Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

 
ſrb eifer-Juge end“ 
 
 
Nummer 3/4 
Berlin, den 23. Februar 1918 
 
10. Jahrgang 
 
Erpel. 
Eine Epiſode aunu3 dem ſüdlichen Polarmeer. 
Ke ie Strandkolonie auf der Shmachtriemen-Inſel zählte über 
D 12 000 Pinguinſeelen. 'Sie bildete einen Komplex ſeichter 
Mulden, deſſen Länge einen halben Kilometer betrug, bei 
50 Meter Breite, In den Mulden ſaß Vogel an Vogel und lag 
"dem Brutgeſchäft mit Ernſt und Eifer ob. .Anßer der Strand- 
folonie gab e3 noch viele andere Niederlaſſungen, ſo daß die Ge- 
ſjamtbewohnerzahl der Inſel mindeſtens 40 000 Pinguine auZ- 
utachte. 
Jc< ſage das alles nicht aus Pedanterie, noch um durch Angabe 
von Zahlen den Anſchein der Glaubwürdigkeit zu erwecken, ſondern 
„um klarzumachen, daß Erpel, ſozuſagen in einer Großſtadt auf- 
acwachſen, wo der Kampf um3s Dafein idie Sinne ſchärft, au3 
Griinden der Erziehung und Vererbung einen erheblichen Vorrat 
an Intelligenz und kulturellen Fähigkeiten in ſeinem Hirn auf- 
aeſpeichert haben mußte. 
tebenbei geſagt: er hieß natürlich nicht von Haus aus Erpel. 
Dieſen Namen erhielt er erſt nach ſeiner Gefangennahme; ſeinen 
„groß, hatte einen prächtigen gelbweißen Bauc<; und beſaß eine 
"Manier zu gehen, die ſeinem -- man verzeihe den harten Au3- 
-dru>: == Watſcheln und Wadeln ſo etwas wie Würde verlieh. 
Unbeſchadet der Komik dieſes Vorgangs natürlich. Aber bei den 
Pinguinen iſt alles ſo komiſch, daß eine kleine Zächerlichleit über- 
haupt nicht auffällt. 
Erpel war von der Nachbarkolonie gefommen, wo er eine 
junge Pinguinin beſucht hatte, mit der er einen Hausſtand zu 
gründen beabſichtigte. Er kam gerade den ſauberen <auſſeeartig 
glatt auSgetretenen Pfad zwiſchen dem hohen Gra3 ſtrandabwärts8 
hinab, al8 Leutnant Erpel mit einem Knüppel und ſechs Matroſen 
aus der Jolle ſtieg und ans Land watete. Pinguin Erpel blieb 
inſtinktiv ſtehen und wagte ſic nicht weiter. Von einem Hügel- 
riifden aus ſah er das Schi>ſal über die Strandkolonie herein» 
brechen, Wie üblich, ſaß von den brütenden Pinguinen die eine 
Hälfte des Ehepaares auf den Eiern, damit die lieben Nachbarn 
ſie ihmen nicht ſtehlen konnten -- ein ſehr beliebter Sport bei 
dieſen Burſchen, die, bloß um eine zahlreiche Nachkommenſchaft 
zu haben, mehr Eier zu ſtehlen pflegen, als ſie ſelbſt zu bebrüten 
vermögen. = Als die erſten Knüppel auf die Vogelſchädel nteder- 
 
vigentlichen Nanten ſauſtet, crhob ſich 
weiß man micht. - mem ein entrüſtetes Zeter- 
Cinmal legt man -z x geſchrei. Die Pin- 
in Pinguinkolonien „In | qauine fkſemmten die 
teine GeburtSsregiſter 
an, zumal Pinguine 
nicht geboren, ſon- 
dern ausgebrütet 
werden; wgweitens 
ließe ſich ſein wirk- 
licher Name gar 
nicht aus dem Pin- 
guinidiom in irgend- 
welhe meuſchliche 
Sprache überſeken, 
- and drittens war 
Erpelüberhauptnicht 
imſtande, ſich in der 
üblichen Weiſe zivi- 
liſierter YPebewweſen 
vorzuſtellen. Uebri- 
 
 
 
