Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

 
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Was die Straße lehrt! 
- Mitten in der Stadt ſteigen eine Anzahl Straßen ſtoil zum Güter- 
bahnhof hinan. Die Tiere müſſen jich kräftig ins Geſchirx legen, wenn 
ſie die ſhnweren Wagen mit den »Öft nod) j>wereren Laſten über die 
Steigung binüber bringen wollen. Oft geht es nicht ohne rohe Nachhilfe 
durch die Fuhrleute ab. Dabei hängen am allen Straßene>en weithin 
ſichtbare Schilder mit der Bitte: „Schont die Zugtiere!“ 
Kürzlich ſc<ob ein junger Arbeiter einen voklbriadenen Handkarren 
die Straße hinauf. Oder vielmehr er machte den Verſuch dazit. Denn 
der arme Junge war ſchmal und ſchmächtig, der Wagen aber für ſeine 
Körperfräfte vicl zu ſchwer. Jmmer wieder ſeßte er an, dex Schweiß 
troff ihm vom Geſicht, und in dew Schweiß miſchten ſich nad) mehreren 
vergeblichen Anläufen Tränen. Ein alter menſchenſreundlicher Herr, 
der den Anſtrengungen zuſah, fnurrte einem Vorbeigehenden zu: 
„Warum ſchreibt man nicht auch an die E>Xen: „Schont die jungen 
Menſchen!“ „Das würde dem armen Teufel da wenig helfen!“ lautete 
die raſche Antwort. Der Angeredete ging an den Karren, pate zu =- 
und brachte ihn einige Schritte vorwärt8; daiun ſaß auh er wieder feit! 
In dieſem Augenbli> fommen einioe junge Burſchen die Straße her=- 
unter. 
Speichen, und bald war der Wagen über die ärgjte Steigung hinweg, 
Was dem Ginzelnen unmöglicd) iſt, kann nur der gemeinſame Wille 
Vieler überwinden. Man ſagt wohl: „Gin guter Rat iſt Golde3 wert“, 
aber über Ratſchläge und Mahnungen geht die friſce Tat! Das wollen 
wir auch in unſerer Jugendbewegung nie vergeſſen. M, 
* 
Die Neuköllner Jugendbewegung 
iſt wieder in3 Leben gerufen worden. Gegen Mitte April 1918 fand 
die Begründungsfeier ſtatt, die von etwa 100 Jugendlichen bejucht war. 
Schon nach wenigen Wochen war es un möglich, ein Jugendheim 
zu eröffnen (Berliner Str. 86/87). Die Eröffnungsfeier fand am 
Dienstag, den 14. Veai, ſtatt. Genoſſe Weimann wies in feiner Be- 
grüßungsrede darauf hin, daß es gerade Neukölln war, von 1vo der 
unbeilvolle Zwiſt in der Jugendbewegung aus8gegangen ſei. Dieſer 
Zwiſt habe bewirkt, daß die einſt ſo blühende Neufsllner Jugendbewe- 
gung in furzer Zeit zu einem einzigen Trümmerhaufen geworden ſei, 
auf dem ſich nun wuſere neue Jugendbewegung aufbauen wird. Die 
Anfänge und beſonders die Eröffnung eines Jugendheims im vierten 
Friegsjahr berechtigen zu den beſten Hoffnungen. An der ſchlichten 
Feier wirften noch der Genoſſe Domni>d als Rezitator und eine 
MRandolinenfapelle von Berliner Jugendlichen mit. Das Jugendheim 
beſteht aus mehreren Räumen und iſt außer Sonnabend jeden Abend 
von 7 bis % 10 Uhr geöffnet, Dien8tags und Donners8tags finden im 
Ireptower Part Spiele ſratt. Cin gut Teil Jugendlicher iſt bereits 
recht eig für unſere Sache tätig und man kann mit Freuden foeſt- 
ſicllen: Cs geht. wieder vorwartsl.. 
