Volltext: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

6“ n - Arbeiter- Jugend 
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Die Invalidenverſicherung der Lehrlinge. 
n der Krankenverſicherung iſt der in der Arbeiterverſicherung 
allgemein geltende Grundſaß, daß die Verſicherung3pflicht 
nur bei einer Beſchäftigung „gegen Entgelt“ beſteht, für 
Lehrlinge durchbrochen. Lehrlinge aller Art ſind, aud) ohne daß 
ſie vom Lehrherren irgendweldjes Entgelt beziehen, für den Krank- 
heit8fall verſichert. Einen Anſpruch auf Kranken gel d haben 
ſie allerding38 nur dann, wenn ſie ein Entgelt, ſei es auch nur in 
Form freier Wohnung, beziehen. | 
Ander3 iſt die Nechtslage in der Invalidenverſicherung. Hier 
.. gilt auch für Lehrlinge, daß die Verſicherungs3pflicht eine Beſchäfti« 
aung gegen Entgelt vorausſekt, und ebenſo gilt auh für 
Lehrlinge die weitere, nur der Invalidenverſicherung eigene Be- 
ſtimmung, daß eine Beſchäftigung, für die als Entgelt nur freier 
- Unterhalt gewährt wird, verſicherungs frei iſt. (8 1227 der 
Reichsverſicherung8ordnung.) . 
Hiernach liegt ohne weiteres bei einer großen Anzahl von 
Lehrlingen bezüglich der Jnvalidenverſiherung Verſicherungs- 
freiheit vor. Nach der herrſchenden Rechtsübung haben in der 
Regel auch neben dem vollſtändigen oder teilweiſen Unterhalt ge- 
währte unerhebliche Lohnzahlungen (z. B. ſogenanntes 
Taſchengeld) noc< nicht die rechtliche Wirkung, daß dadurch die 
Vorſicherungspfli<t herbeigeführt würde. Natürlich iſt hier aber 
von Fall zu Fall zu prüfen, ob unter Berückſichtigung der Leben35- 
umſtände der Beteiligten etwa von einem neben dem freien Unter- 
halte gewährten „Entgelt“ geſprochen werden kann. 
Zu prüfen iſt auch von Fall zu Fall, ob in der Gewährung 
von „Koſtgeld“ dur< den Lehrherrn ein Entgelt im verſicherung3- 
pflichtigen Sinne zu erbli>en iſt. In der Regel wird das nicht 
der Fall ſein. Bedeutet .doc< das Koſtgeld lediglich einen Erſaß 
an die Eltorn des Lehrlings, weil dieſer, im Gegenſjaß zu früheren 
Zeiten, während der Lehrzeit bei ihnen in Koſt und Wohnung ver- 
bleibt. In ſolchem Sinn entſchied auch vor einiger Zeit das Ober- 
verſißerung38amt Leipzig in einem Fall, wo der Lehrherr dem 
Lehrling im erſten Lehrjahr 1,50 Mk., im zweiten 2,50 WMk., im 
dritten 8 Mk. und im vierten 4,50 Mk. für jede Woche al3 „Ver- 
gütung“ zu gewähren hatte. 
Liegt nun ſo bei den -- man darf wohl ſagen -- meiſten Lehr- 
lingen eine Pflicht zur Invalidenverſicherung nicht vor, ſo iſt do), 
was wenig bekannt iſt und noch weniger von den Lehrlingen be- 
achtet wird, bei allen nur gegen Gewährung freien Unterhalts Be- ““ 
ſchäftigten, mithin auch bei ſol<hen Lehrlingen, die Berechtigung 
zur freiwilligen Verſicherung gegeben. (8 1243 der Neoichs- 
verſicherungsordnung.) . Und wo der Lehrling von dieſem Nechte 
Gebrauch macht, hat er Anſpruch, daß ihm der Lehrherr die 
Hälfte de3 Beitrag83 erſtattet. Bedingung für dieſen 
Anſpruch iſt, daß der Verſicherte die Marke vorſchrift3mäßig ent- 
wertet; auch tut er gut? regelmäßig gleich nach der Entrichtung der 
Boiträge ſeinen Anſpruch geltend zu machen. | 
Natürlich iſt die Berechtigung zum ſreiwilligen Eintritt in 
die IJnvalidenverſicherung auh erſt mit der Vollendung de3 ſec<h- 
zehnten Lebens8jahres gegeben. Eine vertragliche Beſtimmung, 
welche etwa da8 Recht des Lehrlings zu ſolc< freiwilligem Beitritt 
beſchneiden oder die Pflicht de8 Lehrherrn auf Beitragscrſtattung 
ausſchließen würde, wäre recht8ungüiltig. ck, 
SF 
Der junge Frank. 
