Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

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Eingetragen in die Poſt- Zeitungslifte. 
Nr. 10| * 
Bom neuen Geiſte. 
ir erinnern uns wohl alle noch des dicken Bibelbuchs, der 
ſagendur<wobenen Geſchichtschronik eines Volkes, das ſich 
| troß Not und Elend und Knechtung den Glauben nicht 
nehmen ließ, zu großen Dingen auserwählt zu fein. Von Geſchlecht 
zu Geſchlecht vererbte ſich die Verheißung vom Meſſias, der kommen 
Würde, ſein Volk zu erlöſen. - Als er aber wirklich kam, da wurde 
er verlacht und verhöhnt, denn niemand wollte glauben, daß der 
Sohn eine38 Zimmermanns dazu berufen ſein ſollte, die Welt zu 
erobern. Noch dazu ohne Waffen und Wehr, 
Armee = juſt mit einem Trüpplein Tagelöhner, Fiſcher und 
Zöllner, mit denen er durchs Land 390g und von Liebe, Brüder- 
lichkeit und Gerechtigkeit predigte! Eine Weile ließ man ihn ge- 
- währen, bis er als Aufrührer gefährlich erſchien. Da ſchlug man 
des Menſchen Sohn ans Kreuz, und ſein Stern erloſc< in der 
Nacht auf Golgatha. Nach drei Tagen aber ſtand er wieder auf, 
wandelte unter den Menſchen, und es wurden immer mehr, die 
Ihm nachfolgten. | 
„Und als der Tag des Pfingſten erfüllet war," kam über ſeine 
Anhänger ein neuer Geiſt; ſie redeten „mit anderen Zungen“, 
und die Männer der verſchiedenſten Länder und Sprachen ver- 
ſtanden einander. Die neue Lehre breitete ſic) aus, bot dem 
Anſturm aller Gewalten Troß und trat ihren Siegeszug über die 
ganze Erde an. 
- * 
Wir wollen hier nicht nachprüfen, warum das Chriſtentum der 
Menſchheit kein25wegs die Erlöſung vom Uebel gebracht hat, laſſen 
auch dahingeſtellt, inwieweit das, was die Legende erzählt, auf ge- 
ſc<ic<htlicher Begebenheit beruht. Fühlen wir doch den ſtarken Hauch 
eines uralten Menſ<heitstraums durch unſere Scelen wehen, die 
Sehnſucht nach Friede und Zuſammenarbeit, nach Würde uad 
Freiheit in einer Welt des Saſſes, der Vernichtung, des Krieges - 
und der Aus3beutung des einen durch den anderen. Nach neuem 
Geiſte, einem neuen Meſſias ſchreit die Welt, nac< Erlöſuna aus 
der Enge, aus kiefſter Bedrängnis. . 
. * | 
Er weilt längſt unter uns, dieſer nene Geiſt. Koiner von 
Schwerts5gewalt, auch er ein im Stalle Geborener, ein von der 
Not Geſäugter, der nicht die Reichen und Mächtigen der Erde, 
jondern Tagelöhner und „geringes Volk“ zu Freund und Geſellen 
. Dat und nur die Macht der Liebe und der Vernunft predigt: der 
Sozialismus! 
= Auch dieſer Meſſias hat ſeine Bekufung. Nicht in getader 
Linic vollzieht ſich der Aufſtieg der Geſellſchaft, ſondern in Ent- 
wicklungsabſchnitten, deren jeder Aufkommen, Blüte und Nieder- 
gang in ſich ſc<licßt. Im Sc<hoße des Alten aber keimt das unerhört . 
Neue auf, erſt als Traum, dann als Wille und zulekßt als befreiende 
: Zat. 
Dieſem Werden wohnt eine unumſtößliche Geſezmäßigkeit 
„anne, die gleiche, die der Verjüngung der Natur und der Menſch- 
werdung zugrunde liegt. 
Mag darum auh der Krieg den Zuſammenbruch einer Kultur 
bedeuten, ſo doch nicht der Kultur überhaupt, die mit deni Namen 
Menſ< unlöslich vertniipft iſt. Die überlebte Form ſtirbt, um 
- die Notwendigkeit einer neuen zu beweiſen. Auch der Menſchheit 
.. Weg geht über Golgatha, 
„werben, mächtig und verklärt, und die Nägelmale werden ſeine 
Unſterblichkeit kundtun. 
Dis daß wiederum der Täg des Bina erfüllet: wird, der: 
Berlin, 18. Mai 
ohne eine ſtarke . 
“harren der Hilfe, die ihnen nur aus der Kraft 
Sdeale, ruhen in fremder Erde. 
Aber ihr guter Geiſt, der heute am“ 
Kreuz zu verenden ſcheint, wird auferſtehen, wird um die Zukunft 
„. Qefaßt: 
„Barbaren“ beendet, ſo wird er in unerhörter Wucht auf der inneren 
Expedition: Buchbandlung Vorwärts, Paul 
Singer G. m. b. H, Lindenſtraße 3. Alle Zu- 
ſchriften für die Redaktion ſind zu richten 
an Karl Korn, Lindenſtraße 3, Berlin SW, 63 
 
