Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

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' . Eingetragen in die Poſt-Zeitungsliſte 
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FP eier von „unſeren Kameraden dieſe lebten vier Jahre mit 
W wacher 'Sdele durchlebt hat, „der konnte in der verhältmi3- 
LG 727 mäßig kurzen Zeitſpanne an Erfahrung und Erkenntnis 
. 'Schätze. ſammeln, die für alle ſeine fpäteren Jahre, und würde er alt 
| „Wie "Methuſalem, auzreichen. Eine Flucht von Geſchehniſſen raſte 
. an ähm, vorüber, wie ſie in ähnlicher Fülle und beiſpielloſer Wucht 
| ' des Eindrucks vielleicht niemals in früheren Epochen einem ein- 
„Zigen. Sterblichen. im Nahmen ſeiner Leben3geſchichte zu um- 
pannen. vergönnt war. Und wahrlich, es war kein Film nur, der 
vor ihm abſurrte, kein Fiebertraum, der ihn dur< alle dieſe . 
Simmel und durc< alle. dieſe - Höllen jagte, um ſchließlich, wenn 
"das Licht der Wirklichkeit angeknipft wurde, höchſtens eine ver- 
'worrene Ermüdung in Augen 
und Hirn zurückzulaſſen. Was da 
| in Bildern und Geſichten an ihm 
. vorüberzog, wollte nicht von den 
Sinnen, . ſondern von der Seele 
verarbeitet werden, war Erleb- 
nis und Scidſal. 
Denkt an jene Julitage des 
Jahres 1914, als die Welt um uns 
zuſammenſtürzte, unſere Welt, 
alles was unſeres Daſeins Wert 
und Glü> ausmachte! Unſere 
Jugendbewegung hatte gerade 
angefangen, uns in die Zucht 
ihres Höhengedankens zu nehs- 
men; wir begannen eben zu 
ahnen, welc< unermeßliche Auf- 
gaben geiſtiger und ſittlicher 
Vervollkommnung unſere Be- 
wegung in ſic< ſchloß =- eine 
Luſt ſchien es uns, zu leben =, 
- da brad) dieſes Unwetter über 
uns berein, das mit einem 
Schlag alle unſere Jdcale, den 
Glauben an die Vernunft des 
Daſeins und an die Zukunft anfeves Geſchlechts | in Scherben ſchluz. 
Und wenn der oder jener in letter Verzweiflung ſich an den Ge- 
danken klammerte, es ſei vielleicht nur ein Sommergewitter, das 
ſic über der entſezten Menſc<heit entlud, ſo folgten Monat für 
Monat die vier Schre>ensSjahre, jeder einzelne mit immer neuen, 
bislang ungeahnten Leiden und Qualen randvoll gefüllt. Ring3um 
fielen, wie Blüten im Maten, die Freunde und Kameraden =- wer 
„zählt die Namen! So unſagbar grauenhaft erſchien uns ſchließlich 
' das Verhängnis, ſo ganz und gar unerträglich, ja unmöglich die 
Exiſtenz in dieſem Chao8 der Greuel, daß wir jeden, und hätte er 
- Unferem Serzen am nächſten geſtanden, glücklich prieſen, den der 
Dodesengel an der Hand nahm, um ihn aus der Hölle dieſe3 Seins 
“ Hinauszuführen. 
Nicht an der Front allein jchwang ja der Würger die Sichel. 
In der von der Zerſtörung verſchonten Heimat mähte ſein un- 
Empor ſchlug die Welle, 
Die Wogen der Wahrheit 
Erfaſſen die Menſchen, 
Erobern das Reich. 
Sie ſind aus den Tiefen 
Des Lebens geſtiegen, 
Sie brauſen zuſammen. 
Gewaltig geſtaut. 
Es wanken die Seſſel 
Der ſichern Geſellſchaft, 
Die Schläfer erwachen, 
Die Müden ſtehn auf. 
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Nun gilt es zu bauen 
Das große Gebäude, 
Nun gilt es zu bilden 
Das herrliche Werk. 
in Heimliches Gefolge, die Not, der Hunger, die Verzweiflung die . 
"7 Reihen. der -Zurücgebliebenen, wie .nur draußen das Trammel- 
“Feuer ind dis Sturmangriffe :di& Heere - der Kämpfer.“ 
. “Und nicht 
- mur die. Leiber krümmten ſich unter .den Hufeit der hölliſchen 
| Sippſchäft, föndern wündvoller vielleicht noch die Ste ſem,“ Es" M 
Berlin, 30. November - 
"vordem gepriefenen Jahrhunderts wegſchwemmte. 
S5OLD GIGLI GHORIGIORD 0 GSO8DGHPRD 8 GHOÖGHORDGHOLOTIOND 8 - 
Empor ſchlug die Welle . .. 
E edition: Buchhandlung Vorwärts, Paul |. 
Singer G. m. b. H, Lindenſtraße 3. Alle, : , 
ſc<riften für die Redaktion ſind zu xi een 4; 
. an Karl Korn, Lindenſtraße 3, Bert SW. 8 1. -.i 
 