Aus dem Erzgebirge, 
Aut3 Aue im Gragebirge wird uns geſchrieben: Die noch im An- 
Ffangsftadium befindliche Arbeiterjugendbewegung des oberen Crzgebirges 
hat durch die Cinberufung ihr.r Jugendleitex zum Heeresdienſt erheblich 
gelitten. Aber auch das Fehlen genügender Geldmittel hat den Fort- 
ſchritt weſentlich gehemmt. Zſt doch ſelbſt in der größeren Zuduſtrie= 
jtadt Aue in den erſten Fahren des Kriegs eine Verminderung dor 
„unſere Abende bejuchenden Tugend eingetreten. Auch die Leſerzahl der 
„Arbeitor-Jugend" iſt leider zurücdgegangen. Ganz allmählich jedoch 
hat ſich in lebterx Zeit wieder eine Beſſerung bemerkbar gemacht. Anmzer- 
ordentlichen Zuwachs erhielten wix in Aue ſeit der wohlgelungenen 
| Palmarumfeier dieſes Jahres. Aber autcch ſchon im Vorjahr waren 
unſere Veranſtaltungen troß der beſcheidenen ans zur Verfügung 
ſtehenden Mittel gut beſucht, Hatten doch die 61 Veranſtaltungen 1713 
Teilnehmer aufzuweiſen. Außer fünf Vorträgen, die dem Verſtändnis 
- der Hörer angepaßt waren, wurden Lieder-, Leſe- umd Disfuticrabonde 
abgehalten, Führungen in Wuſcen, Theaterbeſuch 327w. mußten der 
hohen Koſten halber unterbleiben; dagegen wurden Gruppenwanderun- 
gen jowie auch eine Weihnachtsfeier veranſtaltet. Daß wieder ein 
regeres Intereſſe unter den jugendlichen Arbeitern für unſere Jugend 
bewegung Platz gegriffen hat, beweiſt auch d:c erfreuliche Steigerung 
der Leſerzahl unſerer „Arbeiter- dugend“; ſtieg dieſe doch im Jahr 1917 
bis Ende März 1918 von 65 auf 120. Der veliebte Jungvolkalmanach 
wurde ebenfalls in größerer Anzahl abgeſebt. Nach alledem düxfen wir 
wohl mit begründeter woffuung einer weiteren günſtigen Entwicklung 
unſerer Jugendbewegung in Aue entgegenſehen. X. R. 
Au3 der München-Gladbacher Jugendbewegung. 
Aus M.-Gladbach wird uns geſchrieben: Es wird wohl das erſte Mal 
ſein, daß aus der hiejigen Jugendbewegung ein Bericht in den Spalten 
der „Arbeiter-Jugend“ erſcheint. BVerivunderlich iſt dies nicht, denn 
erſt furze Zeit vor dem Krieg war es möglich, in dieſer ſchwarzen E>e, 
- dieſer Hochburg des Klerifalizmus, den Grund zu unſerer Freien Jugend 
zu legen, Die erſten Hinderniſſe waren kaum Überwunden, da ſtellten 
fich gleich wieder neue ein: der Krieg1 Genoſſen, welche ſich unt die 
Iugendſache ſehr verdient ggmacht hatten, wurden einberufen und heute, 
nach vier Kriegsjahren, ſteht eine große Zahl unſerer Freunde im Feld, 
Daß ſie die Freie Jugend nicht vergeſſen haben, davon zeugen ihre regel» 
mäßigen Schreiben, 
Wie auf Verabrevung gehen ſie auf die beiden zu, faſſen in die - 
Waren ſo aud die erſten LebenSjahre unſerer Jugendbewegung 
nicht roſig, 19 können wir heute troßdem mit Stolz und Freude auf die 
verfloſſene Zeit zurü&blien. Dank der eifrigen Werbearbeit hat ſich 
der Beſtand unſerer Anhänger nicht nur gehalten, ſondern vermehrt. 
Ein ſchönes Jugendheim konnte gemietet werden, und regelmäßig jeden 
Donnerstag und Sonntag in der Woche kamen die Jugendgenoſſen 
hier zu ernſtem 'und heiterem Tun zuſammen. Geſellſchaftsſpiele, un- 
gezwungene Plauderabende, Leſe- und Disfutierabende, Schreib-, Leſe- 
und Sprechfurſe, bildende und belehrende Vorträge laſſen die Stunden 
jtet3 nur zu ſchnell vergehen. 
Noch in jedem Jahr wurde ein Elternabend veranſtaltet. Der leßte 
am 28. April. Außerordentlich zahlreich hatten ſich die Freunde der 
dugendſache eingefunden. Die Tarbietungen hielten ſich im allgemeinen 
auf guter Höhe, einzelne durften ſogar geradezu künſtleriſch genannt 
verden. Am ſc<h<önſten aber war, daß auch die gänz Jugendlichen mit= 
wirken durften und ihre Aufgaben geradezu muſterhaft löjten. M. W. 
* 
Laßt die Finger vom Theaterſpielen! 
An unſerer Bewegung iſt manches ausSzuſeben und zu verbeſſern, 
aber in cinem untericheiden vir uns ganz zweifellos verteithaſt von den 
fatvoliſchen Jugendvereinen: In unſeren Veranitaktungen hat ſich das 
lächerliche und verblödende Theateripielen nur ganz vereinzelt einniſten 
können. In früheren Jahren haben wir uns und unjeren Letern oft 
den Spaß gemacht, Titel der in katholiichen JÜngngs- und Jungfrauen- 
vereinen aufgeführten Stücke hier abzudruten. Ta aul (585: „Der 
Schneidermeiſter Zwirn" und „Die Heilung der vier Buckligen", da gab 
„Graf „Zeppelin in Iwiebelsdorf“ and „Das Weſrvpent uur Der mlich 
hofs mauer“, da gab es: „Der rote Teufel", „Dir liliemveiße Unſchuld“ 
und allerlei andern ſüßlichen und ſchauerlichen Kitſch. Se:t Jay. und 
Taz hat aber auch im katholiſ<en Jugendlager Beſſerung eingejeßt, und 
neuerdings wendet ſich die katholiſ<e Jugendzeitſchtift „Die Wacht“ 
wie folgt gegen die gräßliche Theaterieuche : 
„Rührſam, blutrünitig, verlogen un5 hirnlos. 
