Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

 
- Arbeiter« Jugend 
 
 
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kraft ausüben. Daß dieſe Werbearbeit das ze Jahr hindurch fort- 
geführt werden muß, iſt ſelbſtvcrſtäfidlich. Neuaufgenommene jtreicht 
man natürlich aus der Adreſſenliſte und den Karten und trägt ſie in 
das Mitgliedervergeichnis ein. - | . 
--.“ Ein gutes Mittel evfolgreicher Werbearbeit ſind aud die Späeltage. 
-Da finden ſich oft -viele jugendliche Zuſchauer ein, dis wan durch Ver- 
teilung von Flugblättern auf unſere Ziele aufmerkfam macht. Gelegent- 
[ich lädt man ſie auc< zum Mitſpielen im, was bei Geſellſchaftsſpielen 
(Dreiſchlag, Fuchsprellen, Dreibeinlaufen) ja ohne weiteres möglich iſt. 
Wer einmal mitgeſpielt hat, der kommb auch öfter und wird dann leicht 
gewonnen. 
Nicht zu unterſchäßen iſt ſchließlich die Anbringung eines Plakates 
am Jugendheim (bei un3 in München leider mit ginexr Ausnahme durch- 
weg Wörtslokale). Auf den Plakaten werden unſere Bildungsbeſtre- 
bungen und regelmäßigen Veranſtaltungen bekanntgemacht. Zur Not 
können auch Pappdedel, die man innen am Fenſter befeſtigt, verwendet 
werden, A. M.-München, 
H Zur wirtschaftlichen Lage A 
Lehrlinge ohne einen Pfennig Vergütung, 
- Auguſt Bebel erzählt in ſeinen LebenS3cerinnerungen, daß er als 
Drechſlerlehrling ein wöchentliches Taſchengeld von 4 Kreuzern gleich 
14 Pfennig bekam. Das war im Jahr 1857. E3 iſt kaum zu glauben, 
daß ſechzig Jahre ſpäter in deutſchen Großſtädten Lehrlinge mit noch 
geringerer Vergütung, nämlich mit gar be;iner abgeſpeiſt werden. Man 
hält dies um ſo weniger für möglich, als doh unter der Kriegsteuerung 
der Unterhakt eines Lehrlings an Nahrung, Beſchuhung und Kleidung 
einen ordentlichen Baßen im Jahr verſchlingt. Und doch gibt e3 Lehr- 
linge, die für ihre Arbeit weder Lohn noch Koſt oder Wohnung nocy eine 
ſonſtige Entſchädigung erhalten. 
- Kaut cricht der Allgemeinen Orts8krankenkaſſe 
Dre3den waren dort im Jahr 1917 noh 1974 Lehrlinge (1608 männ=- 
liche und 368 weibliche) angemeldet, die überhaupt nichts, alſo auch kein 
Taſchengeld, keine Beköſtigung, feine Wohnung, rein gar nichts er- 
jälten. +- . 
Da38 iſt doch eine ganz üble Lehrling3ausSbeutung, die verſtehen 
läßt, daß das Unternehmertum in immer zahlreicheren Berufen eine 
Lehrzeit einzuführen beſtrebt iſt. Sogar den Dienſtmädchen will 
man ja eine mehrjährige hauswirtſchaftliche Lehrzeit aufdrängen. 
- Sieht man andererſeits, was junge Leute nun ſc<on ſeit Jahren in 
der Kriegsinduſtrie verdienen, ſo brauchen ſich kinternehmer und Hand» 
werksmeiſter nicht zu wundern, wenn auf Lehrſtellen verzichtet wird, 
die keinen Pfennig Vergütung bringen. So viel leiſtet jeder Lehrling 
nadh furzer Zeit, daß er ein Entgelt verdient, Aber 23 gibt eben Lehr- 
ling3aus3beuter, die ſich beſonders ſchwer von ihren Groſchen trennen 
können, und leider finden ſie immer noch Eltern, die willjähriger ſind 
al8 notwendig wäre, 
 
 
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SRWTER SEIN: PRRKPRE DN KMB EN 
Aus der Leiden3- und Lehrzeit eine3 hervorragenden Innungsmeiſters3. 
Landauf, landab ertönen jekt die Klagen der Innung3meiſter über 
den Lehrlingsmangel, und Vorſchläge aller Art werden gemacht, wie 
dieſem Vebelſtand abgeholfen werden könnte. In den Gewerkſchaft3- 
zeitungen iſt ſchon lange vor der jetzigen. Lehrlingsnot, ſc<on lange vor 
dem Krieg mit allem Nachdru> darauf hingewieſen worden, daß zur 
Heranziehung eine38 tüchtigen gewerblichen Nachwuchſes eine Reform 
dez Seen an Haupt und Gliedern notwendig ſei, und daß 
in3beſondere der -Lehrling nicht .als bloßes Ausbeutung3objekt behandelt, 
ſorgfältig ausgebildet 
 