er am 8. September 1914 auf dem Schlachtfeld gefallene 
Mannheimer Recht3anwalt Dr. Ludwig Franf war un 
eigentlichen Sinne de8 Worte3 immer jung. Kaum den 
Knabenjahren entwachſen, bielt er mit neunzehn Jahren beim Ab- 
gang vom Gymnaſium ;n Lahr in Baden ſeine auffehenerregende 
jogenannte Leſſingrede, die ihren Ans8klang in dem Wunſd) fand, 
daß die neue Zeit aller Unterdrückung der Geiſtesfreiheit und der 
wirtſchaftlichen Au8bentung des Schwächeren durch den Stärkeren 
al8bald ein Ende bereiten möge. Al3 einundzwanzigjähriger 
Hörer auf der Univerſität Freiburg i. B. wurde er von ſeinen 
Studiengenoſſen bereit8 als akademiſcher „So33“ angeſprochen. 
Mit ſechs8undzwanzig Jahren wurde er zum Mitglied“de8 Mann- 
heimer Bürgerausſchuſſes gewählt, mit einunddreißig Jahren in 
die Zweite Badiſche Kammer, mit zweiunddreißig Jahren in den 
Reichstag." Und er hatte kaum da3 vierzigſte. Lebens8jahr über- 
ſchritten (geboren war Frank am 25. Mai 1874), als jein Herzblut 
auf franzöſiſche Schlachterde träufelte. Ein Leben alſo voller 
Juügendkraft, voll heißen Tatendranges8, das an alle Daſeinsfragen 
in frühzeitiger Reife herantrat und ſo. in ſich ſelbſt einen ſtetigen 
Berjüngungs8prozeß vollführte. 
So wurde denn auch Dr. Frank der Erwecker und Förderer 
der Proletarierjugend. Wie kein qmderer war er dazu berufen, 
die Fahne der Aufklärung, der Bildung und der Wiſſenſchaft den 
jugendlihen Arbeitern und Arbeiterinnen Deutſchlands voran- 
zutragen. Er ſchuf als einigendes8 Band der deutſchen Arbeiter- 
jugend in Mannheim die „Junge Garde“, die Vorläuferin der 
heutigen „Arbeiter-Jugend“, und -legte den Grundſtein zu der 
Organiſation, die gegenwärtig die jugendliche Arbeiterſchaft ums- 
faßt, ſoweit ſie im Rahmen der modernen Arbeiterbewegung nach 
Erkenntnis der Welt und wirtſchaftlicher Befreiung- ſtrebt. Erſt 
al8 die parlamentariſchen Notwendigkeiten Beſchlag auf den talent- 
vollen Jugendführer- legten, nahm er Abſchied von ſeinem Liceb- 
ling5ideal, der Heranbildung der Arbeiterjugend, und ſtürmte 
hinaus in die parlamentariſc<en Kämpfe, nicht ohne der Entwick- 
lung und dem Vorwärtsſchreiten der freien Jugendbewegung ſtets 
ſeine rege Teilnahme zu erhalten, 
- K *“ * 
Dieſer Tage iſt nun in Freiburg 1. B. ein eigenartiges Buch er- 
ſchienen.*) Es ſchildert den jungen Frank in ſeiner wirklichen 
*Die Freie Burg.“ Eine Erzählung von Robert Grum- 
ba<, Freiburg i. Br., J. Bielefelds Verlag, 1917. Preis 1,50 Mk, 
 
 
Umd, ſiehe da, al3 ich die Schlittſchuhe nur leicht an meine Sohlen 
hielt, da gab e3 wirklich einen Kna>s8 -- ſchon ſaßen ſie wie angegoſſen. 
„Und habt Ihr die Feder nicht geſehen?“ fuhr der Gruber fort, 
„ganz von ſelber fahren die Biwifax.“ 
Rrr =- ſchon fuhren ſie mit mir davon. Oh, war das ſchön! 
„Fommt mit! Kommt mit!“ rief ih. Aber meine Biwifax fuhren 
zu ſchnel. Sie fonnten mich nicht mehr einholen. AuSeinander kamen 
wir. Jm Nebel ſah ich meine Freunde verſchwinden. Meine Biwifax 
' trugen mich mit Winde2eile und auf Nimmerwiederfehen von ihnen fort. 
