Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

tiges und ſchwieriges Frontſtü> zu verteidigen haben, und nicht 
nur zu verteidigen, ſondern auch zu erobern, denn e38 geht um 
unſere wirtſchaftliche, 
Freiheit; um die höchſten Güter der Arbeiterklaſſe, ja, der 
Menſ<beit. Viele, a<h, ſo viele unſerer treueſten und beſten Ge- 
noſſen liegen erſchlagen auf den Schlachtfeldern Europa3; in den 
Reihen der Freiheitsfämpfer werden weite und ſc<merzlic<e Lücken 
tlaffen. Da iſt e8 unſere ebenſo jchwere wie ehrenvolle Aufgabe, 
in die leeren Pläße zu ſpringen und in Reih und-Glied um die 
höchſten Ziele zu ſtreiten. 
- 8&n einen ſolchen Kampf darf ntan nicht unvorbereitet gehen. 
Ein kluger Streiter prüft vorher ſein Rüſtzeug, um gegen alle 
Anläufe gewappnet zu ſein. 
Braucht e3 noch geſagt zu werden, daß es ſich für un3 nicht 
um einen Kampf der Zerſtörung, nicht um Blut und Eiſen -- 
Nicht zerſtören wollen wir, ſondern aufrichten, nicht 
ſchießen, hauen und ſtechen, ſondern heilen, ſtärken, beleben. 
Unſer Kampf ſoll ein Kampf mit geiſtigen 
Waffenſeinundbleiben ;z die alſo gilt e3 hervorzuholen 
und blank und ſ<arf zu halten. Das Schwert von Eifen kann 
nur Wunden ſ<lagen und Tod verbreiten; das Schwert des Geiſtes 
vermag unendlich viel mehr und iſt, zur rechten Zeit und bei 
rechtem Gebrauch, ein Lebens8wecer und ein Hort der Freiheit. 
handelt? 
Und dann das andere, mindeſtens ebenſo wichtige: die OrFäni- 
jation, der geordnete Zuſammenſchluß! Dieſe Pflicht iſt ſo. un- 
geheuer bedeutung3voll, daß ſie ſich für ein Mitglied der Arbeiter- 
klaſſe eigentlich von ſelbſt verſteht. Wie unermeßlich wertvoll eine 
kluge und ſtraffe Organiſation iſt, das hat un3 unvergeßlich jekt 
wieder der Weltkrieg ins Bewüßtſein gehämmert. Für die 
Arbeiterklaſſe iſt ſie eine Lebens8frage. Die proletariſche Arbeiter- 
bewegung und in ihrem Gefolge die proletariſche Jugendbewegung 
ſtehen und fallen mit ihrer feſtgefügten Organiſation. Das Ge- 
bäude dieſer--Drganiſation ruht auf einem zuverläſſigen Grund: 
dem ſicheren Boden der gleichgerichteten Bedürfniſſe. Wir alle 
können und wollen nicht leben ohne wirtſchaftliche, politiſche und 
geiſtige Freiheit. 
Wa3 folgt daraus für un8? Daß wir mit dem Aufgebot 
aller Kräfte un8 bemühen ſollen, das Zerſtreute zu- jammeln. Der 
einzelne iſt hilflos; aber vereint ſind wir ſtark, ja unüber- 
windlich. | - 
Die Zeit iſt uns günſtig. Alle3 iſt in Bewegung. Darum 
auf, mekte Freunde, und laßt uns wirken, ſolange es Tag iſt. 
Die Freiheit heißt das über alle Maßen herrliche Ziel, Wa8 jenem 
Soldaten in Flandern zu einem Symbol der Erneuerung wurde, 
Jaßt e8 auch für un3 das Zeichen innerer und äußerer Wieder«- 