ſondern von wirklich tüchtigen Lehrmeiſtern 
werden müſſe. . .., 
Wie e3 damit aber oft beſteilt war, wurde kürzlich in dem Bunde3- 
blatt der deutſchen Buchbinderinnungen, Rr „Zeitſchrift für Deutſch» 
lands Buchbinder“, in einem Auffaß „Hervorragende Mitglieder deutſcher 
Buchbinderinnungen“ von einem Innungs3mitglied, Herrn Hugo Jbſcher, 
ſehlbſtbiographiſch erzählt. Herr JIbſcher ſchreibt: 
„Geboren bin ich am 28. September 1874 in Berlin. Da ich ſehr 
klein und ſchwäclich. war, machte die Beruf3wahl einige Schwierigkeiten, 
Nach langem Suchen kam ich endlich bei einem Buchbindermeiſter in 
Charlottenburg unter, der neden der Buchbinderei eine fleine Papier- 
handlung beſaß. Welcher Betrieb von beiden der kleinexe war, ließ ſich 
ſüwer entſc<eiden. Im Laden befand ſich außer dem Ladentiſch nur ein 
egal und in der Werkſtatt gab es keinerlei Hilfsmaſchinen, ſondern 
wurde noh treu und brav mit dem Hobel beſchnitten, wie die Pappen 
auch alle mit der Hand zugeſchnitten werden mußten. Der gute Mann 
hatie ſich erſt gerade ſelbſtändig gemacht und arbeitete, weil anfangs 
nicht genug Arbeit vorhanden war, gleichzeitig für eine Leverwaren=- 
fabrit. JI4 mußte faſt täglich Ware abliefern oder neue Arbeit aus 
Berlin holen, Die Lederwarenfahrik war über zwei Stunden. von des 
Meiſter3 Werkſtatt entfernt, ſo daß ich, wenn ich vormittags fortging, 
erjit am Spätnachmittag wieder zurückkehrte. Ebenſo mußte ich: auch 
ſämtliche Waren für das Papiergeſchäft zuſammentragen und, dä der 
Meiſter ein ſehr ſchlechter Zahler war, machte iG gar- manchen Weg 
umionſt. Auch die Vergoldung der Bücher wurde in Berlin vorge= 
nommen und oftmal3 mußte ich die ſchwere Laſt wieder mit nach Hauſe 
nehmen, weil die Vergolder nicht mehr für den Meiſter, der da3. Be- 
zahlen vergaß, arbeiten wollten. Zärtlichkeiten erwarteten mich dann 
gerade zu Hauſe nicht, und mußte ich die WutauSbrüche geduldig ex=- 
tragen. Neben der Werkſtatt und dem Papierladen hatte der gute nn 
aber noc<h die HauSsSreinigung zu verſehen, und daß der Meiſter oder gar 
die Meiſterin ſich zu ſchade dünkten, einen Beſen in die Hand zu nehmen, 
brauche im wohl nicht erſt zu erwähnen. So mußte der Lehrjunge auch 
noch die Porticrarbeit erledigen. Nach kurzer Zeit brachte der Klapper- 
ſtorF; dem würdigen Paar einen Thronfolger, der natürlich auch beauf- 
ſichtigt werden mußte und nachmittags, wenn der Meiſter und die 
Meiſterin ſchliefen, von dem Lehrjungen ſpazieren gefahren wurde, da- 
mit er nicht durch ſein Gebrüll die teuren Eltern ſtöre; doch durfte ich 
hierbei den Verkauf im Laden nicht vernachläſſigen. Meine Arbeitszeit 
begann morgens 5 Uhr- und endete abends gegen 11 Uhr. Nach zwei 
Jahren mußte der Meiſter das Geſchäft ſchließen, da er ſich inzwiſchen 
auch dem Trunk ergeben hatte, und für mich hatte die Qual ein Ende.“ 
Herr JIbſcher kam in eine andeve Lehre und es iſt ihm gelungen, 
durc< unermüdlichen Fleiß es zum tüchtigen Meiſter zu bringen, der be- 
ſonders als Konſervator ägyptiſcher und anderer Schriften des Alter- 
tums in den bedeutendſten Muſcen der Welt tätig war. Aber wie viele 
mögen durch ſolche Lehrſtellen körperlich und geijtig verkrüppelt worden 
ſein und ſich dann als Pfuſcher durchs Leben gejc<h4leppt haben! 
Zur -Ehre des Herrn Jbſcher ſei es geſagt, daß er, in Erinnerung 
an die Qualen ſeiner Lehrzeit, im Bunde deutſcher Buchbinderinnungen 
