Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

 
 
 
 
. . * Erſcheint alle 14 Tage. “ 
R 1 Preis der Einzel - Nummer 10 Pfennig. 
PL. Abonnement vierteljährlich 59 Pfennig. 
. Eingetragen in die Poſt» Zeitungsliſte. 
Berlin, 12. Januar 
Expedition: Buchhandlung Vorwärts, Paul 
Singer G. m. b. H, Lindenſtraße 3. Alle Zu- 
ſchriften für die Redaktion ſind zu richten 
an Karl Korn, Lindenſtraße 3, Berlin SW. 63 
Das neue Jahr. 
dern zerſchlagen, ſo trat am Neujahrömorgen ein Soldat 
in Flandern aus dem zerſchoſſenen Trümmerhaufen, der 
vordem ein Hau38 geweſen war. Vorſichtig blicdte er nach allen 
Seiten, au<h über ſich, ob nicht von irgend woher der Tod geflogen 
kam. Krampfhaft entſ<loſſen faßte ſeine Rechte da8 geladene 
XGewehr. Aber das Gebrüll der Kanonen war verſtummt; auch 
die Maſchinengewehre hatten ihr 
Hyänengebell eingeſtellt; ſelbſt 
das verfluchte Summen der gro» 
ßen Vögel de3 Todes warweit und 
breit nicht zu hören. 
Der Soldat re>t ſich und tritt 
3wiſ<hen den zuſammengeſchoſſe- 
nen Häuſern hindurch ins Freie. 
Die Stille ring3um iſt faſt un- 
heimli<. Da! Vor ſeinen Füßen 
flattert ein Vogel auf, eine 
Lerche; mit wenigen zwitiſchern- 
den Lauten fliegt ſie eine Strecke 
fort. Der Soldat folgt ihr mit 
IV ern; und zerriſſen, mit wirrent Haar und an allen Glie- 
 
 
  
  
  
Sin Anfang. 
Sein weißes Gitter hat der Froſt 
Stary um die Winterwelt gegoſſen, 
Doch lugt ein Leuchten ſchon im Oſt: 
Still durch die Dämmrung kommt's gefloſſen . . . 
Dag rötet matt das Bimmelsgrund 
Und will zur Erde niederſchweben, -- 
Zur Erde, die von Kämpfen wund, 
von der ſtrahlenden Schönheit ſoviel ſie zu faſſen vermögen. == 
Dam geht er voll neuen Mute38 und neuer Kraft, crhobenen 
Hauptes zu ſeinen kämpfenden Brüdern. -- 
Und warum ſteht dieſes Bild de8 jungen Soldaten an der 
Spiße unſerer Neujahr3betrachtung? Um dir zu ſagen, daß du 
ihm gleichſt; daß ſich in dir ſein inneres Erleben wiederholt. 
Caßt uns ſehen! 
Gez zz << Liegt nicht auch hinter dir 
y ein wüſter Trümmerhaufen, das 
verfloſſene Jahr, das dir eine 
kurze Spanne Zeit Unterkunft 
geboten hat? Aber es war keine 
behagliche Wohnung; denn es 
war von Gefahren umdroht, 
und viel Not und Entbehrung 
wohnten dort mit dir. Das lag 
nur zum Teil an den äußeren 
Gegnern; zum andern Teil war 
es eigene Schuld. „Ein jeglich 
Reich, ſo es mit ihm ſelbſt 
uneins wird, das zerfällt.“ Die 
 
