Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

Arbeiter-Iugen 
 
  
 
 
 
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Berlin, 9. März 
 
  
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Singer , Lindenſtraße 3. 
foren ür vie Redaktion ſind zu een 
an Karl Korn, Lindenſtraße 3, Berlin SW, 68 
1918 
 
 
Die ſozialiſtiſche Weltanſchauung. 
ögen ſich über die Jorm nd die Methode unſerer Jugend- 
m bewegung noch ſo viele Auffaſſungen geltend machen, daß 
| ihr oberſter Zwe, ihr Kern und Stern die Einführung der 
Jugend in die ſozialiſtiſche Weltanſchauung iſt, darüber dürfte 
unter unſeren Anhängern, auch unter unſeren älteren Freunden, 
keine Meinung3verſhiedenheit herrſchen. Aber nun erhebt ſich die 
Frage: Was iſt das, ſozialiſtiſche WeltanſHauung? Zunächſt: was 
eine Weltanſchauung iſt, beſagt der Sinn de38 Wortes. E3 iſt die 
Anſchauung, das Bild, das ſich der Menſch von der Welt, d. h. von 
der Geſamtheit alle3 deſſen macht, was in den Bereich ſeiner Er- 
kenntnis fällt. Die Weltanſchauung unterſcheidet ſich alſo von vorn- 
herein durch ihr Objekt, dur< ihren allumfaſſenden Gegenſtand =- 
die „Welt“ -- von den mannigfachen Vorſtellungen, die ſich der 
Menſ< über beſtimmte Teile der „Welt“, des Natur- und Geſell- 
ſchaft8ganzen bildet. 
Mit dieſer Worterklärung iſt aber der Fnhalt de3 umfaſſenden 
Begriff38 bei weitem nicht erſchöpft. Die Weltanſchauung iſt näm- 
lich viel HSöhere3 al3 eine bloße „Anſchauung , ſei es auch .von noch 
jo Großem, noch ſo Wichtigem. In jeder Anſchauung iſt ja der 
Menſch lediglich erkennend, und alle3 Erkennen iſt in der Haupt- 
ſache ein Empfangen, ein Erleiden, ein Hinnehmen deſſen, was an 
den Menſ<en von außen herankommt, wa3 ſein Bewußtſein erregt, 
ſeien es ſeine Wahrnehmungs-, ſeien es ſeine Denkorgane. Die 
Weltanſchauung ader geht in ihrer wertvollſten Weſenheit auf den 
Willen aus, ſie appelliert an den tätigen Menſchen. Aus den Er- 
kenntniſſen, die ſeine Anj ihauung von der Welt ausmachen, aus 
ſeiner Emfühlung in tie Welt, ergibt ſich die Einſtellung 
des Menſchen zur Welt, ein eminent aktive8 Verhalten zu der 
natürlichen und gefellſchaftlichen Umgebung, in die ſich jeder ein- 
zelne hineingeboren findet, die ſich ſeiner Sinne und ſeines Geiſtes 
bemächtigt. Die Weltanſchauung will den Menſc<en als Handeln- 
den, ſie beſtimmt ſein Wollen und verpflichtet ihn zur Tat. Mag 
e3 auc< Weltanſchauungen geben, 3. B. die des indiſchen A3keten, 
die die Welt verneinen, oder die de3 Skeptiker8, die den Sinn de3 
Leben3 und aller Ziele des Wollen3 bezwelfkln =- in ihrem tiefſten 
Grunde bedeuten auch ſie tätige Einſtellungen zur Welt, denn auch 
jedes Verneinen und Ablehnen iſt ja ein Handeln, häufig ein noch 
energiſchere3 Handeln als alle Alexanderzüge und Fkarusflüge, -- 
Hier war ſchon von der Weltanſchauung in der Mehrzahl, nicht 
mehr von der Weltanſchauung, ſondern von Weltanſchauungen 
die Rede, In der Tat: es gibt nicht etwa nur eine allgemein- 
gültige und -verbindliche Weltanſchauung, ſondern im Lauf der 
geſchichtlichen Entwicklung ſind zahlreiche Weltanſchauungen auf- 
getreten und haben einander abgelöſt. Auch im bunten Gewimmel 
der gleichzeitig lebenden Menſchen exiſtieren nebeneinander mannig- 
fache, zum Teil ſich ſchroff widerſtreitende Weltanſchauungen. Das 
iſt erklärlich, wenn wir un8 erinnern, daß ja die Vorausſekzung 
jener, Weltanſchauung genannten WillenZeinſtellung zum Natur- 
und Geſellſchaft8ganzen das erkenntni3mäßige Bild iſt, das ſich der 
Menſc< von dieſem Ganzen macht, und wenn wir uns weiter be- 
Kunen, da daß jede3 Bild von dem Standort de3 Betrachtenden ab- 
Zängt. Je nach der Stellung, von der aus der Menſc< die Welt 
anſchaut, wird ſich ſeine Weltanſchauung geſtalten. Db er ſo hoch 
ſteht, daß er weite Fernen beherrſcht, oder ſo niedrig, daß ſein 
Bli> kaum bis zum nächſten Kir<turm reicht, ob er ſcharfe Seh- 
werkzeuge beſißt oder ſchwache, ob er ſich zwe>mäßiger Hilfsmittel, 
vielleicht eines guten Fernrohr3 bedient, oder nur auf ſeine Augen 