Die Sprache -- oft nicht einmal in richtigem Deutſch -- möchte iM am 
liebjten mit ranzigem Schmalz vergleichen, 
Seht, da naht ex, der herrliche Held! 
Werruchtes Scheujal, fahr zur Hölle! 
Und ſo ähnlich klingt3 an den Glanz- und Kraftitellen. Die Dar- 
itellung iit entſprechend. Die metiten Mitſpieler haben me eine gute 
wufführung au einer wirklichen Bühne geſehen. Aber die wackeren 
Spieler fürchten ſich nic<t. Mit vielem Veut und wenig Cinſicht wirxi. öc1u 
Ding friichweg zuleibe gerü>t. Der Böſewicht verdreht unmenſchlich 
die Augen und fletſc<t mit den Zähnen, 'Sein engelweißes Gegen- 
piecl ſchaut „Icwarmjel; 3 zum Himmel "und ſpricht mit jyrupbafter 
Süße In D der großen Word- und Yiachej)zene zittern Td die Kulmen von 
Gebrüll. Tränen „werden in Bächen, Blut in Strömen vergoſien. 
Man wundert fich, daß der rote Saft nicht die Nampe herabfließt.“ 
Genug! Der Mann hat recht. Er Hätie nur noch hinzufügen ſollen, 
daſ Jich leider auch micht wemige katholiſche Geiſtliche jahrelang Dieſer 
dilgendverblödung januldig gemacht und, „venn alles vpor'ber war, Die 
wogenannten Shaupicler auch noch mit Freibier iraftiert haben. 
Wo etwa bei uuns noch irgendwo ſich Luſt 1 zm Ts eatenp? ielen regen 
odi, mE Mit fich tc<ieun. gt von dIiviem Due! bofreien. In der Zeit, 
die zum Vuswenrdtiglernen Ier Rollen verd): vendet wird, fann aud) 
hariein Köpfen etwas Vernünftiges und für Ias Lebeit Wertvollos be= 
gebracht werdeii. % 
Unſere Jugend in der KricegSzeit, 
E3 wird ſoviel über die „Verwahrloſtwag der Iugend in der Kric32= 
zeit“ gepredigt und geſchrieben, und meiſt geſchicht dies mit einer ſo 
vbhartjäerhaften Ueberhevung, daß nan ſic) von Horzen freut, emmat 
Worte zu lefen, die, bei allex Schärfe gegen wirtliche Verfehlungen, 
unfercr Jugend doch gerecht zu werden verſtehen. CGinen ſolchen Aufjaß 
voröffentlicht der Kölner Vormundſchaftsrichter und Jugendrichter Ge- 
beimer Juſtizrat Profeſſor Dr. Schumacher in der Beiiage Nr. 15 
der „Kölniſchen Zeitung“. Hören wir, wie er eine der häufigjten 
Sünden, die auf Wanderungen begangen werden, nämlich das „Stehlen“ 
von Obſt, darſtellt: 
„Manche Entwendungen von Obit find früßber micht als ſtrafbare 
Handlungen angeſehen worden. Wie oft habe ich mich in dei Ferien 
vei Spaziergängen auf dem 8 Lande darüber geärgert, daß Obſt in de! 
Wegegräben bag und faulte. Solches Obſt konnte früher jeder ſtraflos 
aun ich nehmen, Aber bieut e! Im vorigen Herbſt machte eis Köln2x 
Jugentoerein Unter geiſtlicher Leitung und Auffſicht einen Ausflug 
qu die Umgebung von Köln. An den Wegen lag Obſt in den Gräben, 
und die Funzen ſte>ten es in döe Taſchen, Damals hatte der Landrat 
des vetreffenden Kreiſes ein Obſtausfuhrverbot erlaſſen, und an den 
Bahnhöfen wurde jeder auf Obſt unterfucht. Man fand das Obſt 
und erſtattete Anzeige. Die Zolge war, daß etwa 25 Jugendliche vor 
em Jugendgericht erſcheinen mußten, die ſonſt mit dem Strafrichter 
feine Befanntſchaft gemacht hätten.“ 
E3 wird unſeren Wanderleitern zum Troſt gereichen, daß ſ21<<e 
O-bjtfünden ſelbſt unter geiſtlicher Leitung und Aufſicht vorkommen 
fönneiti. Mit vollem Recht ſagt Profeſſor Schumacher: „Wenn man 
früher vo verfahren hätte, fo fäße heute fein unbeſtraftexr Miniſter in 
ſeinem Amtsſeſſel.“ Dieſer Kenner der Jugend wendet ſich mit Schärfe 
auch gegen die vielfach übertriebenen dilagen über die angebliche Ve r= 
ichwendung junger Arbeiter: m 
„Es wird iar den Kreiſen der Jugend aud) viel geſpart . . . Die 
reichen Leute benußen feine Sparkaſſe, der Mittelſtand iſt heute kaum 
in der Lage, Geld zur Sparkaſſe zu tragen. Die neuen Sparbücher
	        

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