Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

 
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Eingetragen in die Poſt- Zeitungsliſte. 
Nr. 3/4 
 
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Berlin, 23. Februar | BW bm 8,5 Dee u 
pedition: Buchhandlun Vorwärts. Paul 
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1918 
 
an Karl Korn, Lindenſtraße 3, Bertin SW. 68 
 
 
 
Heime für Lehrlinge und jugendliche Arbeiter. 
enn ſi die Schultür hinter den jungen Burſchen und 
5 Mädchen ſchließt, dann bedeutet das für den größten Teil 
' der Volksſchulkinder nicht nur den Eintritt in die Welt der 
Arbeit, ſondern auch den Abſchied aus dem elterlichen Heim. Mag 
e8 dort infolge unſerer außerordentlich verbeſſerungsbedürftigen 
Wohnungsverhältniſſe meiſt auch recht eng zugegangen ſein, ſo 
ſtellt doch das elterliche Heim das dürftige Obdach in den Schatten, 
das dagegen beim Lehrherrn, bei der Dienſtherrſchaft oder in der 
Schlafſtelle bei fremden Leuten eingetauſcht wird. Dieſes iſt eben 
in der Regel nur eine kümmerliche Unterkunft und nicht im min- 
deſten ein Erſaß für das aufgegebene „Zuhauſe“. Früher trat der 
Lehrling in die Familie des Meiſters ein, wurde wohl auch wie 
ein Kind de38 Meiſter3 gehalten, und dieſer faßte die ihm über- 
tragene „elterliche Gewalt“ mehr im Sinn des wohlwollenden Er- 
zieher3 al3 des ſtrengen Lehrherrn auf. Inzwiſchen iſt an die Stelle 
der Meiſterlehre mehr und mehr die Fabriklehre getreten, und ſelbſt 
die Lehrherren ſind kaum no< wie früher geneigt, den Lehrling in 
ihre häusliche Gemeinſchaft aufzunehmen. Die alten patriarc<a- 
liſchen Verhältniſſe ſind längſt “endgültig vorbei. 
Wenn ic<; an meine eigene Lehrzeit vor etwa zwanzig Jahren 
zurückdenke, ſteigt mir das ganze Elend herauf, zu dem junge 
Menſchen verurteilt ſind. Wiein Bett und das eines Leidens- 
- genoſſen ſtanden übereinander in einem engen, dunklen Vorraum 
des Betriebs, der als Rapierlager, Zeitungsexpedition und wer 
weiß was alles diente, Dicht daneben, einen halben Meter entfernt, 
war das Spülklofett, deſſen Düfte mit denen alter Zeitungö5maku- 
latur wetteiferten, obwohl damals die Druckfarbe noc<> nicht ſo 
„veblich“ roch wie heutigentags. In der warnten Jahreszeit 
' konnte man ſich vor Ungeziefer kaum retten. In dieſem Verließ 
mußte ich vier Jahre zubringen, vier Jahre des ſtärkſten küörper- 
- licßen und geiſtigen Wachstums, ohne Luft und Licht! 
Anheimnelndes in dem ganzen Ramm, den man nur notgedrungen 
zur Schlafenszeit betrat! Und doch wurden wir darun von Freun-* 
dein, die in no<Mg diumpferen, noc< luft- und lichtlojeren Löchern 
haufen mußten, beneidet. Und wieviel jungen Menſchen geht es 
heute noc< ſo! Sie mögen noch ſo müde von den Strapazen un- 
gewohnter Anſtrengung ſein, ſie mögen lec<zen nach den Quellen 
des Wiſſen3 und der Erkenntnis, ſie finden kein ruhiges Fleckchen, 
vo ihnen Gelegenheit zu geiſtiger |Sammlung und zum Studium 
gegeben wäre, keine Möglichkeit, außer im WirtShaus oder nouer- 
dings gelegentlich im Jugendheinn, mit Freunden und Bekännten 
zu. edlem. Wetteifer im Lernen und Spiel zufammenzukommien. 
Wieviel junge, ungebrochene Kraft geht da verloren! Wie viele 
Gefahren entſtehen aus ſolchen unwürdigen Zuſtänden, beſonders 
auh für die jungen Leute, die vom Lande kommien und nun in der 
Stadt ſchuß- und heimatlo8 daſtehen! 7 3 
:“* Schon, früher empfand ich den Mangel einer geeigneten Für- 
ſorge für die aus dem Elternhaus ausgeſchiedenen Lehrlinge und 
jungen Arbeiter. Zeute erblicke ich in der Tatſache, daß man die 
jungen Menſchenblüten wie Unkraut am Grabenrand aufwachſen 
läßt, geradezu einen gemeingefährlichen Notſtand. Da wundert 
man ſich noch, wenn ſchlechtbehütete Jugend auf üble Wege kommt! 
Schon lange wäre es dringend notwendig geweſen, für alle jungen 
Arbeiter und Arbeiterinnen, die außerhalb der elterlichen Woh- 
nung Unterkunft ſuchen müſſen, Heime zu ſchaffen, in denen geſunde 
Schlafſtätten, Aufenthalt3-, Leſe- und Schreibräume, Bücheräten, 
