Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

 
Arbeiter- Jugend - | 5 
 
 
Handwerkern ſelbſt aber x“ TT Z 
ſtieg im Lauf der Jahr- | - vun 
hunderte manche Famit- 
lie auf, die vom Kaiſer 
. Wappen und Adel er- 
hielt und dann die Aus5- 
beutung nicht ſchlechter. 
verſtand als die voim 
alten Nothenburgiſchen 
Adel, 
Dies und anderes 
mehr erzählen uns die 
enden, buckligen Stra- 
ßen der Stadt. Nun 
gehen wir die alte, 
turmreiche Mauer ent- 
lang, wie ſie ſo gut er- 
halten kaum -in einer 
zweiten Stadt der Welt 
noch im zwanziaſten 
Jahrhundert ſteht. B1i3 
ans Ende des ſechzehn- 
ten Jahrhundert3 find 
die Feſtung3werke 1i1n1t- 
mer wieder verſtärkt 
worden. Die Mauern 
und Türme waren it 
WMiattelalter ſtändig mit“ 
 
 
- - -4 füllen helfen, bis Ende 
v Oktober 1631 die trüb- 
ſten Tage für Rothen- 
burg anbrachen. In 
wütendem Kampf nah- 
men die Truppen des 
Kaiſerlichen Feldherrn 
Tilly die Stadt ein und 
raubten, was ſie tragen 
„wl 
konnten. Die Sieger 
jekten den ehrbare" 
Rat in Arreſt und 
fuhren ahn dann „mit 
heftigen, ehrenrührige: 
Worten, auch mit ex- 
ſc<re>lichen KSenfenS-, 
Kopfen3- und anderen 
Bedrohungen aufs här- 
teſte an“. Die Nats- 
berren kamen aber mit 
deim Leben davon, und 
bi. angedrohte Zerſto- 
rung der Stadt unter- 
blieb. Weshalb? Auf 
- dieſe Frage aibt nur 
die Sage Ant» ort. Sic 
erzählt uns, Tilly, der 
ſeinen Durſt wohl auc) 
 
 
Wächtern beſetßt, die 
ichon im Jahr 180) 
dieſelbe Neigung zuu 
Schlaf müſſen gehabt haben, wie die Nachtwächter unſerer Tage. 
Die Chronik vermeldet nämlich, daß „die Stat biSher mehr von 
den wechtern beſchlaffen, denn bewacht ſei worden“. Vielleicht 
war der Durſt der Mauernwächter und der qute Wein, der damals 
reichlich an den Hängen .des Taubergrumd38 wuchs, nit ſchuld daran. 
Als int Jahr 1525 die Bauern ſich empörten und der Himmel 
um Ytothenburg ſich rötete vom Brand der Burgen im Franfen- 
land, Ichloß ſich die freie Reichöſtadt den aufrühreriſchen Bauern 
an. Jn Rothenburg ſelbſt waren keineSGSchlöſſer zu ſtürmen. 
Dafür hielt ſich die von der. Reformation erfaßte Menge am 
Kirc<engut ſchadlo8. Schlimm ging e3 dabei dem Kaplan Guim- 
pelein an St, Jakob. Der gute Mann hatte jich 20 Einer alten 
Weins8 in den Keller gelegt. Die Rothenburger handelten nach 
dem Lied, das Scheffel 350 Jahre ſpäter jana: 
Hoiho! Die Pforten brech ich ein 
Und trinfe, was ich findo. 
zu Strömen floſ: der Wein des Herrn Vikars, jo „day Alt 
und Jung an dieſeim Tage trunken wurde und viele auf der 
Straße lagen,“ 
Leider verſtrömte in den politiſchen und ſozialen Kämpſen, 
die vom Beginn des Bauernkrieg8 bis zum Ende des Dreißiq- 
jährigen Kriegs auch in und uum Nothenburg unter. religiöſer Ber- 
brämung ausgefocmten würden, nicht | 
nur Wein. Die Fürſten blieben iber 
die Bauern Sieger. Auch än den 
Straßen vor Rothenburg ſaß lange 
no&g al3 Bettler mancher einſtige 
Bauer, dem ſiegreiche Fürſten die 
Augen hatten ausſtechen oder Glicd- 
maßen hatten abha>en laſſen. „Waren 
die Bauern roh, ſo waren die Fürjten 
Scheuſale“, ſagt Weigel in ſeiner No- 
thenburger Chronik. Der Marktplaß 
der Stadt, auf dem wir jetzt die hohen 
Giebel der alten Häuſer betrachten, 
ſah wiederholt barbariſche Blutgerichte 
de8 Markgrafen Kaſimir von AnSbach. 
Siebzehn Jtiümpfe und Sepe lagen an 
einem Tag vor dem Rathaus, 1o 
daß das Blut die Schmiedgaſſe hin- 
unterlief. 
Jnt dreißigjährigen Krieg go- 
währten die Mauern, Baſteien und 
Türme zum leßztenmal der Stadt den 
Schuß, den ſie ihr ſpäter gegen die. 
Geſchoſſe der ſich entwickelnden Artil- 
lerie nicht mehr bieten konnten. Wehr 
al3- einmal ſpielte aber - troß allen -- 
Mauerſchußes fremde Soldateska der 
proteſtantiſchen Stadt- übel mit. Der .- 
Stadtſä>el und die -Bürger mußten- ENIE 
die Krieqgskaſſe fo manchen Heeres 
Marktplatz und Rathaus in Rothenburg. 
 