„Halt!“ rief ich, Aber meine Biwifaxy kohrten ſich nicht daran. 
„Halt, um Gotteswillen, halt!" Aber meine Biwifax. fuhren nur 
noch ſchneller. Da3 blaue Eis flibte unter mir weg. Die Bäume am 
Waſſerrande ſchoſſen wie Telegraphenſtangen am Zuge an mix vorbei, 
Jett kam ein EGishügel = darüber ging's mit Knirſchen und Geſtiebe. 
Jeßt kam eine. Mulde -- wie tollgewordene Hunde hekten mich meine 
Biwifaxy hinunter und hinauf. - Weite, einſame Flächen kamen. Kein 
Menſch mehr weit und breit, Nur ich mit meinen Biwifax, die mit mir 
madten, was ſie wollten. Die mich jagten. Deren fürchterlicher un- 
aufhaltſamer „Lauf mir jekt alle Schauer der Vereiſung über) den 
Nüc>en laufen ließ. Die mir gleich darauf ſo heiß machten,. daß ich 
brennende Lohe in mir emporſchlagen fühlte, Und jekt = 
„Herr im Himmel, halt, halt!“ Dim 
Dort drüben gähnte ein Spalt im Gis, nein, ein große38 Loch. Und 
meine Biwifax zielten haargenau darauf. J< zerbog mir meine Knie 
-=- nicht cinen Zoll, hinüber oder herüber lenkte ich die Biwifaz. Das 
Loch, da3 Loch, ſie wollten mein Verderben. Und jekt hörte ich ſie 
lochen. Meine Biwifax lachten unter meinen Füßen hämiſc<h herauf, 
ſchadenfroh. Und jeßt blieben ſie mit einem Rud knapp vor dend Loche 
ſichen und ſchleuderten mich mit einem hohen. Schwung hinein in den 
Zod == . : . “ 
Stirne. 
„Nein, Sie dürfen ihn nicht aufſtehen laſſen,“ hörte ich die Stimme 
unſeres Arztes, „er hat Fieber, aber ich hoffe, daß es nicht gefähr- 
lich iſt.“ | 
Dann ging er. 
Und dann ſpürte ich meiner Mutter Hand auf der glühenden 
Es wurde mir ſo ſondorbar. Ein Geſtändnis hatte ſich da 
drunten in meiner Bruſt gelo>ert. E3 wollte herauf. 
2 „Mutter,“ ſagte ich, „gelt, heute iſt EiSlauf. auf dem Kkrinheſſeloher 
Sce ?“ ' 
„Nein, Kind, eben waren Deine Kameraden da, um Dir mitzu= 
teilen, daß es getaut hätte, und daß große Löcher aufgebrochen wären.“ 
„Und was haben ſie noch geſagt, Mutter ?“ fragte ich angſtvoll. . 
„Daß es ſo ſchade wäre, denn fie hätten fich ſo ſehr auf Deine 
neuen Schlittſchuhe gefreut =- nuf Deine --- Deine Biwifax, ſagten ſie.“ 
„Und, Mutter, was -- wa3 haſt Du geſagt, Mutter?“ ſtieß ich 
hervor. 
„349? J< ſagte, daß wir Deine --- Deine Biwifax unſerem Vetter 
nach Stettin geſchi>t hätten, wo es dieſe3 Jahr beſſer friere al3 bei uns.“ 
„Oh, Mutter, das haſt Du geſagt?“ . 
„3a, mein Sohn, das ſagte 1ch, und nun mußt Du bald wieder 
geſund werden,“ ſprach. ſie ruhig und ließ ihre Hand micht von meiner 
Stirne, J< aber drücte dieſe Hand und ſagte leiſe: 
„Mutter, ich muß Dir noch meinen Traum erzählen, meinen 
Traum von den Biwifax.“. | 
„3a,“ nickte ſie. | 
Und wie ich meinen Traum erzählt hatte, lächelte ſie, und ich war, 
ehe.no< das Fieber von mir ging, geheilt von meinen Biwifay und 
gewarnt vor manchen anderen Biwifaxen, deren Hohlſchliff und ver» 
goldete Spiße und ſelbſttätige Fortbewegung am. Horigont meines 
"Leben3 ſichtbar wurden . . . =
	        

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