Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

 
 
 
 
  
  
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Eingetragen in die Poſt-Zeitungsliſte 
Nr. 23 
 
Lehrlingsfragen. 
n den nächſten Monaten werden bereits wieder die Lehrverträge 
Y für die Oſtern 1919 die Schule verlaſſenden Arbeiterkinder ab- 
- geſchloſſen. Lange vorber ſchon ſchmiedet man aber in der 
Familie Pläne, was mit dem Jungen werden joll. Dabei baben 
natürlich die Eltern wohl ohne Ausnahme den Wunſch, ihr Kind 
möge ſi< das Brot einmal leichter verdienen als ver Vater. Auch 
der Knabe beſchäftigt ſich, beſonders in den lekton Schuljahren, init 
feinem zukünftigen Beruf. In der Negel ſind es aber nur äußere 
Anläſſe, die ihn das eine oder das andere Handwerk wählen laſſen. 
In Wirklichkeit ſteht es vielmehr jo, daß Eltern und Erzieger das 
lebte Wort bei der Berufswahl zu ſprechen haben. Nicht nur, daß 
die geiſtigen und körperlichen Vorausſekungen zu dem in Ausſicht 
genommenen Beruf auch gegeben ſein ſollen, handelt es fich in erſter 
Linie darum, ob man wirtſchaftlich in der Lage iſt, den Jungen über 
eine drei« bis vierjährige Lehrzeit hinweazubringen. Für kinder- 
reiche, ſ<lecht entlohnte Arbeiter bedeutete das ſchon in Tricdeons- 
zeiten ein aroßes Opfer, das viele beim beſten Willen zu bringen 
außerſtande waren. Während der Kricgszeit habon ſich die Vcerhält- 
niſſe in dieſer Hinſicht natürlich noch ſchwieriger geſtaltet. 
Darum ſoll hier vorweg bemerkt worden, daß neben der BorufS 
beratung die Unterſtüßung befähigter minderbemittelter Lehrlinge“ 
fiir die Zukunft cine brennende Notwendigkeit wird. Wie mancher 
ſtoht heute auf einem Plab, auf den er nicht hingehört, während ſo 
viele andere der Allgemeinheit wertvolle Dienſte goleiſtet hatten, 
wären ſie iin Leoben auf einen anderen Poſten geſtelit worden! Bie 
Heranziehung und Ansbildung eines geeigneten Nachwuchſes für 
unſer Wirtſchaftsleben iſt eben keine Angelegenheit, die nur das Wohl 
und Wehe des einzelnen betrifft; ſie iſt von höchſter Wichtigkeit für 
unſer geſamtes Wirtſchaft8leben. Darum iſt es auch unbillig, daß die 
-Unfoſten für dieſe eminent wichtige, gefellſchaftliche und wirtſchaft- 
iiche Leiſtung zur Hauptſache den ſ<wächſten Schultern, den beiiß- 
loſen oder minderbeiittelten Eltern des Lehrlings aufgebürdet wer- 
'den ſollen. Das haben übrigens längſt auch einſichtigs bürgerliche 
Sozialpolitiker erkannt. So wurde auf der Jngendpflegekonferenz der 
Zentralſtelle fiir Volkswohlfahrt, die kürzlich in Berlin abgehalten 
wurdo, nut Nachdriut> die Forderung erhoben, daß den jugendlichen 
Arbeitern, die während des Kriegs ihre Lehre aufgegeben haben und 
mit Fricedensſchluß wieder in ihren früheren. Beruf zurückkehren 
wollen, im Bedarfsfall aus öffentlichen Mitteln ein Zuſchuß zur 
Beendigung der Lehre gewährt werden ſoll. Die Forderung iſt 
natürlich nicht nur für ſol<e AuSnahmezuſtände, wie die Verhältniſſe 
der Kriegs- und Ueborgangswirtſchaft, ſondern ganz allgemein zu 
'erheben,. . . 
Auch das neuerdings vielfach erörterta Kapitel vom „AufſtieJ 
"der Begabten“ gebürt eigentlich in dieſen Zuſammonhang. Jndeſſen 
foll uns dieſes Thema hier weniger beſchäftigen. Vielmohr wollen 
wir uns auf die Frage beſchränken, wic e8 möglich iſt, eins größere? 
Zahl junger Lente einem ungelernten Beruf zuzuführen, und vor 
allem, wie der herrſchenden Lehrlingsflucht Ginhalt zu gebieten 
iſt. Daß die Zahl der Lehrlings in der Kricgszeit ſtark zurück- 
gebt, die der jugendlichen Arbeiter in demſelbon Maße zunimmt, 
Ut ja allgemein bekannt. Dieſe Tatſache muß aber nicht nur 
für die jungen Leute, ſondern auch für die Arbeiterorgan1- 
jationen und, wie bereits erwähnt, für die ganze Volkswirk- 
ſchaft ſ<were Nachteils im Gefolge haben; ſie iſt auch. gleich bedenk- 
lich für die Unternehmer wie für die Arbeiter. DeShalb ſollten zU3- 
giebig alle Möglichkeiten erwogen werden, wie dem Uebol zu ſteuern 
ici. Man komme aber von Unternehmerſeite nicht mit der billigen 
AnutSrede, die jugendlichen Ardeiter vordienten zu hohe Löhn2 und 
< . oo * 
pyeiter-Tugen 
Berlin, 16. November 
 
 
 
 
 
Expedition: Buchhandlung Vorwärts, Paul 
Singer G. m. b. H, Lindenſtraße 3. Alle Z11- 
ſchriften für die Redaktion ſind zu richten 
an Karl Korn, Lindenſtraße 3, Bertin SW, 63 
  
