Full text: Arbeiter-Jugend - 19.1927 (19)

10 Arbeiter-Jugend 
 
Menſc<hen, in ihr Arbeitsgebiet einbeziehen, desSgleichen die 
Anwendung der Uaturwiſſenſ<aften auf die Wirtſchaft: die 
Tehnik --- dieſe jedoH niht in Spezialfragen, ſondern nur 
inſofern ihre Probleme geeignet ſind, bei der Geſamtheit 
unſerer Leſer Intereſſe zu finden. Daß den großen geiſtigen 
Strömungen der Gegenwart wie der Dergangenheit, daß aud) 
der Geſchichte, ſoweit ihre Lehren die Erkenntnis der gegen- 
wärtigen geſellſ<aftlichen Situation fördern, daß überhaupt 
der Soziologie, der Geſellſmaſtslehre, nac; wie vor unjere 
lebhajteſte Kufmerkſamkeit zugewandt werden wird, all das 
braucht im Bildungsorgan unſeres Derbandes nit be- 
ſonders betont zu werden. 
So ergeben ſich auch für dieſen Teil unſeres Organs, feine 
wiſſenſ<haftliche Beilage, eine Fülle von Kufgaben, die hier 
nur zum Teil angedeutet wurden, und die nur in enaſter 
Zuſammenarbeit von Redaktion und Ceſern fruchtbringend 
für beide Teile und für unſere Bewegung gelöſt werden 
können. Wenn darum im Spißenärtikel dieſer Geſamtnummer 
ganz allgemein dis DorauStekungen entwikelt wurden, unter 
denen allein die Zeitſchrift ihren Zwe erfüllt, ſo gilt be- 
ſonders auc<h für die Beilage „Arbeitsgemeinſ<aſt“ der Saß, 
daß ſie nicht angeblättert, ſondern geleſen, und nicht nur ge- 
leſen, ſondern dur<oearbeitet ſein will, und das womöglich - 
niht bloß vom einzelnen in iſolierter Denkarbeit, ſondern im 
gemeinſamen Kreis der JIugendgenoſſen, d. h., wie ihr Uame 
beſagt: in Arbeitsgemeinſ<aft. 
Die Arbeitsgemeinſchaft. 
Don Rudolf Abraham. 
ewiß iſt es nicht Zufall und Willkür, daß der Teil unſerer 
Zeitſchrift, der künftig dem Bildungsſtreben unſerer 
Selterengruppen dienen ſoll, den Uamen „Die Arbeits- 
gemeinſ<aft“ erhalten hat. Es iſt ein, beſonders in den 
Leßten Jahren, viel im Munde geführter und: mißbrauchter 
Uame, und gerade darum erſ<eint es notwendig, uns an 
dem Tag auf ſeine wahre Bedeutung ZU beſinnen, an dem er 
--“- Zum etſtenmal -- nun, ſagen wir: verbandsoffiziellen 
Charakter erhält. 
Sehen wir hier einmal ganz von der Bedeutung dieſes 
iamens im politiſ<en und wirtſ<aftlichen Leben ab, wie er 
in UnS nllen geläufigen Bezeihnungen wie „ArbeitsSgemein- 
ſ<aft freier Angeſtelltenverbände“, „Arbeitsgemeinſc<aft der 
induſtriellen und gewerblichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer“ 
zum AuSdruk gelangt, faſſen wir die Arbeitsgemeinſ<aft 
rein als eine Bildungszwecken dienende Einric<tung auf, ſo 
erhebt ſich zunächſt die Frage nah ihrer begrifflichen Ab- 
grenzung von anderen, gleiQen Beſtrebungen dienenden Der- 
anſtaltungen. Beſchränken wir UnS dabei auf die in unſerer 
Bewegung üblichen Bildungseinric<tungen, jo iſt die Unter- 
ſcheidung der Arbeitsgemeinjſdaft vom Dortrag und vom DiS- 
KuſſionSzabend ſ<on rein äußerlich ohne weiteres gegeben: 
handelt es ſi; bei dieſen um einmalige und in ſic; ab- 
geſ<loſſene Deranſtaltungen, ſo iſt die Arbeitsgemeinſc<aſt 
jedenfalls auf eine gewiſſe Dauer berechnet, und dies hat ſie 
gemein mit der Dortragsreihe oder dem Rurſus, ſo daß aud 
in unſeren Reihen mitunter eine Gleichſezung der Begriffe 
Kurſus und ArbeitsSgemeinſ<aft vorkommt. Wenn die Ar- 
beitsgemeinſ<aft für uns aber nicht ein leerer Begriff, ein 
Wort ohne klaren Inhalt bleiben ſoll, jo tut gerade hier eine 
klare Unterſcheidung not. 
Dieſe läßt ſim aber aum na< mehr als einer Richtung 
unſ<wer treffen. Zeitlic<) betrachtet wird in der Regel die 
Arbeitsgemeinſ<aft auf eine längere Dauer berehnet jein 
als der Kurſus. Derfehlt wäre es, eine Bildungsveranſtal- 
tung, die ſim? auf fünf bis zehn Qbende erſtre>t, als Krbeits- 
gemeinſ<haft anzuſprechen. Umgekehrt können freili) auh 
jol<e Deranſtaltungen, "die ein halbes Jahr oder no<h länger 
laufen, reinen KurſuSharakter tragen, wenn -- und damit 
kommen wir auf zwei weitere wic<tige Unterſ<eidungsmerk- 
