Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

* Arbeiter» Jugend 3 
 
 
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Boſſer nod) als auf Heinrich Heine, ihren Verfaſſer, paſſen 
dieſe Verſe auf Friedrid) Hebbel. Dieſer hatte es in der Tat nur 
der eigenen Cnergie zu verdanken, mit der er ſich die läſtigen 
Gönner vom: Hals ſchüttelte und ſiG bei Waſſer und Brot die Bil- 
dung aneignete, die er als Dichter (nicht als bürgerlicher Profeſſor) 
brauchte, wenn er in verhältni8mäßig jungen Jahren (1840) mit 
einem Werk, dem Trauerſpiel „Judith“, hervortreten konnte, das 
reifer und bedeirtender war, als die Erſtlingswerke junger Dichter 
gemeinhin zu ſein pflegen. 
Wertvoller für Hebbel als der allerdings nur ſehr karge äußere 
Erfolg, den ihm dieſes Drama brachte, war die moraliſche Wirkung. 
die e3 auf ihn ſelbſt ausübte. Tebt erſt wurde er den marternden, 
alle Schaffenskraft lähmenden Zweifel los, von dem alle wahrhaft 
großen Dichter einmal geplagt werden: ob er au wirklich zum 
Künſtler berufen ſei, Jett erſt konnte er frei und freudig ſc<haffen. 
Die Nahrungsſorgen freilich (ein warmes Veittageſſen war für 
Hebbel in all diefen Fahren eine Seltenheit) blieben beſtehen; ſie 
verlicßen ihn erſt, al3 er im Jahr 1846 die gefeierte Wiener Sof- 
ichauſpielerin Chriſtine Enghaus heiratete. 
Durch dieſe Heirat wurde ein Band zerriſſen, das „Hebbel ſeit 
mehr als einem Jahrzehnt mit einem Proletariermädchen, Eliſe 
Lenſing, einen „Engel in Menſchengeſtalt“, wie er ſie ſelbſt nennt, 
verknüpfte. Liebe von Hebbels Seite hatte dieſen Bund nicht be- 
aründet. Allein Elifens Hingebung, die Aufopferung, mit der ſie 
' für Hebbel gedarbt und gearbeitet hatte --- Jahre hindurch hatte 
jie ihn faſt allein erhalten --, gaben ihr wohl nach den üblichen wie 
nach höheren Moral- und Anſtandsbegriffen ein Necht auf Hebbels 
Treue. Dennoch wollen wir es den Phariſäcrn der Literatur- 
geſchichte iiberlaſſen, ſich über Hebbels8 „Untreue“ und „Geldheirat“ 
ſittlich zu entrüſten. 
tragiſche Schuld auf ſich geladen haben ſollte, jo hat er do< reich- 
lich dafür bezahlt. Entlaſtet vom materiellen Druck, hat er in den 
Jahren, die ihm nach ſeiner Verheiratung noch zu leben vergönnt 
war, ſeine reifſten und gewaltigſten Werke geſchaffen. Jedes dieſer 
Werke bedeutet einen Fortſchritt gegen das vorhergehende, zeigt, 
wie die Schroffheiten, die ſeine unglückliche Kindheit und ſchwere 
Tugend ſeinen Charakter aufgedrüc>t hatten, ſich allmählich aus- 
glichen, wie Hebbel ein innerlich freiexer Menſc< wurde. 
Das Nevolutionsjahr 1848 brachte ihm den Erfolg, daß 3wei 
ſeiner Dramen, die „Judith“ und „Maria Magdalene“, unter 
großen Beifall im Wiener Hofburgthoater aufgeführt wurden. Auch 
in deutſchen Landen fanden ſich mit der Zeit Theaterdirektoren, die 