 
ſchon reichlich mit Fran- 
feonwein gelöſcht hattc. 
habe der Stadt Gnade 
zugeſichert, wenn ein Bürger den ungeheuer großen Katjerpokcal 
austrinken könne. Dieſen „Meiſtertrunk“ tat der alte Bürger- 
meiſter Nuſc<. Alljährlich zu Pfinaijten feiern jetzt noc< die Ro- 
theonburger in einem Feſtſpiel die wunderbare Rettung ihrer 
Stadt. Geplündert und beraubt wurden die Bürger damals aber 
troßdem; ſie dankten dem Tilly nur ihr-nackte3 Leben und ihre 
unvertehrten Häuſer. Jut folgenden Jahrzehnt haben dann noch 
manche „Freoß- und Preßreoiter“ im Rothenburg gehauſt, ehe Fan! 
(Zerhardt ſein Danklied auf das Ende des Dreißigjährigen Krien- > 
anſtimmen fonnie: 
Gottiob! Nun it erichollen, 
Das edle Fricd- und Freudenwort, 
Daß nunmehr ruben jollen 
Die Spieß und Schwerter und ihr Mord 
- foider nur bis zum nächten Mal, denn von anno 1645 bi> zit 
unſeren, den blutigſten Tagen der Weltgeſchichte, haben Spieß nn? 
Schwerter noch manchesmal ihr morderiiches Handiwerf vet 
richtet. 
Von dieſen neueſten friegeriſchen Zeitläuften bleibt das 
friedliche Fandſtädthen äußerlich ganz verſchont, wenn auch in 
manches der alten Häuſer Schmerz uſtd Not des Weltkriegs Ein- 
fehr gehalten haben mag. Bemerkt: 
m: bar macht ſich der Krieg nur in 
wen bedenflich geräumten Lebens- 
mnttelläden. Wehmütig ermnere 1ich 
mich des Wintertags von 1913, da ic) 
im dem verſchneiten Städtchen meine" 
„undigen Madenja>“, wie der irdiſch» 
Leib einmal in der Chronik Rothen- 
burgs genannt wird, an etlichen gaſt- 
lichen Tiſchen reichlich ſtärkte. Jet 
fonnten wir, wie beſagte Chronik ſich 
bildhaft ausdrückt, „mit hungrigem 
Bauch die Wand anſehen“, und der 
alte Rothenburger Spruch klang wie 
. ein Hohn: 
„Zu Rothenburg uff dex Tauber, 
- Sit das Mühl- und Backenwerk ſauber." 
- Wir waren froh, als wir mit 
zwei runden Laib Brot und einigen 
- Pfund verhußelter Aepfel uns auf der 
'- Höhe jenſeits der Tauber lagern konn-' 
' ten. Von dort iſt „der ſchönſte Blick 
“auf die alte Stadt. Im milden Schein 
: der ſinkenden Sonne lag ſic vor uns 
'. auf der. ſteil abfallenden Hochfläche - --* 
mit ihren Mauern und Tiirmen ein 
“ ſpäter Gruß aus den fernen Tagen 
des M ittolaltors, u 
Rofhenburg, Schmiedgaſſe vom Siebersfurm aus | AH N.-4
	        

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