Cier zwiſchen die 
Schenkel und kämpf- 
ten mit wuchtige! 
Schnabelhieben um 
ihr Leben und ihre 
Kinder. ES war eine 
homeriſche Schlacht, 
Imtggetind erbittert. 
Die Pinquine ſchrien 
vor Wut und Angſt, 
und die Matroſen 
auch, teils aus 
Mordluſt, teils woil 
ihnen das inferna- 
ſche Geſchrei der 
Bögel umwillkürlich 
eine Furcht oimn- 
 
 
gens wäre dieſe Gr- 
ichichte nie geſchriv- 
ben worden, 1venn 
nicht an Bord des Walfiſchſuangers8 „Dlaf“ das Konſervenfleiſch 
infolge ſchlechter Verlötung der Büchſen ſchlecht geworden wäre. 
Dieſe fatale Tatſache nötigte die Mannſchaft, der Anregung des 
zweiten. . Offiziers zu folgen und eine Fleiſchexpedition auf die 
genannte Inſel zu unternehmen, deren Name auf keiner Karte 
ttebt. „Sc<hmachtriamen-Inſel“ wurde ſie erſt von den Olafleuten 
genannt, die zu einer Zeit dort anlegten, als der Begriff Fleiſch 
für ſie ſeit mehr als ſechs Wochen zu einem Märchen geworden war. 
Als man nachts in einer Entfernung von drei Seemeilen an der 
Zunſel. vorüberfuhr, hörte. man ein Geſchrei, al8 wenn ſämtliche Eſel 
der Welt dort- Quartal3verſammlung abhielten, und die dadurch 
dokumentierte Anweſenheit: von Lebeweſen, die unter. Umſtänden 
gegeſſen werden könnten, führte dazu, daß der Schiffsleutnant 
Erpel - vom Kapitän die Erlaubnis erbat und erhielt, 
etivas zur Füllung. des Magen3 ergattern ließ. 
“Erpel, der Pinguin, war zwei Jahre alt und ſchon längſt aus 
vem Stadium heraus, wo :ſeines8gleichen wie ein großer Klumpen 
brauner Wolle ausſieht. ' Er konnte vortrefflich fiſchen und. galt 
„unter ſeinen Alter8genoſſen al3 etwas beſondere8, nachdem er ein- 
mal auf der Rüdkehr vom Padeis, wo die Pinguine der Shmacht- 
riemen- Inſel Sommerfriſche zu nehmen pflegten, 3wei Stunden 
lang einen rieſigen. Pottwal genasführt. hatte, deſſen "Appetit fich ' 
Er War Über einen Meter 
„ans nerechnet auf Erpel geſpitzt batte 
Eine Prozeſſion Kaiſepinguine. 
: Nahrung heraus, 
mit der 
aroßen Jolle an Land zu fahren und zu ſehen, ob ſich nicht irgend- 
flößte, der ſie durc 
die Erzeugung ähn» 
licher Naturlaute 
den Stachel zu nehmen ſich beſtrebten. Die Schädelknoen barſten, 
die Knüppel ſplitterten und die Eierſchalen krachten. unter den 
ſchweren Stiefeln der Dlafmänner, 
Auf einem Erdhaufen inmitten der Kolonie ſtand ein alter 
Pinguin-PBapa erhobenen Hauptes und hielt, unbekiimmert um 
das Toben ringsherum, ſeinem älteſten Sohn eine Predigt, deren 
Tonfarbe ſich au3nahm wie ein Duett zwiſchen einem Ochſenfroſch 
und einem Dikſchwanzſchaf. Nac< etwa einer Minute beugte er 
ſich zu ſeinem Sprößling nieder, der ſte>te ſeinen Kopf in den 
Schlund . feines Erzeuger3 und langte ſicß da die aufgeweichte 
Dieſes idylliſche Geſchäft ſtörte der Leutnant, 
der mit ſeinem Knüppel allen anderen voraus war. Ein Hieb, 
und der Pinguin-Jüngling kullerte ſich wie eine Walze zu den 
Füßen ſeines Vaters, Wut und Verzweiflung pacten den Alten, 
und mit vernichtenden Worten des Proteſtes, die in der Pinguin- 
ſprache etivas Entſfetenerregendes für menſchliche Ohren hatten, 
langte er, mit ſeinem Schnabel weit ausholend, eine Tiefqiart 
nach dem Geſicht de3 Leutnant, der ſich gerade bü>te, um dem noch 
zappelnden Jungen eins auf den Kopf zu geben. Ritſch == ſauſte 
die hornige Klinge dur< die Wange des Mörders, und das. 
ſprikende Blut zierte das farbenfrohe Chemijett des gefiederten 
Kämpen mit einem breiten Orden8band. Im nächſten Augenbli>“ 
alerdiygs beſtätigte ſeine eingeſchlagene Hirnſ<ale ihre geringere 
Elaſ ſtigitat gegenüber dem eichenen Knüppel. .“
	        

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