den Mut hatten, Hebbels Meiſterwerke auf die Bühne zu bringen. 
Viel zu früh, auf dem Höhepunkt ſeines Schaffens, ſtarb Hebbel 
im fünfzigſten Lebensjahr. Eme Knochenerweichung, wohl ver- 
urfacht durch die Unterernährung in jeinen früheren Lebensjahren, 
hatte ſeinem Leben ſo vorzeitig ein Ende gemacht. 
Schon nachdem Hebbel die „Judith“ geſchaffen batte, war er 
ſich klar geworden, daß er „zum Dramatiker geboren“ ſei. Gleich- 
zeitig war er ſich jedoch bewußt, daß er, wenn er ein großer 
Denn wenn Hebbel mit dem Bruch auch eme 
Dramatiker ſein wollte, nicht den Ehrgeiz haben durfte, ein 
„belichter Theater dichter“ zu ſein. Denn der erfolgreiche 
Theaterdichter mußte ſich damals, wie heute, dem Geſ<mad> jener 
verbildeten Gebildeten anpaſſen, die nicht wie das Volk ſich hin- 
reißen und erſchüttern laſſen und wie jenes einen „Inſtinkt für 
das C<hte und Nachhaltige in der Kunſt“ beſiken, ſondern die ſich 
„alb verdrießlich, halb ſchaudernd abwenden, wenn ein wirk- 
liches Leiden, dem die Poeſie Sprache verleiht, auf der Bühne 
feinen Schmerzensſchrei ausſtoßt“. Hebbel blieb aljo nichts 
anderes übrig, als auf BühnenaugenblidkSerfolge zu verzichten, 
„ein Kunſtwerk,“ wie er ſelbſt ſagt, „ichweigend in den unermeß- 
lichen Abgrund der Zeit zu werfen und ſich ruhig und ſtolz, in der 
Ueberzeugung, daß die Geſchichte zur rechten Stunde jeden Gold- 
faden in ihr großes Gewebe zu verflechten wiſſen wird, zu neuen 
Schöpfungen zuſammenzufaſſen.“ Tieſem Entichluß, der für 
Hebbel kein Opfer war, verdanfen wir es, daß jeine Werke uns 
beute noch zu erheben und zu erſchüttern vermögen, wie etwa die 
unſterblichen Tragödien der griechiſchen Dichter oder die Schöp- 
fungen Goethes und Schillers. Allerdings ſetzt die Möglichkeit, 
Sebbels Kunſtwerfe zu verſtehen und zu gemeßen, auch von 
unſerer Seite Ernſt und einige aeiſtige Anſtrengung vora113. 
Wer nur das Spannende in ihnen jucht -- ſpannend ſind ſie ge- 
wiß, ſie wären ja ſonſt nicht dramatiſch ---, dem werden die großen 
Fragen, die Hebbel behandelt, nicht zum Bowußtfein kommen, der 
wird nicht zum Genuß von Hebbels einzigartiger, bilderreicher 
Sprache gelangen. Es iſt daher notwendig, ſeine Dramen lang- 
jam und immer wieder zu lejen, dann wird man auch viel mehr 
Freude an einer Hebbelaufführung im Theater haben. 
(Schluß jo!gt.) 
IZ 
Gebef. 
Die du, über die Sterne weg, 
Mit der geleerten Schale 
Aufſchwebſt, um ſie am ew'gen Born 
Eilig wieder zu füllen: 
Einmal ſchwenke ſie nach, o Glück, 
Einmal, lächelnde Göttin! 
Sieh, ein einziger Tropfen hängt 
No< verloren am Rande, 
Und der einzige Tropfen genügt, 
Eine himmliſche Seele, 
Die hier unten in Schmerz erſtarrt, 
Wieder in Wonne zu löſen. 
Ach! ſie weint dir ſüßeren Dank 
Als die anderen alle, 
Die du glüFlich und reich gemacht; 
Laß ihn fallen, den Tropfen! Friedrich Hebbel. 
 