male -- die Teilnehmerzahl über ein gewiſſes UPlaß, ſagen 
wir zwanzig bis fünfundzwanzig, hinausgeht, oder die Arbeit 
lediglih aus Dorträgen eines oder mehrerer . Redner und 
etwa anſchließender Frageſtellung und Diskuſſion der Hörer, 
aljo eben nicht in gemeinſchaftliher Arbeit beſteht. Und 
dieſes leßtere iſt das Entſ<eidende: die Krbeit muß Ge- 
meinſ<aftsdarakter tragen, darf nict in Stoffdar- 
bietung von der einen, Stoffaufnahme (oder Uihtaufnahme) 
von der anderen Seite beſtehen, ſondern muß ſich auf der 
aktiven Wirkſamkeit aller Teilnehmer aufbauen, auf Wir- 
kung und Gegenwirkung, auf wedſelſeitiger Anregung, Be- 
einfluſſung und Rritik zwiſchen ihnen beruhen. Damit ſoll 
nic<ht-etwa geſagt ſein, daß der Leiter der Arbeitsgemeinſchaft 
nicht an Wiſſen und Erfahrungen über 'den Übrigen Teil- 
nehmern zu ſtehen brauche, daß ein eigentlicher Leiter viel- 
leit gar völlig entbehrli< ſei; das hieße, dem Dilettantis- 
MUS, der Bildungsſpielerei und damit einer der größten Ge- 
fahren der Arbeiter- wie der Iugendbewegung Tür und Tor 
öffnen. Im Gegenteil: die Methode der AKrbeit5gemeinſc<haft 
ſtellt an den LCeiter geiſtig mindeſtens dieſelben Dorgaus- 
ſezungen wie der Dortrag und der Rurſus, -- ſie ſtellt no< 
weit größere Anforderungen an ihn als Menſ<en. 
Muß do<H ſo etwas wie ein beſtimmter geiſtiger Rhyth- 
mus, vein feſtes, geiſtiges Band die Teilnehmer der Arbeits- 
gemeinſ<aft mit dem Leiter verbinden, und eben dies iſt es 
vielleicht, was die Arbeitsgemeinſ<aft zutiefſt vom Kurſus 
unterſ<eidet. Alles weitere, die ganze Jülle kleiner und 
kleinſter Züge und Feinheiten, iſt nur Folge und Auswirkung 
jenes entſcheidenden Moments. Daß der Leiter einer Arbeits- 
gemeinſ<aft, die dieſen Uamen verdient, der Rritik viel mehr 
auSgeſeßt iſt, daß er viel eher in die Uotwendigkeit verſeßt 
wird, auH ſeine eigenen Tücken 117id Shwäcen zu zeigen als 
der Kurſusleiter, liegt ebenſo klar auf der Hand, wie daß der 
Erfolg ſeiner Arbeit von der geiſtigen Bereitſchaft, dem frei- 
willigen und freudigen Mitgehen ſeiner Shüler entſ<eidend 
Ganz zu ſc<weigen von dem gewaltigen perſön- 
abhängt. 
lihen und erzieheriſchen Einfluß, von der biSsweilen vielleicht 
ausſ<laggebenden Bedeutung, die das Wirken der Arbeits- 
gemeinſ<aft und ihres Leiters in der Entwicklung des ihnen 
zugehörigen jungen Menſchen beſitt. So fällt der wirklichen 
Arbeitsgemeinſ<aft eine weit bedeutſamere Wirkſamkeit zu 
als den ſonſtigen Bildungsveranſtaltungen unjerer Bewegung, 
iſt daher au€m die Kufgabe und die Derantwortung ihrer 
Ceiter eine viel größere, -- eine Aufgabe, zu deren Erfüllung 
es niht genügt, ein no< ſo tüchtiger Budgelehrter zu jein, 
ſondern die lebendige und innerlich reiche Perſönlichkeiten 
erfordert wahre Künſtler der WMenſ<enbildung und der 
Menſ<enführung. 
All das ſoll nur ein Tdealbild ſein, wie es uns vorſ<webt, 
und von dem alles, was zurzeit vorhanden iſt, nur ſ<Qwache 
Derſuche und Anſäße ſind. Uo< ſind wir weit entfernt davon, 
daß die Arbeitsgemeinſ<aft der Typus der ſozialiſtiſchen 
Bildungsſtätte iſt, zumal wenn wir bedenken, daß die meiſten 
Deranſtaltungen, die ſiM heute ArbeitSgemeinſ<aft nennen, 
in Wahrheit nichts weiter als Kurſe im guten alten Sinne 
ſind. Denn no< fehlen heute die Perſönlichkeiten, die jene 
DorausSſeßungen erfüllen und zugleich für die Bildungsform 
der ArbeitSgemeinſ<aft mit all den Anforderungen, die ſie 
an die Fähigkeiten des Leiters ſtellt, ſich in Kleinſtes und Per- 
ſönlichſtes zu verſenken und einzuleben, mehr übrig haben 
als ein platoniſc<hes Anerkenntnis. Qu< von den KArbeits- 
bildnern muß erkannt werden, da38 es ſich hier um ein Auf- 
gabengebiet handelt, das -- ebenſo wie die au< in Zukunft 
notwendige Kurſusarbeit -- immer mehr zu einem unent- 
behrlichen Zweig 'der Bildungsarbeit auswa<ſen wird und 
Dr) 
YA
	        

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