Full text: Arbeiter-Jugend - 16.1924 (16)

Arbeiter-Jugend | 17 
Reichspräfident Ebert an die deukſche Jugend. 
Der Ausſchuß der deutſchen Jugendverbände hatte dem Reichspräſi» 
denten im November v. I. eine Kundgebung, enthaltend ein Bekenntnis zur Reichseinheit, 
übermittelt. ' 
Der Reichspräſident bat darauf mit folgendem Schreiben geantwortet: - 
„aur Jgahreswende feufzt das deukiche Volk unter hartem Dra> und quälendem Elend. 
Die roirtſ<sfilicge Itot weiter Volkskreiſe wird erſchwert durc< die lähmende Ungewiſheit 
über das zufünſlige Scidfal unſeres Landes. . Dun 
Dennod) iſt die Hoffnung im deutſ<en Lande no< nicht erſtorben, die Hoffnung auf 
einen Aufſtfieg, auf eine beſſere Zukunft. Dieſe Hoffnung aber hat ihre beſien und ſtärkſten 
Wurzeln in dem Verkrauen auf den Willen und die Kraſk der deuiſchen 
Jugend. = . 
Das junge Deufſäland haf diejes Verfrauen bisher gerechtfertigt. Cs hat ſeinerzeit die 
Grenzen unſeres Landes ſchüßen helfen, es hat erſf in jüngſfer Zeit mik erfreulicher Ein- 
müftigkeit und Geſchloſſenheit ſich jür des Reiches Einheit und Geſchloſſenheit eingeſeßt; es 
hat, in Selbſizu<t und in Erkenntnis der XRotwendigkeit Einfac<hheit und Schiüichtheit zum 
Prundjaß des perſönlichen Lebens erhoben; es hat in den leßten Wochen mit beſc<cidener 
Selbſiverſtändlichkeit die Not im Bolke zu lindern geſucht; und es hat inmitten eigener 
materieller Sorgen und Kümmerniſſe do< niht verſäumt, ſeine ſeeliſchen Triebkräfte zu 
ſtärken und Heimailiebe vnd Heimatkultur zu pflegen. 
Deutſche Jugend! Erhalte und ftärke in dir dieſen Gemeinſinn und Idealismus! Das 
deutſ<e Bolf kann nur leben und eine geac<tefe Stelſung unter den Bölkern einnehmen, 
wenn es ſeine Geſchie in einer freien und friedliebenden Demokratie ſelbſt beſtimmt. Dieſe 
Selbſtbeſtimmung wird aber nur dann lebendige und dauernde Kraft des ganzen Bolkeg 
werden, wenn die junge Generation die dafür nötigen Eigenſ<affen dur< die deutſche Ingend- 
bewegung in ſich heranbildet; geſundes Nationalgefähl, ſiaatsbürgerliche Geſinnung, das Be- 
wußtjein der Berantwortung vor der Gemeinſchaft, ſoziales Mitempfinden und nicht zuleßt 
die Acmkung vor der Weltanſ<auung und ehrlichen Neberzeugung andersdenkender Bolks- 
genoſſen, 
Deutj<e Jugend! Wenn du in ſolcher Geſinnung und mit ſolhem Woklen die Schwelle 
ves neuen Jahres überſchreiteſt, wirſt du ſelber am meiſten mit dazu beitragen, daß aus den 
düſteren Jahren der Vergangenheit und aus der Schwere der Gegenwart heraus der Weg 
des deutſchen Bolkes allmählich wieder auſwärts führt zu freudiger Arbeit in einem geeinten 
und freien Deutſchland.“ gez. Cbert, 
Der Eistod. 
| Erzählung von H. Dreßler. 
PF 5 Zer „Narval“" war in einen Strom von Treibeis geraten, der nun zu einer einzigen 
3 HEiswüſte erſtarrt war. Man fand die De>wache tot. Der Mann lag wie eine Stein- 
zw jäule an der Reeling, hart und ſteif. Ein feiner Puder weißer Kriſtalle hing ihm um 
Mund und Naſe, und die Haut ſchien durchſichtig wie Glas. Das Thermometer zeigte 
53 Grad Kälte. 
Man trug den Kameraden dreißig Meter abſeits. Dort ha>ten ſie ihm ein Grab in die 
ſpröde, grünſchillernde, aufſſchrillende Scholle und legten ihn hinein. Ein ſtummes Gebet, 
einige ernjte Worte des Kapitäns, ein Salut von drei Schüſſen --- die Beerdigung war 
beendet. Man ging wieder an De, in das geheizte Logis, denn der Wintertod des Nordpols 
ſchlich um die Planken und ſuchte nach Opfern. 
Der Tag verfloß langſam und träge. . 
„Vir müſſen etwas zu ſc<affen verſuchen!" ſagte Martens, der Deutſche, „ſonſt hänge 
ich morgen am Maſt!“ 
„Wir wollen eine Station auf die Scholle bauen,“ meinte der Kapitän. „Man kann nicht 
wiſſen, ob . . . .“ Er vollendete nicht. Die anderen ſahen ihn fragend an. Er zutte die 
Achſeln, und ein leiſer Schauer überlief die Körper der Männer. 
 
 
 
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