Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

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- Erſcheint alle 14 Tage 
Preis der Einzel» » Nummer 10“ Pfennig. 
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Eingetragen in die Poſt - Zeitungstiſte. 
Nr.12 Berlin, 
„ÄÜriegsſozialismus“ “ 
ielfach iſt e es. üblich geworden, die ſtaatlichen Maßnahmen, die 
- ergriffen wurden, um den ärgſten wirtſchaftlichen Nöten 
' "der Kricgszeit zu ſteuern, als „Kriegsſozialiemus“ zu be- 
"äeihnen. Da unſere Kriegswirtſchaft: mit ſehr vielen Fehlern und 
| Unvollkommenheiten behaftet iſt und nicht vermocht Hat, 
den 
Mangel vom Volke fernzuhalten, ſind gewiſſe Kreiſe, die cin 
Intereſſe daran haben, daß dem Wucher keine Schranken geſeßt 
werden und der Staat alles gehen läßt, wic c8 will, raſch mit der 
Behauptung bei der Hand: an dem „Verſagen de8 Kricgsſozialis- 
'mus8“ ſehe man es drutlich, daß der ganze Sozialis mus nichts tage 
and die Sozialdemokratie „einpacken“ könne. 
- Wollen wir unterſuchen, ob an dieſer. Behauptung etwas 
Wahres iſt, ſo müſſen wir uns fragen: wie ſieht der SozialisSmus 
aus, und was hat der ſogenannte KriegsſozialiSmus mit ihm gemein? . 
In der von der Sozialdemokratie bekämpften kapitaliſtiſchen 
Goſellſchaft müſſen die Angehörigen der großen Maſſe für kargen 
Lohn ſ<wer arbeiten, während einer Mindergahl der Bevölkc- 
rung .cein mehr oder weniger großes Einkommen zufließt, ohnc 
daß ſie die Hand zu rühren brauchen. In dieſer alü>lichen Lage 
ſind diejenigen, die Kapital beſiten, die „Kapitaliſten“. Damit 
ſoll natürlich nicht geſagt werden, daß alle Kapitaliſten Faulenzer 
ſind. Das trifft höchſtens auf einen geringen Teil von ihnen zu. 
Die meiſten von ihnen verſuchen vielmehr durch Verwertung ihrer 
Arbeitskraft ihr Einfommen noc< zu vermehren, aber das ändert 
an dem Weſen der Dinge nichts. Daß die Kapitaliſten über ein 
ſolches arbeitsloſes Einkommen vorfügen, iſt de8halb ntföalich, weil 
ſie über das Eigentum an den Produktionsmitteln (Fabriken. 
Maſchinen, Werkzeugen, Rohſtoffen uſw.) verfügen und ſo die beſit- 
loſe Arbeiterſchaft zwingen, ſich mit einem Toil des Ertrags ibrer 
Arbeit zu beganiigen. 
Dic Sozialdemokratie erſtrebt als Endziel « cinen geicellſchafti- 
Lichen Zuſtand an, bei. dem das Privateigentum an den Produk- 
tion5mitteln beſeitigt iſt und alle Produktionsmittel der Geſamt- 
beit gehören, etwa dem Staat, den Gemeinden, Genoſſenſchaften 
oder ähnlich gebildeten Körperſchaften. Auf dieſe Weiſc müßte 
das arbeitsloſe Einfommen, das auf das Privateigentum an 
Produktion8mitteln zurückzuführen iſt, verſchwinden. Aber damit 
allein, daß alle, heute den Kapitaliſten als Ertrag ibre8 Vermögens 
zufließenden Einfommensteile der Allgemeinheit zugute kämen, 
wäre die Lage der Angehörigen der Überwiegenden Mehrheit der 
Volksgenoſſen nicht weſentlich gebeſſert, denn auc< die Geſamtheit, 
der die Verfügung. über den Arbeitsertrag ihrcr Mitglieder zu- 
ſteht, könnte dieſen nicht vollſtändig unter ihre Angehörigen zur 
De>ung perſönlicher Bedürfniſſe verteilen, ſondern müßte einen 
Teil davon, ſo wie das heute die Kapitaliſten tun, zur Beſchaffung 
von neuen. Produktionsmitteln verwenden. Die Sozialiſten ſind 
- ber der Anſicht, daß es in einer ſozialiſtiſ <en Gofellſchaft möglich 
- fein wird, den Arbeitöertrag der Geſamtheit im Vergleich zu heute 
weſentlich zu erhöhen, ſo daß allen Gliedern der Geſellſchaft der 
Tiſch viel beſſer gedeckt werden kann, als den heutigen Beſikloſen. 
aus denen in den fapitaliſtiſchen Ländern die aroße Maſſe der 
Bevölkerung ſich zuſammenſeßt. 