für eine Beſſerſtellung der Lehrlinge und eine Verkürzung der Lehrzeit 
tätig war und noch iſt. Leider winkte ihm nicht der Erfolg, den er ver- 
dient hätte, Sbwohl manche ſeiner Anträge angenommen wurden. Allein 
es zeigt ſich auch hier wieder da8 Geſeß der Trägheit: alte Gewohnheiten 
ſind ſchwer auszurotten, wenn nicht energiſch? Kräfte zum Fortſchritt an 
treiben. Und al3 ſolche Kraft werden ſich nach wie vor zum Nußen der 
arbeitenden Jugend auf dem Gebiete des Lehrlings8weſen38 die Gewerk- 
ſchaften betätigen müſſen. E, K, 
8 Die GegneranderÄrbeit FSJ 
wn | 5 
3000 Mark für Soldnkenſpielen. 
Dur die Erfahrungen des endloſen Krieges gewißigt, kommt ſelbſt 
die bürgerliche, ja ſogar die militäriſche Jugendergiehung mehr und 
mehr von dem Gedankän ab, dem militäriſchen Dienſt nachäffen zu 
wollen. Daß dieſe Erkomntnis aber manchen Behörden noch nicht auf- 
gegangen iſt, erhellt aus folgendem amtlichen Bericht des Landrats von 
Falkenberg (Oberſchleſien)- Über die Jugendpflege in dieſem Kreiſe: 
„Um die Jugend körperlich zu ſtählen und auf den Militärdienſt 
worzubereiten, wurden Überall Jungwehren gegründet, die zum 
Teil von Lehrern, zum Teil von Mitgliedern der Krieger- 
vereine ausgebildet wurden. Am Ende de3 dritten Krieg3jahres 
beſtanden folgende Jungwehrem: Hilber8dorf 16 Mitglieder, Schurgaſt 
28 Mitglieder, Dambrau 32 Mitglieder, Friedland 32 Mitglieder, 
Falßenberg 50 Mitglieder. Zur Auszbildung wurden Holzgewehre, 
Handgranaten aus Holz und andere Uebungsmittel angeſchafft. 
Ferner erhielten alle Jungwehren Soldatenmütßzen umd ein Teil 
militäriſche Uniform. Die Koſten hierfür im Geſamtbetrage voa 
3033,06 Mk. zahlile der Kreis.“ . 
Alſo für die Beſchaffung vom Soldatenſpielzeug für 158 junge Leute 
ſtehen über 3000 Mk, zur Verfügung! Vermutlich ſind die Jugentd' 
wehren ingwiſchen no< ſtark zuſammengeſchmolzem. Sonſt brauchte doch 
wohl dex Bericht von 1918 nicht um ginige Jahre zurückzugreifen. Wie- 
vieh Fönnten wir an wirklicher Jugenderziehung mit einer Summe 
von 3000 Mk, leiſten! 
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DED SU DIETE EN CRDI 87 
"> ABE IEHENEMNTr FT SAN ESP A WIS x: 
Exkrement (lat., Ton auf der Endſilbe), Auswurfſtoff, Kot. 
Humus (lat.), die fruchtbare, dur< Verweſung organiſcher Gebilde ent- 
ſtandene Adererde, 
Immun (lat., Ton auf ider Endſilbe), unempfänglich für Kranklitsſtoffe. 
Inventar (lat., Ton auf der Endſilbe), Befund, Beſtand. 
Konſervieren (lat.), aufbewahren, erhalten, 
Kult (lat.), Götterverehrung, Gottesdienſt, 
Miniatur (lat,, Ton auf der Endſilbe), Bildchen over Verzierung in 
mittelalterlichen Handſchriften; überrhaupb Bezeichnung von eiwas 
ſehr Kleinem. Da3 Wort iſt abzuleiten von minium = Miünnige, 
weil die Handſchriften im Mittelalter mit roter Farbe ausgemalt 
wurden, . . 
Orttament - (lat,, Ton auf der EGnidſilbe), Verzierung, Schmu. 
Phraſe (grieh.), RedenS3art; leerer, nichtsſagendex Ausdru. 
ur (lat.), rein, unvermiſcht, . 
Statut (lat., Ton auf der Endſilbe), Grundgeſes, Saßung. | 
Sendenz (lat, Ton, auf der Gndfilbe), Zwe, Streben, Richtung (be- 
ſonder3 mit der Nebenbedeutung des Einſeitigen). 
  
 
     
Berantwortlich für die Redaktion: Karl Korn, -= Verlag: Fr. Ebert (Zentralſtelle für die arbeitende Jugend Deutſchlands). = Druck: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlags 
anſtalt Paul Singer & Co. Sämtlich in Verlin,
	        

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