ungewieſen iſt =- alle3 das und noch andere Umſtände beſtimmen 
ja ſhon die Anſchauung im gewöhnlichen Wortſinn, die unſerem 
Begriff zugrunde liegt. In ungleich höherem Maße hängt der 
ErkenntnisSbeſtandteil unſere3 ſo unermeßliches umſpannenden Be- 
griffs von dem geiſtigen Standpunkt des Menſchen ab, um deſſen 
Weltanſchauung e8 ſic< handelt, von ſeinen perſönlichen Eigen- 
ſchaften und von all den Einflüſſen, die auf ihn wirken und gewirkt 
baben, von ſeiner Erziehung, von den Bildung3möglichkeiten, die 
ihm zur Verfügung ſtehen, und vielem anderen mehr, 
Da nun kein Menſc< dem anderen, ſei es in jeinen Anlagen, 
ſei es in den unzähligen Einwirkungen, die er im Lauf ſeines 
Lebens erfährt, oder gar in dem, unabjehbarer Kombinationen 
fähigen Produkt beider abſolut gleich iſt, jo -müßte man eigentlich 
von vornherein annehmen, daß e3 ſo viele Weltanſchauungen aibt 
wie Menſchen. Aber es exiſtiert ja auch keine Pflanze und kein 
Tier, das irgendeiner anderen gleichnamigen Pflanze oder einen! 
Tier in allen Einzelheiten gleicht, und trozdem teilen die Botaniker 
und die Zoologen die unzähligen Bewohner ihrer „Reiche“ in ver- 
hältniSmäßig. leicht überſichtliche Arten, Gattungen, Familien uſw. 
ein. So ſprechen wir auch von beſtimmten, verhältniSmäßig wenig 
zahlreichen Weltanſchauungen, wiewohl innerhalb jeder, wenn man 
genau zuſieht, der einzelne Anhänger ſich von ſeinen Geiſtes- 
genoſſen in weſentlichen Stücken unterjc<eiden mag. 
Zu ſolcher vereinfachenden Zuſammenfaſſung ſind wir aber 
auf unſerem Gebiet vielleicht noch eher berechtigt al3 der Botanifer 
und der Zoologe auf dem ſeinigen. Die Reihe der vorhin genannten 
Urfachen, die den ErkenntniSinhalt der Weltanſchauung beſtimmen, 
zerfällt nämlich in die beiden großen Gebiete der natürlichen An- 
lagen de3 Menſchen und der geſellſcchaftlichen Eimwirkungen, die 
jein Weltbild geſtalten. Gerade dieſes gefellſ<haftliche Element im 
Begriff der Weltanſchauung, deſſen Einfluß viel mächtiger iſt als 
der perſönliche Faktor =- ſ<on die Alten nannten den Menſchen 
das geſellige Tier --, gibt un3 das Recht zu jener vereinfachenden 
Klaſſifizierung der überhaupt möglichen Weltanſchauungen in ver- 
hältniSmäßig wenig zahlreiche Typen. In der Geſellſchaft haben 
wir e3 ja von vornherein mit zuſammenfaſſenden Gruppierungen 
der Einzelmenſc<hen zu tun, und innerhalb dieſer großen Gruppen 
wirkt ſich alſo der cine, wichtigſte Faktor des Erkenntnisbeſtand- 
teil8 der Weltanſchamumg, der Einfluß der Umgebung, in gleicher 
Richtung aus. Erſt recht wird ſich der Sozialiſt die allgemein 
übliche ShHematiſierung gefallen laſſen, denn für ihn gründen ſich 
alle geſellſchaftlichen Unterſchiede auf wirtſchaftliche Unterſchiede, 
und vom Standpunkt der Wirtſchaft ſind die Gruppen, die 
Klaſſen, womöglich noch ſtrenger geſchieden als vom Standpunkt 
der Geſellſchaft. 
Zu demſeiben Reſultat, der Einſicht in den geſellſchaftlichen 
Charakter unſere3 Begriffs, gelangen wir ſchließlich, wenn wir dic 
bereit3 hervorgehobene Tatſache verüdſichtigen, daß in der Welktk- 
anſchauung der Willen38faktor ihren Erkenntnisbeſtandteil weit 
überwiegt, Im Handeln unterſcheiden ſich die Menſchen ja viel 
weniger voneinander al3 im Erkennen, denn das Handeln iſt eine 
langſam berangezüchtete Anpaſſung an die natürlichen Exiſtenz- 
bedingungen de8 Menſchen, und die wichtigſte Exiſtenzbedingung 
de3 Menſchen iſt der Menſch, iſt die menſchliche Geſelli<aft. Das 
Handeln reiht den Menſchen in die großen Strömungen ſeiner 
Mitmenſchen ein; alles Einzelne, Perſönliche, alle Een und Kanten 
der Individualität werden abgeſchliffen im Zuſammenprall mit 
den Intereſſen dex anderen Individuen, mit den Gemeinſchafts- 
intereſſen der Gattung. So drängt. ſich un8 auch auf der Willens3- 
ſeite des Weltanſ<auungs8begriff8 deſſen geſellſ<aftlichtaadrag- 
weite auf, und was das Ureigenſte der Menſchenſeele zu ſein ſchien, 
 
  
	        

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