 
den Bliken und hor<t. Wunder- 
ſam hat der einfache Vogellaut 
ihm die Bruſt bewegt. Er er- 
innert ſich eines ſchönen Sonn- 
tagmorgen3, als er mit Jugend- 
genoſſen und -genoſſinnen auf 
einer Wanderung dur die Heide 
dem Lied der Lerc<e lauſchte, 
wie ſie, ein flatternder, jubi- 
lierender Punkt, höher und höher 
ſtieg. Wie freudig ſchmetterte da- 
mal8 der helle Geſang durd) 
den ſtillen Morgen! Wann war 
e8 doh? Mühſam verſuchen die 
Godanken die" halbvergeſſenen 
Bilder heraufzuholen. 
Da öffnet ſich im Oſten 
ein Wolkentor, und ſtrahlend 
in majeſtätiſcher Pracht und 
"Herrlichkeit tritt die Sonne her- 
vor. Ein Lichtmeer ergießt ſich 
über die Erde, und alles, Erde, 
Trümmer und Leichen, erſtrahlt 
in blendendem Schein. Und 
auf den Wogen der Lichtflut 
Durchwühlt, durchfurcht von Schützengräben. 
Iſt es ein Traum? Iſt's Wirklichkeit, 
Was unſre müden Augen [ſchauen ? | > 
Stehſt, Frieden, endlich du bereit, 
Umſltarrt von Stacheldrahtverhauen ? 
Soll'n Blut und Tränen rot und warm, 
Die reichlich rannen, nun verſiegen? 
Soll aller Jammer, aller Darm 
Sich frohgemut in Hoffnung wiegen ? 
Verödet liegt ſo manches Daus: 
"Sein Berdfeuer wird niemand zünden , . . 
O,: wieviel Jugend zog hinaus, 
Und wird doch nimmer beimwärts finden! 
Die Luft geht kalt. Fein ſ[täubt der Schnee, 
Die winterliche Pracht zu breiten. 
Und in das namenloſe Web 
Der Welt will ſcheu der Frieden [ſchreiten 
 
* *? * 
Ludwig Kkefſen, 
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Arbeiterjugend iſt mit ſich ſelbſt 
uneins geworden. Die ſchlimmen 
Folgen liegen vor aller Augen. 
Aber wolien wir heute unter- 
ſuchen, wer daran die Schuld 
trägt? Nein, Freunde, ic) weiß 
etwas Beſſeres in dieſer Stunde: 
Laßt uns mit den guten Augen 
der Jugend durch das Dunkel 
ſpähen, wie jener Soldat, ob 
wir nicht einen Weg finden, der 
hinausführt ins Helle und Freiel 
Schuld oder Nichtſchuld, das ſoll 
uns ſpäter die Geſchichte lehren; 
wir aber wollen inzwiſchen nicht 
die Zeit verſäumen. Was hinter 
uns liegt, das alte Jahr und 
ſeine beiden Vorgänger, iſt wahr- 
li< ein Trümmerhaufen, und 
mandes, 1va3 uns lieb und teuer 
war, liegt unter ihm zerſtört und 
begraben. Aber ſagt ſelbſt: Jſt es 
wohlgetan, in dieſem Trümmer- 
haufen herumzuſtochern und nach 
kommt ein Geſang gezogen, 
ton in einer Kathedrale: . 
- .. „Die Sonne tönt nach alter Weiſe 
In Bruderſphären Wettgeſang, 
Und ihre vorgeſchriehne Neiſe 
„Vollendet ſie mit Donnergang .. ." | 
Der Soldat hat den Helm abgenommen; er bli>t bewundernd 
in die unbegreifliche Fülle des Lichtes vor ihm und vernimmt in 
ſtummer Ergriffenheit die Töne der Poſaune, von der er nicht 
weiß, ob ſie von außen kommen oder ob ſie au3s ſeinem Innern 
emporquellen. Alle3 Grauſen der lezten Stunden fällt von ihm 
ab wie dürrer Plunder, und durſtig trinken Auge und Bruſt 
der dröhnt wie Poſaunen- 
den kümmerlichen Reſten der verlorenen Herrlichkeit zu ſuchen? Was 
würde anderes dabei herau8kommen als Schmerz und Klage? 
Solc<e Dinge .erledigt ein aufrechter Menſch für ſich allein; aber 
es iſt gefährlich, dabei zu verweilen. Wie kann man mit rück- 
wärt38 gewendetem Antliß vorwärtsſchreiten? 
Wir ſtehen an der Sc<welle einer neuen Zeit mit neuen 
Wegen und neuen Zielen. Da gilt es, den Bli> beherzt nach 
vorne zu richten, den Helm feſter binden und die Hand am 
Schwerte halten. Wie wenig wir auch von der Zukunft wiſſen, 
eins wiſſen wir mit unumſtößlicher Gewißheit: daß ſie uns neuen 
Fampf bringen wird, härteren und ſfolgenſchwereren als alle 
biöherigen. In dieſem Kampf wird die Arbeiterjugend ein wich“ 
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