Tag des neuen Geiſtes, des SozialiSmus38 -- der jungen Menſc<h- 
beit3zufkunft. 
. * 
Unſerer Zukunft! Denn auch wir ſind jung. Mancher vor 
denen die alt wurden in einer alten Zeit, mag den Glauben an 
beſſere Tage vergraben. Wir dürfen es nicht, wir können es 
nicht. 
Dreifach iſt in un38 die Qual. mit der wir jungen ſozialiſtiſchen 
Arbeiter im Weltwirbel ſtehen. 
Weil wir jung ſind, iſt uns der Tod etwas, gegen das wir 
un3 mit aller unſerer Kraft aufbäumen, wir, die wir unſer Leben 
und unſere Ziele erfüllt ſehen wollen. Eine Lüge iſt e8, der Tod 
ſei ſchön in der Jugend; es gibt nichts, was bitterer iſt. 
Weil wir Sozialiſten ſind, ſehen wir im Krieg ein Unaluück. 
Für unjer Volk wie für die Menſ<heit. Wir haben ſeine Urſachen, 
die im tiefſten Grund unſerer Geſellſichaft8ordnung wurzeln, ex- 
kannt und befämpft. Nun er über uns hereingebrochen wie ein 
Hagelwetter in den Frühlingstag, bleibt uns nichts übrig, als die 
Stunde herbeizuführen, die wieder Möglichkeiten der Gemeint» 
ſamkeit gibt. . 
Weil wir Arbeiter ſind, ſind wir Feinde der Zerſtörung. Un3 
iſt die Arbeit nie das bloße Mittel zur Lebensfriſtung geweſen, 
uns war ſie heiliger Kulturdienſt. Wir ſehen in allen Werktaten 
auf Erden Denkmäler der Kraft und des Geiſtes, die Schweiß 
und Blut und Glü> gekoſtet haben. Wir brauchen au, foll uns 
unſere Arbeit mit Genugtuung erfüllen, das Bewußtſein, Auf- 
bauende zu ſein. Aufbau aber bedingt Zuſammenwirken, die Unter- 
ſtellung des Perſönlichen unter das gemeinjame Ziel, und für die 
gejunde Perſönlichkeit grbt es nichts Höheres, als ſich im ganzen 
auszuwirken. Das iſt die Harmonie, die nach unjferem Willen 
das Weltgetriebe leiten ſol und muß, ſoll das Chaos der Gegenwart 
überwunden und für alle Zukunft beſeitigt werden. Das gilt für 
die Arbeit in unſeren Organiſationen, das gilt für das Leben 
unſeres Volkes wie für den Verkehr der Volker zueinander. 
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* 
Die Zukunft verlangt nach uns, nach unſcren jungen Armen, 
die unverzagt das Werk aufnehmen wollen, nach unſerem Pfingſt- 
geiſt, der inbrünſtig und voll ſtarker Gläubigkeit mit neuen Zungen 
redet, Unüberwindlich ſcheinende Schwierigkeiten ſtehen uns ent- 
gegen. Trümmerfelder liegen vor uns. 
Unſere Loſung beißt: Arbeit und Kampf. 
Arbeit! Witwen und Waiſen, Kranke und Verkriüppelte 
der gejunden 
Volksgenoſſen werden kann. HSunderttaufende verlangen nach 
Seimſtätten. Pflüge warten auf den Feldern, Maſchinen in den 
Fabriken, das zu ſchaffen, was not tut: Brot und friedliche Arbeit. 
Das iſt nicht alles. Unſere Organiſationen haben nicht wenig 
durch den Krieg gelitten. Viele der Beſten, der Träger unſerer 
Mancher iſt in der Kriegs8not 
milde geworden und: hat der Bewegung den Rücken gekehrt. Das 
jihlimmſte aber iſt, daß Meinungsverſchiedenheiten, deren Aus- 
trag in friedlicher Weiſe ſonſt immer möglich war und wieder mög- 
lich werden muß, den Geiſt der Gemeinſamkeit zerſetzt, die Organi- 
fätionen vielfach zerſtört haben. Dieſer Geiſt der Einheit, der in 
der Gleichheit unſerer Lebenslage und unſerer Lebensziele wurzelt, 
muß uns neu erfüllen, wollen wir unſerer Aufgabe gerecht werden. 
. Unſere Aufgabe aber iſt der Kampf, der Kampf, der ſ<hon 
heute in den De>kungsgräben: des' Burgfriedens tobt, Macht euch 
iſt erſt einmal der Außenkampf „mit dem Rüſtzeug der
	        

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