Full text: Arbeiter-Jugend - 17.1925 (17)

„Arbeiter-Jugend. | 35 
dieſelben Intereſſen des Großtopitals wie die Volkspartei: dieſe die Schwerinduſtrie, 
jene den Großgrundbeſitz. Und politiſch haben die Volksparteiler gogen die unverhüllt 
monarchiſtiſchen, auf die Wiederherſtellung der ſchmachvollen Vergangenheit abzielen- 
den Beſtrebungen der Nationaliſten um ſo weniger einzuw2rden, als ſie ſelbſt nur 
als ſehr fragwürdige „Freunde“ der Republik gelten können. 
Wie. vorauszuſehen, ſielen jie mit ihrem Vorſchlag, ihren deutſchnationalen 
Herzensbruder in die Koalitionsregierung einzuſchmuggeln, bei den übrigen Regie- 
rungsparteien, dem Zentrum und den Demokraten, glatt ab. Daraufhin kündigten 
ſie dieſen das Bündnis, traten aus der Koalition aus urd ſprengten die Regierung 
in die Luſt. Es blieb nach langem Hin und Her, Kriſe genannt, nichts übrig, als 
den Reichstag aufzulöſen und aufs neue das Volk zu befragen, wie es ſeine Geſchi&e 
geſtaltet wün3dchte, 
Inzwiſchen iſt dieſe Antwort ja unzweideutig erfolgt. Die Wähler haben jich in 
ihrer Mehrzahl auſs neue zur Republik bekannt, ja gerade die Partei, die als deren 
zuverläſſigſte Stüßze gilt, die Sozialdemokratie, hatte weitaus den ſtärkſten Erfolg 
aufzuweiſen. Eine eklatante, geradezu vernichtende Niederlage aber hatte auf der 
Gegenſeite deren äußerſter Flügel, die völkiſche Gruppe, erliiten, und cau< Die 
Anſtifterin der Kriſe, die Deutſche Volkspartei, hatte Stimmen eingebüßt, während 
auf der Rechten einzig die Deutſchnationalen einen Gewinn buchen konnten, der 
ſich aber nicht entfernt mit dem ſozialdemokratiſchen Stimmenzuwachs mejjen 
konnte. Demnach hätte es alſo gar keinem Zweifel unterliegen follen, daß in einer 
Regierung, die nach demokratiſch- parlamentariſchen Grundſätzen dem Wahlergebnis 
entſprochen hätte, ber Sozia.demokratie als der weitaus ſtärkſten Partei des neuen 
Reichstages die Führung zufallen mußte. 
Statt deſſen nahm die Kriſe mit all ihren Begleiterſcheinungen, dem Techtel- 
mechteln hinter den Kuliſſen, den Intrigen der republikfeindlicen Parteien, dem 
Schachern um Miniſterſeſſel ihren Fortgang. Die Volksparteiler beſtanden nach 
wie vor darauf (und jekt harinäkiger als vor der Wahl), daß ihre Spießzeyellen, 
die Deuiſchnatiorwalen, an der Regierung beteiligt würden. Dieſe wicderum waren 
dazu nur bereit, wenn die Sozialdemokraten ausgeſchioſſen, alſo der ſog. Bürger- 
blo& perſekt geworden wäre. Damit waren nun wieder, wie vor der Wahl, Zentrum 
und Demokraten nicht einverſtanden, und ohne dieſe beiden Parteien konnte ſich 
eine bürgerliche Regierung im Reichstag nicht durchſetzen. 
Daß Die Volkspartei überhaupt eine ſolche, mit ihrer Wahlniederlage in ſchreien- 
dem Mißverhältnis ſtehende Rolle in diejen Treivereien ſpielen konnte und die 
bürgerlich-republifaniſchen Parteien, Zentrum und Demokraten, nicht einfach über 
ihre anmaßenden Forderungen hinwegſahen und zuſammen mii der proltetariſch- 
republikaniſchen Partei, der Sozialdemokratie, die Regierung übernahmen, als ſvg. 
Weimarer- Koalition, hatte darin ſeinen Grund, daß ſie angeſichts der zweideutigen, 
ja volksverräteriſchen parlamentariſchen Taktik -der anderen proletariſchen Partei, 
der Kommuniſten, die in wichtigen Abſtimmungen zuſammen mit iden Völkiſchen 
und Monarchiſten der Republik in den Rücken zu fallen pflegen, eine ſolche Kom:- 
bination nicht für „parlamentariſch-iragfähig“ Hielt. 
Auf die Einzelheiien Des Kuhhandels, der ſich über einen Monat lang hin- 
ſchleppte, können wir ſchon aus Raumrücſichten hier nicht eingehen. Der vorläufige 
Schluß, den vas eielhaſte Gpiel geſunden, ſtellt ohnehin alles Vorausgegangene 
weit in den Schatten. Auch unſere Jugendgenoſſen werden erſt mit ſaſſungsloſem 
Erſtaunen, dann mit Erbitierung davon Kenntnis genommen baben, daß. im 
ſiebenten Jahr nad) der Umwälzung, dazu kaum fünf Wochen nach dem glänzenden 
Wahlſieg der Sozialdemokratie, der deutſche Volksſtaat ſich eine Rogierung gefallen
	        
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