  
 
1918 
 
das lode ſie. Wer viel mit LehrlinasSfragen zu tun bat, kann jeder- 
zeit die Beobachtung machen, daß es in den allermeiſten Fällen wirt- 
'c<aftliche Not iſt, die dn Ausſchlag gibt. und nur dieſe vält auch in 
der Regel die Eltern ab, ihren Sohn ein Handwerk erlernen zu laſten. 
Hier muß der Hebel angeſeßt werden. Kürzere Lobhrzeit, 
angemeſſene Entſchädiaung neben entiprechen- 
der Aufklärunaund Bernfsberatung-- das ſind die 
einzigen Mittel, die die Lehrlingsflucht zurückzudrängen aocvianet find. 
Vor allem aber weg mit der vierjährigen Lohrzoit! Beim Ab- 
ſchluß von Lehrverträgen wird ja auch von Unternebmerſeito glatt 
zugegeben, daß es ſich beim vierten Jahr nur um emen finanzieller 
Ansgleich für das erſte Jahr bandeln ſolle. Von oine* boſjeren Aus- 
bildung, die dur< dieſe ungebübrlich vortängerto Lohrzeit erziolt 
werde, ſpricht man weniger. Jeder Fachmann weiß bouto, daß mit 
Anznahme von einigen Feinberufen eine zwoi- 98 dreijährige LoDr- 
zeit genügt, um ſich die Grundlagen eines Borufs iin Handwork odor 
in der Induſtrie anzueignen. Ina, ftrebjamen jangon Monichon ift 
oine lange Lehrzeit für ihre Weiterbildung bänfia f03ar bindorlich. 
Wenn dieſe aber je mit ihren großen Opfern. die fie boionders für 
die Eltern im Gefolge bat, unſinnia geworden it, 10 wöohrend Der 
Kriegszeit. Was foll ein Lehrling 3. B. in dx Meotallmduſtri2 1:11 
vierten Jahr noch lernen, wo ſchon im dritten odor gar im pot 
Jahr fich kein Menſch iu Betrieb mobr mn on kümmert, viellicht 
auch nicht kinmmern fann, weil es eben an Kräften imangolt. Außoi- 
vom wird die Arbeitstoilung inmer größer, worden die Hantioriuma 
immer einfoeitiger. Ein. junger Month, durea zwoonmprodondert 
gründlichen Fachſchitunterricht untorftüpt, it 7002 wos Dr LAT, 
in einer höcſtens dreijährigen Lehrzeit hb das anzuolanen, was er 
als tüchtiger Handworker braucht. Tavoi wird ETD Sana 
fein Eifer und foine Lornluſt boi fürzeror Taunor Iox Looro JeoDober. 
Iſt dem fo, dann muß aber aun< die Entichämngung don noutil.t 
Zoitverhältniſſen entſprechen. Sind doch 3. B. in Iorx ChmnmtBer 
Mekallinduſtrio Wochenlöhns von 3-4 Mk. im erſten Jahr, b6--8 Vir. 
iin zweiten Jahr, 9-10 Mk. tin dritten Jadr und 42-48 Vb. in 
vierten Jahr keine Seltenbeit. Boi einer dorartigon CntlomuiJ 
wird es felbſtwerſtändlich den Eltorn foor ſchwer getacht. toren Sot 
etwas lernen zu laſſen. Hierbei muß noch borickſichtiat worden, daB 
die vaterloſen Kinder intimer zahlreicher geworden find, ein Umiyand, 
dor fich bei no< längeror KriegsSdaneor veorichiüinmert. Was braucht 
ein junger Menſch nicht allein für Kleiduna! Es iſt doShaid Zu vor- 
ſtehen, wenn auch dur<aus nicht zu billigon, daß gegenwärtig imer 
wieder von Eltern und Lehrlingen vorfucht wird, das Lobroorhaitumis 
vorzeitig zu loſen. ' 
Ferner kommt noch hinzu, daß Ier arößte Toil dor Leodrlingo 1 
vierten Jahr wehbrpflichtig wird und wädrend der Kriegszeit auc) 
eingezogen wurde, was zu violon Mißhoiligkoitoin bozualich der Auf- 
ſung des Lehrveorhältmſſes geführt bat, 
Boi Abſchluß von neuen Lohrvorträgen follt2 doSdalb Über eine 
dreijährige Lehrzeit nicht mehr hinausgegangen werden, Die CG2- 
weortkſchaften aber „werden der Ledrlingsfrage no< moor ioro Auf- 
merkſamfeit zu ſchenkon haben als biShor. Boi Lohnbewegnngon 
und Abſchluß von Verträgen mit den Unternehmern müßte ſtets 
auc<ß die Lehrzeit und die Entlomung der Lehrlinge mit diskutiert 
und verſucht werden, in dan in Betracht kommendon Betriobon das 
vierte Zohrjahr allgemein zu beſeitigen. Auch auf Abandorung des 
S 130a der Gewerbeordnung, dor dis vierjädrigo Lohrzoit: zuläßt, 
muß die Arbeiterſchaft drängen. Entſchiodenſter Widorſtand abor 
müßte ſelbſtverſtändlich allen Verſuchen der Arbeitgeber, die Lehrzeit 
io) zu verlängern, entgegangeſeßt werden. Daß folc<o Veorjuche jekt, 
wäßgrend dor Kriegszeit, gemacht werden, it kamm zi glauben, goer 
"Ww ibk &
	        

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