Arbeiter-Jugend 53
ſchafts- und Finanzprogramm, durc) Zollanſchluß an Frankreich, durch eine fran-
zöſiſche Schulpolitik und intenſive Kulturpropaganda, was alles ſchon im Saargebiet
geübt und erprobt iſt, in einen ſranzöſiſchen Dunſtkreis gehüllt und allmählich vom
Deutſchen Reich losgelöſt werden. Um dieſes Zieles willen kommt es dem in argen
Vinanzſchwierigkeiten ſte>enden Frankreich nicht auf Reparationen (Wiedergut-
machungen), ſondern in erſter Linie auf Sanktionen (Bürgſchaften) und produktive
Pfänder an; deshalb- erklärte Poincars immer wieder, daß die Beſaßzungsfriſt no)
nicht zu laufen begonnen habe, und deshalb auch der Raubeinfall ins Ruhrgebiet.
Aber dieſe ſcheinbar ſo großzügige und auf weite Sicht angelegte franzöſiſche
Rheinpolitik beruht doch lezten Endes nur auf einer Selbſtiäuſchung, der franzöſiſchen
Rheinlegende, und wird mit dieſer zuſammenbrechen. Napoleon, der ſich als Sohn
der franzöſiſchen Revolution fühlen durfte, brachte den von ihm unterjochten Gebieten
immerhin die Anfänge ſtaatsbürgerlicher Freiheit. Und doch ſcheiterte er letzten Endes
an der inneren Unmöglichkeit, zum Nationalbewußtſein erwachte Völker mit Gewalt
unter ſeine Herrſchaft zu beugen. Das heutige Frankreich verkörpert im Gegenſatz zu
dem Frankreich vor hundert Jahren die europäiſche Reaktion. Und wie die Arbeiter
des Ruhrgebiets dem franzöſiſchen Imperialismus entgegentreten, weil ſie dabei
gleichzeitig die deutſche Republik verteidigen, ſo wird auch die franzöſiſche Rheinpolitik
an dem deutſchen Nationalbewußtſein und republikaniſchen Freiheitsgefühl der Rhein-
ſänder zerſchellen, mag auch die franzöſiſche Rheinlegende weiter fortleben im Luſt-
reich der Illuſionen.
Im Gebiet des Ruhrkampfes.
Von Max Weſtphal.
"EF m rheiniſch-weſtfäliſchen Induſtrierevier, wo in den Rieſenwerken viele hunderttauſend
-Y Arbeiter ſchaffen, hat auch unſere Arbeiterjugendbewegung ſehr gut Fuß gefaßt. Die
vf weſtfäliſchen Bezirke zählen zu den ſtärkſten im ganzen Verband. Wenn man auf der
anderen Seite berücdſichtigt, vor welchen Aufgaben wir in dieſen Gebieten fiehen, in denen
ſo ungeheure Arbeitermaſſen eng zuſammengedrängt ſind, dann wird man verſtehen, daß
unſere Sorge groß iſt um die Erhaltung unſerer Organiſationen in dieſen Bezirken. Als
barum der Einmarſch der Franzoſen und Belgier erfolgte, haben wir uns ſofort gefragt, was
wird aus unſeren Gruppen im Ruhrgebiet? Wie werden ſie die Zeit der Beſezung mit all
ihren Beſchwerden und Gefahren beſtehen? Und wie vor allem können wir ihnen helfen?
Auf vie lezte Frage fand ſich ſchnell eine Antwort. Die Leitungen der „Arbeiteriugend-
Internationale“ und der „Arbeitsgemeinſchaft ſozialiſtiſcher Jugendorganiſationen“ hatten
einen Aufruf an die ihnen angeſchloſſenen Verbände erlaſſen, in denen zur Unterſtüßzung der
Arbeiterjugendbewegung im Ruhrgebiet aufgefordert wurde. Ein ſchnelles Befolgen dieſes
Aufrufes namentlich durch den holländiſchen Jugendverband brachte dem Hauptvorſtand die
Mittel, mit denen er helfen konnte.
Als Vertreter des Hauptvorſtandes bin im nun vom 3. bis 12. März bei unſeren
Treunden im Ruhrgebiet geweſen. Wir haben miteinander Pläne gemacht, wie wir unſere
Arbeit am beſten ſtüßen, wie wir den Beſchwerden und Gefahren am beſten entgegenwirken.
Wir waren uns dabei klar, daß die gegenwärtig zu verzeichnenden Schwierigkeiten, obgleic)
ſie ſc<on außerordentlich groß ſind, noch ſehr leicht übertroffen werden können durch neue
Beſchwerniſſe, die aus weiteren Maßnahmen der fremden Beſeßung entſtehen. Und inzwiſchen
bekanntgewordene Anordnungen laſſen deutlich erkennen, wie es den militäriſchen Gewalt»
habern ganz darauf ankommt, die Organiſationen ſyſtematiſch in ihrer Tätigkeit zu hindern,
ja ſie ganz zu vernichten. Denn die Organiſationen, namentlich die der Arbeiterſchaft, ſind die
ſtärkſten Träger des Abwehrkampfes.
Heberall, wo ich mit unſeren Freunden zuſammentraf, waren wir uns einig: unſere
Organiſation muß erhalten werden, muß vor allem arbeitsfähig bleiben, ja ſie muß, wenn
irgend möglich, ihre Arbeit noch ſteigern. Es ſtellte ſich überall klar heraus, daß dieſe Steige«