Full text: Arbeiter-Jugend - 15.1923 (15)

Arbeiter-Jugend 53 
ſchafts- und Finanzprogramm, durc) Zollanſchluß an Frankreich, durch eine fran- 
zöſiſche Schulpolitik und intenſive Kulturpropaganda, was alles ſchon im Saargebiet 
geübt und erprobt iſt, in einen ſranzöſiſchen Dunſtkreis gehüllt und allmählich vom 
Deutſchen Reich losgelöſt werden. Um dieſes Zieles willen kommt es dem in argen 
Vinanzſchwierigkeiten ſte>enden Frankreich nicht auf Reparationen (Wiedergut- 
machungen), ſondern in erſter Linie auf Sanktionen (Bürgſchaften) und produktive 
Pfänder an; deshalb- erklärte Poincars immer wieder, daß die Beſaßzungsfriſt no) 
nicht zu laufen begonnen habe, und deshalb auch der Raubeinfall ins Ruhrgebiet. 
Aber dieſe ſcheinbar ſo großzügige und auf weite Sicht angelegte franzöſiſche 
Rheinpolitik beruht doch lezten Endes nur auf einer Selbſtiäuſchung, der franzöſiſchen 
Rheinlegende, und wird mit dieſer zuſammenbrechen. Napoleon, der ſich als Sohn 
der franzöſiſchen Revolution fühlen durfte, brachte den von ihm unterjochten Gebieten 
immerhin die Anfänge ſtaatsbürgerlicher Freiheit. Und doch ſcheiterte er letzten Endes 
an der inneren Unmöglichkeit, zum Nationalbewußtſein erwachte Völker mit Gewalt 
unter ſeine Herrſchaft zu beugen. Das heutige Frankreich verkörpert im Gegenſatz zu 
dem Frankreich vor hundert Jahren die europäiſche Reaktion. Und wie die Arbeiter 
des Ruhrgebiets dem franzöſiſchen Imperialismus entgegentreten, weil ſie dabei 
gleichzeitig die deutſche Republik verteidigen, ſo wird auch die franzöſiſche Rheinpolitik 
an dem deutſchen Nationalbewußtſein und republikaniſchen Freiheitsgefühl der Rhein- 
ſänder zerſchellen, mag auch die franzöſiſche Rheinlegende weiter fortleben im Luſt- 
reich der Illuſionen. 
 
Im Gebiet des Ruhrkampfes. 
Von Max Weſtphal. 
"EF m rheiniſch-weſtfäliſchen Induſtrierevier, wo in den Rieſenwerken viele hunderttauſend 
-Y Arbeiter ſchaffen, hat auch unſere Arbeiterjugendbewegung ſehr gut Fuß gefaßt. Die 
vf weſtfäliſchen Bezirke zählen zu den ſtärkſten im ganzen Verband. Wenn man auf der 
anderen Seite berücdſichtigt, vor welchen Aufgaben wir in dieſen Gebieten fiehen, in denen 
ſo ungeheure Arbeitermaſſen eng zuſammengedrängt ſind, dann wird man verſtehen, daß 
unſere Sorge groß iſt um die Erhaltung unſerer Organiſationen in dieſen Bezirken. Als 
barum der Einmarſch der Franzoſen und Belgier erfolgte, haben wir uns ſofort gefragt, was 
wird aus unſeren Gruppen im Ruhrgebiet? Wie werden ſie die Zeit der Beſezung mit all 
ihren Beſchwerden und Gefahren beſtehen? Und wie vor allem können wir ihnen helfen? 
Auf vie lezte Frage fand ſich ſchnell eine Antwort. Die Leitungen der „Arbeiteriugend- 
Internationale“ und der „Arbeitsgemeinſchaft ſozialiſtiſcher Jugendorganiſationen“ hatten 
einen Aufruf an die ihnen angeſchloſſenen Verbände erlaſſen, in denen zur Unterſtüßzung der 
Arbeiterjugendbewegung im Ruhrgebiet aufgefordert wurde. Ein ſchnelles Befolgen dieſes 
Aufrufes namentlich durch den holländiſchen Jugendverband brachte dem Hauptvorſtand die 
Mittel, mit denen er helfen konnte. 
Als Vertreter des Hauptvorſtandes bin im nun vom 3. bis 12. März bei unſeren 
Treunden im Ruhrgebiet geweſen. Wir haben miteinander Pläne gemacht, wie wir unſere 
Arbeit am beſten ſtüßen, wie wir den Beſchwerden und Gefahren am beſten entgegenwirken. 
Wir waren uns dabei klar, daß die gegenwärtig zu verzeichnenden Schwierigkeiten, obgleic) 
ſie ſc<on außerordentlich groß ſind, noch ſehr leicht übertroffen werden können durch neue 
Beſchwerniſſe, die aus weiteren Maßnahmen der fremden Beſeßung entſtehen. Und inzwiſchen 
bekanntgewordene Anordnungen laſſen deutlich erkennen, wie es den militäriſchen Gewalt» 
habern ganz darauf ankommt, die Organiſationen ſyſtematiſch in ihrer Tätigkeit zu hindern, 
ja ſie ganz zu vernichten. Denn die Organiſationen, namentlich die der Arbeiterſchaft, ſind die 
ſtärkſten Träger des Abwehrkampfes. 
Heberall, wo ich mit unſeren Freunden zuſammentraf, waren wir uns einig: unſere 
Organiſation muß erhalten werden, muß vor allem arbeitsfähig bleiben, ja ſie muß, wenn 
irgend möglich, ihre Arbeit noch ſteigern. Es ſtellte ſich überall klar heraus, daß dieſe Steige« 

	        
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