Bade= 1ind Spielgelegenheiten zur, Verfügung ſtehen und eine allen 
berechtigten Anſprüchen genügende Verpflegung geboten wird. 
Kein Obdach, keine Schlafſtelle nur ſollen ſie ſein, ſondern wirkliche 
eichts- 
- Jugend wirken! 
Heime, behaglich und gemütlich eingerichtete Näume, die cinen 
möglichſt vollfommenen Erſatz für das verlorene Elternhaus bieten. 
Hier ſoll die Stätte ſein, die dem jungen Menſchen das Bedürfnis 
nach einer angenehmen Häuzlichkeit anerzieht, die ihn bewaört 
vor den Gefahren des Wirt35hauſe3 und der Straße. Hier ſollen 
im Zuſammenleben von jungen Leuten aller Berufe die geſell- 
ſchaftlichen Tugenden des Gemeinſinns und de3 Gemeinſchaft3- 
geiſtes entwickelt, geiſtige Intereſſen gepflegt und das leibliche und 
ſittliche Wohlergehen gefördert werden. Hier hätten die Lehrlinge 
und jungen Arbeiter einen Rückhalt zu finden, wenn ſie in der 
Werkſtatt oder Fabrik über das zuläſſige Maß hinaus ausgebeutet 
oder nicht zureichend für den künftigen. Beruf ausgebildet werden, 
Wenn der junge Arbeiter ſcine Beſchäftigung verliert, bedeutet 
das oft auch für ihn den Verluſt der Schlafſtelle. Arbeits-, obdach- 
und mittello3 ſteht er dann auf der Straße. Auch für ſolche Fälle 
muß das Heim eingerichtet ſein; e3 muß auch dem Arbeitsloſen, 
dant er nicht verfommt, ein Zuflucht3ort bleiben, unter Umſtän- 
den auf öffentliche Koſten. 
Dringend notwendig ſind beſondere Heime auch für die er- 
werbstätige weibliche Jugend. Unter welchen unwürdiget 
Verhältmſſen hauſen 3. B. die meiſten Dienſtmädc<en! Und wie 
ſchwere ſittliche Gefahren drohen ihnen nicht bei vielen „Herr- 
ſchaften“ und vor allen Dingen in den Hotels und Gaſtwirtſchaften! 
Seit Jahren wird angeſtrebt, ſie aus dem Elend des herrſchaftlichen 
vLoqi3zwangs herausSzubringen. Ein allgemeiner Erfolg wird dieſen 
Beſtrebungen jedo? nur dann beſchieden ſein, wenn ibnen die 
Weöglichkeit geaneben iſt, in einem guten und billigen Heim ene 
menſchenwürdige Unterfunft zu finden. Die Beſeitianng der Herr- 
ichaftslogi5s wird ihnen aber auch die notwendige Vorfürzung der 
Arbeit3zeit bringen und ſie in die Lage verſetzen, täglich eininc 
Stunden ſich ſelbſt zu leben, zu leſen, ſich zu bilden uſw. Tas Heim" 
wird ihnen ermöglichen, Verwandte, Freundinnen und Bekannte 
hoi ſich zu febhen, was heute meiſt ganz ausgeſchloſſen iſt. Aber 
auch die jungen Fabrifarbeiterinnen bedürfen ſolcher Heime. Die 
gewaltige Zunohme der Frauenarbeit während des Kriegs erheiſch! 
dringend den Schuß der weiblichen Jugend auch außerhalb der 
Arbeitsſtelle, Der Mangel des Fortbildungsunterricht3 für WMäd- 
ben könnte im Heint durch geeianete Veranſtaltungen wettgemacht 
werden, die zur Vorbereitung auf künftige Hausfrauen- und 
Mutterpflichten beitragen könnten. - 
Damit ſind aber die Anfgaben der Heime durc<aus noch nicht 
erſchöpft. Wie ſegenzreich müßten derartige Emrichtungen auf die 
geſamte geiſtige, körperliche und ſittliche Ertüchtigung der Arbeiter- 
Man kann annehmen, daß ſie die Fuürſorge- 
erziehung8- und Strafanſtalten entvölfern würden, weil ſie die 
Burſchen und Mädc<hen vor ſchlechten Einflüſſen bewahren, iüre 
Widerſtandskraft dagegen ſtärken und ihnen in- Zeiten wirtſchaft- * 
licher Ungunſt, die beſondere Gefahren mit ſich bringen, einen 
ſicheren 'Nückhalt geben. Ueber ihren Eingang foll man dieſe 
Strophe von Leopold Jacoby ſchreiben: | 
Wer in der Jugend glü>lich war, 
Der iſt geſegnet für immexrdar. 
Er kann und wird nicht ſterben an Wunden, 
Gx will und wird immer wieder geſunden, 
Crx iſt gewappnet und bleibet ſo 
Jn allem Elend wunderfroh, . 
Aber wer foll dieje Heime bauen und im Betrieb halten?“ 
Natürlich darf kein nones Gewerbe daraus gemacht werden, ſon- 
dern jeder Erwerb83zwe> muß ausgeſchloſſen ſein. Die Heime 
follen zum allgemeinen Boſten errichtet und unterhalten werden. 
Vor allen Dingen ſind unſere Gemeinden berufen, derartige Ein-
	        

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