politiſche und geiſtige 
Arbeiter» Jugend 
geburt werden: Im Oſten ging die Sonne der Freiheit auf; ihr 
unerhörter Glanz verbreitet ſich über die Erde: 
= -- Und ihre vorgeſhriebne Reiſe 
Vollendet ſie mit Donnergang =- =- 
Wir ſchauen ihre Pracht und Glut, und in unſern jungen 
Herzen entſtehen die Keime zu großen Taten. Wer jekt nicht 
mitgeriſſen wird, der wird dahinten bleiben, ein unwürdiger Sohn 
ſeiner Zeit. Wollen wir alle, Genoſſen und Genoſſinnen, an dieſer 
Sahre3- und Zeitenwende uns gelöben: Das Feuer unſerer jungen 
Seelen ſoll nicht eher erlöſchen, bis wir erreicht, wonach wir ſtreben: 
die unerſchütterliche Einigkeit der proletariſchen Jugendbewegung? 
Wir wollen es! 
Sei alſo gegrüßt, diu neue8 Jahr, du Kampfplaß unſerer 
jungen Kraft! Komme, wa3 will; wir ſind bereit, den Kampf 
aufzunehmen, eine junge, ſtarke und tatenfrohe Jechterf djar. -- 
= Jürgen Brand. 
Friedrich Hebbel. 
riedrich Hebbel (geboren 1813 in Weſſelburen in Holſtein) 
war ein Proletarierkind. Hunger und Sorge ſtanden an 
ſeiner Wiege Gevatter und ſind ihm lange Jahre unzer- 
trennliche Begleiter geblieben. Spin Leben iſt eine energiſche 
Widerlegung jener wohlfeilen PhiliſterweisSheit, die behauptet, daß 
das „wahre Genie“ am beſten bei Waſſer und Brot gedeihe. Deni 
nicht d ank den elenden Exiſtenzbedingungen, fondern troß ihnen iſt 
HebbeleinervonDeutſchlands größten dramatiſcchenDichtern geworden. 
Schon al3 Kind litt er unerträglich; weniger unter den 
phyſiſchen Leiden der Armut, al8 unter den moraliſchen Demüti- 
gungen, die keinem Proletarierkind erſpart bleiben. Und dieſe 
Leiden ſteigerten ſich, je älter, reifer und feinfühliger er wurde. 
So empfand er e8 als „nie zu verwindende“ Demütigung, daß er, 
der dank ſeinem raſtloſen Lerneifer und ſeiner ungewöhnlichen Bo- 
gabung bereit38 mit achtzehn Jahren nicht nur ſämtliche „Gebildete“ 
jeines Vaterſtädt<hen8, ſondern auch manche anerkannte Geiſte3- 
größe ſeine38 weiteren Vaterlande3 an Godankentiefe und Kunft- - .. 
verſtändnis weit übertraf, im Haus des Kirchſpielvogt8 Mohr, bei 
dem er als Schreiber diente, nicht ander3 als der niedrigſte Knecht 
behandelt wurde. Und nur mit Zähneknirſchen nahm er in Ham'- 
burg die „Wohltaten“ (Freitiſche, abgelegte Kleider u. dgl.) herab- 
laſſender Gönner entgegen, die ihm die Möglichkeit boten, ſich die 
Gymnaſialbildung anzueignen, und dadurch glaubten, den ernſten, 
genialen Menſ<en gängeln und bevormunden zu dürfen wie einen 
S 
Schuljungen. „Aber mit all ihrem Protegieren 
Hätt' ich können vor Hunger krepieren, 
Wär' nicht gekommen ein braver Mann, 
Wacker nahm er ſich meiner an. 
Schade, daß ich ihn nicht küſſen kann! 
Deun ich bin felbſt dieſer brave Mann.“ 
 