- Gößendämmerung und Morgenröte. 
hier nicht von. der Trauer um die Getöteten, von „dein „zeitrüme 
merten Lebensglü>. der Verſtümmelten und der wirtſchaftlich Zu- 
grundegerichteten die Rede: : eine Shlammflut. von Korruption 
ergoß ſic< über die Lande, die die ganze ſittliche Kultur unſeres 
'Selbſtſucht, 
Lüge, Betrug, Dieberei, alles, was an Niedrigkeit und Verächt» 
„Tchkeit der Menſchennätur 'biSlang eine Winkelexiſtenz in der 
Geſellſchaft geführt hatte. machte ſich auf offenem Matkte breit, 
ſpreizte ſicß geradezu als Geſeß des Leben3. Jedes freie, ehrliche 
Wort war geächtet, die Diktatur . der Gewalt wuchtete auf unſeren 
Nac>en, e8 war eine Schmach, zu atmen. Wahrlich, eine Gefell 
ſc<haft30ordnung, die mit Naturnotwendigkeit in dieſen Malſtrom 
von Blut und Schande geſteuert, 
war zehnmal reifzum Untergang! 
. Und fo kam denn, was 
kommen mußte: dem Screk>en 
ohne Ende folgte das Ende mit 
0 GOLD GSOSD GFOLD GIPED 0 GEOLD GIORD 0 EIEFDGSELD GIOSD GIORD 
So ſchlagt mit dem Hammer, 
So haut mit dem Meißel, 
Mit Kühnheit beſonnen 
Errichtet den Bau! 
Daß weit allem Volke 
Die Wohnſtatt ſich wölbe, 
Auf freierem Grunde 
Gerechter erhöht. 
Seid eins in der Liebe, 
Zu ſchlichten den Hader, 
Durch Zwietracht untrennbar 
Seid einig = und ſchafft! 
Geſetze zu ſchmieden, 
Sei Weisheit beſchieden, 
Doch Schönheit durchſchimmre 
Die Säulen der Kraft! 
Karl Hendell. 
SI GSESI ES O> DI CIBXD SI OSD SIORD ES VSDO ESSSD ES 
Schrecken. Und wenn aud) keine 
Guillotinen erſtanden rings im 
Land: der Herrſchaft der Gewalt 
und Lüge läutete in dieſer ewig 
zu preiſenden Novemberwoche 
endlich die Totenglo>ke, ein Sig- 
nal des Gerichts für die Schul- 
digen = für alle, die guten 
Willen3 find, eine Botſchaft der 
Freude und des Glücks. 
Ireunde, welß überwälti- 
gender Sturmlauf der Geſchch- 
niſſe von jenen fluchwürdigen 
Tagen im Hochſommer 1914 bis 
zum Zuſammenbruch der im- 
perialiſtiſchen Militärdiktatur, bis 
zur Proklamierung des freien 
Volksſtaat8! Weltgeſchichte aller- 
höchſten Stils hat unſere Gene- 
ration in dieſen vier Jahren 
erlebt, und Ihr Jungen dürft e3 den nachfolgenden Geſchlechtern 
zurufen, daß Jhr dabeigeweſen ſeid. Dabeigeweſen nicht als ge- 
laſſene Zuſchauer =- dabei mit Eurem Herzblut, mit jedem Eurer 
zuckenden Nerven, denn e38 war ja Euer S<Hi>ſal, das ſich im 
Wirbel dieſer Geſchicht3epoche vollzog, Eu er Schidſal und da3 
Eure3 Volkes. Und wenn jetzt über das ganze Land hin die roten 
Jahnen wehen, inmitten des jubelnden Volkes auc von Euch be- 
grüßt als leuchtende Symbole endlich erfüllter Sehnſucht, ſo wißt 
Ihr doch, daß ſie ein Gelöbnis vicl mehr al3 Siegestrophäen be- 
deuten. Soll do< das Reich der Arbeit, der allgemeinen Wohlfahrt, 
das ſie verkünden, erſt gegründet und aus8gebaut werden! Aber 
auch bei dieſem Bauen ſollt Ihr dabei ſein, Jhr Jungen. Jeßt 
erſt wird ja volle Wahrheit da8 Wort, daß die Zukunft in den 
Händen de8 werdenden Geſhlec<ts ruht. Aus Trümmern und 
Chaos wird das Neue erſtehen. Ueberrannt iſt das Alte, aber noHD 
nicht beſeitigt. Und wenn er weggeräumt iſt, der Schutt de3 zu- 
fammengefrac<hten Gebäudes, dann heißt e3 erſt, auf der wüſten 
Jläche die neuen Fundamente graben, die neuen Mauern errichten. 
„Dazu bedarf: e3 ſtarker Arme, heller Köpfe, kühner Herzen. 
m Frontdienſt dieſer Aufgabe wird unſere Iugendbeweon"7
	        

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