Erreicht aber ſoll dieſer Zuſtand werden dur< eine möglichſt. 
zwemäßige Drganiſation des geſamten Wirtſchaftslebens. Heute 
herrſcht bei der Erzeugung und Verteilung der Güter eine ganz 
unſinnige“ Verſchwendung: Neben großen, leiſtungsfähigen Be- 
trieben beſtehen in der Induſtrie noh viele unzwedmäßig ein- 
gerichtete Erzeugungsſtätten, in denen infolge des Mangels an 
15. Juni 
Expedition: aut 
- Singer G.: m. 7 
ſchriften für 
an Karl Korn, 
 
is | 1918 
SW. 63 
Maſchinen oder an einer planmäßig durc<geführten Arbeitsteilung 
der einzelne Arbeiter nicht ſoviel hervorzubringen vermag, als 
.das in eincm auf der Höhe der Technik ſtehenden Betrieb möglich 
wäre. Eime bejonders unſinnige Verſchwendung von Arbeits- 
kräften können wir im Handel beobachten. Bloß dcs Wettbewerbs 
wegen wird ein Heer von Retſenden auf die Welt lo: Sgelajſen, um 
Waren äbzuſeßgen, die ohne dicje Reiſenden genau in -demjelben 
Umfang. gefauft würden. Wir ſehen, wie ein kleiner Gewerbe- 
treibender, der einen Poſten Warc kaufen will, von verſchiedenen 
Firmen an einem Tage zehn oder mehr Brieſe des gleichen Inhalts 
bekommt. Oft reiht ſich in einer Straße von wenigen hundert 
Metern Länge Laden an Laden, währcnd ein einziges Geſchäft, 
das bei weitem nicht ſoviel Arbeitsfräfte brauchte, wie die heute 
'beſtehenden Läden zuſammen, genügte, um den vorhandenen Be- 
darf zu befriedigen. Wir ſehen ferner, daß alle paar Jahre unſer 
Wirtſchaft5leben dur< eine ſchwere Kriſe erſchüttert wird. Dann 
liegen zahlreiche Arbeitsfräfte brach, Not und Entbehrung herrſcht 
auf der einen, Ueberfluß an Gütern anf der anderen Seite. 
Wird in das hente ſo wilde Getriebe des Wirtſchaftöleben3 
Ordnung und Regel, furz: Organiſation acebracht, wird allenthalben 
mit den beſten Hilfsmitteln gearbeitet, die Tce<hnif und Wiſſen- 
ſchaft bieten, hört die unſinnige Verſchwendung von menſchlicher 
Arbeitsfraft, die wir heute mit aniehben müſſen, auf, 10 werden 
viel mehr Güter erzeuat werden, als das heute möglich iſt. Dann 
wird auch jeder einzelne viel reichlicher bedacht werden können, 
als das hente für die überwiegende Mehrheit der Bevölferung der 
Fall iſt. 
Alfo Erfeßuna des Privateigentums an Produktionämitteln 
durc< Gemeineigentum behufs umfaſſender Regelung der Gitter- 
erzeugung und Güterverteilung, ſowie Beſeitigung des arbcitsloſen 
Einkommens aus Kapitalbeſit, das iſt das Ziel des SozialiSmus. 
Was aber hat damit der „KrieasſozialiSmus“ zu tun? Von 
einer Beſeitigung des arbeitslojfen Eimfommens kann doch feine 
Rede ſein. Viele Kapitaliſten haben nie ſo aoldene Zeiten geſehen 
wie jekt. Davon zeugen die märc<enbhaften Gewinne, die viele 
Unternehmungen erzielen, wenn auch zuweilen einem gar zu zügel- 
loſen Profitſtreben durc< Höchſtpreiit Schranken geſetzt ſind, wobei 
aber jeder weiß, daß dieſe Höchſtpreiſe nur allzu oft durc<brochen 
werden. Ebenſowenig hat eine umfaſſende Regelung der Güter- 
erzeugung ſtattgefunden. Nur hier und da hat man, um eine 
aleichmäßige Verteilung der ſo knapp vorhandenen Rohſtoffe 31 
ermöglichen, in einzelnen Wirtichaft53weigen eine gewiſſe Ver- 
bindung zwiſchen den Fabrifanten geſchaffen. Erſt verhältnis- 
mäßig" ſpät hat man unter dem Druck des Arbeiter-, Robitoff- 
und Kohlenmangels eine Anzahl Betriebe ſtillgelegt. Am weiteſten 
vielleicht gehen die ſtaatlichen Eingriffe gegenüber beſtimmten 
Zweigen. des Großhandels, die man zum Teil durch vom Reich 
gegründete, aber freilich auf kapitaliſtiſcher Grundlage ſtehende 
Kricgsgefellſichaften erſet, zum Toil in den Dienſt des ſtaatlichen 
Warenverteilungs5apparats geſtellt hat. Hingegen iſt keine Aende- 
rung der Organiſation des Kleinhandels erfolgt; nur ſoweit dem 
Kleinhandel der Vertrieb von Waren überlaſſen wurde, deren Ver- 
teilung ſtaatlich geregelt iſt, hat man ihm die Höhe des zuläſſigen 
Vordienſtes vorgeſchrieben. Das wichtigſte am „Kricgsſozial1i3- 
mus“. iſt ſchließlich, daß er verſun<t, eine Reihe beſc<ränkt vor- 
handener Nahrungsmittel und einige andere notwendige Gebrauchs- 
gegenſtände. zu erfaſſen und einigermaßen gleichmäßig zu verteilen. 
Der - „Kriegsſozialismus“, oder wie Wir beſſer ſagen, die 
Kriegs8wir ty <aftspolitik, hat alſo mit vem SozialiSmus 
zwar das gentein, das ſie regelnd in das Wirtſchaft8leben eingreift, 
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