Jugendpfleger haben ſick 
in leßter Zeit auf dieſen Standpunkt geſtellt. Der einſeitigen 
militäriſchen Jugenderziehung ſteht die Zentralſtelle ebenfalls ab- 
lehnend gegenüber. Dagegen fordert ſie eine planmäßig« 
körperliche Ausbildung der Jugend durch) Ein- 
führung eines beſonderen Spielnachmittags, durc< [ſportliche Uedun: 
gen, ſowie durc< Aus8bau des Turnunterrichts in der Volks- unt 
Jortbildungsſchule. Auch an den Beratungen zum Schuß dei 
Jugendlichen in der Uebergangs8wirtſchaft nahm die 
Zentralſtelle teil. Hier galt e8 und gilt es auc<h in Zukunft noch 
den Beſtrebungen gewiſſer bürgerlicher Kreiſe enbgegenzutreten 
die ihr Heil in Zwang8maßnahmen ſehen. Die Schaffung eines 
beſonderen Silfsdienſtgeſeßes für Jugendliche im Alter von 14 bis 
17 Jahren werden wir ebenſo bekämpfen wie den Gedanken, dit 
Jugendlichen aufs Land abzuſchieben und ſo den Agrariern billig« 
Arbeits8kräfte zu. vermitteln. Dagegen können wir poſitive Maß: 
nahmen zugunſten der Jugend für die Uebergang3zeit dur<au: 
- befürworten. Solche Maßnahmen ſind: Ginführung einer Arbeits: 
loſenverſiherung auch für Jugendliche, Ansbau der Arbeit3nach: 
weiſe, Einrichtung von Berufsberatungsſtellen, Förderung des 
Lehrlings8weſens, Einrichtung von Jugendherbergen für die zU: 
und abwandernde Jugend uw.
	        

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