 
 
 
 
 
gejagt, wo 5000 Arbeiter beſchäftigt ſind. Und da3 iſt in Gngland, hat 
mein Vater geſagt.“ 
„So? Und meine Biwifax ſind aus einer JFabrik mit 10:000 Ar= 
beitern, und.die liegt in Amorika.“ 
„Und das hat ihm ſein Vater nicht erſt zu ſagen brauchen,“ ſtand 
mir der Gruber bei, „das weiß er --- das wiſſen wir ſelber, mein 
Lieber!“ | 
Der Stadelmann wußte nichts mehr zu erwidern. 
Schlittſ<huhe und die Ohren hängen. Die Sache war erledigt. 
Biwifax hatten glänzend geſiegt über die Halifax. Der Stadelmann 
fehrte um. Auf einmal fiel ihm noch etwas ein: 
„Du, ich möchte Deine Biwifax einmal anſchauen ?“ 
Ich fühlte, das war die Nagelprobe meiner Lügerei, 
- Mut nahm ich zuſammen und ſagte: 
„Wenn'38 Gis gibt, ſiehſt Du ſie ja ſowieſ9.“ 
Und dann gingen wir auseinander, ' 
Jc<h war den ganzen Tag nicht fröhlich, Die Lügen-Biwifax lagen 
ſchwer auf meiner Seele, Wie hatte ich mich auch nur ſo in die Lügerei 
hineinreiten können? Aber da war nur der Stadeimann ſchuld mit 
ſeiner Halifaxy-Proßerei, ſo dg<hte ich, und verſuchte mich, ſo gut es 
ging, herauszureden, Auf Bimnal durc<fuhr e3 mich wieder ſiedend 
heiß: 2 
Und wenn 23 nun morgen frieren ipürde? 
Aber es fror nicht am nächſten Tag. Auch niht am „übernächſten 
- Tag. Die ganzen Weihnachten fror es nicht. 
Einmal aber fror c3 dennoch. 
„Morgen iſt die Dede diE genug,“ erklärte der Gruber am Heim= 
weg eon der Schule, „morgen können wir laufen,“ 
„Dann weiß doch der Stadelmann endlic<h,“ ſagte ein anderer, 
„warum er ſeine Halifax zu Weihnachten bekommen -hat.“ 
„30,“ ſekte wieder einer zu, „und der Müller ſeine Viwifax." 
Er ließ die 
Allen meinen 
zwiſchen in der Schule herumgeſprochen. 
Meine. 
- Streiche ſeines ſchle<htgeratenen Jungen. 
Denn meine Biwifax hatten ſich in= 
Und, wie das immer geht, 
jeder hatte was dazu gemacht. So daß jekt die wildeſien Gerüchte über 
meine "Biwifay umliefen. Nicht nur, daß ſie einen Nieſenhohlſchliff 
hatten, nein, auch au3 Nidel ivaren ſie, und die geheimnisvoll gebogen? 
Spiße war vergoldet,. Und cine ſelbſttätige Feder hatten ſie, vermöge 
deren fie den Fahrer blißſchnell fortbewegten, ſo daß man ſelbſt ſich 
dieſe Mühe ſparen konnte. . . . Und zu jeder neuen Wunderzutat wurde 
meine Beſtätigung eingeholt. Was8 ſollte ih tun? I< mußte niden, 
ni>en -- wie ein Vater aufkommen muß für die immer verwegeneren 
Denn die Biwifar, die waren 
I<h hörte beflommen zu. 
nun einmal mein Kind, 
„Und dann können wir auch dem Stodelmaimn ſeine Halifax mit 
dem Müller ſeine Biwifax vergleichen," ſagte noc< der Gruber, che wir 
uns trennten. 
Am anderen Tage ſtand ces in der Zeitung: 
dem Kleinheſſeloher See.“ Und in der Nacht auf dieſen Tag fuhr ich 
Schlittſchuhe. Auf meinen Biwifax aus der amerifaniſchen Fabrik 
mit den 10 000 Arbeitern. Jm Traum natürlich. Aber ſo lebendig 
ſah ich meine Biwifax im Traum mit allen aufgelogenen Eigenſc<haften, 
daß ich mir im Traume überlegte: „Alſo iſt doH alle3 wahr, alſo habe 
ich doch die Biwifax zu Weihnachten bekommen und keine Hemden und 
keine Strümpfe, und es iſt gerade umgekehrt: die Hemden und die 
Strümpfe ſind erlogen.“ 
Dann fuhr ich mit dem Finger über den wundervollen Hohlſchliff. 
Au, beinahe hätte ich mich daran geſchnitten. Und der Gruber ſtand 
dabei und zeigte auf das glängende Nickel und die vergoldete Spikßke, 
und ſagte zu den anderen, die im Kreiſe ſtanden: - 
„Nun, ſeht IJhr'3 jest? Was habe ich Euch geſagt! Schaut, auch 
keine Schraube iſt da. Jekt paßt erſt auf, wenn er ſie anlegt, Das 
gibt einen Knacks, dann ſißen ſie von ſelber,“ (Fortſ. S,. 86.) 
„Heute Cislauf auf
	        

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