 
 
 
 
 
Halifax und Biwifax. 
Eine Schlittſ<uhgeſhic<hte von Friz Müller. 
u Weihnachten bekam der Max Stadelmann Schlittſchuhe. Und 
dabei batte er fie gar nicht auf den Wunſchzettel geſchrieben, wie 
er uns nachher erzählte. Während ich mir extra Schlittſchuhe ge- 
wünſcht hatte und anſtatt deſſen drei Paar wollene Strümpfe und ſech8 
Hemden bekam. Mit Wonne hätte ich natürlich 500 Hemden und 5000 
Strümpfe drangegeben für ein Paar Halifax. 
Ein Paar Halifax, wie der Max Stadelmann. ſie hatte. - Kreuz= 
teufel, glänzten dieſe Halifax verführeriſch! Und natürlich hatte ſie der 
Maz Stadelmann ſchon am zweiten Weihnacht8tage an einem Niemen “ 
am Arme hängen, als wir ihn auf der Straße trafen. 
„Wie, laß ſehen, Stadelmann,“ 
„Von mir aus.' 
„Das3 ſind feine Schlittſchuhe.“ 
„öc<h kriege überhaupt nur feine Sachen zu Weihnachten.“ 
„Fegerlnein, andere Leut' auch!“ 
„So? Wo ſind denn dann Deine Schlittſchuhe?“ 
Da3 war eine bözartige Frage von Max Stadelmann an meine 
Eigenliebe, Ja, wenn ich keine Zeugen gehabt hätte. Aber da ſtanden 
. die Schulkameraden herum und paßten auf, was ich jeht ſagen würde. 
„Meine Schlittſchuhe?“ ſagte ich ſo gleichmütig, als ich konnte, „meine 
Schlittſchuhe ſind daheim.“ 
„Warum nimmſt Du ſie denn - nicht mit?“ 
„Meipſt Du vielleicht, ih lauf mit meinen Schlittſh<uhen auf der 
Straße umeinander, wenn es gar kein Gi5 gibt?“ 
Die Kameraden lachten. Der Stadelmann war ausgeſtochen. 
den Augenbli> wenigſtens. 
„Nun, ic<h hab's Euch ja mux=zeigen wollen,“ lenkte er ein, „ſind die 
Deinigen auch Halifax ?“ 
FÜL 
Jett war ich ſchon im Lügen. Halifax oder andere Faxen -- jeßt 
war's gleich, 
„Nein,“ ſagte ich ehern, „ich habe Biwifax- Schlittſchuhe bekommen. 
„Biwifax? Was ſollen denn das für welche ſein?“ 
„Wa3, Du kennſt nicht einmal die Biwifaxy-Sc<littſchuh? 
Gruber, Du kennſt ſie aber?“ 
Der Gruber ſc<rieb von mix immer alle Rechenaufgaben ab, Alſo 
kannte er die Biwifax-Schlittſchuhe. 
„Natürlich," ſagte er geſchwollen, „natürlich kenn' ich die Biwifax. 
Aber ſelten ſind ſie, Fn einem jeden Laden hängen ſie nicht, mein 
Lieber.“ 
Ich ſah den Gruber zweifelnd an. Hatte er die ſc<hwindelhafte Her- 
kunft meiner Biwifax-Schlittſchube durchſchaut? Nein, nein, ich ſah es 
ihm ja an: er glaubte dran. Nur daß er mich ein wenig unterſtüßemw 
wvüte, * - 
Nun glaubten auch die anideren dran. Sogar der Stadelmann. 
Und wenn ich mich recht erittnere, auch für mich bekamen ſie jekt Leben, 
meine Biwifaz. 
„Aber Deine Biwifax haben do< keinen Sohlſhliff wie die 
teinigen,“ wagte der Stadelmann noch einzuwerfen. 
„Was? Meine Biwifazy hätten keinen Hohlſchliff? Zweimal ſo lang 
wie bei Dir iſt der Hohlſchliff bei meinen Biwifax, mein Lieber.“ 
„Aber dann kann man ſie doch nicht mit einer Schraube auf einmal 
anſ<rauben, wie meine Halifax.“ 
„„Wa3? Meine Biwifax brauchen überhaupt keine Schrauben. 
halten ganz von ſelber.“ 
Da3 war ſogar dem Gruber ein wenig zuviel. Wenigſtens ſagte er: 
„So? Bon ſelber? Aber es kann ſchon ſein. Angehabt hab' ich 
ſie noch nicht.“ 
„Aber .die meinigen ſind in einer Fabrik gemacht, hat mein Vater 
Geſt, 
Die
	        

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